Zugleich glauben und nicht glauben

Das freiwillige Widerstreben gegen den Glauben

Sie verabscheuen die Wahrheit, die sie kennen

10. Gewisse Verbrechen werden nur durch eine außerordentliche Teilnahme an dem teuflischen Geist begangen. Diesem unheilvollen Einfluß schreiben die Väter das Verbrechen des Herodes zu. Ein Beweis, daß es der Teufel war, der ihn beherrschte, geht aus seinem Schrecken hervor und daraus, daß er an die heilige Schrift zugleich glaubte und nicht glaubte. Wie sich dieser Widerspruch erklären läßt, und wie er sich täglich durch denselben teuflischen Einfluß bei allen Gottlosen, allen Ketzern und allen Sündern wiederholt.

Es ist nur gar zu wahr, daß der Mensch, welcher Gott, die Seele, den Tod, das Gericht, die Ewigkeit vergißt und sich, indem er den Leidenschaften nachgab, zu ihrem Spielwerk und Sklaven gemacht hat, ein Tier, ein Ungeheuer, ein Gräuel der Missetat werden kann und nicht selten wirklich wird, und daß es kein Gesetz gibt, das er nicht verletzt, kein Gefühl, das er nicht erstickt, keine Grenze, die er nicht überschreitet, kein Verbrechen, das er nicht begeht. Dennoch gibt es gewisse Verbrechen, wie z. B. der beständige, unversöhnliche, rasende, wütende, tolle Haß des Voltaire und seiner Genossen und seiner Nachfolger gegen die anbetungswürdige Person Jesu Christi und seine heilige Religion, welche man nicht begreift, für so groß man auch die Blindheit, in welcher der Mensch des Verbrechens und der Leidenschaft sich befindet, die Schwachheit, in welche er fällt, den viehischen Zustand, in welchen er ausartet, halten mag. Gleichwie man daher, um gewisse erhabene Handlungen, gewisse Heldentaten von Tugend, welche über die Gesetze der menschlichen Moralität hinaus gehen, erklären zu können, zu einer mächtigen Inspiration, zu einer triumphierenden Gnade, zu einer außerordentlichen Mitteilung des Geistes Gottes, welcher in dem Herzen des Gerechten wohnt, Zuflucht nehmen muss, so muss man auch, um gewisse tiefe Geheimnisse der Missetat, gewisse Abscheulichkeiten, welche über die Gesetze der menschlichen Verkehrtheit hinaus gehen, erklären zu können, zu einem Schauder erregenden Antrieb, zu einer höllischen Gewalt, zu einer Art von Einfall des Geistes des Teufels, der in dem Herzen des Sünders haust, Zuflucht nehmen. Ein Einfall in alle Kräfte der Seele (ganz verschieden von dem teuflischen Einfall in den Leib, der ohne Sünde stattfinden kann); ein Einfall, der die Freiheit des Bösen in ihr nicht zerstört, sondern auf eine furchtbare Weise verstärkt, und ihr die ganze Schuld läßt, gleichwie die unaussprechliche Ausgießung des Geistes Gottes in die gerechte Seele in ihr die Freiheit des Guten nicht zerstört, sondern sie erhöht, und ihr das ganze Verdienst läßt. So daß, gleichwie der wahrhaft heilige Mensch, welcher durch den Heroismus seiner Tugenden überrascht, entzückt, ein lebendiger, fühlbarer Beweis der göttlichen Wirksamkeit in der menschlichen Seele ist, welche sie inspiriert, sie führt, sie vergrößert, sie stärkt, sie erhebt, sie vergöttlicht, auch der wahrhaft verkehrte Mensch, welcher durch die Abscheulichkeit seiner Laster erschreckt, schaudern macht, ein lebendiger, sichtbarer Beweis der teuflischen Wirksamkeit auf den menschlichen Geist ist, welche ihn unterweist, ihn antreibt, ihn fort reißt, ihn unterdrückt, ihn entwürdigt und ihn, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, einen in einen Menschen verwandelten Teufel, oder einen in einen Teufel verwandelten Menschen werden läßt.

Vernehmen wir endlich über diesen Gegenstand eine schöne Rede des hl. Johann Chrysostomus, oder wer sonst der Unvollkommene ist: Was mich betrifft, sagt er, so glaube ich, daß bei der Ankündigung der Magier, Christus sei geboren, nicht so fast Herodes in sich selber, als der Teufel in Herodes erschrak. Die Furcht des Herodes konnte nur einen Argwohn zum Grunde haben; die Furcht des Teufels aber hatte eine Art Gewissheit. Herodes hielt das Knäblein zu Bethlehem nur für einen Menschen, der Teufel wußte, daß er auch Gott sei; denn er hatte die Engel in der Luft um seine Wiege singen hören: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.“ Und gleichwie sich durch die Ankunft der Magier in Jerusalem die Zeugnisse für die göttliche Sendung Jesu Christi vermehrten, so fürchtete auch der Teufel damals am meisten, daß die Geburt dieses Knäbleins sein Reich zerstören könnte. Es erschraken daher alle beide, und ein jeder im eigenen Interesse, und sie fürchteten beide, in Jesus Christus einen Nebenbuhler zu haben: Herodes in seiner politischen Herrschaft über die Juden, der Teufel in seiner geistigen Herrschaft über alle Menschen. Herodes fürchtete einen irdischen König, der Teufel einen himmlischen König. Es wäre weder Herodes erschrocken, wenn er sich hätte überzeugen können, daß die Herrschaft Jesu Christi nur eine geistliche und himmlische über die Seelen sei, noch der Teufel, wenn er hätte glauben können, daß Jesus Christus gekommen sei, um zeitlich über die Leiber zu regieren. Und bald darauf fährt derselbe Lehrer auch so fort: Ein anderer Beweis, daß der Teufel, von welchem Herodes besessen war, in ihm erschrak, ist, daß Herodes die Aufbewahrer der heiligen Schriften befragte, was er, da er an die heiligen Schriften gar nicht glaubte, nie getan hätte, wenn er nicht vom Teufel dazu angetrieben worden wäre, welcher wohl wußte, daß die Schriften nicht lügen. Denn der Teufel kennt die Wahrheit sehr gut, auch dann, wenn er Andere zum Irrtum verführt.

Aber, wenn es wahr ist, wie es denn ganz wahr ist, daß auch der freie Wille des Herodes zu dieser Befragung etwas beitrug, ist es dann nicht offenbar, daß sich Herodes in Widerspruch mit sich selber setzte? Denn wenn er, der Gottlose, an die göttliche Autorität der Schrift nicht glaubte, zu welchem Zweck zog er dann ein Buch zu Rate, dessen Aussprüche er als eitle lächerlich machte? Wenn er aber glaubte, daß die Schriften das Wort Gottes enthalten, wie konnte er sich dann einbilden, daß es ihm gelingen könne, einen König zu töten, von dem Gott selbst in der Schrift voraus gesagt hatte, daß er über die Juden regieren werde? Kann denn der Mensch, und sei er auch König oder Kaiser, das verhindern, was Gott selbst beschlossen hat, daß es geschehe. Herodes hatte einen hinreichenden Glauben, um daraus Gelegenheit zu nehmen, das Böse zu begehen; er hatte aber nicht so viel, um darin den Beweisgrund zu finden, das Gute zu tun. Er glaubte, daß die Schriften die Wahrheit sagten, indem sie Bethlehem als den Ort der Geburt des Messias bezeichneten; er hielt es aber nicht für unmöglich, daß er, ein bloßer Mensch, den Gesandten Gottes selbst verfolgen und töten könne. Denn er ließ sich nicht bloß von seiner eigenen Einsicht, sondern auch von der Eingebung des Teufels leiten, der ihn als seinen Gefangenen und seinen Sklaven festhielt.

Es ist dies also eines von den schrecklichen Geheimnissen des menschlichen Herzens, das sich täglich, ja in jedem Augenblick erneuert. Alle Ungläubigen, alle Sektenstifter verfahren auf dieselbe Weise. Meinet ihr, daß sie wirklich nicht glauben, was sie ihrer Äußerung nach nicht glauben, oder daß sie wirklich mit voller Überzeugung, mit ruhiger und vollkommener Hinneigung ihre verderblichen Lehren und ihre Irrtümer glauben? Meinet ihr z. B. daß der Atheist wirklich nicht an Gott glaubt; daß der Deist nicht an das Christentum glaubt; daß der Ketzer nicht an die katholische Kirche glaubt? Nein, dem ist nicht so; sie glauben gar wohl daran, und sie geben in den lichten Augenblicken, die ihnen die Krankheit des Stolzes läßt, der Wahrheit entweder mündlich oder schriftlich Zeugnis. Alle ihre Bücher sind voll von diesen Zeugnissen; es befindet sich darin der Beifall mit der Lästerung vermischt; es ist darin mit dem Vortrag des Irrtums das Bekenntnis der Wahrheit vereinigt. Sie glauben also, und glauben nicht. Sie glauben Gott, um ihn zu leugnen; sie glauben nicht Gott (d. h. seinen Aussprüchen) und an Gott, um ihn anzubeten und um ihn zu lieben. Sie glauben das Christentum, um gegen dasselbe zu kämpfen; sie glauben es nicht, um es zu verfolgen. Sie glauben der Kirche, um sie zu verleumden; sie glauben ihr nicht, um sie zu hören. Gleich Herodes glauben sie, um ihren Glauben in eine schlinge des Todes zu verwandeln; sie glauben nicht, um darin einen Grund des Lebens zu bekommen: ja sie glauben wie die Teufel, indem sie zittern, aber sie glauben nicht, indem sie lieben; sie verabscheuen die Wahrheit, die sie kennen: sie haben keinen Trost in dem Irrtum, den sie verkündigen. Denn nicht bloß die Heuchelei, sondern auch der Widerspruch bildet das Wesen eines jeden Irrtums, und alle beide befinden sich in dem Grund des Geistes und des Herzens aller der, die ihn bekennen.

Der angeführte Autor dehnt dies Geheimnis auf alle Sünder aus, welche durch das Übermaß ihrer Laster auf eine besondere Weise in die unbedingte Herrschaft des Teufels gefallen sind, und durch welche er wirkt, wie jeder niedrige Tyrann durch seine Trabanten wirkt. Sie glauben und glauben zugleich nicht an die in der heiligen Schrift enthaltenen und von der Kirche gelehrten Wahrheiten; denn der Teufel, in dessen Gewalt sie sich freiwillig begeben haben, gestattet ihnen nicht, zu glauben, wie man glauben soll, d. h. eben das auch mit der Tat zu beweisen, was man im herzen glaubt. Sie glauben also wegen der Macht der Wahrheit, die sie kennen; sie glauben nicht wegen der Tyrannei des Teufels, der sie verblendet. So z. B. Wissen wir alle, die wir Christen sind und die Schrift lesen, daß die Welt einst, vom Feuer zerstört, untergehen wird, und daß wir selber vor der Welt im Tode untergehen werden. Eben diese Wahrheiten aber, die wir mit der Zunge und mit dem herzen bekennen, glauben wir nicht recht, wenn wir sie mit den Werken Lügen strafen. Ach, wenn wir mit lebendigem und vollkommenen Glauben den Tod glaubten, der uns überall verfolgt, das Gericht, das uns erwartet, die Hölle, die uns bedroht, so würden wir in der Welt als Wanderer, als Fremdlinge, nicht als beständige Bewohner und als ruhige Bürger der Welt leben! Wir würden leben als Solche, die in jedem Augenblick sterben können, nicht so, als wenn das Leben kein Ende hätte, und die Ewigkeit nie beginnen sollte. –
aus: Joachim Ventura, Exgeneral der Theatiner, die Schönheiten des Glaubens oder: Das Glück, an Jesum Christum zu glauben und der wahren Kirche anzugehören. Eine Erklärung des Geheimnisses der Epiphanie des Herrn. Bd. 6, Dritter Teil, 1858, S. 71 – S. 78

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