Tugend der Mäßigkeit im Essen und Trinken

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Die den Hauptsünden entgegen gesetzten Tugenden

Über die Tugend der Mäßigkeit im Essen und Trinken

5. Der Unmäßigkeit ist entgegen gesetzt die Mäßigkeit im Essen und Trinken. Diese Tugend regelt das natürliche Verlangen nach Speise und Trank und beherrscht die Gaumenlust. Sie gehört zur Kardinaltugend der Mäßigung und ist ein besonderer Zweig derselben. Die Schranken, welche unserer natürlichen Begierde nach Speise und Trank von der Vernunft vorgezeichnet sind, sowie auch die Beweggründe, diese Schranken in keiner Weise zu überschreiten, wurden schon früher hinreichend besprochen (siehe Beitrag: Wann sündigt man durch Unmäßigkeit?).

Es erübrigt hier noch, auf die Mittel hinzuweisen, die wir zur Erwerbung dieser überaus wichtigen Tugend anwenden sollen. Vor allem sollen wir von Jugend an uns nicht bloß sorgfältig vor der Leckerhaftigkeit, dem naschen und andern Ausschreitungen der Gaumenlust hüten, sondern uns auch öfter im Genuss von Speise und Trank kleine Entbehrungen auflegen. Nur wer sich hie und da auch das Erlaubte versagt, besitzt die notwendige Kraft, um sich zur Zeit der Versuchungen nicht zum Unerlaubten fortreißen zu lassen. Zu dem Ende sollten die Eltern ihre Kinder durch Wort und Beispiel anleiten, ihrem Gaumen zuweilen freiwillig aus Liebe zu Gott etwas zu entziehen und sie so frühzeitig an Selbstüberwindung gewöhnen. So macht es ja auch unsere heilige Mutter, die Kirche, indem sie nicht bloß den Erwachsenen das Fastengebot vorschreibt, sondern auch schon die Kinder von den ersten Jahren der Vernunft an zur Abstinenz verpflichtet.

Eine andere Art, den Gaumen abzutöten und so mehr und mehr die Herrschaft über dessen Gelüste zu erlangen, besteht darin, daß wir bei Tisch öfters nach solchen Speisen greifen, die weniger schmackhaft sind, oder gegen die wir einen gewissen Widerwillen empfinden. Das Beispiel dazu hat uns der Heiland selbst gegeben, indem er sich auf Kalvaria mit Galle und Essig tränken ließ. Auch die Heiligen haben uns manches heldenmütige Beispiel dieser Art hinterlassen. Diese doppelte Abtötung der Gaumenlust war von jeher bei den Christen in Übung und galt stets als ein vorzügliches Mittel, nicht nur die Gesundheit des Leibes, sondern namentlich auch die Wohlfahrt der Seele zu befördern. „Sie bezähmt“, sagt der hl. Kirchenvater, „die Begierlichkeit, hält die bösen Gedanken fern und bringt heilige herbei; sie löscht das Feuer der unreinen Lust, schützt und verteidigt die Seele gegen den stürmischen Andrang aller Laster.“ –

Zuweilen wird die gänzliche Enthaltung von berauschenden Getränken zur strengen Pflicht, da es für Trunksüchtige gewöhnlich das einzig wirksame Mittel ist, die Ketten ihrer so verderblichen Leidenschaft zu brechen. Noch ein weiteres Mittel sollen wir anwenden, um die ungeordnete Begierde nach Speise und Trank leichter in Schranken zu halten. Es besteht darin, daß wir unsern Geist nähren mit himmlischen Gedanken, mit Gedanken an die Güter der andern Welt, deren Größe und Erhabenheit uns alle irdischen Genüsse geringschätzen und verachten lehrt. Unser Herz ist nun einmal so geartet, daß es sich an etwas ergötzen will, sei es am Sinnlichen, sei es am Geistigen. Wer daher nicht Sorge trägt, ihm geistige Nahrung und geistiges Ergötzen zu bieten, der wird bald sehen, wie es sich mit einer fast unwiderstehlichen Gewalt den Sinnen-Genüssen zuwendet. Wer dagegen in heiliger Betrachtung die Freuden des Geistes verkostet, dem wird es leicht, auf die Befriedigung der Sinne zu verzichten. –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 391 – S. 392

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