Das Weib wird in und durch Maria erhöht

Das Weib wird in und durch Maria erhöht – Die katholische Frau

So hat das Christentum durch seine Lehren dem Weibe ihre gebührenden Rechte vollständig wieder verschafft. Allein zu diesem Resultat hat, wie wir nun sehen werden, auch das Dogma von der göttlichen Mutterschaft Mariens nicht wenig beigetragen.

§ XV. Zweites Mittel des Christentums zur Rehabilitation des Weibes, nämlich das Dogma von der Menschwerdung und von der göttlichen Mutterschaft Mariens. — Größe Mariens nach dem christlichen Glauben und nach der Sprache der Kirche. — Die Sünde Eva’s ist durch Maria getilgt und gut gemacht. — Das Weib wird in ihr und durch sie erhöht.

Welche Rolle hat das Weib im Geheimnis der Menschwerdung gespielt?

Die Kirche lehrt es uns durch die Art und Weise, wie sie von Maria und zu Maria spricht, insofern Maria Jungfrau und Mutter des Mensch gewordenen Gottes ist. Der hohe theologische Sinn dieser Sprache wird noch durch die glänzendste und lieblichste Poesie erhöht. Die Kirche singt (1):

Dem selbst der Himmel Ehr erweist,
Den Erd und Meer verehrt und preist,
Dem untertan drei Welten sind,
Den trägt Maria’s Schoß als Kind.

Dem Sonn und Mond auf ihrer Bahn
Und alles ewig untertan,
Den trägt, vom Himmelsgnadenschein
Durchströmt, die Jungfrau keusch und rein.

O Mutter! welche Himmelsgab!
Dein Schöpfer stieg zu dir herab:
Dein Herz den Gott verschlossen trägt,
Der in der Hand die Welten wägt.

Du wardst durch Engelsgruß beglückt,
Vom Geist befruchtet und entzückt:
Da goß sich, o du hohes Weib!
Der Völker Heil in deinen Leib.

Der Jungfraun ruhmerfüllter Preis,
Erhöhet zu dem Sternenkreis !
Der dich erschuf, nährt sich mit Lust
Als Kind an deiner Mutterbrust.

Du gibst in deinem Sohn das Glück,
Das Eva längst verlor zurück:
Daß ein wir gehn zum sel’gen Chor,
Erschließest du das Himmelstor.

Du bist des hohen Königs Tor,
Das Haus des Lichts, das Gott erkor;
Erlöste Völker, preist erfreut,
Den Herrn, den uns Maria beut!

(1) Die Hymnen der kath. Kirche, im Versmaße übersetzt von G. M. Pachtler.

Bald wendet sich die Kirche beim Gedanken an den Anteil, den Maria am Geheimnis der Menschwerdung genommen, mit den Worten an Gott: „O Gott, der Du gewollt hast, daß Dein Wort, nach der Verkündigung des Engels, aus dem Schoß der seligsten Jungfrau Fleisch annehme: verleihe, wir bitten Dich, daß wir bei Dir durch die Fürbitten derjenigen unterstützt werden, durch welche wir gewürdigt wurden, den Urheber des Lebens zu empfangen, unsern Herrn Jesum Christum, Deinen Sohn.“ Oder: „Allmächtiger, ewiger Gott, der Du durch Mitwirkung des hl. Geistes den Leib und die Seele der glorreichen Jungfrau und Mutter Maria zu einer würdigen Wohnung Deines Sohnes zubereitet hast: gib, daß wir, wie wir freudig ihrer gedenken, so auch durch ihre mütterliche Fürsprache von den bevorstehenden Übeln und vom ewigen Tode befreit werden: durch denselben Christum, unsern Herrn.“ Amen.

Die Größe Mariens nach der Sprache der Kirche

Dreißigmal im Jahre spricht die Kirche im Offizium des Tages zu Maria: „Glücklich bist Du, o heilige Jungfrau Maria, und alles Lobes würdig; denn aus Dir ist die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen, Christus, unser Gott, der den Fluch löste und Segen gab, der den Tod überwand und uns ewiges Leben schenkte. Bitte für das Volk, verwende Dich für die Geistlichkeit, leg ein Wort ein für das fromme Frauengeschlecht: laß alle Deine Hilfe empfinden, die Dein hl. Gedächtnis feiern.“ Dann setzt die Kirche noch bei: „Unter Deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin ! Verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten, sondern befreie uns immerdar von allen Gefährlichkeiten, o Du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau !“

Zn fünf Monaten des Jahres wiederholt die Kirche am Ende aller priesterlichen Tagzeiten das rührende Gebet an Maria: „Gegrüßt seist Du, Königin, Mutter der Barmherzigkeit! Des Lebens Süßigkeit, unsere Hoffnung, sei gegrüßt! Zu Dir schreien wir elende Kinder Eva’s, zu Dir seufzen wir Trauernde und Weinende in diesem Tal der Zähren. Sei auch unsere Fürsprecherin; kehre dann Deine barmherzigen Augen zu uns, und nach diesem Elend zeige uns Jesum, die gebenedeite Frucht Deines Leibes. O milde, o gütige, o süße Jungfrau Maria!

In der lauretanischen Litanei, deren sich die Gläubigen bedienen, welche die Vorzüge und Ehren Mariens besingen und ihren Schutz anrufen wollen, wird sie von der Kirche genannt: „Heilige Maria, heilige Gottesgebärerin, heilige Jungfrau der Jungfrauen, Mutter Christi, Mutter der göttlichen Gnade, Mutter des Schöpfers, Mutter des Erlösers, weiseste Jungfrau, ehrwürdige Jungfrau, preiswürdige Jungfrau, mächtige Jungfrau, gütige Jungfrau, getreue Jungfrau. Spiegel der Gerechtigkeit, Sitz der Weisheit, Ursache unserer Freude, geistliches Gefäß, ehrwürdiges Gefäß, vortreffliches Gefäß der Andacht, geheimnisvolle Rose, Turm Davids, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Arche des Bundes, Pforte des Himmels, Morgenstern, Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Trösterin der Betrübten, Königin der Engel, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Bekenner, der Jungfrauen und aller Heiligen.“

Endlich hat die Kirche jenes erhabene und zarte Gebet zu Maria, das aus den schönsten Stellen des Evangeliums besteht, die sich auf Maria beziehen, und in wenigen Worten ihre ganze Größe und alle Gefühle, womit wir sie verehren sollen, und alle Güter, die wir von ihr hoffen können, kurz zusammenfaßt, ihren Kindern in den Mund oder vielmehr in das Herz gelegt. „Gegrüßet seist Du, Maria! Du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir; Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes! bitt für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens!“

So erblicken wir nach dieser herrlichen und frommen Sprache der Kirche über Maria, die Mutter des Mensch gewordenen Gottes, im Geheimnis der Menschwerdung ein Weib als die Tochter des himmlischen Vaters, als die Mutter des Gottessohnes, als die Braut des hl. Geistes, ein Weib als Jungfrau und Mutter zugleich, mit der Fülle der Gnade und Kraft Gottes ausgerüstet, mit Gott auf die innigste, edelste und vollkommenste Weise verbunden und vereinigt; ein Weib als Mutter des Schöpfers, und eben dadurch erhöht über alle Engel, über alle Heiligen, über alle erschaffenen Wesen, so daß außer Gott, der sie gebildet und auf die höchste Stufe von Größe erhoben hat, deren ein bloßes Geschöpf fähig ist, nichts über ihr steht; ein Weib, die Beherrscherin des Satan, die Überwinderin der Sünde, die Freude des Himmels, die Wonne der Erde, der Schrecken der Hölle, die Königin der ganzen Welt; ein Weib, die Mutter der göttlichen Hilfe, die Vermittlerin der Verzeihung, und nach Jesus Christus der Quell derselben, der Kanal aller Gnaden, aller Hoffnung, alles Verdienstes, alles Trostes. Mit einem Wort, das Geheimnis der Menschwerdung predigt uns immer ein Weib, mit welcher sich der Sohn Gottes zur Erlösung der Welt, zur Rettung der Welt verbunden hat; es predigt uns das Heil der Welt, welches der Gottessohn durch die Einwilligung, durch die Tugend und Mitwirkung eines Weibes erworben hat.

Maria hat die Sünde Evas getilgt

Diese einzige, so wundervolle, unberechenbare und so unbegreifliche Größe, welche das Geheimnis der Menschwerdung uns in Maria enthüllt, fällt auf das Weib zurück. In der Ökonomie des Geheimnisses der Menschwerdung ist das Leben gerade von dem Geschlecht ausgegangen, welches den Tod in diese Welt gebracht hat; das weibliche Geschlecht, welches im ersten Weib die Sünde im Herzen empfangen und das Verderben der Welt verursacht hat, ist in dem vollkommenen Weib, welches die Gnade und Heiligkeit in jungfräulichem Schoß empfangen, das Heil der Welt geworden. Das weibliche Geschlecht, durch Eva auf ganz besondere Weise der Schlange unterworfen, ist durch Maria zum Sieger über die Schlange geworden und hat alles Übel, das es in der Person Eva’s über die Menschheit gebracht, in der Person Mariens gut gemacht und ausgetilgt. Das durch Eva so erniedrigte weibliche Geschlecht ist durch Maria über alle Vorstellungen erhaben. Die Gebenedeite unter den Weibern ist der Ruhm und die Ehre der Weiber.

Es war daher unmöglich, daß das Weib unter den Völkern, welche an das Geheimnis der Menschwerdung, d. h. an das Geheimnis des von einem Weibe empfangenen und aus einem Weibe geborenen göttlichen Heilandes glaubten, noch ferner als ein unreines und boshaftes Wesen betrachtet werden konnte. Es war unmöglich, daß das Geheimnis des Weibes, als Mutter Gottes nicht einige Strahlen ihrer Schönheit und Herrlichkeit auf das Weib, als Mutter des Menschen, auf das Weib im allgemeinen warf und ihr nicht die Ehrfurcht und Verehrung der Völker erwarb, welche an Jesus Christus glauben. Und in der Tat sehen wir, daß überall, wo durch den Glauben an das Geheimnis der Menschwerdung die Marienverehrung eingeführt wurde, das Weib in den Augen des Mannes etwas Geheimnisvolles, Großes, Liebliches besitzt, das sie der Achtung und Verehrung jedermanns empfiehlt.

Hören wir hierüber den gewichtigen und frommen Schriftsteller, den wir bei der Erklärung des Einflusses, welchen die Geheimnisse des Lebens Mariens auf den Geist der Völker zu Gunsten der Weiber ausgeübt, oft angeführt haben: „Für das Menschengeschlecht, sagte er, gab Maria ihren Sohn hin, und sie konnte in Wahrheit sagen: Auf Golgatha wird mein Fleisch geopfert, fließt mein Blut. Und Maria ist auf die innigste und schmerzhafteste Weise bei der menschlichen Erlösung beteiligt: eine hohe Ehre, welche Maria mit Gott allein, sogar mit Ausschluss der Engel, gemein hat und ihrem Geschlecht mitteilt.
„Wenn nun der Mann sah, wie Gott das Weib so sehr ehrt; wenn er sah, wie das Weib um den Preis unaussprechlicher Schmerzen das Werkzeug seines Heils wurde: so begriff er die Würde der Frau, und eine große Ehrfurcht gegen sie und eine tiefe Dankbarkeit durchdrang sein Herz. Und bei der Erinnerung an alle Schmach und Schande, die er dem Weibe angetan, schlug er, wie der Hauptmann, an die Brust und weinte, wie Petrus, bitterlich.

In und durch Maria wird das Weib erhöht

„Damit das Weib in jedem Lebensalter, in allen Lagen geachtet würde, wollte Gott, daß Maria, die Wohltäterin des Mannes, das Abbild des wiedergeborenen Weibes, alle Lebensalter und alle Verhältnisse ihres Geschlechts heiligte. Denn Maria war in der Tat zugleich eine adelige Königstochter und ein Weib aus dem Volke, welche ihr tägliches Brot mit der Arbeit ihrer Hände gewann; sie war Jungfrau und Mutter, Gattin und Witwe, eine unschuldige Seele und eine Büßerin; und nachdem sie mit den grausamsten Schmerzen ihr Geschlecht erlöst, nachdem sie es durch alle Tugenden wieder zu Ehren gebracht, nachdem sie es gerettet, indem sie es zum Werkzeug des allgemeinen Heiles machte, sagt sie zu dem Mann: Was du der Letzten von diesen Kleinen, die meine Töchter sind, tun wirst, das wirst du, verstehe es wohl, mir selber tun. Hüte dich wohl: wenn du ſsie beschimpfet, so vergreifst du dich an meinem Augapfel, du vergreifst dich an mir, deiner Mutter und der Mutter des Herrn der Welt! — O Mann! wirst du es jetzt noch wagen, das Weib, welches in Maria die Mutter deines Gottes und die liebreiche Vermittlerin deines Glückes und deiner Ehre geworden, zu verachten und herabzuwürdigen ?

„Und auch das Weib gewann das Gefühl ihrer Würde wieder, als sie sich so hoch erhoben sah, sie, die bis dahin so tief stehen musste; sie begriff ihren Beruf. All ihr Dichten und Trachten ging von nun an darauf, daß sie ihrem himmlischen Vorbild nahe komme: sie sah ein, daß Maria ihr Palladium war, und sie flüchtete sich eilig unter den Schutzmantel Mariens, sie umringte ihre Altäre, sie liebte sie, wie ein kleines Kind seine Mutter liebt. Und die liebliche Einfalt des kindlichen Alters, und die Schamhaftigkeit der Jungfrau und die keusche Anmut der Gattin und die starke Liebe der Mutter und die tätige Demut der Witwe und endlich der Eifer mit seiner ganzen Rührigkeit wurden ihr Leben, das Leben ihres Lebens und ihre Beschäftigungen bei Tag und ihre Gedanken bei Nacht. Und das in solcher Weise nach dem Vorbild Mariens reformierte Weib wurde wieder, was sie war und nach der Absicht des Schöpfers immer hätte sein sollen: die Gehilfin, die Gefährtin der Engel des Mannes.“ (Gaume II. 1.) –
aus: Joachim Ventura, Die katholische Frau, Erster Band, 1863, S. 99-105

Category: Betrachtungen, Ventura
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