Worin besteht die christliche Tugend

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Worin besteht die christliche Tugend ?

Die christliche Tugend besteht im beharrlichen Willen und Streben, zu tun, was Gott wohlgefällig ist.

Das Wort „Tugend“ bezeichnet eine andauernde Tüchtigkeit und Geneigtheit des Willens, das Gute zu tun. Die Tugend besteht somit nicht in einer flüchtigen Hinneigung des Willens zum Guten, auch nicht in dem einen oder andern tugendhaften Akte, sondern in einer bleibenden Seelenstimmung, die den Menschen fähig und geneigt macht, das Gute bei jeder sich darbietenden Gelegenheit zu üben. Es ist demnach die Tugend der gerade Gegensatz vom Laster, welches nichts anderes ist als eine bleibende Geneigtheit des Willens, das Böse zu vollbringen. Während daher der Wille des Lasterhaften einer schlecht gestimmten Saite ähnlich ist, die lauter Mißtöne hervor bringt, gleicht der Wille des Tugendhaften einer wohl gestimmten Saite, die, so oft man sie anschlägt, in den reinsten und leiblichsten Tönen erklingt.

Wir müssen nun eine doppelte Art von Tugend unterscheiden, die natürliche Tugend und die übernatürliche oder christliche Tugend. Natürlich nennen wir die Tugend, wenn sie aus bloß natürlichen Kräften hervor geht und sich auf Beweggründe stützt, welche die bloße Vernunft uns an die Hand gibt. Übernatürlich oder christlich hingegen heißt dieselbe, wenn sie auf der göttlichen Gnade beruht und sich von Beweggründen leiten läßt, die der Glaube uns lehrt. Nur die letztere Art von Tugend kann uns zu dem Ziel hinführen, zu dem Gott uns aus Glückseligkeit. Eine bloß natürliche Tugend ist dazu nicht imstande, wie auch die bloße Vernunft uns den Weg nicht zu eigen vermag, der dahin führt. Deshalb verlangt Gott von uns, daß wir uns im Tugendstreben oder in der Übung des Guten vom Licht des Glaubens leiten lassen. Üben wir so das Gute, wie der Glaube es uns zeigt, dann tun wir, was Gott wohlgefällig ist; Gott aber hilft uns dabei mit seiner Gnade, so daß unsere Tugend dann eine übernatürliche oder christliche ist.

Natürliche Tugenden findet man auch bei den Heiden; denn auch sie vermögen das Gute zu üben, das die Vernunft ihnen zeigt. Und daß manche von ihnen dies wirklich getan, beweist die Geschichte, indem sie die Mäßigkeit des Fabricius, die Treue des Regulus u. dgl. m. berichtet. Solcher rein natürlicher Tugenden rühmen sich auch mitunter die Freidenker und Ungläubigen unserer Tage, welche die Vernunft als die höchste Gesetzgeberin betrachten und vom Glauben nichts wissen wollen. Allein, mögen sie auch derlei Tugenden besitzen, es sind dies keine christlichen Tugenden, denen allein die ewige Seligkeit verheißen ist. Der hl. Augustin verwies es dem Pelagianer Julian (Bch. 4, Kap. 3), jenem Freidenker des fünften Jahrhunderts, mit großer schärfe, daß er es gewagt, die Tugenden der Ungläubigen wahre Tugenden zu nennen; bei solchen könne von wahren Tugenden, die Gott wohlgefällig machen und zum Himmel führen, gar nicht die rede sein. Der große Kirchenlehrer geht daselbst von dem unbestreitbaren Grundsatz aus, „der Gerechte lebe aus dem Glauben“ (Hebr. 10, 38), ohne den Glauben sei es „unmöglich, Gott zu gefallen“ (Hebr. 11, 6), und zieht daraus die unabweisliche Schlußfolgerung, daß eine Tugend, die nicht im (christlichen) Glauben wurzelt, fruchtlos sei. Allerdings sagt er, werden jene, welche natürliche Tugenden geübt haben, am Tage des Gerichts minder streng bestraft werden, als wenn sie statt dessen die entgegen gesetzten Laster verübt hätten; allein auf himmlischen Lohn werden sie keinen Anspruch machen können. Wollen wir uns also die Krone des ewigen Lebens verdienen, so müssen wir uns christliche Tugenden aneignen: wir müssen uns in der Übung des Guten von den Grundsätzen des Glaubens leiten lassen und durch eifriges Gebet den beistand der Gnade erflehen.

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 373-374

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