Katechismus Natur und Zustand der Engel

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Vom apostolischen Glaubensbekenntnis

§ 4. Die Engel – 1. Natur und Zustand der Engel

Hat Gott nichts anderes als die sichtbare Welt erschaffen?

Gott hat auch eine unsichtbare Welt erschaffen, nämlich unzählige Geister, die wir Engel nennen.

Außer der sichtbaren Welt gibt es noch eine unsichtbare. Wir verstehen darunter die Engel, von denen an ungezählten Steller der Hl. Schrift die Rede ist. Die Engel bilden tatsächlich eine eigene Welt, d. h. ein großes, wohl geordnetes Ganze. Einen Begriff von der ungeheuren Zahl der Engel geben uns die Worte des Propheten Daniel, der in einem Gesichte Gott schaute, wie er auf einem erhabenen Throne saß und von zahllosen Engeln umgeben war. „Tausendmal tausend dienten ihm“, sagt er, „und zehntausendmal hunderttausend standen vor ihm.“ (Dan. 7,10) Auch Christus spricht von „Legionen“ von Engeln, die sein Vater ihm senden würde, wenn er darum bäte. (Matth. 26,53) Alle diese Engel sind, wie gleichfalls aus der hl. Schrift hervorgeht, in verschiedene Klassen oder Chöre eingeteilt, von denen die einen den anderen ungeordnet sind. Genaueres darüber werden wir später noch hören.

Auch diese unsichtbare Welt hat Gott durch sein Machtwort: „Es werde!“ ins Dasein gerufen. Das ist die ausdrückliche Lehre der Kirche, die im vierten Konzil vom Lateran, Gott „den Schöpfer aller geistigen und körperlichen Wesen“ nennt, „der durch seine allmächtige Kraft die geistige und die körperliche Kreatur erschaffen hat, die Engel nämlich und die Körperwelt, und sodann den Menschen, der aus Geist und Körper zusammen gesetzt ist“. Diese Lehre wurde vom Vatikanischen Konzil neuerdings bestätigt und eingeschärft. (Sitz. 3, Kap. 1, u. Kan. 5)

Die Engel sind ihrer Natur nach reine Geister, d. h. Wesen, die Verstand und freien Willen, aber keinen Leib haben. Hierin sind sie Gott ähnlich, der ja auch ein reiner Geist ist, während im Menschen der Geist mit einem Körper verbunden ist. Infolge dessen stehen die Engel hoch über den Menschen, vor denen sie auch noch andere Vorzüge haben, wie wir nachher sehen werden. Der Name „Engel“ heißt soviel als „Bote“ oder „Gesandter“. Er deutet an, daß Gott der Herr, dessen Thron sie im Himmel umgeben, sie auszusenden pflegt, um seinen heiligen Willen zu vollziehen. Sehr treffend sagt hierüber der hl. Augustinus (Üb. Ps. 103): „Engel ist der Name des Amtes, nicht der Natur. Fragst du nach dem Namen der Natur? Er lautet Geist. Fragst du nach dem Namen des Amtes? Er heißt Engel.“ Sowohl die geistige Natur als auch das Amt der Engel liegt deutlich ausgedrückt in den Worten des hl. Paulus, wo er von den Engeln redend sagt: „Sind sie nicht alle dienende Geister, ausgesandt um derentwillen, welche die Seligkeit erwerben sollen?“ (Hebr. 1,14)

Die Hl. Schrift erzählt zwar wiederholt von Engel-Erscheinungen, bei denen sie sich in körperlicher Gestalt zeigen. Diese Gestalt war ihnen aber keineswegs von Natur eigen; sie nahmen dieselbe nur auf einige Zeit an, im mit den Menschen, zu denen Gott sie sandte, sichtbar zu verkehren, wie es der Erzengel Raphael dem Tobias ausdrücklich bekannte. „Ich schien zwar mit euch zu essen und zu trinken; jedoch unsichtbare Speise genieße ich. Nun ist es Zeit, daß ich zurück kehre zu dem, der mich gesandt hat.“ (Tob. 12, 19.20) In der bildlichen Darstellung gibt man den Engeln Flügeln, um damit die Schnelligkeit anzudeuten, mit welcher diese Himmelsboten die Befehle Gottes vollziehen. Auch was die Hl. Schrift von Schalen und Weihrauch-Gefäßen sagt, worin die Engel den Wohlgeruch unserer Gebete Gott darbringen, sowie von den Gesängen, wodurch sie den Allerhöchsten preisen, ist bildlich zu verstehen.

Es sei hier beiläufig bemerkt, daß die Lehre vom Dasein reiner Geister der menschlichen Vernunft in hohem Grade entspricht. Diese findet es nämlich durchaus angemessen, daß es im Weltall Geschöpfe gebe, welche auch Gottes rein geistige Natur in sich abspiegeln. So entsteht dann jene wundervolle Abstufung und ununterbrochene Reihenfolge von Wesen, die ihrem göttlichen Urheber in immer höherem Maße ähnlich werden. Die leblosen Dinge haben ihrer Natur nach eine Ähnlichkeit mit Gott durch ihr Sein, die Pflanzen durch ihr (vegetatives) Leben, die Tiere durch Leben und Empfindung, die Menschen durch ihr teilweise geistiges Wesen; die Engel endlich stehen vermöge ihres rein geistigen Wesens auf der höchsten Stufe der natürlichen Gottähnlichkeit.

Wie waren die Engel, als Gott sie erschaffen hatte?

Sie waren alle gut und glücklich und mit herrlichen Gaben, insbesondere mit der heiligmachenden Gnade, ausgestattet.

Die Engel gingen reich begabt aus der Hand des Schöpfers hervor. Sie hatten von Natur einen hohen, durchdringenden Verstand, um Gott in seinen Werken zu erkennen; einen wohl geordneten Willen, um ihn dieser Erkenntnis gemäß zu lieben, und eine ausgezeichnete Kraft, dessen Willen zu vollbringen: erhabene Vorzüge, aus denen ein hoher Grad natürlicher Seligkeit entsprang. Sie waren über dies von ihrem Schöpfer mit der heiligmachenden Gnade ausgestattet und bestimmt worden, nach kurzer Prüfung zur vollkommenen Seligkeit, die in der unmittelbaren Anschauung Gottes besteht, zu gelangen.

Daß die Engel gleich im Anfang das kostbare Geschenk der heiligmachenden Gnade erhalten haben, ist allgemein angenommene Lehre. Der römische Katechismus gründet dieselbe auf jene Worte des Heilandes: „Der Teufel ist in der Wahrheit nicht bestanden“ (Joh. 8,44), wo der Ausdruck „Wahrheit“ anerkannter Maßen die ursprüngliche Gerechtigkeit bezeichnet. Auch erscheint es sozusagen als selbstverständlich, daß Gott den Engeln nicht versagte, was er den Menschen gab; denn daß die Menschen bei ihrer Erschaffung die heiligmachende Gnade empfingen, ist ausdrückliche Lehre der Kirche und in der hl. Schrift selbst unzweideutig enthalten. Die Engel waren ja auch, wie schon gesagt, zu derselben übernatürlichen Seligkeit berufen wie die Menschen; die heiligmachende Gnade aber war dazu die entsprechende Vorbedingung. – Von der Weisheit der Engel zeugen jene Worte der Hl. Schrift, wo eine vorzügliche Weisheit mit der Weisheit eines Engels verglichen wird: „Du Herr, mein König, bis weise, wie ein Engel Gottes weise ist.“ (2. Kön. 14,20) Desgleichen deuten die heiligen Bücher auf die außerordentliche Kraft der himmlischen Geister hin. So heißt es (Ps. 102,20): „Lobet den Herrn, ihr alle seine Engel, die ihr mit gewaltiger Kraft vollzieht seinen Willen.“ Das ist auch der Grund, weshalb sie „Mächte und Heerscharen“ des Herrn genannte werden. Die erstaunlichste Kraft der Engel offenbaren uns auch manche Beispiele der heiligen Geschichte, unter anderen die Niederlage des assyrischen Königs Senacherib, wovon geschrieben steht (Is. 37,36): „Da ging aus der Engel des Herrn und erschlug im Lager der Assyrer in einer Nacht) 185000 Mann.“

Obgleich nun alle seligen Engel ohne Ausnahme erhabene und mächtige Geister sind, so gibt es doch nach dem Zeugnis der Hl. Schrift neun verschiedene Klassen derselben, die man auch die neun Chöre der Engel nennt, nämlich: Engel, Erzengel (1. Thess. 4,15), Kräfte, Mächte, Herrschaften, Oberherrschaften (Eph. 1,21), Thronen (Kol. 1,16), Cherubim (Ez. 10) und Seraphim (Is. 6,2). (1) – Hinsichtlich des Unterschiedes der genannten Chöre drückt sich der hl. Augustin (2) folgender Maßen aus: „Ich glaube auf das unzweifelhafteste, daß die Engel sich irgendwie unterschieden, aber was jene Namen bedeuten, und wie sie sich wirklich unterscheiden, weiß ich nicht.“ Es ist jedoch nach der Bemerkung des hl. Bernhard (3) weder unnütz noch unerlaubt, nach diesem in der Schrift selber angedeuteten Unterschiede zu forschen und sich darüber eine Meinung zu bilden. Wir führen hier die des hl. Gregor des Großen an. Der Ansicht dieses hl. Lehrer gemäß (4) werden die Engel zur Ankündigung minder bedeutender Dinge, die Erzengel aber zu den wichtigsten Sendungen verwendet. (5) Die Kräfte wirken auf Gottes Geheiß Wunder und außerordentliche Zeichen. Den Mächten sind die Geister der Finsternis unterworfen. Den Herrschaften ist die Macht gegeben, auch den guten Geistern untergeordneten Ranges vorzustehen. Die Oberherrschaften heißen so, weil ihnen auch die Herrschaften untergeben sind. Die Thronen sind vermöge ihrer Gnadenfülle gleichsam Gottes Beisitzer in seinen Gerichten. Die Cherubine zeichnen sich vorzüglich aus durch wunderbare Weisheit, die Seraphim endlich durch flammende Liebe. Ein sprechendes Abbild dieser himmlischen Hierarchie bietet sich uns in der kirchlichen Hierarchie dar. Die Spitze derselben bildet der sichtbare Stellvertreter Gottes auf Erden, der Papst. Dessen Thron umstehen die Kardinäle, ausgezeichnet durch Frömmigkeit, Wissenschaft und Klugheit. Auf diese folgen die Erzbischöfe, Bischöfe und Priester in schöner Abstufung und endlich die Diakonen, welche den Priestern im heiligen Amt beistehen und deshalb in den ersten Zeiten der Kirche „Engel“ genannt wurden.

(1) Diese neun Chöre werden von Gregor dem Großen, Thomas von Aquin u.a. in drei Rangordnungen zu je drei Chören abgeteilt. In der Bestimmung jedoch, welche Chöre zu jedweder Rangordnung gehören, kommen nicht alle überein. Im Katechismus folgen die Chöre der Engel derselben Ordnung wie beim hl. Gregor in de 34. Homilie über die Evangelien.
(2) Lib. Ad Oros. Contr. Priscil. c. 11.
(3) Hom. 34 in Evang. n. 10.
(4) Lib. 5. de considerat. c. 4. n. 7.
(5) So war es Gabriel, ein Erzengel, der den Auftrag erhielt, der Mutter des Herrn das Geheimnis der Menschwerdung zu verkünden. Indessen ist zu bemerken, daß der Name „Erzengel“ auch gebräuchlich ist, um überhaupt Geister höheren Ranges zu bezeichnen. So werden Michael, Gabriel und Raphael von den Auslegern der Schrift den höchsten Rangordnungen der himmlischen Geister beigezählt.

Blieben auch alle Engel gut und glücklich?

Nein, viele Engel sündigten und wurden in die Hölle gestürzt. Diese heißen „Teufel“ oder „böse Geister“.

Die Engel waren nach ihrer Erschaffung dem Orte nach zwar im Himmel; denn von dort wurde Luzifer mit seinem Anhang nach der Sünde herab gestürzt, gemäß den Worten Christi: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“ (Luk. 10,18) Gleichwohl genossen sie noch nicht jene Seligkeit, die in der unmittelbaren Anschauung Gottes besteht. Diese sollten sie sich zuvor verdienen. Zu dem Ende unterwarf sie Gott einer Prüfung, wie der dies später auch mit den ersten Menschen tat. Worin dieselbe bestand, wissen wir nicht bestimmt; aber das wissen wir, daß Luzifer, einer der höchsten Engel, und mit ihm ein großer Teil der übrigen die Prüfung nicht bestand. Aus Stolz empörten sich sich gegen Gott, übertraten sein Gebot und sündigten schwer. (6) Deshalb wurden sie von Gott auf ewig verstoßen und büßen nun ihren Frevel in der Hölle. Der hl. Petrus erwähnt die Strafe (2. Br. 2,4), indem er sagt: „Gott hat die Engel, die gesündigt hatten, nicht verschont, sondern sie mit Ketten der Hölle gefesselt, in den Abgrund gestürzt und der Qual übergeben.“ Ähnlich spricht der hl. Apostel Judas (V. 6): „Die Engel, welche ihre Würde nicht bewahrten, sondern ihre Wohnung verlassen mussten, hat er zum großen Gerichtstage mit ewigen Banden in der Finsternis aufbehalten.“

Die gefallenen Engel werden „böse Geister“ oder „Teufel“ genannt. Ihr Dasein ist in der hl. Schrift und in der gesamten Erblehre so fest begründet und von der heiligen Kirche so ausdrücklich und vielfach ausgesprochen, daß man den ganzen christlichen Glauben aufgeben muss, wenn man dasselbe leugnet oder die bösen Geister bloß für Sinnbilder der Bosheit, für schlechte Gedanken, Versuchungen und dgl. erklären will.

(6) Nicht unwahrscheinlich ist die Meinung, Gott habe den Engeln im voraus das Geheimnis der Menschwerdung geoffenbart und von ihnen verlangt, daß sie bereit seien, den Gottmenschen anzubeten und sich ihm als ihrem Herrn und König zu unterwerfen; Luzifer, darob in seinem Stolz verletzt, habe sich dessen geweigert und den Anspruch erhoben, daß der Sohn Gottes, falls er eine geschaffene Natur zur persönlichen Vereinigung mit sich erheben wollte, die seinige dazu erwähle. Vgl. Suarez, De angelis, Lib. VII, cap. 13.

Der Fall der ersten Engel und ihre Strafe enthalten für uns zwei erschütternde Lehren.

a) Wenn so hohe, himmlische Geister, die weit entfernt waren von der Gebrechlichkeit unserer menschlichen Natur und frei von allen ungeordneten Neigungen, dennoch sündigen und schwer sündigen konnten, wer von uns dürfte sich dann sicher glauben und auf seine eigene Kraft vertrauen? Gerade der Stolz war es ja, der die Engel zum Fall brachte, und niemand ist dem Fall näher, als wer in stolzer Selbstüberschätzung auf seine eigene Tugend baut. „Sterne sah ich vom Himmel fallen“, sagt Thomas von Kempen (III. 14), „und ich Staub, worauf soll ich Zuversicht setzen? Solche, deren Werke preiswürdig schienen, sind sehr tief gefallen, und die das Brot der Engel aßen, sah ich an den Trebern der Schweine sich erlaben.“ Nur demütiges Mißtrauen auf sich selbst und festes Vertrauen auf Gott, oder was auf dasselbe heraus kommt, gewissenhafte Meidung der Gefahr und eifriges Gebet vermögen uns vor dem Fall zu bewahren. –

b) Nur eine schwere Sünde begingen die Engel, und wie furchtbar wurden sie dafür bestraft! Vorher überaus schön und herrliche, werden sie in einem Augenblick in die häßlichsten aller Geschöpfe verwandelt; die so stolzen, erhabenen Geister werden mit unaussprechlicher Schmach bedeckt; aus den Wonnen des Himmels werden sie hinab gestürzt in die Qualen der Hölle und ohne den geringsten Hoffnungsschimmer einer ewigen Verzweiflung preisgegeben! Und wer hat diese Strafe verhängt? Der allgerechte Gott, der nicht zu schwer strafen kann. Über wen hat er sie verhängt? Über seine erstgeborenen Kinder, denen er bis dahin ein liebender Vater gewesen. Wann hat er die Strafe eintreten lassen? Sofort nach der sündigen Tat, ohne Gnadenfrist. Wenn diese eine Sünde wirklich eine solche Strafe verdiente, was müssen wir dann überhaupt von der Bosheit einer Todsünde denken? Wie abscheulich muss eine solche in den Augen des allheiligen Gottes sein? Wie töricht jene, die sie nur für eine Kleinigkeit halten! Wie frevelhaft und vermessen, die, welche sie so leichtfertig begehen! Nehmen wir darum von jetzt an Gottes Urteil zur Richtschnur unseres Handelns und bringen wir eher alles zum Opfer, als daß wir auch nur eine schwere Sünde begehen!

Wie hat Gott die treu gebliebenen Engel belohnt?

Er hat sie mit der ewigen Seligkeit belohnt, welche in der Anschauung und im Besitz Gottes besteht.

Der hl. Erzengel Michael und unzählige andere himmlische Geister folgten nicht dem Beispiel des rebellischen Luzifer, sie unterwarfen sich vielmehr dem Allerhöchsten und gaben ihm die gebührende Ehre. Dafür wurden sie aber auch mit göttlicher Freigebigkeit belohnt. Gott verlieh ihnen die unmittelbare Anschauung seiner Gottheit und machte sie dadurch unaussprechlich selig und jeglicher Sünde unfähig. Jahrtausende sind die getreuen Engel nun im Besitz dieser Seligkeit. Wo immer sie sich aufhalten mögen, überall „sehen sie das Angesicht des Vaters, der im Himmel ist“. (Matth. 18,10) Und dieser Anblick des göttlichen Antlitzes, dieser volle, ungestörte, unverlierbare Besitz des höchsten Gutes erfüllt sie mit seligem Jubel und glühender Liebe. Darum preisen sie Gott unaufhörlich und rufen Tag und nacht: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der allmächtige… Dem, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis in alle Ewigkeit!“ (Offb. 4,8 u. 5,13) –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 1, 1911, S. 202 – S. 207

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