Heiliger Nilus von Rossano Mönch

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

26. September

Der heilige Nilus von Rossano Mönch

(Probe des Geistes)

Zu Rossano in Kalabrien ging ein Knabe in die Schule, der einen solchen außerordentlichen Verstand zeigte, daß er seine eigenen Lehrer in Erstaunen setzte; zugleich las derselbe nichts lieber und fleißiger als das Leben der hl. Einsiedler. Allein da er seine Eltern früh verlor und dann bei einer verheirateten Schwester erzogen wurde, so fehlte ihm eine männliche Leitung. So wuchs er sich selbst überlassen zum Jüngling heran; seine Schönheit, sein Gesang, seine Geschicklichkeit überhaupt erweckte bei mancher ledigen Person das Verlangen ihn zu heiraten, und wirklich wußte ihn auch ein sehr schönes Mädchen von geringem Stand zu fesseln, so daß er sie zur Frau nahm. Allein die Gnade Gottes ließ ihn gleichsam nicht los; es schwebte ihm fortwährend der Gedanke an den Tod und an die Strafe der Sünden vor den Augen; endlich bekam er auch ein heftiges Fieber. Da kam er vollends zum Entschluss, der Welt ganz zu entsagen; obschon noch krank, machte er sich auf den Weg in ein Kloster und wurde vom Fieber plötzlich frei, als er über einen Fluss kam.

Im Kloster des hl. Johannes zu Rossano empfing er das Ordenskleid, zog sich aber von da mit Erlaubnis der Obern in eine benachbarte Höhle zurück, wo er in ganz außerordentlicher Strenge Gott diente, so daß er z. B. In der Nacht nur eine einzige Stunde schlief, um die übrige Zeit ganz der Andacht zu widmen. Da einst der hl. Abt Johannes im Kloster Sankt Merkur gehört hatte, daß Nilus kein Brot und keinen Wein genieße und hierin stets ein außerordentliches Fasten übe, so ließ er ihn zu sich kommen und ihm einen großen Becher voll wein vorsetzen mit der Aufforderung zu trinken. Der hl. Abt wollte prüfen, ob Nilus wirklich den Weg wahrer Gottseligkeit wandle. Nilus begehrte den Segen und trank dann den Becher ganz aus; denn obschon er wußte, daß der Wein gefährlich werden könne, so wollte er doch seine eigene Meinung nicht dem Urteil des Abtes vorziehen und unterwarf vollständig seinen eigenen Willen. Da bewunderte der hl. Abt Johannes den Gehorsam dieses Mannes, wie er frei sei von aller Gleisnerei.

Der weise Abt hatte ein ganz richtiges Mittel gewählt, um zu prüfen, ob Nilus den Geist wahrer Gottseligkeit besitze, oder nicht. Es ist nämlich das allein noch nicht die wahre Gottseligkeit, wenn man seinen Körper streng hält; zuweilen steckt Eigenwille oder geistliche Hoffart darin; wie der Leib dem Geist gehorchen soll, so soll auch der Geist Gott gehorchen, und dieses zeigt sich vorzugsweise in bereitwilligem demütigem Gehorsam gegen die Obern. Wenn daher eine fromme Person eigensinnig und dem Seelsorger oder den Eltern oder Dienstherrn in erlaubten Dingen nicht gehorsam ist, so ist solches ein gewisses Zeichen, daß ihre Frömmigkeit falsch und umsonst ist; denn es fehlt Demut und Gehorsam. Morgen feiern die Dominikaner das Gedächtnis der seligen Daniela. Diese hielt ihren Leib sehr streng und ihr größtes Kreuz war, daß sie während einer Krankheit die bisherigen Bußwerke nicht fortsetzen konnte. Da schrieb ihr die große Heilige, Katharina von Siena, folgenden Brief:

„Meine Tochter, weißt du nicht das Unglück, welches über diejenigen kommt, welche unbescheiden mit sich selbst umgehen und nach ihrem Willen leben? Denn bei allen Bußwerken bleiben sie unvollkommen und leer von Tugenden. Will man ihnen ihre Übungen abgewöhnen, so sind sie härter als ein Diamant; zur Zeit der Versuchung aber, oder wenn sie Schmach und Unbill ertragen sollen, sind sie schwächer als ein Strohhalm. Die Heiligkeit besteht demnach nicht in großen Bußwerken, sondern vielmehr in Verleugnung des eigenen Willens.“

Während Nilus in seiner Höhle gleichsam wie ein Engel unaufhörlich Gott diente und geistig anschaute, stieg der Ruhm seiner Weisheit und Heiligkeit immer mehr. E siedelten sich andere Männer bei ihm an, um unter seiner Leitung ein Gott geweihtes Leben zu führen. Da besorgte aber der hl. Nilus, daß er selber Rückschritte machen werde, wenn seine Einsamkeit durch den Verkehr mit den Brüdern unterbrochen werde; die Gesellschaft derselben und ihr Sprechen machte ihn zuweilen ganz traurig, weil es ihn an der innerlichen Betrachtung störte. Diesem entgegen fiel ihm aber auch der Bibelspruch ein: „Niemand suche das Seinige, sondern das, was Viele angeht, damit sie selig werden.“ Nun faßte er den Entschluss, er wolle durch einen dem Anschein nach unsinnigen Auftrag die Brüder auf die Probe stellen; und wenn sie ohne Widerrede gehorsam sich erweisen, bei ihnen bleiben, wenn sie aber widerstreben, sich wieder von ihnen absondern. Eines Morgens sprach er also: „Wir haben viele Reben gepflanzt, und das wird uns als Habsucht ausgelegt, weil es mehr sind, als wir brauchen; kommt, wir wollen die überflüssigen abschneiden.“ Die Brüder willigten ohne ein Wort zu sagen ein, und Nilus ging ihnen mit einem Beil voran, und so rodeten sie den besten und schönsten Teil des Weinbergs aus. Da er auf diese Art den unbegrenzten Gehorsam seiner Schüler gesehen hatte, versprach er Gott, immer bei ihnen zu bleiben. Da man aber in Kalabrien und Sizilien die Sache erfuhr, wurde allerlei darüber gesagt, als hätten es die Mönche aus Betrunkenheit getan oder im Zorn, oder weil sie Ackerfeld haben wollten.

Am Ostertag brachte Jemand ein Gefäß voll schöner und großer Fische, damit die Brüder nach so langem und vielem Fasten auch eine Erholung hätten. Da nun der Vater Nilus sah, daß sich die Jünger freuten über diese Fische, gestattete er, daß sie dieselben abschuppten, wuschen und zum Kochen bereiteten. Nun kam aber gerade ein Bettler; diesem schenkte Nilus alsbald alle Fische, so daß nicht ein einziger zurück behalten wurde. So lehrte er sie von Herzen mit dem Psalmisten sprechen: „Herr! Vor dir ist all` mein Verlangen; du bist mein Teil, mein überaus teures Los.“

Einst kamen zwei Juden, um den hl. Nilus zu sehen; der eine sagte: „Rede uns etwas von Gott, denn wir möchten gern etwas von Gott durch dich vernehmen.“ Darauf antwortete Nilus: „Was du sagst, o Jude, ist, wie wenn Jemand von einem Knaben begehrt, er solle mit der Hand den Wipfel eines hohen Baumes ergreifen und auf die Erde herab ziehen. Übrigens wenn du ein wenig von Gott hören willst, so nimm dein Gesetz und Propheten und komm` in diese Einöde, und gib dich da so lange mit Lesen ab, als Moses auf dem Berg verweilte; hernach frage und und ich werde dir antworten. Würde ich dir gerade jetzt von Gott reden, so würde ich auf Wasser schreiben und in das Meer Samen werfen.“ – Die Juden erwiderten: „Dies können wir nicht tun, denn wir würden aus der Synagoge ausgestoßen und gesteinigt werden.“ – Da antwortete Nilus: „So sind auch eure Väter in der Treulosigkeit gestorben, denn der Evangelist sagt, daß viele von den Vornehmen an Jesus geglaubt haben, aber aus Furcht vor den Juden kein Bekenntnis abgelegt, weil sie die Ehre vor den Menschen mehr geliebt haben, als die Ehre vor Gott.“ Hierauf ging er wieder in seine Zelle.

Als der Erzbischof von Rossano starb, beschlossen Alle einstimmig, dem hl. Nilus diese hohe Würde zu übertragen und im Notfall ihn dazu zu zwingen, indem seine Lehre von seinem Leben noch übertroffen werde. Da Nilus solches erfuhr, verbarg er sich mit einem Bruder so lange im abgelegenen Teil des Gebirges, bis die Geistlichkeit und Obern nach vergeblichem Suchen und Warten endlich einen Andern zum Erzbischof gewählt hatten. Der heiligeMann aber dankte und pries Gott, daß er ihn vor der Ehre dieses kurzen Lebens bewahrt habe. Er sprach mit dem Propheten: „Du hast gehalten meine Rechte, und in deinem Willen hast du mich geführt. Denn was bleibt mir im Himmel, und außer dir – was habe ich gewollt auf Erden? Vor dir ja, o Herr, ist mein Verlangen.“

Da Nilus großen Zulauf hatte und sein Ruhm immer mehr sich verbreitete, so suchte er diesem zu entfliehen und verließ seinen bisherigen Aufenthaltsort. In dem Kloster Casino, wo er einkehrte, waren die Mönche höchst begierig, von einem so heiligen Mann Belehrung zu bekommen; sie fragten ihn, was die Bestimmung des Mönches sei und wie er Barmherzigkeit finden werde. Nilus sprach: „Der Mönch ist ein Engel: seine Aufgabe ist Barmherzigkeit, Friede und das Opfer des Lobes. Denn wie die Engel ohne Unterlaß Gott das Opfer des Lobes darbringen, untereinander aber Frieden haben durch das Band der Liebe, Erbarmen und Hilfe den Menschen als ihren geringeren Brüdern zuwenden; so soll auch der wahre Mönch es machen, Erbarmen gegen Geringere zeigen, fremde Brüder lieben, friedsam die Vollkommenheiten nicht beneiden, und ungeheuchelten Glauben und Hoffnung zu Gott haben. Wer aber das Gegenteil ist, gehässig und unbarmherzig sich zeigt, der ist eine Behausung alles Bösen. Sobald einer Mönch wird, so wird er eines von Beiden: ein Engel oder ein Teufel.“ – Ein Mönch fragte ihn: „Wenn ich von dem Abt zu einem Geschäft beordert werde, wovon ich einen großen Schaden haben werde, soll ich gehorsamen oder dem Nachteil ausweichen?“ – Nilus antwortete mit den Worten des Apostels: „Gehorchet euren Vorgesetzten; denn sie wachen über eure Seelen, da sie Rechenschaft darüber geben müssen.“

Der hl. Nilus hatte einen Jünger, der ihm der liebste war, den er aber gerade am härtesten behandelte – weil er in ihm die Fähigkeit fand, den höchsten Grad der Demut, des Gehorsams und der Geduld zu erreichen. Er hieß Stephanus und war von Natur ungeschickt und langsam. Weil er oft schläfrig wurde, machte ihm Nilus eine Stuhl mit einem einzigen Stollen, wie die Pflasterer haben, so daß er stets Acht haben musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und umzufallen. Nilus brauchte diesen Gott ergebenen Jüngling wie ein Werkzeug, um Andere, die noch unbotmäßig und unordentlich waren, zu bessern. Wenn Jemand schwätzte, während er in der Kirche die Schrift auslegte, sprach er: „Es ist gewiß Niemand, der schwätzt, als Stephanus; jagt ihn hinaus, damit er euch kein schlechtes Beispiel gebe.“ Manchmal jagte ih Nilus vom Tisch mit schelten, als esse er hastig und unmäßig, indem er damit solche zurechtweisen wollte, die es wirklich taten. Überhaupt was irgend für eine Unordnung oder Vergehen unter den Brüdern vorgekommen war, so wurde Stephanus gerügt, als sei er an Allem schuld. Und da er schon stark alterte, so wurde ihm keine Erleichterung bei den Arbeiten gestattet, sondern wo es irgend ein niedriges, mühsames, widerwärtiges Geschäft gab, da wurde Stephan dazu verwendet. Der hl. Nilus machte es mit diesem Lieblingsjünger gerade so, wie es Gott mit seinen Auserwählten oft macht, nämlich, daß er ihnen mehr Widerwärtigkeiten und Plagen sendet, als andern Menschen.

Als diese treue Seele am Abscheiden war und die Mönchen um ihn versammelt, sprach Nilus zu ihm: „Bruder Stephan, du stirbst jetzt, segne noch die Brüder.“ Der Sterbende richtete sich still und gehorsam auf und segnete. Da sprach Nilus: „Ruhe jetzt aus, denn du hast keine Kraft mehr“; da legte sich Stephan zurück und starb gleichsam aus Gehorsam, wie er stets im Gehorsam gelebt hatte. Der hl. Nilus aber fing an zu klagen: „O guter Stephan, der du so lange mein Mitarbeiter gewesen bist, jetzt werden wir getrennt; du gehst zur wohl verdienten Ruhe, ich aber bleibe zur Strafe zurück; du bist ein Kämpfer und Märtyrer, denn ich bin dein Peiniger gewesen.“ Dann befahl er, daß eine doppelte Grabstätte gemacht werde, denn er wollte nach seinem Tode selbst bei dem seligen Stephan beerdigt werden.

Wie aber der hl. Nilus mit seinem Jünger und Freund umging, so behandelte er sich selbst. Er wollte lieber sterben, als bei den andern die Meinung aufkommen lassen, er sei ein Heiliger. Er suchte absichtlich den Anschein bei Jedermann zu bekommen, als sei er dem Zorn unterworfen, schmähsüchtig und sonst voll Fehlern. Allein wie der ruhmsüchtige eitle Mensch überall Ehre und Ansehen sucht, und dabei oft Spott und Verachtung erntet, so stieg das Ansehen und der Ruf der Heiligkeit immer mehr, je mehr Nilus demütig die Verachtung suchte. Bei wilden grausamen Tyrannen, sowie bei dem Kaiser Otto III. und selbst dem Papst war kein lebender Mensch damals höher geachtet, als der hl. Nilus.

Ungeachtet seiner außerordentlichen Lebensstrenge erreichte er ein alter von 95 Jahren. Als er am Sterben war und nur noch leise die Lippen bewegte, hielt ein Bruder das Ohr an seinen Mund – da vernahm er noch die Psalmworte, welche gleichsam das ganze Leben des Heiligen bezeichnen: „Dann werde ich nicht zu Schanden werden, wenn ich mich umgetan habe in allen deinen Geboten.“ –
aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel, Bd. 3 Juli bis September, 1872, S. 496 – S. 501

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Category: Ordensleute, Stolz
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