Die Lehre der christlichen Abtötung

Die Aszese des göttlichen Heilandes

Die Lehre von der christlichen Abtötung

Der erste Forderung des Heilandes ist der Glaube, weil er die Grundlage des ganzen geistlichen Lebens ist. (Mk. 5, 36; 11, 22; Lk. 8, 25; Joh. 6, 29; 9, 35; 11, 26). Er unterstützt die Forderung durch die schönsten Beweggründe, wie da sind seine Selbstbezeugung und seine Wunder (Joh. 5, 32-39; 8, 18; 10, 25. 30; 14, 12; Lk. 22, 70), die herrlichen Belohnungen, die Rechtfertigung (Joh. 3, 18), die Aussicht auf eine große Wirksamkeit hienieden (Lk. 17, 6; Mt. 17, 19; Mk. 9, 22; Joh. 9, 38) und auf das ewige Leben zu (Joh. 3, 15. 36; 6, 40; 10, 25); er lobt den Glauben (Mt. 15, 28; 8, 10), schreibt ihm die Wunder zu (Mt. 9, 22. 29; Lk. 17, 19); er sucht durchaus die Jünger schlagfertig im Glauben zu machen (Mt. 17, 24; Mk. 8, 17f.; Joh. 6, 20). Im Gegenteil hat er als Strafandrohung für den Unglauben zeitlichen und ewigen Untergang (Joh. 3, 18; 7, 36; 8, 21), weil die Ursachen des Unglaubens vom Bösen sind (Joh. 3, 20; 5, 44; 12, 39. 43). –

Die Liebe stellt der Heiland stets als das größte und höchste Gebot hin (Mt. 22, 38; Lk. 10, 27) und empfiehlt sie als seinen letzten Herzenswunsch und Auftrag (Joh. 15, 4. 9). Er belehrt über ihr Wesen (Joh. 14, 21) und verspricht die reichsten Segnungen (Joh. 14, 23; 15, 7. 12). Von der Gottesliebe darf aber die Nächstenliebe nicht getrennt werden (Joh. 15, 17). Ihre Übung legt er besonders in Werke der Barmherzigkeit (Mt. 5, 7; 18, 35; Lk. 16, 9), in die brüderliche Zurechtweisung (Mt. 18, 15; Lk. 17, 3) und in die Feindesliebe (Mt. 5, 44ff). An Beweggründen für die Nächstenliebe ist er ganz unerschöpflich (Joh. 13, 24f). –

Die Hoffnung soll nicht bloß auf zeitliche Güter (Mt. 6, 30; 9, 22) gehen, kann sich aber auch auf zeitliche Anliegen erstrecken (Joh. 6, 38; Lk. 12, 22ff).

Unter den nicht-theologischen Tugenden betont der Heiland besonders die Armut, sowohl geistige als wirkliche, und zwar die größte Armut (Mt. 5, 3; 19, 27ff; Lk. 12, 33), und sehr ernst warnt er vor Habsucht und ihren unseligen Folgen (Mt. 19, 23; Lk. 12, 15). – Zweitens empfiehlt er Keuschheit, die gewöhnliche, die Reinheit des Leibes, der Seele und der Absichten (Mt. 5, 8. 28; 6. Lk. 11, 34), sowie die Jungfräulichkeit namentlich zu apostolischen Zwecken (Mt. 19, 12). – Drittens dringt er auf Demut (Mt. 6, 2; Lk. 17, 10; 18, 17), Klugheit und Treue in Pflichterfüllung (Lk. 12, 36-48; Mt. 24, 44; 25, 1-30). – Viertens muntert er auf zu Starkmut in Leiden und Verfolgungen (Mt. 5, 10ff), und zwar durch die erhabensten Beweggründe (Lk. 12, 4-12; Joh. 15, 18-27; 16, 1-12).

Hierher gehört nun auch die Lehre von der Selbstverleugnung oder Abtötung. So ist nichts anderes als die moralische Kraft, die wir anwenden müssen, um das zu sein und das zu tun,  was wir sein und was wir tun sollen nach den Pflichten, welche die menschliche Natur, die Religion und unser Stand auferlegen, um also das Böse zu meiden und das Gute zu tun. Weil dies im gegenwärtigen gefallenen Zustand schwer fällt, so heißt es Gewalt anwenden, und diese Gewalt ist die Abtötung, die auch Selbstverleugnung, Losschälung und Entsagung heißt, je nachdem sie negativ oder positiv vorgeht. Die Bedeutung der Selbstverleugnung in dem Tugendsystem besteht nicht darin, daß sie eine einzelne, bestimmte Tugend ist; sie spielt vielmehr in alle Tugenden hinein und setzt überall da an, wo eine Schwierigkeit zu überwinden ist, im besonderen befaßt sie sich mit der Regelung der Leidenschaften. Sie ist also gleichsam der Schlüssel für alle Tugenden. Das ist ihre hohe Bedeutung im geistlichen Leben. –

Gegenstand der Abtötung ist nicht die Natur als solche, nicht ihre Fähigkeiten, nicht einmal die Leidenschaften als solche, sondern bloß das Ungeordnete, d. h. das Sündhafte, Gefährliche und Nutzlose an denselben. –

Ihr Zweck ist nicht Schädigung und Verkümmerung der Natur, sondern Erziehung, Heranbildung, Kräftigung derselben zu allem Guten, Schönen und Erhabenen, das unser Stand notwendig und wünschenswert macht. –

Dem Gegenstand nach ist sie bald eine innere bald eine äußere, je nachdem sie die Regelung der inneren oder äußeren Fähigkeiten des Menschen zum Gegenstand hat, bald eine freiwillige bald eine unfreiwillige Abtötung, insofern wir selbst sie uns auferlegen, oder insofern sie uns von außen, von Gott oder Menschen auferlegt wird.

In dieser Bedeutung erscheint die Abtötung in der Aszese des Heilandes. Er nennt sie auch Selbsthass und Kreuz. Die Lehre vom Kreuz, so gefaßt, geht alle an, niemand ist ausgenommen. Alle müssen die Gebote halten, alle müssen die Sünde meiden, den bösen Leidenschaften widerstehen, alle müssen ihre Standespflichten erfüllen, alle müssen bereit sein, eher ihr Leben zu verlieren, als in eine schwere Sünde einzuwilligen und den Glauben zu verleugnen. Das sind Forderungen, die der Herr ausnahmslos an alle stellt, die ihm anhangen und sich zu seinem Gesetz bekennen. Der Weh seiner Gebote ist eng (Mt. 7, 13), seine Lehre ist ein Feuer, eine Taufe, ein Schwert (Lk. 12, 49f); er ist nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern Krieg und Trennung (Lk. 12, 51; Mt. 10, 13); jeder muß sein Kreuz auf sich nehmen, es tragen und sich verleugnen (Mt. 16, 24; Lk. 14, 26); jeder muß bereit sein, eher den Fuß, die Hand und das Auge zu verlieren, als Ärgernis zu nehmen, zu geben (Mt. 18, 8) oder sich des Menschensohnes zu schämen vor den Menschen (Mt. 10, 33); überhaupt können nur Gewalttätige das Reich erobern (Mt. 11, 12). –

Das Gesetz der Abtötung ist für alle, aber nicht in gleichem Maße für alle Stände. Eine viel größere, ja das größte Maß der Losschälung fordert der Heiland für solche, die dem Ordensstand angehören und ihm im apostolischen Beruf folgen wollen. Die Losschälung von Haus und Hof (Lk. 9, 48; 10, 4; 12, 23; Mt. 10, 4. 9; 19, 21), von Familie, Fleisch und Blut (Lk. 9, 60; Mt. 12, 48; 19, 12), von weltlichen Geschäften (Lk. 9, 62) muß eine vollständige sein (Mt. 19, 29). Der Heiland, der sonst so maßvoll und nachsichtig ist in seinen Anforderungen, kennt hier keine Rücksicht und keine Einschränkung, weil es sich um den Dienst des Reiches Gottes handelt. (Lk. 9, 60; 12, 35; Mk. 10, 29). –

Das Gesetz der Abtötung ist hart und schwer, aber der Heiland erleichterte es durch die herrlichen Belohnungen, die er verheißt, das Heil und die Rettung der Seele, die Teilnahme an den Lebensschicksalen des Heilandes und an der Herrlichkeit seines Reiches (Lk. 9, 23-26) und hienieden schon das Hundertfache an Frieden und Freuden (Mk. 10, 21; Mt. 19, 29). Selbst der Verlust des zeitlichen Lebens wird nach dem Beispiel des Herrn entschädigt durch eine reiche Frucht des Heiles an uns und am Heil der Menschen (Joh. 12, 24). –

Über die Beziehung der inneren und äußeren Abtötung läßt uns die Aszese des Heilandes auch nicht im ungewissen. Beide sind nötig, weil Leib und Seele den Folgen der Erbsünde verfallen sind und beide einander Anlass zur Sünde werden (Mt. 5, 28), Die innere Abtötung ist aber wichtiger, weil sie Ziel der äußeren ist, weil sie allein sittlichen Wert verleiht (Lk. 11, 39) und die äußere einigermaßen auch ersetzen kann (Mt. 9, 13; 15, 11); überhaupt soll die die äußere Abtötung sich nach den Umständen richten (Mt. 9, 15). –
aus: Moritz Meschler SJ, Gesammelte Kleinere Schriften, 1. Heft: Zum Charakterbild Jesu, 1908, S. 14 – S. 18

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