Rückkehr zu Christus der ewigen Wahrheit

Weiß: Rückkehr zu Christus der Wahrheit

1902

Teil 3: Rückkehr zu Christus, der ewigen Wahrheit

Und wiederum die Einleitung zum ersten Brief an die Korinther, diese auf ihre Bildung und ihren Reichtum so stolzen Griechen! Geht sie etwa dem aus dem Wege, was diese eingebildeten Geister hätte verletzen können? Ja, was sage ich, aus dem Wege gehen! Als ob sie nicht mit ausgesuchter Schärfe gerade das hervor höbe, was ihnen am meisten Überwindung kosten musste! Die Juden verlangen Wunderzeichen, ihr Heiden schillernde Weisheit; das Kreuz des Herrn Jesus Christus ist euch allen miteinander ein Anstoß, jenen ein Ärgernis, euch eine Torheit. Und eben deshalb predigen wir Christum den Gekreuzigten. Denn die Weisheit der Menschen muss durch das besiegt werden, was ihnen an Gott töricht erscheint, und ihre Stärke durch das, was sie für Schwäche halten, damit keiner sich vor Gott rühmen könne.

O Paulus, Paulus, wo hast du die Klugheit, wo hast du die Menschenkenntnis hingebracht, die man dir sonst zugetraut hat? Redet man so zu Menschen, die von ihrer eigenen Bildung eingenommen sind? Heißt das nicht selbst die abstoßen, die immerhin noch für die Wahrheit empfänglich wären, wenn man sie ihnen nur nicht so unvermittelt und so schroff sagen würde! Aber Paulus verstand nichts von all dieser Klugheit des Fleisches, die sich so gern freigebig zeigt auf Kosten der göttlichen Wahrheit, nichts von dieser verkehrten Menschenrücksicht, die es lieber mit Gott verdirbt und die Menschen ihrem Verderben überläßt, als daß sie sich Unannehmlichkeiten zuzöge. Und der Erfolg hat gezeigt, daß er damit Gottes Absichten entsprach, denn es gefiel Gott, die Weisheit der Weisen zu Schanden zu machen, dagegen die Gläubigen durch die Torheit der Predigt zu retten. (1. Kor. 1, 21)

Ja hätten wir nur wieder etwas von dieser Torheit, nur ein klein wenig von der Torheit Gottes und der Apostel! Wir haben zu viel, viel zu viel Klugheit, und darum fliehen wir vor unserer schweren Aufgabe wie Jonas, darum sind wir so töricht geworden, so schwach, so leer, so schales Salz. Von allem wissen wir zu reden, von den Jahrmilliarden, die dem Auftreten der Trilobiten vorhergingen, von ägyptischen Katzenmumien und assyrischen Scherben, von all den Richtungen des modernen Romans und von den Vorteilen, die Bergsport, Turnen und Radfahren für den Geistlichen bringen. Sobald wir aber von dem reden sollten, in dessen Namen allein alles Heil beschlossen ist, dann verstummen wir – vorausgesetzt, daß wir überhaupt an ihn denken – aus Furcht, wir könnten die empfindlichen Ohren dieses Geschlechtes verletzen und uns selber einen Blick der Verachtung zuziehen. Für alles haben wir Interesse, für die Öde der Zeitungen vor allem, für Novellen und Bilderbücher, mögen sie auch unserer Seele Gefahr und den Gläubigen Ärgernis bieten; aber die Lesung der Evangelien und der apostolischen Schriften läßt uns kalt und teilnahmslos, und mit den Vorbildern der christlichen Heilsordnung im Alten Testament geben wir uns kaum mehr ab. Darum ist auch unsere Predigt so leer geworden von Christus und von den Dingen des Glaubens. Ein wenig Moral und viel Politik, dazu eine reichliche Blütensammlung von den Dingen, die wir eben gelesen haben, das ist gar manchmal, was die Leute nach Hause tragen. Daß wir durch und durch gesättigt seien vom Wort Gottes und voll von Christus, daß aus unserem Inneren, nicht bloß von unseren Lippen, Ströme, nicht bloß Tropfen, lebendigen, Leben bringenden Wassers fließen (Joh. 7, 38), den Eindruck werden sie wohl nur selten mit sich nehmen. Und dann donnern wir unvermeidlich jedes Jahr am Sonntag Sexagesima darüber, daß die böse Welt keinen Geschmack mehr habe an der Predigt, d. h. an dem Wort Gottes.

Arme Welt, die du alles hast, Reichtum, Bildung, Macht, nur den nicht, ohne den du nicht leben kannst, Christum, deinen Erlöser! Arme Predigt, arme Theologie, arme Schriftauslegung, die du so zeitgemäß geworden bist, daß dir der Ewige fremd ward! Armer Herr Jesus, der du nun auch das Schicksal des Heiligen Geistes teilst, des vergessenen, des verlassenen, des ungenannten!

Nein, auf diesem Wege werden wir den Lauf der Dinge nicht mehr aufhalten. Wenn wir nicht ernstlich zu Christus, dem König der Jahrhunderte, zurückkehren und ihn wieder feierlich in diese Gesellschaft einführen, dann wird das 20. Jahrhundert kein Jahrhundert des Heiles werden. In keinem anderen Namen ist der Welt das Heil gegeben als im Namen Jesu (Apg. 4, 12), heute so wenig wie in den Tagen der Apostel. Und keiner wird der Welt in ihrer Not Hilfe und Heil bringen als der, der ihr diesen Namen verkündigt, und müsste er auch um dieses Namens willen Schmach und Tod leiden wie die Apostel. O hätten wir nur wieder Apostel bereit, alles zu verlassen um des Herrn Jesu willen, fähig, sich selber hinzuopfern für die Ehre des Herrn Jesu, Apostel, denen jedes Wort ungenießbar wäre, wenn es nicht an den Herrn Jesus erinnert, Apostel, die den Herrn Jesus so im Herzen trügen, daß ihnen sein Name auf die Lippen käme, so oft sie diese nur öffnen, apostolische Männer des Glaubens, apostolische Männer des Gebetes, apostolische Geistesmänner, dann brauchte uns nicht bang zu sein um das 20. Jahrhundert, denn solange Christus in ihm herrscht, und das wäre dann gesichert, so lang kann es nicht gottverlassen sein.

Allerdings die Lage ist ernst, und die Aufgabe, die uns zu Beginn des neuen Jahrhunderts erwartet, so vielseitig, daß einem einige Bangigkeit kommen möchte. Zahllose Fragen stehen vor uns, alle ungelöst, alle dringend, alle unabsehbar in ihren Folgen. Dennoch brauchen wir keineswegs das Verderben als unheilbar hinzustellen und darüber den Mut verlieren. Denn alle diese Fragen ruhen zuletzt auf der einen Frage: Was haltet ihr von Christus? Weiß die Zeit auf diese Frage keine befriedigende Antwort zu geben, dann ist es freilich um sie geschehen. Solange sie aber darauf richtig antwortet, wird sie immer den Kompass finden, der sie durch alle Labyrinthe leitet, denn in ihm hat sie den, der uns von Gott geworden ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zu Erlösung. (1. Kor. 1,30) –
aus: Albert Maria Weiß, Lebens- und Gewissensfragen der Gegenwart, Bd. II, 1911, S. 391 – S. 395

Teil 1: Rückkehr zu welchem Christus der Wahrheit?

Teil 2: Jesus predigen auf apostolische Weise

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