Die Buße der heiligen Maria Magdalena

Über die Buße der heiligen Maria Magdalena

Ich will Euch erbauen, indem ich hier einige der beredten Stellen jener großen Männer über diesen rührenden Gegenstand mitteile.

Zuerst ist es der heilige Gregorius, welcher uns sagt: „Ich versichere Euch, wenn ich an die Buße von Maria Magdalena denke, habe ich mehr Lust mit ihr zu weinen, als von ihr zu sprechen. Denn man müsste ein Herz haben, das härter wäre als Marmor, würde man nicht bei dem Anblick dieser in ein Vorbild wahrer Büßenden umgewandelten Sünderin erweicht und gerührt! Das Auge auf das Unrecht geheftet, das sie gegen Gott und die Menschen begangen hat, möchte sie durch eine unendliche Reihe guter Handlungen jenes Unrecht wieder ersetzen. Sie weicht nicht vor dem Ungeziemenden zurück, sich bei einem Festmahl ganz in Tränen zerfließend zu zeigen. Begreifet also wohl, wie groß ihr Schmerz sein muss, weil sie sich nicht schämt zu kommen, Tränen zu vergießen und sie mit der Heiterkeit eines Festgelages zu vermischen.“ (Homil. XXXIII., in Evang.)

Magdalena hat bei diesem Vorfall auf die vollkommenste, auf die heldenmütigste Weise alle Tugenden des Evangeliums, selbst vor der Veröffentlichung des Evangeliums ausgeübt. Sie suchte Jesum Christum auf, nur um von ihm die Verzeihung ihrer Sünden zu erlangen.

Nun hatte aber Gott, in dem alten Bunde, selbst den Propheten die Fähigkeit von Sünden los zu sprechen, nicht erteilt. Magdalena nun, welche glaubt, daß Jesus Christus sie lossprechen kann, ist also nach der Beweisführung des heiligen Augustin diejenige, welche glaubt, daß Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist.

Bemerken wir noch, daß sie kein Wort spricht, weil sie glaubt; daß Jesus Christus, ohne daß sie spricht, in ihrem Herzen liest, daß er die Absichten kennt, welche sie zu den Füßen ihres Erlösers geführt haben; daß er die Zerknirschung kennt, welche ihre Seele bricht, die Beschämung, welche sie niederdrückt, die Wünsche, welche sie entflammen, die Gebete, welche sie an ihn richtet. Aber alles das glauben, das hieß auch glauben, daß Jesus Gott sei.

Der heilige Chrysostomus bemerkt gleichfalls, das man bis zu diesem Augenblick sich an den göttlichen Erlöser gewendet hatte, nur um Hilfe und Heilung für den Körper zu verlangen. Magdalena ist die Erste gewesen, welche bei Jesu Christo um Vergebung, Gnade und das Heil der Seele suchte. (Homil. XI in Matth.) Und da nur Gott die Sünde verzeiht, die Gnade erteilt und die Seelen rettet, ist Magdalena, welche zuerst ihre Zuflucht zu Jesus Christus nimmt, um das alles von ihm zu erlangen, die Erste, welche ihn für den wahren Messias anerkennt und seiner Göttlichkeit eine öffentliche glänzende Huldigung erweist. Und dieses ist ein genügendes Zeugnis für die Reinheit und Vollkommenheit ihres Glaubens.

Der heilige Augustin, welcher gleichfalls diese einzelnen Handlungen Magdalenas erläutert, schreibt folgendes: Sie ging geradezu gegen die Füße und nicht gegen das Haupt des Herrn, und dadurch wollte sie zeigen, daß, indem sie es bereute, so lange Zeit auf schlechten Wegen gegangen zu sein, sie von nun an in die sichern Fußstapfen ihres Erlösers treten und auf seinen geraden Wegen ihm folgen wolle, um gut zu gehen. Die Tränen, mit welchen sie vor allem die Füße des Herrn gewaschen hat, und welche weniger aus ihren Augen, als aus ihrem Herzen geflossen sind, waren nur ein stillschweigendes Bekenntnis ihrer Sünden. Es ist wahr, daß sie nicht ein einziges Wort vernehmen ließ; allein ihre Handlungen, wodurch sie Jesu Christo ihre ganze Anhänglichkeit, ihre frommen Gesinnungen beweisen wollte, waren beredter als die längsten Reden. (Serm. 23, inter. 50.)

Es war bei den Juden Sitte, daß, wenn man in ein Haus kam, wohin man zu Tische geladen worden, der Herr des Hauses den Eingeladenen entgegen ging, sie auf die Stirne küßte, ihnen die Füße waschen (1) und den Kopf mit wohlriechendem Öle salben ließ. Simon der Pharisäer hatte nichts von all diesem mit Jesus Christus, welchen er zu sich eingeladen hatte, vorgenommen. Sehen wir nun hier Magdalena, welche, sich selbst an die Stelle des Simon setzend, auf ein dem Herzen des Herrn weit angenehmere Weise die Handlungen der Höflichkeit erfüllt, welche der Pharisäer gegen den göttlichen Meister vernachläßigt hatte. Gleichwie Jesus Christus selbst bei der zweiten Ölung gesagt hat, welche sie sechs Tage vor seinem Tode mit ihm vornahm, behandelt Magdalena den Körper des Herrn als einen geheiligten Gegenstand, als eine erhabene, ja als die erhabenste, die heiligste aller Reliquien, als einen göttlichen Körper und erweist ihm göttliche Ehren; denn sie wäscht ihm die Füße nur mit ihren Tränen, sie trocknet sie nur mit ihren Haaren, sie salbt und küßt sie ihm nur zitternd und mit einer religiösen Ehrfurcht, mit der zärtlichsten Frömmigkeit.

Sie machte sich, sagt der heilige Paulinus, aus den Füßen des Herrn, aus diesen so reinen, so schönen, so zarten Füßen, aus diesem Werke des heiligen Geistes, eine Art Heiligtum und Altar; und in diesem Heiligtum, auf diesem Altar ist es, daß sie sich durch ihre Tränen reinigte, daß sie ihr Herz durch ihre wohlriechenden Salben ausgoß, daß sie sich durch ihre Liebe opferte, mit einem Wort, daß sie Gott ein vollständiges Opfer darbrachte Denn das durch die Reue tief betrübte Herz ist, nach der heiligen Schrift, für Gott das angenehmste menschliche Opfer. (Epistol. IV.) Somit ist also genug für den Eifer ihrer Religion getan.

Der heilige Gregorius nennt das, was Magdalena tut, eine öffentliche Abbitte; es ist eine vollständige Genugtuung, welche sie der göttlichen Gerechtigkeit wegen allen Ausschweifungen ihres Lebens gibt. Ihre Augen hatten nur wollüstige Gegenstände der Erde gesucht, und nun bestraft sie diese Augen durch die Tränen ihrer Buße. Sie hatte sich ihrer Haare bedient, um die Schönheit ihres Gesichtes zu erhöhen, um die Anziehungskraft ihrer Verführung zu vermehren, und nun bedient sie sich ihrer Haare nur, um demütig die Füße des Herrn, welche sie mit ihren Tränen begossen hat, abzutrocknen. Sie öffnete einst nur den Mund, um hochmütige Reden zu führen, um unzüchtige Worte auszusprechen, und nun heiligt sie diesen Mund durch fromme und keusche Küsse, welche sie auf die Füße ihres Erlösers drückt. Sie hatte nur von Salben und wohlriechendem Öle Gebrauch gemacht, um ihrem Körper Wohlgerüche zu bereiten, um sich einen wollüstigen Genuss zu verschaffen, und nun bringt sie nur ihrem Gott diese Salben und diese Wohlgerüche als Ehrfurchts-Bezeugung dar. Mit Einem Wort, sie macht aus all den Mitteln, welche ihr Vergnügen verschafft hatten, Opfer; alles was ihr gedient hatte, die Zahl ihrer Verirrungen zu vermehren, wird ihr nun ein Anlass zu Tugend-Übungen Sie hat alles, was ihr ein strafbares Werkzeug gewesen ist, Gott zu beleidigen, in ein Werkzeug der Buße, zum Dienste Gottes verwandelt; und dadurch ist diese so schamlose Sünderin reiner selbst als die Jungfrauen geworden. Dies ist gewiß genug für die Demut ihres Bekenntnisses und für die Strenge ihrer Buße.

Alles dies nun ist ohne Zweifel sehr bewunderungswürdig, fährt der heilige Gregorius fort, alle die innerlichen, den Augen des Menschen sichtbaren Bußakte aber, welche Magdalena mit ihrem Körper vollbringt, sind nichts im Vergleich mit den innerlichen Bußakten, welche sie zugleich in ihrem Herzen ausübt, und welche keinen andern Zeugen, als Gott haben; ihre Seele war nämlich, wie uns der Herr selbst sogleich offenbaren wird, während sie in Tränen zerfloß, durch einen unendlichen Schmerz gebrochen, weil sie von großer Liebe entzündet war. Der heilige Hilarius sagt hier gleichfalls: sie verwandelte alles zur Ehre und zum Lobe des Herrn, was ihr zur Pflege des Körpers gedient hatte und gab ihm somit alle Beweise eines tief ergebenen Herzens.

Der Kuss, sagt der heilige Ambrosius, ist ebenso wohl das Sinnbild der Versöhnung, als das der Freundschaft und der Liebe. Magdalena begehrte durch jenen Akt, daß sie die Füße des Erlösers küßte, indem sie Vergebung ihrer Sünden erbat, sich auch mit Gott auszusöhnen, die Freundschaft und die Liebe Gottes wieder zu erlangen.

Jesus Christus, fügt der heilige Paulinus bei, wurde nicht durch die Wohlgerüche Magdalena’s, sondern durch ihre heilige Liebe gerührt. (Epist. IV.)
Die büßende Liebe also ist es, welche in ihrem Herzen die Stelle der strafbaren Liebe eingenommen hat; und sie fühlt sich von nun an von einem lebhaften Gefühl religiösen Mitleids für Jesus Christus ergriffen, von tiefem Hasse gegen sich selbst, von Scham über ihre Fehler und von Vertrauen, Vergebung zu erhalten. Es ist ein Ganzes, von tausend verschiedenen, aber lauter reinen, edlen, vollkommenen Gefühlen, welche die Sünde in der Reue ersticken, und durch die Liebe verwischen.
Auch hier findet sich also die Fülle zur Vollkommenheit aller innerlichen Tugenden, für die Demut, für das Vertrauen, für die Dankbarkeit, für die Reue und die Liebe.

Dieser so rührende Auftritt findet bei einem öffentlichen Festgelage statt, in Gegenwart der hervorragendsten Personen der Stadt, welche Zeuge ihrer Ausschweifungen gewesen waren; somit ist Genüge getan, sagt der Ausleger, für die Öffentlichkeit ihrer Buße, durch welche sie die Öffentlichkeit ihrer gegebenen Ärgernisse wieder gut macht und verwischt.

Anmerkung (1)

Diese Sitte war unverletzlich, besonders bei großen Mahlzeiten Je nachdem die Eingeladenen also in ein großes Haus kamen, um daselbst zu speisen, begleitete sie der Herr, nachdem er sie umarmt und ihnen als Zeichen des Wohlwollens einen Kuss gegeben hatte, zum Waschbecken, woselbst dazu bestimmte Dienerschaft ihnen die Füße wuschen; und es waren Frauen, wie es uns die heilige Schrift selbst lehrt, welche dieses Geschäft verrichteten. (I. König. VlII.)
Dieser Gebrauch rührte vielleicht daher, daß die Orientalen jener Zeit, gleich denen von heutzutage, im Allgemeinen mit bloßen Füßen gingen und sich deshalb leicht bestaubten, was ihnen häufige Abwaschung nötig machte. Nachdem diese Abwaschung beendigt war, brachten andere etwas höher gestellte Diener den Eingeladenen wohlriechende Salben oder Öle und gossen diese über deren Haupt und Hände. Es waren Essenzen aus aromatischen Kräutern, hauptsächlich aus mit Myrrhe gemischter Narde bereitet. Es war dies nicht nur als ein Zeichen der Freude und um seinen Gästen einen Genuss zu verschaffen – da die Orientalen es sehr lieben, sich mit Wohlgerüchen zu umgeben, sich zu erfrischen und den Körper durch Essenzen wieder zu beleben, – sondern es war auch eine Vorsichtsmaßregel, welche man gegen die Berauschung anwendete. Denn die starken Gerüche verhindern, wie man wenigstens glaubte, die Berauschung.
Man nannte alabasterne Gefäße die Fläschchen, welche jene Wohlgerüche enthielten, weil sie von Alabaster artigem Agath und so leicht zerbrechlich als Glas waren. Man konnte sie deshalb sehr leicht zerbrechen (wie es auch Magdalena bei der zweiten Ölung, welche sie an dem Herrn vornahm, machte) und hauptsächlich zerbrachen sie leicht am Hals, welcher lang und eng war. –
aus: R. P. Ventura de Raulica, Die Frauen des Evangeliums, Predigten, Bd. 1, 1859, S. 281 – S. 284

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