Papst Stephanus VI. (885-891)

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Das Fundament des Hl. Stuhles ist Christus

Papst Stephanus VI. (regierte 885 bis 891)

Als Hadrian starb, hatte ganz Italien unter anhaltender Dürre sehr zu leiden. Mehrere Monate schien der Himmel wie verschlossen, kein Regentropfen erfrischte die ausgetrocknete Erde, und zahllose Heuschrecken-Scharen verzehrten noch überdies die letzte Hoffnung des Landmannes. Unter dem Druck dieser Bedrängnisse verlangte das Volk mit lauter Stimme nach einem Papst, der durch seinen frommen Wandel ein wirksamer Fürsprecher bei Gott sei und dessen strafenden Arm abwende. Klerus, Volk und Senat erwählten Stephanus einmütig zum Papst.

Stephanus hatte sich verborgen, wurde aber aus seinem Versteck hervorgeholt und trotz allen Widerstrebens zum Lateran geführt. Noch bevor der Zug dort ankam, fiel ein reichlicher Regen, was als eine Bestätigung der Papstwahl von Seiten des Himmels angesehen wurde.

Stephanus entstammte einer der edelsten und reichsten Familien Roms, war trefflich unterrichtet, wurde von Hadrian zum Subdiakon geweiht und unter die Zahl der Hausgeistlichen des Laterans aufgenommen. Marinus, der ihn sehr hoch schätzte, weihte ihn zum Diakon und Priester und stellte ihn der Kirche Quatuor Coronati vor. (1) Stephanus führte ein wahrhaft heiliges Leben, war keusch und rein an Leib und Seele, von wohlwollendem Charakter, zugleich von gewinnender Gestalt, gelehrt und Vater der Armen. Als er den Lateranpalast bezog, verteilte er sein nicht unbedeutendes Vermögen unter die Armen, umgab sich mit Männern von erprobter Frömmigkeit und Weisheit und fand sein größtes Vergnügen darin, arme Waisenkinder und verarmte Leute an seine Tafel zu ziehen.

Den Schmähbrief des Kaisers Basilius, der noch an Papst Hadrian gerichtet war, beantwortete Stephanus dahin, daß er den angegriffenen Papst Marinus in Schutz nahm und den Kaiser tadelte, da er den exkommunizierten Photius begünstigte, die römische Kirche aber mit Schmach belade. Als der Brief ankam, war Basilius nicht mehr am Leben. Sein Sohn und Nachfolger Leo der Philosoph, entsetzte Photius und verbannte ihn; den ehrwürdigen Patriarchenstuhl aber entehrte er dadurch, daß er seinen 16-jährigen Bruder auf denselben erhob.

Es wird auch berichtet, daß Papst Stephanus in einem Schreiben an Swatopluk, den Mährerfürsten, die slawische Liturgie (Sprache beim Gottesdienst) verbot, die Papst Nikolaus I. und Hadrian II. gestattet, Johannes VIII. beschränkt hatte. Es erhebt sich da die Frage, warum wohl der eine Papst die Vergünstigungen aufhebt, die der andere gewährt hat. Die Antwort ist unschwer zu erteilen. Vergünstigungen, die zu einer Zeit heilsam und gewissermaßen notwendig sind, sind es zu anderer Zeit nicht mehr.

Nachdem nun die Slawen zum Glauben bekehrt waren, konnten sie sich leicht dem allgemeinen Gebrauch der Kirche fügen und die Sonderinteressen dem höheren Gut der kirchlichen Einheit opfern. Diese Forderung zu stellen, hat der Papst als oberster Regent der Kirche gewiss das Recht.

Der Ruf seines heiligen Wandels und der unbegrenzten Wohltätigkeit zog Scharen von Pilgern aus dem Morgen- und Abendland herbei, die sich an den heiligen Stätten erbauen und den Segen des heiligen Oberhirten empfangen wollten. Er starb im Sommer 891. –
aus: Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste, II. Band, 1907, S. 283 – S. 284

(1) Gleich nach der Wahl wurde er durch den Bischof Formosus von Porto zum Bischof geweiht, was aber den deutschen Kaiser schwer beleidigte. Doch eine päpstliche Gesandtschaft bewies dem Kaiser, daß Geistlichkeit und Volk einig waren und gerade der kaiserliche Gesandte den neuen Papst besonders zur Annahme der hohen Würde bewogen hatte.

Der neugewählte Papst säumte keinen Augenblick, die Not des Volkes zu lindern. Ebenso besuchte er die Kirchen und päpstlichen Wohnungen in Rom, wo sich alles in kläglichem Zustand befand. Die Altäre waren entweiht und die Kirchen durch die Sarazenen ihres Schmuckes beraubt, die Wohnung des vorhergehenden Papstes geplündert. Es war nichts mehr vorhanden, um die Bedürfnisse der Geistlichkeit zu decken, um die Gefangenen loszukaufen und das Volk mit Nahrungsmitteln zu versehen. Da die Römer nämlich nichts mehr sahen als Diebstahl, Raub und Krieg, verwilderten sie und bekamen selbst Lust am Stehlen. Es bildete sich dabei die Gewohnheit, an der niemand mehr etwa Schlimmes fand, daß beim Tod eines Papstes der Lateran geplündert wurde.

Um sein Vaterland von der Heuschrecken-Plage zu befreien, welche es seit Jahren heimsuchte, versprach er für die Vernichtung derselben große Belohnung. Dieses Mittel erwies sich aber als unzureichend. Nun nahm er seine Zuflucht zum Gebet. Er begab sich in die Kapelle des heiligen Gregor, wo er lange unter Tränen zu Gott flehte. Dann segnete er Wasser, ließ es verteilen, indem er sagte: „Gebt von diesem Wasser den Landleuten, damit sie es aussprengen über die Fluren und Weinberge und dabei die Hilfe Gottes anrufen.“ Überall, wo das geweihte Wasser angewendet wurde, verschwanden die Heuschrecken.

Fast zu derselben Zeit, als diese Veränderung im Morgenland vor sich ging, gab es auch einen großen Umschwung in Deutschland. Karl der Dicke hatte sich für die Regierung so unfähig erwiesen, daß die Großen des Reiches gezwungen waren, ihn im November des Jahres 887 abzusetzen, eine Schmach, die er nicht lange überlebte. Die Deutschen wählten nun Arnulf, einen Sohn Karlmanns, zum König. Aber diese Wahl hatte sehr schlimme Folgen für Italien, wo zwei mächtige Fürsten, die Herzöge Berengar von Friaul und Guido von Spoleto um die erledigte italienische Krone kämpften. Anfangs wollte der kluge Papst Stephan den deutschen König Arnulf zur Übernahme der italienischen Krone bewegen und bemühte sich im Jahr 890 unter Vermittlung des Mährenfürsten Swatopluk vergebens, den deutschen König zur Reise nach Italien zu bewegen. Dieser hatte aber im eigenen Land noch viel zu ordnen. Daher krönte der Papst den bereits zum König von der Lombardei erhobenen Herzog Guido von Spoleto im Februar des Jahres 891 zum römischen Kaiser. Das war die letzte feierliche Handlung des Papstes; denn er starb am 14. September desselben Jahres. –
aus: Chrysostomus Stangl, kath. Weltpriester, Die Statthalter Jesu Christi auf Erden, 1907, S. 323 – S. 325

Category: Papsttum, Stangl
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