Die Tugend der wohlwollenden Liebe

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Die den Hauptsünden entgegen gesetzten Tugenden

Über die Tugend der wohlwollenden Liebe

4. Die wohlwollende Liebe bildet den Gegensatz zum Laster des Neides. (…) Als besondere, dem Neid entgegen gesetzte Tugend besteht dieselbe darin, daß wir allen Menschen Gutes gönnen und an Freude und Leid des Nächsten aufrichtig teilnehmen. Wer nämlich seinen Nächsten liebt wie sich selbst, der wird sich über das Gute, das demselben zuteil wird, ähnlich freuen, wie wenn es ihm selbst zuteil geworden wäre; desgleichen wird er das Leid, welches jenen trifft, ähnlich bedauern, wie wenn es ihn selbst getroffen hätte. Wie die verschiedenen Glieder eines Leibes sich als eins fühlen und deshalb ein jedes an dem Wohl und Wehe des andern den innigsten Anteil nimmt, so fühlt sich auch der, welcher von wohlwollender Liebe zu seinen Mitmenschen beseelt ist, gleichsam als eins mit denselben und empfindet daher deren Freuden und Leiden sie seine eigenen.

Von dieser Tugend schreibt der Apostel an die Römer (12, 10. 15): „Liebet einander mit wahrhaft brüderlicher Liebe. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Möchten wir uns doch alle Mühe geben, diese wohlwollende Liebe uns anzueignen; möchten wir uns besonders von herzen freuen, wenn andere Gutes tun, wenn sie vonTugend zu Tugend schreiten: wir würden so überaus reich an Verdiensten vor Gott werden! Denn wie wir uns durch Freude an dem Bösen, das andere tun, desselben wirklich teilhaftig machen, so wird auch die Freude an dem Guten, welches wir an andern wahrnehmen, uns zum Verdienst angerechnet. In diesem Sinne spricht der hl. Gregor der Große in seiner Pastoral: „Liebet ihr das fremde Gute, so würdet ihr es dadurch zu eurem eigenen machen; nun aber liebet ihr es nicht, darum wird es euch zur Sünde angerechnet.“ Und Hugo von St. Viktor ruft aus: „O wohlwollende Liebe, wie reich bist du! Du reißest alles an dich und beraubst niemand; du machst alles zum Deinigen und nimmst niemand das Seinige; du hast Wohlgefallen am Guten der andern und machst dir so dasselbe zu eigen.“ –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 390 – S. 391

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