Leo XIII Die Kirche und der Sozialismus

Hut, bischöflicher Krummstab, Kleidungsstücke eines Papstes

Die Kirche und der Sozialismus

Papst Leo XIII. sitzt in seiner päpstlichen Kleidung in seinem Arbeitszimmer, links von ihm sieht man auf einem Art Altar ein Kruzifix, rechts ist ein Bücherschrank

Auszug aus dem Schreiben

Quod Apostolici muneris

von Leo XIII. v. 28.12.1878

Der Sozialismus rüttelt an den Fundamenten des Staates

472. Wie es die Pflicht Unseres Apostolischen Amtes von Uns verlangte, haben Wir sogleich bei Beginn Unseres Pontifikates nicht unterlassen, Euch auf die Verderben bringende Seuche aufmerksam zu machen, welche durch das Lebensmark der menschlichen Gesellschaft schleicht und sie in die äußerste Gefahr bringt; zugleich haben Wir die wirksamsten Heilmittel angegeben, durch welche sie Genesung erlangen und den so schweren Gefahren entrinnen könne. Aber die Übel, welche Wir damals beklagen mussten, sind seitdem in kurzer Zeit derart gewachsen, daß Wir Uns abermals veranlaßt fühlen, an Euch einen Mahnruf zu erlassen, da Uns gleichsam die Stimme des Propheten in den Ohren klingt: „Rufe, höre nicht auf zu rufen, erhebe wie eine Posaune deine Stimme“ [Is. 58,1]. Ohne Schwierigkeit erkennt Ihr, Ehrwürdige Brüder, daß von jener Partei die Rede ist, welche mit verschiedenen und fast wilden Namen: Sozialisten, Kommunisten oder Nihilisten bezeichnet werden. Diese sind auf der ganzen Erde verbreitet und durch ein unheiliges Bündnis aufs engste miteinander verknüpft. Sie suchen nicht mehr im Dunkel geheimer Zusammenkünfte Schutz, sondern öffentlich und kühn treten sie ans Licht und sind eifrig bemüht, den längst gefaßten Plan auszuführen: die Grundfesten jeglicher bürgerlichen Gesellschaft zu zerstören. Jene sind es nämlich, welche, um sie mit dem Worte Gottes zu bezeichnen, „das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und die Würde lästern“ [Jud. 8]. Nichts von dem, was durch menschliche und göttliche Gesetze zum Wohle und zur Zierde des Lebens mit Weisheit angeordnet ist, lassen sie unangetastet noch unversehrt. Den Obrigkeiten, welchen nach der Mahnung des Apostels ein jeder untertan sein soll und welchen Gott das Vorrecht zu Herrschen verliehen hat, verweigern sie den Gehorsam und verkündigen die vollkommene Gleichheit aller Menschen in ihren Rechten und Pflichten.

Die natürliche Verbindung von Mann und Frau, welche sogar den unzivilisierten Völkern heilig ist, entkleiden sie ihrer Würde; und ihr Band, welches der häuslichen Gemeinschaft vorzugsweise Halt verleiht, lockern sie oder überlassen es der fleischlichen Lust. Verlockt endlich durch die Gier nach zeitlichen Gütern, welche „die Wurzel aller Übel ist und schon manche, welche sich ihr ergeben, zum Abfall vom Glauben verleitet hat“[1. Tim. 6,10], bekämpfen sie das durch das Naturgesetz geheiligte Eigentumsrecht. Unter dem Scheine, als kämen sie den Bedürfnissen aller Menschen hilfreich entgegen und erfüllten sie ihre Wünsche, suchen sie durch entsetzliche Frevel alles, was man sich auf Grund rechtmäßiger Erbschaft, oder durch geistige Anstrengungen und durch der Hände Fleiß oder durch Sparsamkeit erworben, an sich zu reißen und als Gemeingut zu besitzen. Diese scheußlichen Irrtümer verkündigen sie in ihren Versammlungen, verbreiten sie durch Schriften und werfen sie durch eine ganze Flut von Zeitungen unter das Volk. Infolgedessen wurde die ehrwürdige Hoheit und Gewalt der Regenten bei dem aufrührerischen Volke so verhaßt, daß ruchlose Verräter alle Zügel zerrissen und in einem kurzen Zeitraum mehrere Male selbst als einmal auf die Staatsoberhäupter in gottlosem Wagnis Attentate verübten.

Der erste Anfang liegt in den Irrtümern des 16. Jahrhunderts

474. Ehrwürdige Brüder, Ihr wißt es wohl, daß der so erbitterte Kampf, welcher gegen den katholischen Glauben vom Beginn des 16. Jahrhunderts an von den Neuerern erregt worden ist und in dem denkbar höchsten Maße bis in unsere Zeit von Tag zu Tag an Heftigkeit gewachsen ist, dahin zielt, nach Beseitigung jeder Offenbarung und nach Vernichtung jeglicher Ordnung, den Erfindungen der „reinen Vernunft“ oder vielmehr ihren Faseleien Eingang zu verschaffen. Da dieser Irrtum, welcher seinen Namen fälschlicherweise von der Vernunft ableitet, die dem Menschen von Natur aus innewohnende Sucht, sich hervorzutun, an sich lockt und reizt, und jeder Art von Leidenschaft die Zügel schießen läßt, so hat er nicht bloß die Herzen sehr vieler einzelner Menschen, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft in den weitesten Kreisen durchdrungen. Daher hat man mit einer gewissermaßen ganz neuen und selbst den Heiden unerhörten Gottlosigkeit Staaten gegründet, ohne auf Gott und auf die von ihm gesetzte Ordnung Bezug zu nehmen: die öffentliche Autorität, so hat man erklärt, erhält weder ihren Ursprung, noch ihre Würde, noch ihre Regierungsgewalt von Gott, sondern vielmehr von der Volksmenge, welche, von jedem göttlichen Befehl sich unabhängig wähnend, nur den Gesetzen untertan zu sein, sich bereit finden ließ, welche sie selbst nach eigener Willkür gegeben hätte. –

Nach Bekämpfung und Verwerfung der übernatürlichen Glaubens-Wahrheiten, als ob sie mit der Vernunft in Widerspruch ständen, wurde der Schöpfer und Erlöser des Menschengeschlechts aus den Universitäten, Lyzeen und Gymnasien, und aus dem ganzen öffentlichen Leben nach und nach hinausgedrängt. – Die Belohnungen und Strafen des zukünftigen und ewigen Lebens ließ man in Vergessenheit geraten, und so wurde das glühende Verlangen nach Glück in den engen Zeitraum des diesseitigen Lebens gezwängt. Da derartige Lehren weit und breit ausgestreut wurden und eine solche Zügellosigkeit im Denken und Handeln ausgebrochen ist, so darf man sich nicht wundern, wenn Leuten aus niedrigstem Stande die Armut in ihrem Heim und in ihrer Werkstatt nicht mehr behagt und sie von Verlangen brennen, über die Paläste und Güter der Reichen herzufallen; darf man sich auch nicht wundern, wenn weder im öffentlichen noch im privaten Leben mehr Sicherheit besteht und das Menschengeschlecht beinahe am Rande des Verderbens angelangt ist.

Die Lehre des Sozialismus ist falsch

477. Mögen freilich die Sozialisten auch das Evangelium mißbrauchen, um die Unvorsichtigen leichter täuschen zu können und es gewöhnlich nach ihrem Sinne mißdeuten, so ist doch zwischen ihren verwerflichen Grundsätzen und der so lauteren Lehre Jesu Christi der denkbar größte Unterschied. „Denn welche Gemeinschaft hat die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit, oder wie kann sich das Licht zur Finsternis gesellen?“ [2. Kor. 6,14]

1. Falsch ist jene Gleichheit, welche die Sozialisten predigen

478. Jene behaupten, wie schon erwähnt, mit Nachdruck und unaufhörlich, daß alle Menschen unter sich von Natur aus gleich seien und leugnen daher die Pflicht der Achtung und Ehrfurcht gegen die Majestät des Herrschers und den Gehorsam gegenüber den Gesetzen, es sei denn, daß diese von ihnen selbst nach ihrem Gutdünken gegeben worden sind.

Nach den Lehren des Evangeliums dagegen besteht die Gleichheit der Menschen darin, daß alle dieselbe Natur erhalten haben, daß alle zu der hohen und erhabenen Würde der Kinder Gottes berufen sind, daß alle, wie ihnen dasselbe Ziel gesteckt ist, auch nach einem und demselben Gesetz gerichtet werden und Strafe oder Lohn je nach Verdienst erhalten sollen.

Die christliche Familie, die Burg der Autorität, wird vom Sozialismus zerstört

481. Die heilsame Macht der Kirche ferner, die eine Quelle so reichen Segens für die wohl geordnete Regierung und für die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft ist, empfindet und erfährt notwendigerweise auch die häusliche Gemeinschaft, welche ja die Wurzel jeglichen Staates und Reiches ist. Ehrwürdige Brüder, Ihr wißt es, daß die rechte Art dieser Gemeinschaft nach der unausweichlichen Forderung des Naturrechtes erstlich auf der unauflöslichen Vereinigung von Mann und Frau beruht und in den wechselseitigen Pflichten und Rechten zwischen Eltern und Kindern, Herren und Dienern die Erfüllung seiner Bestimmung findet. Es ist Euch aber auch bekannt, daß dieser Bund durch die Grundsätze des Sozialismus nahezu aufgelöst wird; geht ihm aber die Festigkeit verloren, die ihm aus der religiösen Ehe erwächst, so müssen unbedingt auch die Gewalt des Vaters über die Kinder und die Pflichten der Kinder gegen die Eltern darunter leiden. „Die in allem ehrbare Ehe“ [Hebr. 13,4)] hingegen, welche schon bei Beginn der Welt zur Ausbreitung und Erhaltung des Menschengeschlechtes Gott selbst eingesetzt und als einen unauflöslichen Bund gestiftet hat, ist nach der Lehre der Kirche durch Christus noch fester und heiliger geworden. Hat er sie doch zur Würde eines Sakramentes erhoben und gewollt, daß sie das Abbild seiner Vereinigung mit der Kirche darstelle. Daher ist nach der Mahnung des Apostels [Eph. 5)] der Mann das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist; wie anderseits die Kirche Christo untertan ist, welcher sie mit keuschester und ewiger Liebe umfaßt, so sollen auch die Frauen ihren Männern untertan sein, diese aber ihren Frauen dafür in standhafter, treuer Liebe anhangen.

Die Frage der Autorität

In ähnlicher Weise hat die Kirche die Gewalt des Vaters und des Herrn so geregelt, daß sie imstande ist, die Söhne und Diener im Gehorsam zu erhalten, ohne jedoch das Maß zu überschreiten. Nach katholischer Lehre fließt nämlich auf die Eltern und Herren die Autorität des himmlischen Vaters und Herrn über, so daß diese von ihm nicht bloß ihren Ursprung und ihre Gewalt, sondern auch ihre Natur und Beschaffenheit entlehnt. Daher ermahnt der Apostel (Eph. 6,1 u. 2) die Kinder: den Eltern zu gehorchen im Herrn, Vater und Mutter zu ehren, denn das ist das erste Gebot mit der Verheißung. Den Eltern aber befiehlt er: „Und ihr Väter! Erbittert eure Kinder nicht, sondern erzieht sie in der Lehre und in der Zucht des Herrn“ [Eph. 6,4]. Den Dienern und Herren hinwiederum hält derselbe Apostel das göttliche Gebot vor Augen: sie sollen „den leiblichen Herren ebenso gehorchen, wie Christus … und mit dem guten Willen dienen gleichsam dem Herrn und nicht den Menschen.“ Die Herren aber sollen „von ihren Drohungen ablassen, da sie wissen, daß der Herr der Diener auch ihr Herr sei im Himmel, und daß bei Gott kein Ansehen der Person gilt“ [Eph. 6, 5 bis 7].

Wenn dies alles auch nach Gottes Wunsch und Willen gewissenhaft von allen, die es angeht, beobachtet werden würde, dann würde sicherlich eine jede Familie gleichsam ein Ebenbild des himmlischen Hauses darbieten, und die herrlichen Segnungen, welche aus ihr hervorquellen, würden sich nicht durch die Wände des Hauses eindämmen lassen, sondern auch auf die Staaten in Strömen sich ergießen. –
aus: Carl Ulitzka, Päpstlicher Hausprälat (Hrg.), Lumen de Caelo, Praktische Ausgabe der wichtigsten Rundschreiben Leo XIII. und Pius XI., 1934, S. S. 233 – S. 241

Das gesamte Rundschreiben „Quod Apostolici muneris“ v. 28. 12.1878: Die Kirche und der Sozialismus

Bildquellen

  • Stangl Papst Leo XIII: Bildrechte beim Autor
  • Bitschnau Paepstliche Insignien: Bildrechte beim Autor

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