Die christliche Tugend der Sanftmut

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Die den Hauptsünden entgegen gesetzten Tugenden

Über die christliche Tugend der Sanftmut

6. Die Sanftmut bildet den Gegensatz zum Laster des Zornes. Sie besteht in der Unterdrückung aller Rachbegierde und aller Regung von ungerechtem Zorn und Unwillen. Der Sanftmütige wacht sorgfältig über sein herz, merkt auf die ersten Regungen der Empfindlichkeit und drängt dieselben, sobald er sie bemerkt, mit ruhiger Entschiedenheit zurück. Selbst wenn er durch schwere Beleidigungen gereizt wird, hütet er sich, den Gefühlen des Unwillens nachzugeben und denselben durch kränkende Worte Luft zu machen; er schweigt vielmehr so lange, bis die innere Erregung sich gelegt hat und er gelassen sprechen kann. Ja, er begnügt sich nicht damit, die Regungen des Zornes und der Rachbegierde zu dämpfen, er bestrebt sich zudem, die entgegen gesetzten Gefühlen der Liebe und des Wohlwollens in seinem herzen zu wecken und dieselben durch sanfte, beschwichtigende Worte an den Tag zu legen. Der Sanftmütige geht öfters sogar noch weiter und spendet demjenigen Wohltaten, der ihn beleidigt und zum Zorn gereizt hat. Er tritt so in die Fußstapfen desjenigen, der, als er geschlagen ward, nicht wieder schlug, sondern für seine Beleidiger betete und für ihr Heil sein kostbares Blut vergoß.

Auf Jesus, das vollkommenste Muster der Sanftmut, müssen wir hinschauen, um diese schwierige Tugend zu lernen. Dazu ermahnt er uns ja selbst mit den Worten: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“ (Matth. 11, 29) In der Tat, nichts ist so geeignet, uns Beleidigungen mit Ruhe und Sanftmut ertragen zu lehren als das Beispiel des sanftmütigen Gotteslammes. Was sind wir armselige Geschöpfe gegen seine göttliche Majestät? Was sind die Kränkungen, die man uns zufügen kann, gegen das himmelschreiende Unrecht, das man ihm angetan hat? Dennoch zürnte er seinen Feinden nicht und sprach kein hartes Wort gegen sie; im Gegenteil, auf den empörenden Kuss seines Verräters hat er als Antwort nur die liebreiche Mahnung: „Freund, wozu bist du gekommen?“ (Matth. 26, 50) und für seine Kreuziger fleht er zum Vater: „Vater, verzeihe ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Luk. 23, 24) Und wie oft und schwer haben wir selbst ihn durch unsere Sünden beleidigt! Wie wäre es uns ergangen, wenn er uns alsbald seinen Zorn hätte fühlen lassen? Längst lägen wir im Abgrund der ewigen Qualen. Einzig seiner unendlichen Geduld und Sanftmut verdanken wir es, daß wir bis jetzt vor diesem entsetzlichen Unglück bewahrt geblieben sind. Sollten wir bei Erwägung dessen nicht gerne auch mit andern Geduld haben und ihre Beleidigungen in Sanftmut hinnehmen?

Um uns bei vorkommenden Kränkungen nicht von den Aufwallungen des Zornes fortreißen zu lassen, ist es wichtig, daß wir gleich den ersten Regungen desselben widerstehen, indem wir das sanftmütigste Herz Jesu um seinen Beistand anrufen und ihm das Unrecht, welches man uns zufügt, zum Opfer bringen. Sodann sollen wir ein für allemal den festen Vorsatz fassen, unserm Beleidiger gegenüber nichts zu tun noch zu sagen, bis wir fühlen, daß wir ruhig geworden sind. Wie ein Feuer von selbst erstickt, wenn es von aller Luft abgesperrt ist, so kühlt sich auch bald die Glut der innern Erregung ab, wenn man ihr nicht gestattet, sich in Worten oder Taten Luft zu machen und gleichsam in heller Flamme aufzulodern. Gewöhnen wir uns endlich daran, wenn der Gedanke an erlittene Beleidigungen sich unserm Geist aufdrängen will, alsbald ein andächtiges Vater unser für den zu beten, der uns beleidigt hat, und dann unsern geist auf etwas anderes hinzulenken. So wird es uns mehr und mehr gelingen, die Aufwallungen des Zornes von unserm Herzen fern zu halten und die Tugend der Sanftmut in dasselbe einzupflanzen. –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 392 – S. 393

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