Die Vorläufer von Luther und Calvin

Weitere Klärung der Glaubenswahrheit im Ringen mit den Reformatoren

Die Vorläufer von Martin Luther: Wiclif und Hus u.a.

Neben Wiclif war Hus bereits ein Abtrünniger; deshalb war er im Kerker. Er liegt auf einem Bett, bewacht wird er von einem Geistlichen befragt

Hus im Kerker

Wenn irgendwo, so zeigt sich in der dogmengeschichtlichen Entwicklung der Katholischen Kirche das Wirken des in der Kirche lebendigen Gottesgeistes. Von der Berufung des Paulus über die Erweckung eines Athanasius, Cyrillus von Alexandrien und Augustinus bis zur Erleuchtung eines Bernhard, Thomas und Bonaventura tritt das Walten des Heiligen Geistes in den einzelnen Perioden der Dogmengeschichte erkennbar vor Augen. Indem Gott in den Tagen der Scholastik und Mystik eine überreiche Fülle von Licht über seine Kirche ausgoss, stärkte er sie für die einsetzenden schweren Glaubenskämpfe und befähigte sie auf Grund des in jenen Zeiten der Blüte Erarbeiteten die kommenden Irrungen zu überwinden und im Ringen mit neuen Irrungen die Wahrheit stets mehr zu entfalten.

Schon bald setzte ein neuer Irrtum ein, längst vor Luther. Die nächst liegende Ursache war das vielfache Missverständnis zwischen Lehre und Leben, auch bei führenden Männern der Kirche. Die tiefste Ursache war das zu allen Zeiten des Glanzes der Kirche stärker noch als sonst einsetzende dämonische Ringen der Mächte der Finsternis. Daß hierin der letzte Grund zu suchen ist, zeigt schon die Tatsache, daß oft gerade diejenigen, die persönlich den geringsten Anlass gehabt hätten, sich über das Missverhältnis von Ideal und Wirklichkeit im Leben anderer zu beschweren, diese Diskrepanz in der historischen Erscheinung der Kirche vorschützten, um ihren Kampf gegen das Wesen und den Bestand der Kirche als solcher nach außen zu motivieren. Die darin liegende, meist mit Apostaten-Hass verbundene innere Unwahrhaftigkeit beruht letztlich auf den Einflüssen dessen, den die ewige Wahrheit selber als den „Vater der Lüge“ (Joh. 8, 44) bezeichnet. Wir finden diesen Geist besonders bei der Gruppe der anti-kirchlichen Humanisten der vor-reformatorischen und reformatorischen Zeit verwirklicht. Die von solchen Elementen ausgehende zersetzende Kritik ist von der ernst gemeinten, aus Liebe entsprungenen, notwendigen und fruchtreichen Kritik unschwer zu unterscheiden.

Schon bald nach Beginn des 14. Jahrhunderts setzte eine Kritik an Kirche und Papsttum ein, die nicht nur bestehende Missstände zu bessern suchte, sondern auch an den Grundlagen des Glaubens rüttelte. Der Arzt und Politiker Marsilius von Padua († 1342) lehrte in seinem „Defensor pacis“ die völlige Unterordnung der Kirche unter den Staat, die Unterordnung des Papstes unter das Konzil und die Irrtumsfähigkeit des Papstes bei Glaubens-Entscheidungen, da nicht er, sondern das aus Geistlichen und gewählten Laien zusammen gesetzte Konzil oberster Lehrer der Wahrheit sei. Die Laien stellte er den Klerikern in der Kirche gleich, bestritt den Wert der Tradition und erklärte die Schrift als einzige Glaubensquelle. Hier liegen die frühesten Elemente, aus denen das Gebäude der Reformatoren gebaut ist.

Auch den englischen Theologieprofessor John Wiclif († 1384) führte der Kampf gegen tatsächliche Missstände zur Verwerfung der kirchlichen Hierarchie. Auch er stellte die Bibel als einzige und völlig genügende Glaubensquelle hin. Die Verwerfung der kirchlichen Hierarchie trieb ihn weiter zur Bestreitung der Sichtbarkeit der Kirche, die er als „Vereinigung aller Prädestinierten“ erklärte. Obwohl er die Willensfreiheit gewahrt wissen wollte, war dieselbe mit seiner schroffen Prädestinationslehre nicht mehr vereinbar: „Gott nötigt alle Kreaturen zu jeder ihre Handlungen.“ Er leugnete in logischer Fortführung seiner Grundirrungen von Kirche und Gnade die Notwendigkeit der Beichte und den Nutzen des Ablasses und bezeichnete den Glauben an die Wesensverwandlung der Eucharistie als Aberglauben, schlimmer denn das Heidentum.

Der Augustiner-General Gregor von Rimini († 1358), von dem Luther besonders stark beeinflußt wurde, erklärte alle ohne Gnade verrichteten Handlungen als sündhaft, weil die Erbsünde in der der Seele als reale Qualität inne wohnenden bösen Begierlichkeit bestehe und so die innere Sündhaftigkeit alles menschliche Handeln durchdringe.

Der böhmische Philosophie-Professor in Prag, Johannes Hus († 1415), ein sittenstrenger und unbescholtener Priester, aber unter Wiclifs Einfluss stehend, schränkte ebenfalls den Begriff der Kirche auf die Prädestinierten ein, verwechselte die Kirche mit ihrer sichtbaren Erscheinung, das kirchliche Amt mit dessen menschlichem Träger, das Papsttum mit dem Papst und leugnete, von Missständen jener traurigen Zeit ausgehend, das päpstliche Oberhirtenamt und dessen Einsetzung durch Christus. Gegen Wiclif und Hus entschied das Konzil von Konstanz (1414 bis 1418), die 16. Allgemeine Kirchenversammlung.

Johannes von Wesel († 1481), Theologie-Professor in Basel, Domprediger in Worms und Mainz, scheute sich nicht, den Ablass als „frommen Betrug“ hinzustellen und den Wert der Letzten Ölung abzustreiten. Auch er leugnete den päpstlichen Primat.

Dieser immer mehr zutage tretende Skepsis, die bei vielen die Grundlagen des katholischen Denkens ganz erschütterte, lag die philosophisch-theologische Gedankenwelt des von dem englischen Franziskaner Wilhelm von Ockham († 1349) ausgebauten Nominalismus zugrunde. Nach der Lehre Ockham’s, der schon als Bakkalar von Oxford bei Papst Johann XXII. wegen Häresie angeklagt wurde, nie Magister war und seit 1328 eine stark antipäpstliche Politik betrieb, sind die Allgemeinbegriffe reine Gebilde des Menschengeistes, die dieser unter den Eindruck der Einzeldinge notwendig gestaltet, denen aber weder in den Dingen eine objektive Wirklichkeit noch in der Seele eine psychische Realität entspricht, die nur gedanklich konstruierte Zeichen fürähnlich erscheinende Einzeldinge, aber nicht der geistige Ausdruck der den Dingen gemeinsamen Wesenheit sind. Wir können nur Einzeldinge erkennen; die aus den Allgemeinbegriffen gebildeten allgemeinen Wahrheiten bestehen nur in unserem Denken, haben aber keine tatsächliche Gültigkeit. Aus dem vollständigen Misstrauen gegen die Vernunft folgt die scharfe Trennung von Glauben und Wissen, die einseitige Betonung des Glaubens und des Irrationalen sowie die Unmöglichkeit einer religiösen Wissenschaft, auch auf dem Gebiet der Moral.

Da wegen der objektiven Wertlosigkeit der Allgemeinbegriff eine Erkenntnis des Wesens der Dinge unmöglich ist, kann auch von einer inneren sittlichen Güte und Schlechtigkeit und von einem wesenhaften Unterschied zwischen gut und böse nicht gesprochen werden. Nicht in objektiven Normen, sondern in dem von allen Normen absolut freien Willen Gottes liegt der Unterschied zwischen Tugend und Sünde und die Anrechnung der Taten als Schuld oder Verdienst. Diese voluntaristische Gottesidee, die den ewig heiligen Willen Gottes in subjektivistische Willkür auflöste, musste zu einer Veräußerlichung des Begriffes der Gnade und des Wesens der Rechtfertigung, zu einer Entwertung des Bußsakramentes und der Kirche als Heilsanstalt führen. –
aus: Konrad Algermissen, Konfessionskunde, 1939, S. 260 – S. 262

Bildquellen

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