Die Lehre vom Abendmahl ein Streitpunkt

Jesus hält in der Eucharistie die Hostie hoch, der Kelch steht vor ihm auf dem Tisch, das Bild ist umrankt mit Girlanden aus Weinblättern, Trauben und Ähren

Diamant oder Glas – Allen Christen zum Betrachten vorgelegt (1851)

1. Veranlassung – Die Lehre vom Abendmahl ist ein Streitpunkt

Vor dreihundert Jahren hat sich in verschiedenen Ländern ein großer Teil der Christen von der katholischen Kirche getrennt und hat neue Religions-Gemeinschaften gestiftet, z. B. die des Augsburger Bekenntnisses, die reformierte, die anglikanische usw. Aus dieser Spaltung entstand dann ein langer schwerer Krieg, durch welchen Deutschland dreißig Jahre lang verwüstet und in großes Elend gebracht wurde. Endlich wurde im Jahre 1648 ein Friede geschlossen und die Bestimmung getroffen, daß die Protestanten des Augsburger und reformierten Bekenntnisses ganz gleiche Rechte mit den Katholiken haben sollten.
Während der zweihundert Jahre, welche unterdessen verflossen sind, hat sich das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten nicht viel mehr geändert; die meisten Länder und Ortschaften sind bei der Religion geblieben, wozu sie im Jahre 1648 gehört hatten. Wohl aber haben bis auf den heutigen Tag einzelne Personen an verschiedenen Orten die Religion gewechselt; bald sind manche Katholiken protestantisch geworden, bald manche Protestanten katholisch. In England sind mehrere Hundert der gelehrtesten Männer, hauptsächlich protestantische Geistliche, katholisch geworden. Hingegen ist in unserem Baden vor langen Jahren ein katholisches Dorf (Mühlhausen) zum Teil protestantisch geworden. Und auch jetzt geben sich manche sog. Pietisten viele Mühe, Katholiken in unserem Lande zum Abfall zu bringen. Sie wenden sich besonders an Leute von niederem Stand, die in ihrer Religion nicht durch genügenden Unterricht befestigt sind, geben ihnen kleine Schriften in die Hand, in welchen die katholische Kirche entstellt und herab gesetzt wird, ohne Zweifel in der Meinung, sie tun ein gottgefälliges Werk damit.
Man könnte nun wohl sagen: Wer bekehren und das Reiche Gottes verbreiten will, soll zu den Heiden gehen, die nichts von Gott wissen, oder zu den Juden, die nicht an Christus glauben, oder zu den ungläubigen Sündern seiner eigenen Konfession; diese zu bekehren sei ein notwendigeres und besseres Werk, als den Katholiken nachzustellen. Dennoch sage ich selbst: Es ist keineswegs eine gleichgültige Sache, ob man protestantisch oder katholisch ist; die Kluft zwischen diesen beiden Konfessionen ist viel größer, als man gewöhnlich nur bedenkt. Und so hart und friedenstörend es manchem vorkommen mag, die Umtriebe und Bemühungen der erwähnten Pietisten nötigen nun, diese Kluft zu zeigen, damit der Katholik, den man zum Abfall bereden will, wisse, woran er ist.
Statt von dem Unterschied dieser und jener Lehre, wie sie bei den Katholiken und wie sie bei den Protestanten gilt, zu reden, will ich ganz allein die Seele, das Leben, das Herz, das tiefste Wesen, das heiligste Geheimnis der christlichen Religion erwägen und dem Leser zur Erwägung vorlegen: das Abendmahl.

Man muss nicht mit gutherzigem Leichtsinn über diesen Eckstein hinweg schleichen wollen; hier gilt es ein gewaltiges Entweder – Oder; hier liegt ein himmelhoher Berg oder ein höllentiefes Tal. Die katholische Kirche lehr nämlich: Im heiligen Abendmahl ist gegenwärtig auf eine geheimnisvolle, übernatürliche Weise der Heiland Jesus Christus mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit, nicht seine sinnliche Gestalt, wohl aber sein ganzes wahres Wesen und Leben so vollständig, wie er am Kreuz gehangen ist. Die meisten Protestanten hingegen sagen, das Brot und Wein im Abendmahl bedeute nur den Leib des Herrn, wie etwa ein hölzernes Kruzifix auch ein Erinnerungs-Zeichen an den gekreuzigten Heiland sei; andere Protestanten legen es wieder anders künstlich aus.
Nun aber steht die Sache also: wenn die katholische Kirche in ihrer Lehre vom Abendmahl irrt und Jesus Christus nicht wirklich darin gegenwärtig ist, dann beten die Katholiken eine leere Hostie an als ihren Heiland und Gott, dann sind alle Katholiken Götzendiener und deshalb weiter vom Christentum entfernt als Juden und Türken, und jeder Katholik könnte dann nichts Besseres tun, als protestantisch zu werden. –
Wenn aber die katholische Kirche recht und wahr lehrt, und die Protestanten im Irrtum sind mit dem Abendmahl, dann fehlt den Protestanten der lebendige Christus, dann haben sie das heiligste Sakrament, die Quelle aller Wahrheit und Gnade, aufgegeben, verlassen und verloren; sie sind verwaist, und der gute Hirte ist nicht bei ihnen; ihr Abendmahl ist dann ein gemaltes Feuer, das nicht wärmt, ein gemaltes Bild, in dem kein Leben ist. Nur in der katholischen Kirche gibt es eine Wandlung und ein Glauben daran: darum muss der Protestant, wenn die katholische Kirche recht glaubt, zu ihr heimkehren, wenn er sicher sein Heil finden will.
Es ist somit eine große und heilige Frage für Protestanten wie für Katholiken: Was ist das heilige Abendmahl, und wo ist es wahrhaft zu finden? Wer einmal darüber zur festen, sicheren Überzeugung gekommen ist, der weiß dann auch, welches die wahre, von Christus gestiftete Kirche ist. Dieses soll nun untersucht werden. Jeder Leser, Protestant oder Katholik, möge nun alle vorgefaßte Meinung beiseite lassen, aufmerksam und redlich vor Gott erwägen, was ich nun vorbringe, und dann die Wahrheit die Ehre geben. –
aus: Alban Stolz, Gesammelte Werke, Kleinigkeiten, Erste Sammlung, 1909, S. 52-55

Fortsetzung: Jesus das lebendige Brot vom Himmel

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