Die moderne Philosophie Kant und Hegel

VI. Die moderne Philosophie Kant und Hegel

Emmanuel Kant

Jedoch der hauptsächlichste Begründer der rationalistischen Philosophie ist Emmanuel Kant (1724—1804) geworden, welcher die Menschen desto mehr vom übernatürlichen Ziele fern rückte, je mehr er von unzählbaren Anhängern im Leben und nach seinem Tode gefeiert wurde. Er verband die beiden bisherigen Strömungen der Philosophie, die empiristische Baco’s und die idealistische des Cartesius. Einerseits hält er nämlich entschieden an der Wirklichkeit der sinnlichen Wahrnehmungen fest und beschränkt darauf die ganze menschliche Erkenntnis; ja bannt sie darein fest, indem er sagt, wir könnten unmöglich vom Sinnlichen zum Übersinnlichen aufsteigen. Anderseits nimmt er doch auch angeborene Ideen an, macht sie jedoch zu eitlen und inhaltslosen Denkformen. Vor allem wollte er das menschliche Erkenntnisvermögen kritisch untersuchen, um zu wissen, wie weit sich dasselbe erstrecke.

Denn bisher habe man angenommen, unsere Erkenntnis müsse sich nach den Dingen richten, aber das Gegenteil sei wahr; die Dinge müssen sich nach unserer Erkenntnis und unserem Denken richten. Durch diesen echt protestantischen Kritizismus aber kommt er darauf hinaus, daß er jede Möglichkeit einer übersinnlichen Erkenntnis leugnet. So ist das Menschen-Ich wiederum der Mittelpunkt aller und jeder Wahrheit, und von vornherein die Wirklichkeit einer höheren und übermenschlichen Welt im Grunde geleugnet.

Eine Erkenntnis der Seele, Gottes, der Welt-Einheit sei uns auf dem Standpunkt der rein theoretischen Vernunft unmöglich; denn diese drei Ideen sind ihm nur Denkformen. So bleibt dem Menschen ausschließlich die Erkenntnis der Natur übrig; aber auch sie erkennen wir bloß nach ihrer Erscheinung, nicht nach ihrem Wesen. Daß es Dinge an sich gebe, lasse sich nicht leugnen, weil ja unser Empfindungsvermögen von ihnen angeregt werde; aber was sie seien, erkennen wir nicht.

Auch in der praktischen Philosophie („Kritik der praktischen Vernunft“) kam Kant nicht über den Zauberkreis des Ich und der bloßen Humanität hinaus. Allerdings wollte er jener materialistischen Moral der Sinnenlust und des Eigennutzes, die aus Frankreich und England importiert waren, entgegen treten; aber seine Moral ist gleichfalls nur eine Form ohne Inhalt, ähnlich wie seine Ideen der eigentlichen Wirklichkeit ermangeln und bloße Denkformen sind. Sein oberstes Gesetz für menschliches Handeln lautet: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip der Gesetzgebung für Alle gelten könnte, und du selbst dieses auch vernünftiger Weise zu wollen vermöchtest. Auch das Handeln ist ihm nur dann gut, wenn es durch die Form des Sollens, nicht durch ein zu erreichendes Gut, bestimmt wird. Ich soll vernünftiger Weise so handeln, also tue ich es, ohne Rücksicht auf ein zu erlangendes Gut, ja nicht einmal aus Liebe zu Gott, sondern aus Achtung vor dem Gesetz und um des Gesetzes selbst willen. Dies war sein „kategorischer Imperativ.“

Hieraus zog er die Folgerung: der Mensch ist in sittlicher Beziehung autonom; er gibt sich selbst das Gesetz des sittlichen Handelns. Mit anderen Worten: die menschliche Vernunft allein, nicht etwa Gott als oberster Gesetzgeber, ist die Quelle des Sittengesetzes; und nur dadurch, daß der Mensch diese Unabhängigkeit seines Willens aufrecht erhält und einzig aus diesem Beweggrund handelt, ist er sittlich. Das höchste Gut ist nicht etwa ein solches, wegen dessen wir sittlich handeln, denn eine solche Sittlichkeit wäre bei Kant nicht dieses Namens wert, sondern dasjenige, was durch die Sittlichkeit vom Menschen selbst geschaffen wird, nämlich die Tugend und die aus ihr allein entspringende Glückseligkeit, welche durch unendliches Fortschreiten möglich wird. Eben wegen dieses Fortschritts in’s Unendliche sei die Unsterblichkeit der Seele nötig. Weil nun in dieser Welt die Tugend nicht immer, ja häufig gar nicht zur Glückseligkeit führe, sei man gezwungen, das Dasein Gottes anzunehmen, nicht als Pflicht , sondern aus Bedürfnis, weil eine Sittlichkeit ohne diese Annahme unmöglich wäre. Neben dem Dasein Gottes nimmt er noch die menschliche Freiheit und Unsterblichkeit an, nicht als philosophisch erwiesene Sätze, sondern als Postulate der praktischen Vernunft, als eine Art von moralischem oder Vernunft-Glauben.

Auf diese Weise hat der Philosoph des protestantischen Rationalismus die ganze Religion ihres höheren und übernatürlichen Charakters entkleidet und in die Sphäre des Menschentums herabgezogen, ja als eine Erfindung, besser als eine unbeweisbare, aber unentbehrliche Hypothese des menschlichen Denkens und Handelns hingestellt. Darum ist sein Begriff von Religion der denkbar armseligste. Die Religion, sagt er, ist nichts Anderes, als die Moral in ihrer (rein subjektiven) Beziehung auf Gott als Gesetzgeber, d. h. insofern wir uns die Sittengesetze denken als von Gott gegebene, wird die Moral zur Religion. Da wir nämlich die Glückseligkeit, nach welcher wir zufolge dem Sittengesetz streben müssen, nur von Gott erwarten können, so verpflichtet uns das Sittengesetz, es zugleich als göttliches Gebot zu betrachten und zu erfüllen. Demnach ist nicht die Religion die Quelle der Moral, sondern umgekehrt erst eine Folge der Moral und nur ein Bedürfnis für die praktische Vernunft, um das sittliche Handeln möglich zu machen, und um der Moral bei den Menschen Eingang zu verschaffen. Einen anderen Zweck hat die Religion nicht.

Hätte sich nun der Königsberger Philosoph begnügt, diese Meinung als ausschließliche Domäne des Weltweisen zu isolieren und das Christentum ungeschoren zu lassen, so hätte dies noch als allerdings gefährliches Privatvergnügen erscheinen können. Aber nein! Die Emanzipation des Menschen vom Übernatürlichen musste durchgeführt werden. Nach einer Denkschablone zerrte er sich die christliche Offenbarung zurecht, bis nur noch eine magere Anthropologie davon als Rest blieb. So wird ihm der Sündenfall und die Erbsünde nur zur erfahrungsmäßigen Schwäche des Menschen in vollkommener Tugend; die gefallenen Engel ein Sinnbild der Unbegreiflichkeit, wie der Mensch trotz der Vernunft so verstimmt sein könne für Moral; die Wiedergeburt eine Wiederherstellung der sittlichen Triebfedern an Stelle des Eigennutzes; der Sohn Gottes die „Idee der Menschheit“ in ihrer ganzen moralischen Vollkommenheit; die Kirche eine Gesellschaft, welche nach Tugendgesetzen lebt. Die positive Religion und der Kirchenglauben waren ihm nur Vorbereitung zur Beförderung der rein menschlichen Religion, des reinen Vernunftglaubens; wer ihnen selbständigen Wert beilegt, ist im Irrtum. Die lautere Humanität wird einst an Stelle des Kirchenglaubens treten und war die Endabsicht Jesu. Was Christus vom Judentum in seine Lehre mischte, war bloß aus Politik zugelassen, um die an Geschichtliches gewöhnte Nation nicht vor den Kopf zu stoßen.

Nach Kant ist der Mensch sich selbst Zweck, hat also nach nichts Höherem und Übernatürlichem zu streben. Seine Worte lauten: „Der Mensch als Person betrachtet, d. i. als Subjekt einer moralisch-praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben: denn als solcher ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d. i. besitzt er eine Würde, einen absoluten inneren Wert, wodurch er allen anderen vernünftigen Wesen Achtung für ihn abnötigt; sich mit jedem andern dieser Art messen und auf den Fuß der Gleichheit setzen kann. Die Menschheit in seiner Person ist das Objekt der Achtung, die er von jedem andern Menschen fordern kann, deren er aber auch sich nicht verlustig machen muss.“

Dieser wallende Menschheitsnebel bestach die Geister besonders im protestantischen Norddeutschland wunderbar; kaum hat je eine Philosophie so viele Anhänger gezählt, als die kritische, im Grunde rein negative Kant’s. Als Mensch zu denken, als Mensch zu leben, als Mensch sich zu vervollkommnen, war fortan das Ideal, und jener Theologe der beste, welcher das Christentum am gründlichsten vermenschlichte.

Die rationalistische Philosophie eines Wolff und Kant hatte vom Cartesianischen Ich aus ihre Begriffe subjektivistisch gebildet und die einmal nicht zu leugnende Wirklichkeit, die natürliche Ordnung und die Offenbarung, darnach gemodelt, und jeder Wirklichkeit, welche sich dem Begriff nicht anbequemte, die Anerkennung verweigert. Kant insbesondere hatte die größte Mühe, einen Übergang zur Wirklichkeit der Außenwelt zu gewinnen und sich in der ersten Ausgabe seiner „Kritik der reinen Vernunft“ geäußert, es sei nicht unmöglich, daß das Ich und das Ding an sich (Wesen des Dings) eine und dieselbe denkende Substanz seien. So war anstatt des Spinozistischen Pantheismus dem idealistischen All-Eins ein schmaler Weg eröffnet, an dessen Ende man das denkende Ich des Menschen als schöpferische Macht, das Weltall in seinem Wesen als Erzeugnis des denkenden Geistes begriff.

J. G. Fichte

So war das Eritis sicut dei des Verführers im Paradies buchstäblich eingetreten. J. G. Fichte (1762-—1814) machte die eben genannte Vermutung Kant’s zum Grundstein seiner ganzen Philosophie, behielt als einziges „Ding an sich“ das menschliche Ich, hob theoretisch die Außenwelt auf und kam niemals über das Ich hinaus (1) Seine praktischen Lehren, die uns hier zunächst angehen, bewegen sich aus dem angegebenen Grund ganz und gar innerhalb des Menschentums. Sein höchstes Rechtsgesetz lautet: „Du musst deine äußere Freiheit in der Weise und in dem Maße beschränken, daß du mit Anderen und Andere mit dir eine Gemeinschaft bilden können, und so ein gegenseitiges Zusammenleben möglich ist.“

Sein oberstes Moralgesetz ist: „Es ist Aufgabe des Willens, daß das Ich zur unendlichen Selbstposition gelange, indem es die Schranken des Endlichen immer mehr erweitere und hierdurch immer mehr zur Freiheit, Selbstgenügendheit und Selbständigkeit sich erhebe.“ Hierdurch aber bringe der freie Wille außer und über der physischen Weltordnung eine höhere moralische hervor. Somit ist das Ich der moralischen Weltordnung nicht unterworfen, sondern es ist selbst Schöpfer derselben. Und diese moralische Weltordnung ist das Göttliche und das einzig Göttliche. Was wir Gott nennen, sei nur moralische Weltordnung; ein persönliches Wesen als Gott gebe es nicht.

(1) Soweit Fichte für freimaurerische Zwecke tätig war, kommen wir vom siebenten Abschnitt an öfter auf ihn zurück.

J. G. Fichte drückt sich über diese Punkte näher in folgender Weise aus: „Ich finde mich frei von allem Einfluss der Sinnenwelt, absolut tätig in mir selbst und durch mich selbst, sonach als eine über alles Sinnliche erhabene Macht. Diese vorerst unbestimmte Freiheit hat ihren Zweck und setzt ihn durch sich selbst. Ich selbst und mein notwendiger Zweck sind das Übersinnliche. An dieser Freiheit und dieser Bestimmung derselben kann ich nicht zweifeln, ohne mich selbst aufzugeben.“ —

„Der Zwang, mit welchem ich uns der Glaube an die Realität der Dinge aufdringt, ist ein moralischer Zwang, der einzige, der für das freie Wesen möglich ist. Niemand kann ohne Vernichtung seine moralische Bestimmung soweit aufgeben, daß sie ihn nicht wenigstens noch in diesen Schranken für die künftige höhere Veredlung aufbewahre. So also das Resultat einer moralischen Weltordnung angesehen, kann man das Prinzip dieses Glaubens an die Realität der Sinnenwelt gar wohl Offenbarung nennen. Unsere Pflicht ist’s, die in ihr sich offenbart. Dies ist der wahre Glaube; diese moralische Ordnung ist das Göttliche, das wir annehmen . . Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott. Wir bedürfen keines anderen und können keinen anderen fassen.“ —

Und jenen, welche einen persönlichen Gott annehmen, ruft Fichte entgegen: „Dieses (göttliche) Wesen soll von euch und der Welt unterschieden sein; es soll in der Welt nach Begriffen wirken und sonach der Begriffe fähig sein, Persönlichkeit und Bewusstsein haben. Aber was nennt ihr denn Persönlichkeit und Bewusstsein? Doch wohl dasjenige, was ihr in und an euch selbst gefunden und kennen gelernt habt? Ihr macht sonach jenes Wesen zu einem endlichen, zu einem Wesen Euresgleichen, und ihr habt nicht, wie ihr wolltet, Gott gedacht, sondern nur euch selbst im Denken vervielfältigt.“ —

In seinem „Beitrag zur Berichtigung der Urteile über die französische Revolution“, 1793 (S. 53) sagt Fichte zum Menschen: „Sei dir selbst Alles, oder du bist Nichts!“

Um also sittlich handeln zu können, müsse man glauben, was man durch Wissen nicht erreichen könne, nämlich die wirkliche Existenz des Ich und der Außenwelt. Du musst handeln, rufe uns das Gewissen zu: aber dazu musst du die Wirklichkeit der Außenwelt und Anderer Deinesgleichen annehmen, d. h. glauben. So käme der Mensch erst durch einen Entschluss des Willens dazu, daß er selbst und andere Menschen nebst den Dingen der Außenwelt existieren. — Jedermann fühlt, in welch unendliche Leere die Ichheits-Philosophie geraten ist. Kein überweltlicher, persönlicher Gott ist mehr geblieben, und die Menschheit beim flachsten Atheismus angekommen, in welchem sie allein noch die göttlichen Prärogativen hat und sich zur „Freiheit, Selbstgenügendheit und Selbständigkeit“ — ihrem letzten Ziele — erschwingen soll! (2)

(2) Deshalb wurde Fichte, welcher zugleich eifriger Freimaurer war, zu Jena des Atheismus angeklagt, musste seine Professur aufgeben und die Stadt verlassen.

G. W. F. Hegel

Bis zur äußersten Entwicklung gelangte der von Kant angebahnte und von Fichte ausgesponnene Idealismus durch G. W. F. Hegel. (1770—1831). Ihm genügte als tiefste Grundlage der Philosophie weder das Fichte’sche Ich, noch jene absolute Identität zwischen Ich und Nicht-Ich, die von Schelling in seiner ersten Periode aufgestellt worden und allerdings der Ausgangspunkt auch der Hegel’schen Philosophie gewesen war. Ihm ist der reine logische Begriff dasjenge, worin Denken und Sein Eines sind, und daher Prinzip aller Philosophie, welche ihm zur Universalwissenschaft wird, weil sie sich mit dem Wirklichen und allem Wirklichen zu beschäftigen habe. Aber das wahrhaft Wirkliche sind ihm nicht die Einzelwesen, die uns in der Erscheinungswelt entgegen treten, sondern das Allgemeine und Wesentliche, der logische Begriff, welcher sowohl die wesentliche Form des Denkens, als auch die allgemeine Substanz ist, welche allen Erscheinungen zu Grunde liegt: Denken und Sein sind Eines und Dasselbe. Weil nun alles Wirkliche auf den logischen Begriff reduziert wird, ist derselbe das Absolute, Göttliche.

Einen über- und außerweltlichen Gott gibt es sowenig, als etwas Jenseitiges. Gott ist der logische Begriff, welcher im ersten Stadium (vor der Schöpfung) kaltes An-sich ist, dann bei der Schöpfung, in der Natur, sich außer sich setzt, endlich im denkenden (Menschen-) Geist dieses Außer-sich wieder in sich selbst zurückzieht und so zum In-sich-Sein gelangt. Mit anderen Worten: Im Menschengeist gelangt das Absolute oder Gott erst zum Selbstbewusstsein und seiner vollen Entfaltung. Deshalb ist für Hegel die Religion von Seite des Subjekts nur dieses: daß der Mensch unmittelbar von Gott wisse; von Seite Gottes aber: das Selbstbewusstsein des göttlichen Geistes, wie dieses vermittelt ist durch den endlichen, d. h. menschlichen Geist. Oder: Religion ist Wissen des Menschen von Gott, und das Wissen Gottes von sich im Menschen. Gott ist Gott nur, insofern er sich selbst weiß, sich selbst aber weiß er nur im Selbstbewusstsein des Menschen.

So ist das Menschentum und der Humanitätskultus auf seiner Spitze angekommen; es ist die letzte Entwicklung der Gottheit, Gott und Mensch ist dasselbe, in und durch den Menschen ist das Göttliche erst zum vollen Geistesleben gekommen. Gott ist die Menschheit, und die Menschheit ist Gott.

Die Wahrheiten des positiven Christentums werden von Hegel als niedrige Vorstellungsformen hingenommen, aber im vorgeblich philosophischen Denken in ebenso viele pantheistisch-menschliche Ideen verflüchtigt und zu einer idealistischen Anthropologie erniedrigt.

Folgerichtig ist bei Hegel die volle Betätigung des Menschentums nach Außen, der Staat, der wirkliche und präsente Gott und der göttliche Wille. Der Staat ist ihm ein wahrhaft Irdisch-Göttliches und muss als solches verehrt werden. Die Kirche steht nicht über ihm, noch außer ihm: sondern der Staat tritt an die Stelle der Kirche selbst und macht dieselbe nur zu einer von seinen vielen Lebensäußerungen. (Wehe dann den positiv-gläubigen Christen!) Als Selbstzweck hat der Staat das höchste Recht über die Einzelnen; das Volk als Staat ist die absolute, göttliche Macht auf Erden. Um tugendhaft und religiös zu sein, muss der Einzelne nichts Anderes tun, als die Gesetze des Götzen „Staat“ beobachten. Diesem Staatsgesetz muss sich der Einzelne unbedingt fügen und sich für dasselbe opfern, wie denn überhaupt die wahre Sittlichkeit darin besteht, Mitglied des Staates zu sein. Legalität und Heiligkeit ist Eines und Dasselbe. Also ist der Mensch im nämlichen Augenblick, da er sich vergöttlicht hat, auch der willen – und gewissenlose Sklave des allmächtigen Staates geworden und zu Ehren des eisernen Absolutismus um sein Recht und seine persönliche Freiheit gekommen.

Nachdem der Hegel’sche Pantheismus größtenteils jene Geister, welche von Christo nichts wissen wollten, berückt hatte, ist der Kultus des Genius und der Humanität unter verschiedenen Redaktionen immer weiter verbreitet worden.

Für uns ist es hierbei ganz gleichgültig, ob der Pantheismus idealistisch blieb, oder sich in den später herrschend gewordenen Materialismus in seinen verschiedenen Denominationen auflöste (1). Denn an sich ist es einerlei, ob man mit dem Geist beginne und mit der Materie aufhöre; oder ob man mit dem Weltbrei anfange und aus ihm endlich zu jenem Ding gelange, das wir Denken und Seele nennen; ob man aus den Weichtieren durch alle möglichen Acht- und Vierfüßler hindurch endlich den Menschen entstehen lasse, oder ihm einen eigenen Ursprung gestatte: der Mensch bleibt immer innerhalb seines Naturalismus, sein eigener Herr und sein eigener Knecht, los geschält vom überweltlichen Gott und seiner Religion.

Hierauf laufen die Versuche eines L. A. Feuerbach, Dav. Friedr. Strauß, C. Vogt, Moleschott, Büchner, Darwin hinaus, bis auf den Philosophen des Unbewussten, Ed. v. Hartmann. —

Der Name Gottes und Christi, positive Offenbarung und Kirche gelten als Ausdrücke der Unkultur; nur die menschliche Gottheit und die göttliche Humanität gelten als zeitgemäße Dogmen. So ist nicht bloß der Mensch, sondern auch die Philosophie um die Würde gekommen. Früher galt die Weltweisheit als Führerin und Leuchte bei der Naturforschung, wie sie selbst auf ihrer schwierigen Bahn sich nach der Wissenschaft der Offenbarung, der Theologie, orientierte, um nicht zu verirren. Jetzt schreitet die Naturwissenschaft als allgebietende Herrin voran, und die Philosophie in den Händen der Stümper ist goldfroh, hinter der gespreizten Gebieterin die Brosamen der Hypothesen aufzulesen, darauf vermeintliche Systeme zu bauen und sich für den Mägdedienst noch höhnen zu lassen (2).

(1) „Es fehlte allerdings nicht an Versuchen, die Herrschaft dieses abstrusen pantheistischen Idealismus zu brechen, und die Philosophie aus der schwindelnden Höhe der Selbstvergötterung wieder herabzuführen auf das Feld der konkreten Wirklichkeit. Allein auch diese Versuche mussten misslingen, weil man überall nur nach Originalität haschte, weil jeder Philosoph sich immer nur auf sich allein stellte, und aus sich allein ein ganz neues System aufstellen wollte, das allein die Wahrheit enthalten und alle übrigen Systeme aus dem Felde schlagen sollte.

Den Faden des geschichtlichen Zusammenhanges in der geschichtlichen Entwicklung des philosophischen Denkens wollte man nicht wieder aufgreifen, die christliche Philosophie der Vorzeit galt nach wie vor als ein überwundener Standpunkt, ja als eine Verirrung des menschlichen Geistes; der positiv christliche Glaube wurde nicht bloß nicht als das höchste Richtmaß des philosophischen Gedankens anerkannt, sondern geradezu verachtet und verleugnet, — und so konnte es denn nicht anders kommen, als daß ein System das andere drängte, und doch keines derselben dem Wahrheitsbedürfnis des menschlichen Geistes zu genügen vermochte, bis man endlich dieses nutzlose Philosophieren ganz aufgab, die Philosophie selbst und mit ihr alles Ideale als eitles Hirngespinst erklärte und sich dem platten Materialismus in die Arme warf. Die Bestrebungen, die Philosophie wieder zu Ehren zu bringen, wie sie in der Gegenwart sich kund gaben, haben dem gegenüber einen schweren Stand.“ Stöckl, Handb. d. Gesch. der Philos., S. 688.)

(2) Ein kleiner Auszug aus Dr. Dav. Fr. Strauß, der alte und der neue Glaube, (S. 213) möge hier ein Plätzchen finden. Der neue Apostel der Humanität schreibt: „Der hohe Ton, den manche Philosophen gegen die Naturforschung anzunehmen belieben, ist ebenso tadelnswert, als andererseits das ungeschlachte Schimpfen auf die Philosophie, womit uns die Naturkundigen so gern unterhalten, aber nicht erbauen. Und beinahe ist auf dieser letzteren Seite die Verkennung der andern noch hartnäckiger, als auf jener. Daß dem Philosophen naturwissenschaftliche Kenntnisse unentbehrlich seien, wird auf philosophischem Boden heute kaum mehr irgendwo geleugnet; weit öfter sehen wir die Vertreter der exakten Naturwissenschaft aufgelegt, die Philosophie zur Astrologie und Alchymie in die Rumpelkammer zu verweisen; aber wenn mir die Herren einen Scherz ad hominem erlauben wollen, als Naturforscher sollten sie doch die Mauser von tödlichem Kranksein zu unterscheiden wissen. Daß die Philosophie seit geraumer Zeit in der Mauser begriffen ist, liegt leider vor Augen, doch die Federn werden ihr schon wieder wachsen. Über die letzten Fragen, Anfang und Ende, Grenze oder Grenzenlosigkeit, Zweck oder Zufälligkeit der Welt kann ohnehin nur die Philosophie diejenige Auskunft erteilen, die überhaupt in diesen Regionen möglich ist.“ –

Auguste Comte

Beachten wir aus dem großen Haufen der heutigen Männer des humanistischen Naturalismus nur einen, den Gründer des neufranzösischen Materialismus, den „Positivisten“ August Comte (1798—1857). Er setzt an die Stelle des veralteten Gottes die Menschheit und bezeichnet sie als das „große Wesen,“ als die Gesamtheit der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen menschlichen Wesen, welche somit Gegenstand des religiösen Kultus sind, jedoch Letzteres nicht in ihrer Gesamtmasse, sondern in jenen ausgezeichneteren Mitgliedern unseres Geschlechtes, welche frei zur Erhaltung und Vervollkommnung des gemeinsamen Ganzen mitwirkten. Die „konvergenten Wesen“ sind die großen und kultuswürdigen Menschen (1).

(1) Übrigens ist dieser Gedanke von Humanitäts-Kultus auf Seiten der Positivisten nicht einmal modern, sondern eine uralte Märe. Eusebius Pamphili zitiert in seiner Praeparatio evangelica (I, e. 9, n. 30 sq., ed. Migne col. 71 sqq.) ein Fragment des Sanchuniathon (aufbewahrt durch Philon aus Byblos), welchem zufolge „die ältesten Barbaren, besonders Phönizier und Ägypter, und nach ihrem Vorbild andere Völker, als oberste Götter alle jene Menschen verehrten, welche für das tägliche Leben wichtige Erfindungen machten, oder sich sonst als Wohltäter des Volks betätigten, daß man die vorhandenen Tempel zu ihrem Kultus verwendete, zur Ehre ihres Namens Säulen und heilige Stäbe weihte und als hochheilig verehrte, ferner Gedenkfeste feierte, ja sogar die Namen der alten Könige den Elementen des Weltalls beilegte.“ Vgl. Dissertation sur l’authenticité des fragments de Sanchoniathon, par Séguier de St.-Brisson, abgedr. bei Migne col. 1677 sqq.

Diese Gesamtheit großer Menschen muss an die Stelle Gottes treten. Demnach ist die positive Religion der Zukunft jene der Humanität, die Anbetung des Opfers und des Genies; ihr Grundgesetz ist die Liebe, „das Leben für Andere.“ Dieser Kult erfordert aber symbolische Darstellungen des anzubetenden Gegenstandes — Fetische. So sollte der Höhepunkt des neuen Heidentums wieder zur rohesten Stufe des alten, zum Fetischismus, zurückkehren. Die Priester der neuen Religion haben das einzige Amt der Erziehung und des Unterrichtes.

David Friedrich Strauß

Schließen wir endlich ab mit einem Deutschen, welcher uns den Kultus des plattesten Menschentums mit vollendetster Natürlichkeit vor Augen hält. Es ist der im Februar 1874 von Gott abberufene Dr. David Friedrich Strauß in seiner Bekenntnisschrift „Der alte und der neue Glaube.“ Der alte Christusleugner lästert über unseren Erlöser: derselbe verdiene nicht einmal als Mensch einen Kultus, weil er ein vernunftloser Schwärmer gewesen. Die ganze Humanitätsmoral, denn von Religion spricht man gar nicht mehr, läuft zusammen in die vier Grundsätze: 1. Vergiss nicht, o Mensch, daß du ein Mensch bist! (Naturerkenntnis.) 2. Beherrsche die Natur, ohne jedoch die vollständig berechtigten Triebe abzutöten! (Industrie und Technik.) 3. Behandle human die Tiere, von welchen du nur graduell verschieden bist! Denn „wie eine Nation die Tiere behandelt, ist der Hauptmaßstab ihres Humanitätswertes.“ (S. 247.) 4. Halte das Nationalitäts-Prinzip hoch! —— So dürfen wir Deutsche uns rühmen, daß wir in unserem „größten Kritiker“ noch weit über die französischen Positivisten hinaus geschritten sind, und daß der Kultus des atheistischen Menschentums an einem Punkt des Nihilismus angekommen ist, über welchen überhaupt Niemand mehr hinausgehen kann. (1)

(1) Die „Bauhütte“ (28. März 1874) widmet dem Dr. D. Fr. Strauß bei der Nachricht von seinem Tode den Nachruf: „Er hat sein großes Tagewerk vollbracht. Heil ihm! Das unaustilgbare Tragische unseres kurzlebigen bewussten Daseins im großen All berührt ihn nicht mehr. Sich selbst treu bis zum letzten Atemzug, den Geist in’s Unendliche versenkt, so schied er dahin — die Atome zurückgebend an das Universum, das keinen Tod, keine Schöpfung kennt, sondern nur eine ewige Transformation aus eigener Kraft. Mit Strauß ging der Gewaltigsten Einer in der streitbaren Schar der Aufklärer dahin. Sein letztes Wort hat er mit seinem Bekenntnis vom alten und neuen Glauben gesprochen … Ein Freimaurer muss sich im Gewissen verbunden fühlen, aus der Betrachtung dieses heroischen Lichtträgers fruchtbare Entschlüsse zu ziehen für die Logentätigkeit. Strauß zählte äußerlich nicht zu unserem Bunde …, aber tausend und abertausend Bruderherzen sympathisierten mit dem urgewaltigen Zerstörer, der den Plan säubern half, auf dem sich der Humanitätstempel der Zukunft erheben soll.“ –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 92 – S. 105

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