Gehorsam und Beobachtung der Gebote

Das Martyrium der schmerzhaften Mutter Jesu: Maria sitzt auf einem steinernen Stuhl mit lateinischer Inschrift, ein Schwert ins Herz gestoßen, die Hände über der Brust gekreuzt; auf ihrem Schoß liegt einen Dornenkrone, rechts steht der Lieblingsjünger Johannes mit geneigtem Kopf; rechts gebeugt und weinend eine Frau, die ein Kreuz hält; über ihr steht ein Engel, der mit beiden Händen auf das Kreuz zeigt

Das Leiden Mariä in ihrer Reinigung

Über Gehorsam und Beobachtung der Gebote

Der Ungehorsam hat den Himmel verschlossen

Seht da nur und erwägt es tief im Herzen, was es Jesus und Maria gekostet habe, die Gesetze zu beobachten, wozu sie nicht einmal verpflichtet waren, und die sie dennoch auf das Genaueste befolgt haben! Auch war die Beobachtung dieser Gesetze selbst für Maria nicht notwendig zum Heil. Für uns aber gibt es ohne die Beobachtung der Gebote keine Sündenvergebung, keine Rechtfertigung, kein Heil und keine Seligkeit, wie Christus selbst sagt: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote“ (Matth. 19, 17); und wenn wir dieselben beobachten, haben wir eine Beschämung, eine Verdemütigung, eine Selbstverleugnung auszustehen, wie unsere himmlische Mutter? Ach, geliebte Christen! der Ungehorsam hat den Himmel entvölkert, das Paradies verschlossen, die Erde in der Sündflut begraben, das Fegefeuer angezündet, die Hölle gebaut, alles Elend und den Tod in die Welt gebracht; und wir wollten noch nicht gehorchen? Ohne den Gehorsam kann keine Werkstätte, keine Schule, keine Wirtschaft, kein Handelsverkehr, keine Familie, keine Gemeinde, kein Staatswesen, keine menschliche Gesellschaft bestehen; und wir wollten nicht gehorchen? Es gibt keinen Verworfenen in den ewigen Flammen, der nicht durch den Ungehorsam verdammt worden; und es gibt keinen Engel, keinen Heiligen im Himmel, der nicht durch den Gehorsam selig geworden ist: und wir wollten nicht gehorchen? Durch den Ungehorsam ist das Menschengeschlecht zu Grunde gegangen; es kann nur durch den Gehorsam wieder gerettet werden. Darum ist der göttliche Erlöser gehorsam geworden bis zum Tode am Kreuz, und hat uns Maria das Beispiel gegeben, wie wir ihn im Gehorsam nachahmen sollen. In dem Gehorsam ist die wahre Weisheit, die wahre Freiheit, allein wahre Sicherheit zu finden; weil wir in demselben von dem weisesten Willen Gottes geleitet, von dem allmächtigen willen Gottes gegen jede Knechtschaft bewahrt, und aller Verantwortlichkeit vor dem Richterstuhl Gottes enthoben werden. Aber der Gehorsame darf nicht bloß demütig dulden, was über ihn verfügt wird, sondern er muss auch tatkräftig und mutvoll ausführen, was ihm befohlen wird; und das kostet noch mehr Leiden und Opfer, wie wir es an Maria in dem Geheimnis der Reinigung sehen.

 Maria war den moasaischen Gesetzen gehorsam 

Denn die allerseligste Jungfrau musste da die Opfer selbst bringen, und dabei selbsthandelnd auftreten, Sie musste im Vorhof der Unreinen selbst erscheinen; sie musste sich wie ein unreines Weib, das der gesetzlichen Reinigung bedürfte, betrachten und behandeln lassen; sie musste da das Sündopfer in die Hände nehmen, und es dem Priester darreichen, als wenn sie von der Sünde befleckt gewesen, und der Reinigung von derselben bedurft hätte; sie musste durch das Opfer der Turteltaube oder der jungen Taube wie ein Weib sich zeigen, das zerknirschten Herzens und in bußfertiger Gesinnung um seine Reinigung fleht; sie, die Königstochter, musste durch dieses Opfer der Armen hier vor Aller Augen als eine Tochter Davids sich bekennen, die alles, was die Welt hoch schätzt, verloren hat, und in der Armut, in der Niedrigkeit, im der Verborgenheit lebte, und der Vergessenheit anheim gefallen sei; sie musste zusehen, wie der Priester nun dieses Opfer für sie dem Herrn darbrachte, und zu Gott um ihre Reinigung flehte; sie musste sich endlich mit dem Reinigungswasser wirklich besprengen lassen. Darüber schreibt der heilige Thomas von Aquin: „Obwohl die seligste Jungfrau keine Unreinigkeit an sich hatte, so wollte sie doch dem religiösen Gebrauch der Reinigung nachkommen, nicht, weil sie derselben bedurfte, sondern wegen der Vorschrift des Gesetzes“; und: „Die Sakramente des Gesetzes (Anm.: Das ist, die vom Gesetz vorgeschriebenen religiösen Gebräuche) reinigten nicht von der Unreinigkeit der Schuld (von der Sünde), was durch die Gnade geschieht, sondern waren Vorbedeutungen dieser Reinigung; sie reinigten aber durch eine körperliche Reinigung von der Unreinigkeit einer Ungesetzlichkeit. Die seligste Jungfrau hatte sich aber keine von diesen Unreinigkeiten zugezogen, und deshalb bedurfte sie auch keiner Reinigung.“ (P. III. q. 37. a. 4. ad 2. et 3.)

Maria war nach dem Gesetz nicht unrein

Maria trug weder eine Unreinigkeit der Schuld der Sünde, noch eine gesetzliche Unreinigkeit an sich; daher gebrauchte Gott in diesem Gesetz solche Worte, daß Maria, wie derselbe heilige Thomas bemerkt (P. III. q. 37. a. 4. ad 2.), schon durch dieselben ausgenommen erscheint. Denn Gott bezeichnet im Gesetz mit unterscheidenden Worten Mütter, wie sie gewöhnlich sind (Levit. 12, 2); Maria war aber keine solche Mutter, sondern hat ihren Sohn vom heiligen Geist empfangen; und somit war sie auch nicht einmal nach dem Gesetz unrein, darum aber auch um so weniger dem Gesetz der Reinigung unterworfen. Daher gebraucht auch der heilige Evangelist Lukas, welcher dieses Geheimnis berichtet, nach der Bemerkung desselben englischen Lehrers (Loc. cit. Ad 1.), den höchst bedeutsamen Ausdruck, daß er nicht sagt: Sie ist gereinigt worden; oder etwas dergleichen; sondern er spricht bloß von der für die Reinigung bestimmten Zeit, und dann von der Darstellung des göttlichen Kindes: „Da die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz Moses erfüllt waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen.“ (Luk. 2, 22) Wie wunderbar! Seht! so hat der heilige Geist sowohl in der Abfassung dieses Gesetzes durch Moses; als auch in dem Bericht über die Erfüllung desselben durch die Evangelisten dafür gesorgt, daß, während Maria sich gehorsam und demütig dem Allen hingab, nicht der geringste Schatten einer Verdunkelung auf den spiegelreinen Glanz seiner jungfräulichen Braut fallen konnte. Davon wußten aber die Menschen damals nichts, weil ihnen die Menschwerdung des Sohnes Gottes noch unbekannt war; darum wurde aber auch Mariä von der ganzen Bitterkeit des Leidens in diesem Opfer im Angesicht der Menschen nichts erspart, und sie musste alle Handlungen verrichten, welche sie vor ihnen als diejenige darstellten, die sie nicht war, und zwar in dem verdemütigendsten Licht, in dem sie nur immer erscheinen konnte.

Wir Christen müssen im Gehorsam ähnliche Opfer bringen

Es gibt Fälle, geliebte Christen! in welchen der Gehorsam von uns ähnliche Opfer fordern kann. Wollen wir den Gesetzen der Religion und des Glaubens auch in der Mitte der Ungläubigen und Irrgläubigen treu bleiben, so müssen wir als Sonderlinge erscheinen, und Vorwürfe über Unduldsamkeit und Liebesverletzung über uns ergehen lassen; sind es aber Feinde der Religion und des Glaubens, unter welchen wir leben müssen, dann bleiben auch Spott und Hohn und Verfolgungen uns nicht erspart. Werden wir dann dem Gesetz doch noch treu bleiben, und die Pflichten der Religion und des Glaubens doch noch erfüllen? Wollen wir die Sittengesetze auch unter Unsittlichen erfüllen, so müssen wir uns darauf gefaßt machen, als ängstliche, überspannte, ungebildete, ungesellige, stolze, unverträgliche Leute verspottet und verachtet zu werden. Werden wir dann doch noch an den Sittengesetzen standhaft festhalten? Wollen wir unsere Berufs- und Standespflichten gewissenhaft erfüllen, so werden wir viel und schwer zu leiden haben. Wollen christliche Väter und Mütter ihre Kinder in der Unschuld erhalten, und zur Tugend und für den Himmel erziehen, daher auch gegen alle Gefahren und bösen Gelegenheiten schützen; so werden sie von Seite der Kinder oft vielen Verdruss, und von außen her viele Schwierigkeiten und Hindernisse, ja auch Anfeindungen erfahren; denn die Welt will Alles in ihre Dienste zwingen, und kann es nicht dulden, daß Andere anders leben als sie. Werden alle Väter und Mütter dennoch ihre Pflicht tun? Wollen christliche Vorgesetzte, Hausväter und Hausmütter unter ihren Untergebenen, Dienstboten und Hausgenossen nach den Gesetzen des Christentums auch christliche Zucht und Ordnung handhaben, und das Gegenteil nicht dulden; so werden sie oft Widerspruch, Auflehnung, Verleumdung und wohl auch manchen zeitlichen Schaden zu erfahren haben, und dafür auch noch den Spott Solcher ertragen müssen, welche sich um das furchtbare Wort des heiligen Apostels Paulus nicht kümmern, das also lautet: „Wenn Jemand für die Seinigen, und besonders für die Hausgenossen nicht Sorge trägt, der hat den Glauben verleugnet, und ist ärger als ein Ungläubiger.“ (1. Tim. 5, 8) Werden alle Vorgesetzte dennoch nicht ablassen, für das ewige Heil ihrer Untergebenen zu sorgen?

Das Himmelreich leidet Gewalt

Ihr seht, wie wahr das Wort des Herrn ist: „Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalt brauchen, reißen es an sich.“ (Matth. 11, 12) Wie viele aber halten das Gesetz, so lange es keine große Anstrengung und Selbstverleugnung, keinen Kampf und kein Opfer, so lange es keine Leiden fordert; treten aber solche Forderungen heran, dann werden sie mutlos, dann werden sie schwach, dann fallen sie ab. Maria, unsere Mutter, hat uns kein solches Beispiel gegeben, sondern vielmehr gezeigt, wie man, gleich ihrem göttlichen Sohn, das Gesetz bis auf das letzte Strichlein oder Pünktlein erfüllen müsse, wenn auch die Leiden dadurch fortwährend wachsen. Denn das Vollmaß erreichte ihr Leiden in diesem Geheimnis durch die Darstellung ihres göttlichen Sohnes, welche von dem dritten Gesetz gefordert wurde. –
aus: Georg Patiss SJ, Über die Leiden Mariä der Königin der Märtyrer, 1884, S. 114 – S. 118

Bildquellen

  • Bitschnau Schmerzhafte Mutter Jesu Maria: Bildrechte beim Autor
Category: Marienpredigten, Patiss
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