Die neue Türkengefahr 1481-1532

Die neue Türkengefahr im Zeitraum von 1481-1532

Während die Kriege zwischen Karl V. und Franz I. den Westen Europas in Aufregung hielten, war auch der Osten durch die neuen Türkenkriege stürmisch bewegt.

Die Nachfolger von Mohammed II.

Nach dem Tode Mohammeds II., dessen ganze Regierung unter beständigem Waffengetöse verstrichen, erhielt das Osmanenreich in Bajazeth II. (1481 bis 1512) einen mehr friedlich als kriegerisch gesinnten Beherrscher, den überdies innere Wirren, zuerst durch seine Brüder, dann durch seine Söhne erregt, wenig an äußere Unternehmungen denken ließen. Dagegen war die Regierung seines Sohnes, des ebenso blutgierigen wie gewissenlosen als tatkräftigen Selim I. (1512 bis 1520), der seinen Vater durch Gift aus dem Wege räumte, nachdem er ihn zur Thronentsagung gezwungen, eine ausschließlich auf Eroberungen gerichtete, und furchtbarer, als er je gewesen, wurde unter ihm der türkische Name.

Selims Eroberungszüge gingen zunächst nach Osten. Dem Beherrscher des neuen persischen Reiches, das im Jahr 1500 nach dem Zusammensturz der großen Monarchie Timurs durch Ismael Sofi, einen persischen Scheich, gegründet worden, entriss er im Jahre 1515 die Provinzen Mosul und Diarbekr. Dann wandte er seine Waffen gegen den Sultan der Mamelucken und eroberte in seinem ersten Feldzug Syrien und in einem zweiten Ägypten selbst, wodurch er der Herrschaft der Mamelucken ein Ende machte (1517).

Selims I. Sohn und Nachfolger Solyman I., der Prächtige genannt, ein Herrscher, der mit dem ungewöhnlichen Unternehmungsgeist und der Tatkraft seines Vaters einen regen Sinn für Kunst und Wissenschaft verband, betrat gleichfalls, nachdem er im Jahre 1520 im Alter von zweiundzwanzig Jahren den Thron des Osmanenreiches bestiegen, die Bahn der Eroberungen und setzte bald die Welt in Staunen durchs eine gewaltigen Entwürfe und die Sicherheit und Schnelligkeit ihrer Ausführung.

Des Türken Solymans Kriegszüge gegen Rhodos

Solymans erster Kriegszug galt dem sechzehnjährigen König Ludwig II. von Ungarn, dem Gemahl Maria’s, der Enkelin Kaiser Maximilians I. und Schwester Karls V. Um einen Vorwand zu feindlichem Vorgehen gegen denselben zu finden, verlangte er von ihm die Entrichtung eines Tributs und brach, da seine vollständig unberechtigte Forderung durch die Misshandlung seines Gesandten beantwortet worden, im Jahre 1521 in das zum Krieg in keiner Weise vorbereitete Ungarn ein. Nach der Erstürmung von Belgrad, das vierzig Tage lang tapferen Widerstand geleistet, stand das ganze Land den türkischen Scharen offen; zum Glück für Ungarn wurde jedoch Solymans Siegeslauf durch die Erkrankung dreier seiner Kinder gehemmt, die ihn nach Konstantinopel zurück rief.

Im folgenden Jahr richtete Solyman seine Waffen gegen die Insel Rhodos, den damaligen Sitz des Johanniterordens und die letzte Ansiedlung der Christen in Asien, um durch die Eroberung derselben „einen Krebs im Herzen seines Reiches“ zu vernichten und der Schifffahrt der christlichen Nationen auf dem mittelländischen Meer den Todesstoß zu versetzen.

Nachdem er den Großmeister Philipp Villiers de l’Isle-Adam mit stolzen Worten zur Übergabe der Insel aufgefordert, ohne von demselben einer Antwort gewürdigt zu werden, erschien er am 28. Juli 1522 mit einer Flotte von dreihundert Schiffen und zweimal hunderttausend Kriegern vor der Stadt Rhodos, und alsbald entsandten vierhundert Geschütze ihr Verderben bringendes Feuer gegen die Mauern derselben.

Obgleich der Großmeister gegen die gewaltigen Streitkräfte Solymans nur sechshundert Ritter und viertausend Mann regulärer Truppen in den Kampf führen konnte, war er zum äußersten Widerstand entschlossen und machte, unterstützt von der in die Hauptstadt geströmten Bevölkerung der Insel, sechs Monate lang durch eine ebenso umsichtige als heldenmütige Verteidigung alle Anstrengungen der Türken zu Schanden. Schon hatte nahezu die Hälfte derselben bei den unausgesetzten, stets von den Christen siegreich zurück geschlagenen Stürmen den Tod gefunden, und Solyman selbst begann an seinem Sieg zu verzweifeln, als er durch den Verrat eines jüdischen Arztes die Gewissheit erhielt, daß die vollständig zerschossenen Festungswerke der Stadt nur noch kurze Zeit Widerstand zu leisten vermochten. In einer Anwandlung von Großmut schlug er, um der Stadt die Gräuel einer Erstürmung zu ersparen, dem Großmeister eine Kapitulation vor; aber l’Isle Adam, der mit seinen Rittern entschlossen war, eher zu sterben als sich zu ergeben, wies seinen Vorschlag zurück. Indessen gab der Großmeister endlich den flehentlichen Bitter der Einwohner von Rhodos, sie nicht einem sicheren Tod zu weihen, nach und pflanzte am 21. Dezember zum Zeichen seiner Bereitwilligkeit, die Festung zu übergeben, die weiße Fahne.

Solyman bewilligte den Rittern freien Abzug mit ihren Waffen, sowie die nötigen Schiffe zur Überfahrt, und sicherte den auf der Insel Zurückbleibenden die unbehinderte Fortsetzung des christlichen Gottesdienstes zu. Als er den Palast des Großmeisters in Besitz nahm, sagte er, auf den von Kummer nieder gebeugten Helden deutend, zu seinem Großwesir Ibrahim: „Ich zwinge nur mit Schmerz diesen ehrwürdigen Christen mit weißen Haaren, sein Haus und seine Güter zu verlassen: aber es stand so geschrieben!“

Papst Klemens VII. erkennt die Größe der türkischen Gefahr

Karl V. räumte im Jahre 1530 den Ordensrittern, denen der Papst zuerst Civita Vecchia, dann Viterbo zum Wohnsitz angewiesen, die Insel Malta nebst Gozzo und der Stadt Tripolis in Afrika unter der Bedingung ein, daß ihm das Recht zustehe, unter drei Kandidaten, die der Orden ihm vorschlage, den Großmeister zu wählen. Das bis dahin öde und unbevölkerte Malta wurde von den Johannitern, die seitdem den Namen Malteser trugen, in kurzer Zeit in einen der wichtigsten Vorposten Europas gegen Asien und Afrika umgeschaffen. Der Großmeister Villiers de l’Isle-Adam starb im Jahre 1534, hoch an Jahren wie an Ruhm. Sein Grab erhielt die Inschrift: „Hier liegt die Tugend, die über das Schicksal siegte!“

Die Größe der Gefahr wohl erkennend, die der gesamten Christenheit aus dem Fall von Rhodos erwuchs, schrieb der Papst an Franz I., der sich seinen Ermahnungen, mit dem Kaiser Frieden zu schließen, unzugänglich gezeigt:

„Glaube ja nicht, daß der Sultan sich jetzt ruhig verhalten wird; nein, Ungarn, Sizilien, ja ganz Italien stehen ihm jetzt offen, und wenn er einmal diese in der Gewalt hat, was ist dann noch für die übrigen Völker der Christenheit zu erwarten?“

Solyman zieht gegen Ungarn

Aber Franz I. hatte nur Sinn für die Wiedergewinnung dessen, was er in Italien verloren, und ordnete das Interesse der christlichen Welt so sehr seinem eigenen unter, daß er sogar gegen das Ende des Jahres 1525 aus seiner Haft in Madrid einen Unterhändler nach Konstantinopel sandte, um von dem Sultan, mit welchem er bereits früher aus Feindschaft gegen Karl V. geheime Verbindungen angeknüpft, die Gnade zu erflehen, ihm durch einen Krieg gegen den Kaiser zu Hilfe zu kommen, wofür er in Zukunft ein dankbarer Diener des Sultans zu sein versprach. Solyman ließ sich in der Tat durch des Königs Bitten zum Abschluss eines Bündnisses mit ihm bewegen und trag Vorkehrungen zum Krieg gegen Karl. Eine zahlreiche Flotte sollte gegen Spanien auslaufen und ein von dem Großwesir Ibrahim geführtes Heer durch die Länder des Erzherzogs Ferdinand gegen Friaul und dann nach Mailand ziehen. Allein die Weigerung Ludwigs II. von Ungarn, auf Verhandlungen mit den Türken wegen eines Waffenstillstandes einzugehen, durch welchen Solyman sich während des geplanten Unternehmens vor einem Angriff von Ungarn aus sicher stellen wollte, bewog den Sultan, seine Waffen zunächst gegen dieses Land zu wenden.

Mit einem Heer, dessen Stärke auf dreimal hunderttausend Mann angegeben wird, überschritt der türkische Großherr im Juni 1526 zum anderen Mal die ungarische Grenze, nachdem er dem König Ludwig verkündet: er werde in Ungarn Alles erobern, Ofen zerstören, überall die Fahne des Propheten aufpflanzen und dann die Deutschen heimsuchen, gleich wie ihn. Trotz der Größe der Gefahr scharten sich die ungarischen Magnaten, deren überwiegende Mehrzahl kein anderes Streben kannte, als das Ansehen der Krone im Interesse ihrer eigenen Machtstellung zu untergraben, in so geringer Zahl um ihren jungen König, daß derselbe nur mit 22000 Mann dem übermächtigen Feind entgegen ziehen konnte. Auf der Ebene von Mohacs stießen die beiden Heere zusammen, und hier entbrannte am 29. August 1526 die blutige Entscheidungsschlacht, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.

Das ungarische Heer wird von den Türken vernichtet

Das ganze ungarische Heer wurde vernichtet; nur Wenige entrannen durch die Flucht dem allgemeinen Verderben. Unter denen, die als Leichen die Blut getränkte Wahlstätte bedeckten, befanden sich sieben Bischöfe, achtundzwanzig Landesbarone und dreihundert Mitglieder des höhere Adels. Der junge König, der verwundet von seinen beiden Kämmerern aus dem Schlachtgetümmel gerissen worden, fand den Tod auf der Flucht. Als er das steile Ufer des Baches Czelye hinan reiten wollte, schlug sein Pferd um, und er erstickte im Morast. Auf dem Schlachtfeld von Mohacs wurden vor dem Zelt des Sultans zweitausend Köpfe von Erschlagenen als Siegestrophäen aufgepflanzt und viertausend Gefangene nieder gemetzelt. Unter seine Feldherren teilte Solyman glänzende Belohnungen aus, und sieben Tage lang durften seine Scharen in der Umgegend plündern.

Zwölf Tage nach der Schlacht von Mohacs hielt der siegreiche Großherr seine Einzug in die Hauptstadt Ofen, die sich ihm ohne Schwertstreich ergeben. Hier feierte er im Palast Ludwigs II. den Beiram – Schluss des großen Fastens – und trat dann am 24. September, über 100000 Christen als zum Verkauf bestimmte Sklaven mit fortschleppend, unter gräuelvoller Verwüstung des ungarischen Gebietes und grausamer Misshandlung der wehrlosen Bewohner, den Rückweg nach Konstantinopel an.

Johann Zapolya wird für die Türken Statthalter Ungarns 

Da Solyman die Herrschaft über das eroberte Ungarn nicht selbst in die Hand behalten, sondern aus demselben nur einen zinspflichtigen Staat machen wollte, ernannte er den Woiwoden von Siebenbürgen, Johann Zapolya, der längst nach der ungarischen Krone gestrebt und indem Verdacht stand, schon vor der Schlacht bei Mohacs hochverräterische Verbindungen mit dem Sultan angeknüpft zu haben, zum Statthalter von Ungarn, worauf derselbe von seinen Parteigenossen zum König ausgerufen wurde. Zapolya’s Erhebung auf den ungarischen Thron blieb jedoch nicht unbestritten; denn auch Karls V. Bruder Ferdinand, der nicht nur in Kraft früherer Verträge, sondern auch als Gemahl der Schwester des kinderlosen Ludwig II. gerechte Ansprüche auf die ungarische Krone besaß und kurz vorher auch von den böhmischen Ständen als König anerkannt worden war, hatte seine Anhänger, und als er im August 1527 mit einem Heer in Ungarn erschien, um seine Rechte geltend zu machen, sah sich Zapolya zum Rückzug nach Siebenbürgen genötigt. Nachdem Ferdinand auf einer Versammlung zu Ofen von allen anwesenden als König anerkannt worden, empfing er am 3. November zu Stuhlweißenburg die ungarische Krone.

Um seinen Schützling, der lieber von des Sultans Gnaden König von Ungarn sein, als auf den Glanz der Krone Verzicht leisten wollte, den verlorenen Thron wieder zu verschaffen, erschien Solyman im April 1529 zum dritten Mal in Ungarn, drang, ohne irgend welchen ernsten Widerstand zu finden, bis Ofen vor und setzte dort, nachdem die Stadt in Folge einer Empörung der Besatzung gegen ihre Führer in seine Hände gefallen, Zapolya wieder zum König ein. –
aus: F. J. Holzwarth, Weltgeschichte, 5. Bd., 1886, S. 61 – S. 66

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