Die Tugend des Stillschweigens

Die Tugend des Stillschweigens ist von größter Wichtigkeit

Die Tugend des Stillschweigens, welche den hl. Johannes (siehe den Beitrag: Hl. Johannes der Stillschweigende) vor Gott und den Menschen unsterblich berühmt gemacht hat, ist für das geistige Leben eines jeden Christen von größter Wichtigkeit. Sie besteht nicht darin, daß man stumm sei und gar nicht rede, sondern darin, daß man zur rechten Zeit zu schwiegen, zur rechten Zeit und auf die rechte Weise zu sprechen wisse; gleichwie die Tugend der Mäßigkeit nicht darin besteht, daß man gar nicht esse, sondern darin, daß man sich zur rechten Zeit von aller Speise enthält und wieder zur rechten Zeit das Notwendige genießt. So hat der hl. Johannes freilich sehr viele Zeit geschwiegen, um mit Gott allein sprechen zu können; doch redete er auch zur rechten Zeit und in der rechten Weise, um den Mitmenschen Gutes zu erweisen. Denn es ist eine Sünde zu schweigen, wo die Pflicht gebietet zu reden, wie es eine Sünde ist zu reden, wo die Pflicht gebietet zu schweigen. Die Tugend des Stillschweigens leistet uns zwei sehr gute Dienste:

1. Der erste gute Dienst ist dieser, daß wir durch das Schweigen die verkehrte und sündhafte Weise zu reden uns nicht angewöhnen, oder wenn es schon geschehen ist, wieder abgewöhnen. Diese Wahrheit lehrt der hl. Jakobus mit den ernsten Worten: „Wenn Jemand ein Gottesfürchtiger zu sein wähnet und seine Zunge nicht im Zaume hält, sondern sein Herz täuschet, dessen Religion ist eitel“ (Jak. 1); d. h. wer sich nicht hütet vor törichtem und unnützem Geschwätz, vor Possen und Zoten, vor Verdächtigung und Lüge, vor lieblosem Urteilen und Ehrabschneiden, wer seine Zunge nicht beherrscht, sondern in dem Wahn ist, das Alles verschlage nichts, der hat keine Gottesfurcht, keine Religion. Denn „ein Schwätzer ist gefürchtet in seiner Stadt, und wer voreilig in seinenWorten ist, verhaßt.“ (Eccli 9) und der Psalmist sagt: „Dem wortreichen Mann wird es nicht wohl gehen auf Erden.“ (Ps. 139) Auf die Frage des hl. Job: „Word wohl der geschwätzige Mann gerechtfertigt werden?“ (Job 11) antwortet der hl. Gregor der Große, es sei ganz gewiß, daß der geschwätzige Mensch nimmermehr gerechtfertigt werden und im Guten fortschreiten könne.

2. Der zweite gute Dienst ist dieser, daß wir durch das Stillschweigen allmählich das rechte Reden erlernen. Nur wer sich eine Fertigkeit im Schweigen angeeignet hat, wird auch die Regeln des Rechtredens zu handhaben verstehen. Die heiligen Väter stellen folgende auf:
a) Man muss zuerst wohl und reiflich überlegen das, was man sagen will. Der hl. Bonaventura sagt, man soll mit dem aussprechen der Worte ebenso vorsichtig und sparsam sein, wie der Geizige mit dem Ausgeben seines Geldes.
b) Man soll wohl überlegen den Zweck und die Absicht des Sprechens; denn man kann Gutes und Frommes sprechen auch nur aus Eitelkeit oder Heuchelei.
c) Man soll wohl berücksichtigen, zu wem und vor wem man redet. Der hl. Bernard erklärt es für ein Zeichen guter Erziehung und edler Bescheidenheit, wenn junge Leute vor Erwachsenen und Priestern schweigen.
d) Man soll nur zur rechten Zeit reden. „Ein Wort zur rechten Zeit ist wie goldene Äpfel in silbernen Schalen“, sagt die heilige Schrift. (Sprichw. 25) Es ist keine schickliche Zeit zu reden, während ein Anderer noch spricht; oder bevor man um die Meinung gefragt wird.
e) Man soll beim Sprechen eine bescheidene Haltung des Körpers und einen würdigen Ton der Stimme beobachten. Die Stimme soll weder zu leise und gekünstelt, noch zu laut und rauh sein: das Angesicht sei ohne Grimasse, die Stirn nicht gerunzelt, die Augen nicht verdreht, die Lippen nicht zusammen gepreßt und nicht weit aufgesperrt, der Kopf und die Hände in bescheidener Ruhe.

Da die Beobachtung dieser Regeln so schwierig ist, so befleiße dich des Stillschweigens, eingedenk der Lehre des heiligen Geistes: „Wer seinen Mund bewahrt, bewahrt seine Seele; wer aber unbedachtsam im Reden ist, dem wird es übel ergehen.“ (Sprichw. 13) Und glaube dem hl. Arsenius, der dir versichert: „Noch nie hat es mich gereut, geschwiegen, aber schon oft, gesprochen zu haben.“ – aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 366-367

Category: Christenlehre
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