Das Fest der Unbefleckten Empfängnis

Die Unbefleckte Empfängnis, die Gottesmutter Maria, steht mit gefalteten Händen und mit einem Fuß auf der Schlange, zwei Engel halten eine Art Mantel hinter ihr als königliches Zeichen; links sieht man Adam und Eva die Hände ausgebreitet zu ihr hingewandt; auf der rechten Seite ist der Teufel mit seiner Forke zu sehen, der sich furchtsam abwendet

Das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä

Lehrreich und bedeutungsvoll hat die katholische, vom heiligen Geist geleitete Kirche das geheimnisreiche Fest der unbefleckten Empfängnis Mariä an den Anfang ihres neuen Jahres, in die ersten Tage der Adventzeit gestellt. Denn das tiefe, grundlegende Geheimnis, welches sie am Beginn ihres neuen Jahres beschäftigt, ist die Ankunft Jesu Christi, die Erfüllung jener Prophetie: „Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sein Name wird Emanuel heißen.“ (Is. 7) Diese Ankunft Jesu Christi auf Erden ist eine dreifache, sie vollzieht sich zu drei verschiedenen Zeiten und auf drei verschiedenen Arten. Der hl. Bernhard bezeichnet sie also: „In seiner ersten Ankunft kommt Jesus im Fleische und in der Schwachheit, in seiner zweiten kommt Er im Geiste und mit Macht, in seiner dritten kommt Er in Glorie undMajestät.“ Nun aber steht der verheißene Erlöser, der erwartete Seligmacher und ewige Richter, in unzertrennlicher Verbindung mit seiner jungfräulichen Mutter; und was Gott verbunden hat, wird die heilige Kirche niemals trennen. Deshalb eröffnet sie die erste Woche des Advents, der Vorbereitung auf die heilige Weihnacht der Geburt Jesu Christi, mit der Feier der unbefleckten Empfängnis Mariä. In diesem Fest beginnt die Morgenröte der so heiß ersehnten Sonne zu schimmern, und ihr strahlendes Rot leuchtet in die Täler hinab, die noch in tiefem Schatten liegen. Die glückselige Jungfrau-Mutter des Messias, deren Geburt der seinigen voran gehen mußte, ist selbst heute empfangen worden. Die harrende Menschheit besitzt damit bereits ein erstes Pfand, daß die verheißene Erbarmung Gottes nunmehr Tatsache werden soll.

Zwei wahre Israeliten, Joachim und Anna, edle Sprossen der Königsfamilie David`s, haben endlich, nachdem ihre Ehe lange unfruchtbar war, gewisse Aussicht, von der göttlichen Allmacht mit einem Kinde beschenkt zu werden; und dieses Kind ist die sanfte, weiße Taube, vom Himmel zur Erde gesandt, das Ende der Sündflut zu verkünden und die Botschaft des Friedens zu bringen; die Empfängnis Mariä ist der Vorbote der Geburt Jesu.

Der Zweck dieses so freudigen Festes beschränkt sich nicht darauf, das Jahresgedächtnis des glücklichen Augenblickes zu feiern, in welchem das kostbare Leben der allerseligsten Jungfrau begonnen hat, sondern er umfaßt auch das ganz einzige Vorrecht, kraft dessen Maria in diesemAugenblick in der glorreichsten und ganz außergewöhnlichen Weise von dem dreieinigen Gott geheiligt worden ist, gemäß ihrer Bestimmung, der spiegel und Abglanz der göttlichen Heiligkeit zu sein. Dieses ganz einzige Vorrecht Mariä hat seine Begründung in der ganz einzigen Beziehung, in welche sie zum Vater als Tochter, zum Sohne als Mutter, zum heiligen Geist als Braut zu treten von Ewigkeit bestimmt und auserwählt wurde. Diese unvergleichliche, dreifache Beziehung fordert, daß auch nicht die geringste Spur einer Makel, wenn auch nur eine einzige Sekunde lang an dem erhabensten Geschöpf hafte, das so eng mit der anbetungswürdigsten Dreieinigkeit verknüpft ist und bleibt. Daher sagt der erleuchtete Kirchenlehrer und ausgezeichnete Diener Mariä, der hl. Anselm: „Es war der ewigen Gerechtigkeit entsprechend, daß Maria mit einer Reinheit geschmückt war, über welche man nichts Größeres denken kann als die Reinheit Gottes selbst: diese Jungfrau, welcher Gott der Vater seinen eingebornen Sohn in einer so besondern Weise geben wollte, daß Er (der Natur nach) der gemeinsame und eingeborne Sohn Gottes und der Jungfrau werden mußte: diese Jungfrau, die der Sohn auserwählte, um aus ihr, der Substanz nach, seine Mutter zu machen, und in deren Schoß der heilige Geist die Empfängnis und Geburt desjenigen bewirken wollte, von dem Er selbst ausging.“

Gleichzeitig muß man die unaussprechlich zärtliche und kindliche Beziehung würdigen, die der Sohn Gottes zu Maria eingehen wollte. Diese Beziehung stand von Ewigkeit her vor seinen Augen und forderte, daß Er für diese jungfräuliche Mutter, die Ihn in der Fülle der Zeiten gebären sollte, eine Liebe unendlich höherer Natur fühlte, als für alle andern Geschöpfe seiner Hand. Die Ehre Mariä stand Ihm höher als alles Andere, weil sie seine Mutter sein sollte. Somit schützte die Kindesliebe des göttlichen Sohnes seine Mutter vor der demütigenden schranke, welche jedes Kind Adam`s einengt, ja welche ihm den Weg des Lichtes und der Gnade so lange versperrt, bis es in der Taufe wiedergeboren ist.

Der himmlische Vater konnte für die zweite Eva nicht weniger tun, als Er für die erste getan hatte, die sich anfangs, wie der erste Mann im Gnadenstande übernatürlicher Heiligkeit und Gerechtigkeit befand, in welchem sie sich leider nicht erhalten hat. Der Sohn Gottes durfte nicht dulden, daß das Weib, dem Er seine menschliche Natur entlieh, diejenige um irgend etwas zu beneiden hatte, welche die Mutter der Treulosigkeit wurde. Der heilige Geist, der sie überschatten und durch seine göttliche Kraft fruchtbar machen sollte, konnte nicht gestalten, daß seine Braut auch nur Einen Augenblick die Makel der Sünde an sich trage, mit welcher wir Alle empfangen sind. Das Gesetz der Erbsünde gilt für alle Menschen; aber die Mutter Gottes mußte davon ausgenommen sein; Gott, der Urheber jenes Gesetzes, hatte auch das recht, diejenige davon auszunehmen, die Er bestimmt hatte, in so erhabener und mannigfacher Beziehung mit ihm vereinigt zu sein. Gar schön sagt der tiefsinnige Denker, der hl. Anselm: „Wenn Gott der Kastanie die Eigentümlichkeit verliehen, daß sie in einer stacheligen Hülle vor jeder Verletzung gesichert ruht, sich da nährt und bildet: konnte Er nicht auch diesem menschlichen Tempel, den Er sich bereitete, um leiblich darin zu wohnen, verleihen, daß er, obwohl unter den Dornen der Sünder empfangen, dennoch ganz von ihren Stacheln bewahrt blieb? Gewiß konnte und wollte Er es, und indem Er es wollte, tat Er es auch.“

Diese Ausnahme geschah durch die Gnade Jesu Christi. Diese nämliche Gnade, welche das ganze Menschengeschlecht von der Erbsünde erlöste, konnte wohl auch Maria vor derselben bewahren; sie konnte als Gegenmittel anwenden auf sie, was sie als Heilmittel gebraucht für uns; und sie hat es getan.

Die ganze katholische Kirche, die morgenländische und abendländische, hat von Anfang an immer an dieses Geheimnis geglaubt, daß Maria in ganz einziger, außergewöhnlicher Weise von Gott geheiligt, eine sündenlose Persönlichkeit war. Dieser Glaube wurde deutlicher ausgesprochen, als im fünften Jahrhundert der Irrlehrer Pelagius das Dasein der Erbsünde und zugleich die Notwendigkeit der Welterlösung durch den Kreuzestod Jesu Christi leugnete. Gegenüber dieser Ketzerei ist vorzüglich der hl. Augustinus aufgetreten und hat mit der Macht seines Geistes die katholische Glaubenslehre verteidigt, daß alle Menschen mit der Makel der Erbsünde geboren werden, daß aber Maria, die Mutter unseres Herrn, von diesem Gesetz ausgenommen ist. Dieses besondere Privilegium der Mutter Gottes, dieses Freisein von der Erbsünde wurde dann von den Theologen auf eine zweifache Weise erklärt, ohne daß die Kirche selbst in feierlicher Entscheidung sich für die eine oder andere Erklärung aussprach. Einige Wenige deuteten dieses Privilegium der allerseligsten Jungfrau so, daß sie annahmen, Maria sei nicht ohne die Erbsünde empfangen, aber noch vor der Geburt von derselben befreit worden. Die andern deuteten den Vorrang der göttlichen Mutter so, daß sie annahmen, Maria sei immer, von dem ersten Augenblick ihres Daseins an, davon frei gewesen. Das erstere ist die Lehre von der unbefleckten Geburt, das letztere die von der unbefleckten Empfängnis Mariä.

Festlich gefeiert wurde dieses Geheimnis in der Kirche des Morgenlandes, welche die nächste Erbin der frommen Überlieferungen war, schon im sechsten Jahrhundert unter dem Titel „Mariä Empfängnis“. Im Abendland findet sich dieses Fest in Spanien eingeführt im achten Jahrhundert, im Neapolitanischen im neunten Jahrhundert; in England in Folge eines Wunders auf dem Meer zu Gunsten des frommen Abtes Helsin 1066; der hl. Anselm wirkte sehr tätig für dessen Verbreitung; in Deutschland durch das Konzil 1049. Endlich nahm auch die römische Kirche dieses Fest an, und durch ihre Mitwirkung erhob es sich zu einem der größten und allgemeinsten Feste der Christenheit. Im Laufe des elften Jahrhunderts wurde die Annahme immer allgemeiner, daß die Lehre von der unbefleckten Geburt Mariä gar wenig geeignet wäre, die absolute Sündenlosigkeit der Mutter des Welterlösers zu erklären, und daß die Lehre von der unbefleckten Empfängnis mit dem Glauben der heiligen Kirche weit mehr übereinstimme. (siehe: Duns Scotus Lehre von Immaculata)

Dieser fromme Glaube wurde von einer großen Anzahl durch Talent, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit hervorragender Männer durch ihre mit umfassender Wissenschaft verfaßten Schriften in so klares Licht gestellt, daß die ganze Christenheit sehnlichst wünschte, der Statthalter Jesu Christi auf Erden möchte es feierlich als katholische Glaubenslehre aussprechen, daß die heilige Mutter Gottes ohne Makel der Erbsünde empfangen worden sei. Ja, Papst Pius IX. sprach in seiner Enzyklika vom 2. Februar 1849 das Geständnis aus: „Man habe sich verwundert, warum die Kirche und der apostolische Stuhl der allerseligsten Jungfrau diese Ehre noch nicht zuerkannt hätten, welche ihr durch ein feierliches Urteil beigelegt zu sehen, die allgemeine, fromme Meinung der Gläubigen so sehnlichst wünschte.“ Pius fragte dann alle Bischöfe der ganzen Welt um ihr Zeugnis hierüber an. Als von allen fünf Weltteilen die Bischöfe und ihre Diözesen einstimmig ihren Glauben an die unbefleckte Empfängnis Mariä bestätigten und den Wunsch erneuerten, der Papst als der oberste Vater und Lehrer der Christenheit wolle diesen allgemeinen Glauben als katholische Lehre verkünden: da erhob sich am 8. Dezember 1854 Pius IX., der allverehrte Nachfolger des hl. Petrus, umgeben von dreiundfünfzig Kardinälen,, dreiundvierzig Erzbischöfen, hundert Bischöfen und einer ungeheuren Menge von Gläubigen und verkündete zum unbeschreiblichen Jubel der katholischen Welt das Dogma, „daß die Lehre, welche behauptet, die seligste Jungfrau Maria sei im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch eine besondere Gabe und Gnade des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt und frei geblieben, von Gott geoffenbart ist und folglich von allen Gläubigen fest und unverletzlich geglaubt werden muß.“

Bei diesem ewig denkwürdigen Anlaß hat der Orden des hl. Franz von Assisi, welcher vierhundert Jahre lang an diesem Triumph der Himmelskönigin so tätig gearbeitet hatte, der Hochgebenedeiten eine gar sinnige und rührende Huldigung dargebracht. Nachdem nämlich in der St. Peterskirche Pius IX. das Bild der makellosen Königin mit einem glänzenden Diadem gekrönt hatte, nahten ihm die beiden Vertreter des seraphischen Patriarchen; der eine, der General der Observanten, reichte ihm einen silbernen Lilienzweig; der andere, der General der Konventualen, einen blühenden Rosenzweig aus demselben Metall dar. Lilien und Rosen sind die Blumen der Jungfrau-Mutter, das Bild ihrer Reinheit und Liebe, während das Silber an den sanften Glanz des Gestirns erinnert, auf dem der Glanz der Sonne sich widerspiegelt.; denn Maria „ist schön wie der Mond“, sagt das Hohe Lied. Der Papst nahm bewegt diese Gaben für Maria an.
Unser heiliger Vater Papst Leo XIII. hat das Fest der unbefleckten Empfängnis zu einem Fest ersten Ranges mit Vigil erhoben.

aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 917-919

siehe auch: Was bedeutet unbefleckte Empfängnis – Tota pulchra es Maria

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