Die Renaissance Luther und Calvin

Weitere Klärung der Glaubenswahrheit im Ringen mit den Reformatoren

Renaissance, Luther und Calvin

Mit dieser philosophisch-theologischen Gedankenwelt, die die von der Scholastik tief fundierte und zu immer größerer Vollkommenheit geführte mittelalterliche Einheit von Wissen und Glauben, Dogma und Philosophie, Religion und Leben zerstörte, traf sich die Kulturströmung der Renaissance. Während aus dem Nominalismus der religiöse Subjektivismus entsprang, ging von der Renaissance eine anthropozentrisch-individualistische Welle aus. Beide wirkten auf die Loslösung des Menschen von den religiösen, kirchlichen Bindungen. Die bestehenden kirchlichen Missstände förderten diese Tendenz. In den Schriften und Reden der radikalen Gruppe der Humanisten wirkte sie sich am zersetzendsten in kirchlicher Hinsicht aus. In den Lehren eines Marsilius von Padua, Gregor von Rimini, Wiclif, Hus, Johannes von Wesel u.a. bedrohte sie auch die Grundlagen des Dogmas.

Was bei diesen Theologen mehr eine Angelegenheit des Verstandes und Willens blieb, wurde bei dem tief veranlagten deutschen Augustinermönch Martin Luther (1483 bis 1546) zu innerster Herzenssache. Luther war philosophisch und theologisch im Nominalismus gebildet und hatte die Größe und Tiefe der Scholastik nicht genug kennen gelernt. Das alte Anliegen des abendländischen Menschen, das Suchen nach einem gnädigen Gott, steigerte sich bei ihm zu brennender Seelenqual. Aus der inneren Not, in die ihn seine leidenschaftliche Natur in Verbindung mit der nominalistischen Gedankenwelt in der Stille des Klosterlebens brachte, suchte er Rettung bei Augustinus. Die scharfen Zuspitzungen, die dieser große Kirchenlehrer ins einem Ringen mit den Pelagianern über Natur und Gnade, Sünde und Erwählung gefunden hatte, und die selbst ruhigere Denker einseitig gedeutet haben, mussten bei dem nominalistisch geschulten, in Verzweiflungs-Stimmung aus quälendstem Sündenbewusstsein nach Rettung schreienden Luther in vielem irrig verstanden werden. Das Missverstehen Augustins führte ihn zur falschen Deutung der Lehre des heiligen Paulus über Gesetz und rechtfertigenden Glauben und der Lehre der deutschen Mystik von der Gelassenheit, die er im Sinn einer rein passiven Hingabe an Gott verstand.

Seit den Tagen der Gnosis hat keine Häresie so stark an den Grundlagen des katholischen Denkens gerüttelt wie das mit der kirchlichen Überlieferung grundsätzlich und vollständig brechende Glaubenssystem Luthers. Während aber über seinem System, trotz der niederdrückenden Lehre von der sittlichen Knechtschaft des Willens und der absoluten Sündhaftigkeit alles menschlichen Tuns, immerhin eine gewisse Helle im Glauben an Gott als den unendlichen Liebeswillen, ist dieser Zug in dem von Zwingli und Calvin reformierten protestantischen System ganz zerstört. Hier ist Gott der absolut frei waltende, in der Prädestination zum Glauben und zur Beseligung wie in der unabänderlichen und notwendig wirkenden Prädestination zum Unglauben und zur Verdammung seine Verherrlichung suchende Souverän. Der Wert der Gnadenmittel ist im reformierten System fast ganz verflüchtet.

Für die theologische Wissenschaft wurde das Ringen mit dem Protestantismus zum Segen, nicht nur durch das Aufblühen einer reichen, oft sehr leidenschaftlichen Kontrovers-Literatur und einer noch gesteigerten Beschäftigung mit bibelwissenschaftlichen und exegetischen Fragen, sondern vor allem dadurch, daß der zersetzende Geist des Nominalismus durch die Neuerweckung der nWerke und Gedankenwelt des Thomas von Aquin überwunden wurde. Der Dominikaner Kardinal Thomas de Vio aus Gaeta, deshalb Cajetanus genannt (1469 bis 1534), der schärfste Kämpfer gegen den Nominalismus, der hervorragendste Theologe der Reformationszeit, ein Mann von philosophischer Tiefe, gründlichster dogmatischer Schulung, großer Selbständigkeit im Urteil, kritischem Blick und klassischer Ruhe, der persönlich mit Luther im versöhnlichen Sinn verhandelte, war es, der der Neuzeit die Geisteswelt des Aquinaten übermittelte. Ihm folgten die großen spanischen Theologen des 16. Jahrhunderts, Dominikaner wie Jesuiten, unter ihnen besonders der als Theologe und Philosoph wie als Staats- und Völkerrechts-Lehrer gleich bedeutend Franz Suarez (1548 bis 1617). Die Werke Cajetans dienten dem Konzil von Trient vielfach als Vorlage. –
aus: Konrad Algermissen, Konfessionskunde, 1939, S. 262 – S. 267

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