Gott ließ sich tragen aus drei Gründen

Gott ließ sich von Maria tragen aus Liebe, Gehorsam und Nötigung

4.

Nachdem ich nun im Allgemeinen unsern Gegenstand bewiesen, gehen wir zum Besonderen über, d. h. zu der Art und Weise, wie Gott sich gefallen lässt, von einem seiner Geschöpfe, wenn auch dem alleredelsten, dahin gebracht zu werden, wohin dieses will. Ich behaupte also, die hl. Jungfrau Maria trägt Gott, und Gott lässt sich tragen aus drei Beweggründen: aus Liebe, aus Gehorsam, aus Nötigung; aus Liebe zu einer Braut, aus Gehorsam gegen eine Mutter, aus Nötigung seitens einer dem Anschein nach Mächtigeren. Dies alles aber beruht auf Gottes eigener Anordnung und überhaupt stützt sich meine ganze Predigt auf diese Voraussetzung.

Erster Beweggrund: aus Liebe

So hohe Bedeutung also hat jenes hohe Wort, und so hohe Ehrfurcht gebührt jenem te portavit, dich getragen, worauf alles beruht. Zuerst also ist es die Liebe zu einer Braut, wodurch Gott sich gefallen lässt, von seiner Mutter getragen zu werden, und dies gesteht der Herr selbst: Cant. 4, 9. Vulnerasti cor meum , soror mea sponsa, vulnerasti cor meum, Du hast mein Herz verwundet, meine Schwester und Braut, verwundet hast du mein Herz. Wir werden später sehen, wann und wo diese Verlobung stattgefunden. Jetzt wollen wir nur betrachten, was der göttliche Bräutigam eigentlich meint. Er sagt, die Jungfrau Maria, seine Braut, habe ihm zweimal das Herz verwundet: vulnerasti cor meum, vulnerasti cor meum. Warum zwei Wunden? Der hebräische Text erklärt es in tiefsinniger Weise, denn das erste vulnerasti heißt dort abstulisti cor meum, du hast mein Herz geraubt. Die erste Wunde war durch den Raub meines Herzens veranlasst, und zum Tausch war nötig, daß zur selben Zeit zwei Wunden geöffnet wurden: eine, durch die des Bräutigams Herz den Ausweg, eine andere, durch die das der Braut den Eingang fand. Was folgt nun aus diesem Tausch der Liebe? Es folgt, daß nunmehr der Bräutigam nicht mehr fühlte und wollte aus seinem Herzen, sondern aus dem der Braut, indem er wollte, was sie wollte. So erklärt es uns der gelehrte Cornelius v. Lapide: Quasii diceret: cor tuum mihi immisisti, ut illud in me operetur, et ego omne id faciam, quod cor tuum desiderat.

Er sagt gleichsam: dein Herz hast du mir in die Brust gelegt, damit ich in Zukunft nichts Anderes wollen oder tun könne, als was du willst. Dies sagte Gott selbst zu keiner Andern, als zu seiner Mutter in der Eigenschaft einer Braut, soror mea sponsa, und besser lässt sich wohl nicht ausdrücken, wie gern Gott sich dem Willen seiner heiligen Mutter anbequemt, indem er nichts will, als was sie will, und kein Herz hat, um etwas Anderes denn sie zu wollen. –

Und falls vielleicht der Herr mit dem Herzen, das die Braut ihm geraubt, etwas gewollt hätte, das dem Willen der Braut entgegen gewesen wäre: welcher Wille hätte dann geschehen müssen?

Es hätte der Wille der Braut erfüllt werden müssen, der Bräutigam möchte gewollt haben, oder nicht. Ein solcher Fall ist wirklich schon einmal eingetreten. Es wollte Isaak seinen Segen und das Erstgeburtsrecht seinem Sohne Esau, als dem Älteren, zuwenden, und Rebekka, Isaaks Gattin, wollte beides Jakob, ihrem jüngeren Sohne, den sie mehr liebte, erteilt wissen. Sie traf die Vorkehrungen, die wir kennen, und gewann den Segen. Hierzu will ich keine andere Bemerkung machen, als eine über Isaaks Verhalten.

Obgleich jenes Geschenk erschlichen und nicht freiwillig erteilt, sondern ausdrücklich Isaaks Willen entgegen, und der Meinung nach Esau zugewendet war, so nimmt Isaak es doch nicht zurück, widerruft es nicht, stellt es nicht Esau zu, tadelt nicht die Vorkehrungen, die Rebekka getroffen und womit sie das Gegenteil von dem Willen ihres Gatten erlangt hatte. Da der hl. Augustin versichert, daß hierbei keine Lüge, sondern eine geheimnisvolle Fügung gewaltet habe, so wollen wir sehen, worin das Geheimnis besteht.

Der hl. Petrus Damianus sagt vortrefflich: S. 27. Et illic ergo carnalis uxor (Rebecca) et hic spiritualis sponsa (Maria) viris suis in sententiae diversitate praevaluit, Wie dort die irdische Gattin Rebekka, so hat hier die geistige Gattin Maria über die Meinung des Gatten den Sieg davon getragen. Das Geheimnis ist dieses: wie dort Isaaks Gattin Rebekka gegen den Willen ihres Gatten die Oberhand behielt und das durchsetzte, was sie, nicht was Isaak wollte, so würde in dem (offenbar nicht denkbaren) Falle, daß Gottes Braut Maria und Gott etwas Verschiedenes wollten, der Wille der Braut (nach der angegebenen Voraussetzung) die Oberhand behalten. Wer hätte denken können, daß Jakob vor Esau den Vorzug erhielt, der doch des Vaters Willen für sich hatte? Da aber Jakob den Willen der Gattin auf seiner Seite hatte, erlangte er, was er wollte, und damals ward schon vorgebildet, was jetzt im Himmel zwischen Gott und Maria geschieht, zwischen Gott als Bräutigam und Maria als Braut:

Nun zu etwas Aufgeschobenem. Wann und wo ward jene Vermählung gefeiert?

Das Wann war der Tag der Menschwerdung. Wo? in dem Heiligtum Mariä, in ihrem gebenedeiten Schoß, von dem alles, was wir bereits gesagt haben oder noch zu sagen denken, seinen Ausgang genommen hat. Gott der Herr nennt die hl. Jungfrau Schwester, weil er damals sich mit der menschlichen Natur vereinigte, soror mea; er nennt sie Braut, weil die Einigung der göttlichen und menschlichen Natur eine Vermählung bildet und hierbei nach unserer Anschauungsweise ein Austausch der Herzen stattfand, sponsa. Und was mag die Ursache sein, weswegen Gott, nachdem er, einmal beschlossen, Mensch zu werden, bestimmte, daß dies im Schoße der allerseligsten Jungfrau Maria geschehen solle?

Die Ursache gibt uns der heil. Bernhard in erhabener Weise an: Die Schicklichkeit forderte es, daß da, wo die größte Einigung der Willen sich fand, auch die Einigung der Naturen stattfand. Bern. Hom. 3. super Missus est. Cum Deus sit in omnibus sanctis propter concordiam voluntatis, specialiter tamen cum Maria, cum qua utique tanta ei consensio fecit, ut illius non solum voluntatem, sed etiam carnem sibi coniungeret, ac sic de sua virginisque substantia Christum efficeret vel potius unus Christus fieret. Gott ist in allen Heiligen durch Willenseinigung; allein über alles Ähnliche war die Einigung, welche zwischen Gottes Willen und zwischen dem der hl. Jungfrau bestand, so erhaben, daß der Herr bei der Menschwerdung von der Absicht geleitet wurde, es sollte ebenso, wie aus Gottes und Mariä Willen kraft ihrer Gleichförmigkeit und Übereinstimmung nur ein Willen wurde, auch aus Gottes und der Jungfrau Wesenheit eine einzige Person, Jesus Christus, unser Heiland und sein Sohn, sich bilden. O Wunder über Wunder, daß die Wirkungen des Willen und der Natur, die sich in der Gottheit finden, kraft eines so wunderbaren Tausches in dem Wesen und dem Willen der hl. Jungfrau vorhanden sind!

Zwischen dem ewigen Vater und seinem ewigen Sohne besteht, weil nur Eine Wesenheit da ist, auch nur Ein Wille; und zwischen Gott und der hl. Jungfrau ließ der Herr, weil die Willen eins waren, auch die beiden Naturen zu Einer Person sich einigen.

Dort zwei Personen in Einem Willen, hier zwei Willen Eins geworden; und weil nun die Einigung des Willens Gottes mit dem der hl. Jungfrau so groß ist, daß dieselbe die Menschwerdung des ewigen Wortes in Mariä allerreinstem Schoße zur Folge hatte, so trägt der Wille der Jungfrau im Himmel den Willen Gottes ebenso, wie sie neun Monate den Herrn auf Erden getragen: qui te portavit. –

5.

Der zweite Beweggrund: aus Gehorsam

Auf die Würde der Braut und die Gewalt der Liebe folgt die Würde der Mutter und die Macht des Gehorsams, beide im Himmel nicht weniger einflussreich auf denselben Herrn, der, gehorsam gegen Josua’s Wort, der Sonne still zu stehen befahl. Ich weiß wohl, was hierüber die Theologen verhandeln, und kenne den Unterschied, den sie zwischen ius et factum, Recht und Tatsache, aufstellen; allein wir wollen ihre gelehrten Beweisgründe bei Seite lassen und nur das in Betracht ziehen, was die hl. Väter einstimmig geschrieben und gepredigt haben.

Der hl. Ildephons sagt über die Worte Mariä: Großes hat an mir getan, der mächtig ist, Folgendes. Lib. de virg. Mar. c. 8, Hoc magnum fecit in virgine, ut per hanc Deus fieret homo, verbum fieret caro et filius Dei factor omnium fieret filius matris, quam ipse formaverat, essetque dominator nascendo subditus ancillae, quam ipse condiderat. Großes hat er Folgendes an der Jungfrau getan: durch sie ward Gott Mensch, ward das Wort Fleisch, ward der Sohn Gottes, der Schöpfer aller Dinge, ein Sohn der Mutter, die er selbst geschaffen, ward der höchste Herrscher in seiner Geburt untertan der Magd, die er selbst zum Dasein gerufen. Und an einer andern Stelle: habuit ancilla dominum in subdito, ancillam dominus in praelato. Es hatte die Magd den Herrn zum Untertan, der Herr die Magd zur Vorgesetzten. In diesen Worten erteilt der Heilige ohne alle Beschränkung der Mutter das Recht zu befehlen, dem Sohn die Pflicht zu gehorchen: ancilla dominum in subdito, ancillam dominus in praelato. –

All dieses Recht und alle diese Gewalt besitzt Unsere Liebe Frau noch jetzt im Himmel kraft ihrer Mutterwürde ebenso, wie auf Erden, wo ihr Sohn nicht weniger Gott war, als jetzt im Himmel; und daher singt die Kirche so nachdrucksvoll*): monstra te esse matrem, zeige dich als Mutter. Wir glauben mit diesen Worten Unsere Liebe Frau zu bitten, sie möge sich für uns verwenden, wie wenn wir sagen: Mater Dei, ora pro nobis, Mutter Gottes, bitte für uns; allein, wie Richardus treffend bemerkt, wir drücken damit viel mehr aus. Monstra te esse matrem heißt: mache von dem Ansehen der Mutter gegen deinen Sohn Gebrauch, bitte nicht, sondern befiehl als Mutter. Rich. a s. Laur. Non solum potest filio supplicare, sed etiam potest auctoritate materna eidem imperare; unde sic oramus eam: monstra te esse matrem. Sie darf nicht bloß bei ihrem Sohne bitten, sondern sie kann auch mit mütterlichem Ansehen ihm befehlen; daher beten wir zu ihr: zeige dich als Mutter.

*) In dem bekannten Hymnus Ave maris stella, Meerstern, sei gegrüßt.

In den beiden folgenden Versen qui pro nobis natus tulit esse tuus, wird dies bestätigt. Hier heißt es ein Leiden, tulit, der Sohn Unserer Lieben Frau zu sein; es ist, als sagten wir: wenn er gelitten hat, daß er dein Sohn ist, so mag er auch leiden, daß du ihm befiehlst.

Doch hören wir den hl. Bernhard, der bei den Lobsprüchen der allerseligsten Jungfrau immer ganz einzig dasteht. Er erwägt, wie Gott einem Weibe gehorcht und ein Weib Gott befiehlt, und in diese Betrachtung versunken, bricht er in die beredten Worte aus: Bern. serm. 2. super Missus est. Mirare utrumlibet et eliga (?), quod amplius mireris: sive filii Dei benignissimam dignationem, sive matris excellentissimam dignitatem. Utrimque stupor: et quod deus feminae obtemperet, humilitas sine exemplo, et quod deo femina principetur, sublimitas sine socio. Wähle dir zwischen diesen zwei Wundern zu bewundern, sagt er, was du willst, entweder an Gottes Sohn die tiefste Demut, oder an Gottes Mutter die erhabenste Würde; utrimque stupor, auf beiden Seiten gibt es Ursache zu staunen; denn daß Gott einem Weibe gehorcht, ist eine Demut ohne Beispiel, daß ein Weib Gott befiehlt, eine Hoheit ohne Gleichen. –

Wenn irgend eine Mutter mit Unserer Lieben Frau verglichen werden könnte, so wäre es Bersabee, und wenn irgend ein Sohn Gottes Beispiel nahe kommen könnte, so wäre es Salomon; allein weder er bei all seiner Weisheit verstand es, Sohn zu sein, noch sie empfing den Gehorsam, der ihr gebührte. Als Bersabee in den Palast trat, ließ ihr Salomon einen Stuhl zu seiner Rechten setzen, und Bersabee trug ihm vor, daß sie ein Anliegen habe.

Salomon entgegnete, er könne ihr nichts abschlagen, weil sie seine Mutter sei. 3. Reg. 2, 20. Pete, mater mea; neque enim fas est, ut avertam faciem meam. Bitte, meine Mutter, denn es ist nicht Recht, daß ich mein Angesicht abwende. Wohl gesagt; allein er hätte sich noch besser ausgedrückt, wenn er sagte, daß sie als Mutter befehlen könne, und er als Sohn gehorchen müsse: In der Tat aber tat Salomon gar nicht, was seine Mutter von ihm begehrte; er nannte sie Mutter, gehorchte ihr aber nicht, wie ein Sohn. Dieser Empfang, den Salomon Bersabee im Palast bereitete, stellt nach höherer Auslegung die Aufnahme vor, die Gott im Himmel seiner Mutter bereitet hat. Zwar waren im Himmel, als dem Vaterland der Wahrheit, der Zeremonien nicht so viele; allein die Wirklichkeit war hier, was sie sein sollte. Der Zeremonien waren weniger, denn David sagt, daß die Jungfrau gestanden: Ps. 44. 10. Astitit regina a dextris tuis, es stand die Königin zu deiner Rechten; allein in Wirklichkeit erfuhr sie größere Ehre, als Bersabee, weil ihr Sohn jetzt sie wie eine Mutter ehrt und alles tut, was die Mutter will. Sie erhielt keinen Sessel, aber sie befiehlt als Mutter, und Gott gehorcht ihr, wie ein Sohn. –

Mit klaren Worten sagt der große heilige Cardinal Petrus Damiani Unserer Lieben Frau im Himmel: accedis ad aureum illud divinae severitatis tribunal non rogans, sed imperans, domina, non ancilla. Du trittst zu dem goldenen Throne göttlichen Ernstes nicht bittend, sondern befehlend, als Herrin, nicht als Magd. O erhabene Königin des Himmels: wenn du willst, daß dein Sohn etwas vollziehe, so trittst du zu dem goldenen Throne, zu dem furchtbaren Richterstuhl der göttlichen Strenge als Herrin, nicht als Untergebene, und befiehlt, es solle geschehen, was du wünschest, und es geschieht alsobald.

Den Grund hierfür gibt der große Lehrer an, indem er fortfährt: quomodo enim potestati tuae obviare potestas illa, quae de tuis visceribus traxit originem? Denn wie kann deiner Macht entgegen treten jene Macht, die aus deinem Schoß ihren Ursprung herleitet? Ein erhabener Grund! Alles vermag der Herr durch seine Allmacht; bloß dem kann er sich nicht entziehen, daß er dem Willen der Gottesmutter sich bequeme in dem Bewusstsein, wie er das Dasein von Maria empfangen, und wie sie ihn damals getragen, wohin sie wollte: qui te portavit. –

6.

Der dritte Beweggrund: aus Nötigung

Wir sind also zu der dritten Würde und dem letzten Beweggrund gekommen, wonach die Gottesmutter auf ihren Sohn einwirkt: dies ist der Zwang, sofern sie in dem angegebenen Sinn als eine Mächtigere erscheint. Die Behauptung scheint übertrieben, allein sie ist ebenso wahr, als erhaben. Eine ganze Nacht rang Jakob mit dem Herrn Arm gegen Arm, und das Ende des Kampfes war, daß Gott sich überwunden gab, und Jakob siegte: Gen. 32, 28. Contra Deum fortis fuisti. Gegen Gott bist du stark gewesen. Gibt es also Jemand, der mehr als Gott vermag, und zwar so viel, daß er ihm obsiegt? In unserm Falle allerdings; Gott von Jakob umfasst, und Jakob von Gott umschlungen bedeuteten das Geheimnis der Menschwerdung, bei dem die göttliche Natur die menschliche, und die menschliche Natur die göttliche in dem jungfräulichen Heiligtum Mariä umfasste; und die Kräfte, welche bei dieser Umarmung Gottes Arme den Armen Jakobs verliehen, erwiesen sich nicht an seiner Person, sondern an seinen Nachkommen so mächtig, daß aus diesen eine Jungfrau den Herrn in ihre Arme zog und umschloss, bis sie ihn überwunden hatte. Mit Recht werden die Kräfte des menschgewordenen Gottes denen des Rhinoceros verglichen: Deut. 33, 17. Cornua Rhinocerontis cornua illius, Hörner des Rhinoceros sind seine Hörner. So lange das Rhinoceros als Herr des Gefildes frei und ungebändigt einher zog, war es eben so furchtbar, als mächtig; seitdem aber jene mutige und liebliche Jungfrau ihm Schlingen gelegt, hat es Macht und Freiheit geopfert. –

Den dreiundneunzigsten Psalm beginnt David mit den Worten: Deus ultionum dominus; Deus ultionum libere egit. Der Gott der Rache ist der Herr; der Gott der Rache handelt frei. Menschen, die ihr Gott nicht fürchtet, wisset, daß Gott der Herr der Rache ist, und bedenkt, daß er frei handelt. Aus welchem Zweifel will uns David durch die Bemerkung reißen, daß Gott frei handelt? Wer zweifelt daran, du heiliger Prophet? Keiner. Allein David überschaute als Prophet alle Zeiten, Gegenwart und Vergangenheit und Zukunft. Er sah das irdische Paradies durch eine Sünde verloren; er sah die ganze Welt in der Sündflut vernichtet; er sah sein Volk unterdrückt und gefangen in Ägypten, in Babylon, in Assyrien; er sah seinen Palast in Jerusalem zerstört; er sah so viele andere Reiche und Länder verwüstet, Alles Zeugen von Gottes Rache und von seinem Zorn. Dies sah David vor der Menschwerdung des Wortes.

Seitdem aber Gottes Sohn menschliches Fleisch angenommen und eine Mutter erhalten hatte, sah er im Gegenteil, wie so außerordentliche Züchtigungen aufhörten, und wie Gott nicht mehr Herr der Rache, sondern Vater der Barmherzigkeit war. Wenn er nun die eine Zeit mit der andern und Gott mit Gott zusammenstellte und verglich, welchen Begriff musste er sich dann von dieser Änderung bilden? Keinen andern, als daß Gott, ehe er eine Mutter hatte, frei handelte, Deus ultionum libere egit, daß er aber, seitdem er eine Mutter hatte, gleichsam ohne Freiheit handelte, insofern sie ihm die Hände band, und er ihr untertan war. Das Nämliche bewirkt noch heute, wie der hl. Bernhard sagt, die allerseligste Jungfrau im Himmel: serm. 12. c. 2. cum de Deo pro nobis facias, quidquid tuae placuerit caritati. Mit dem Herrn machst du zu unserm Heil, was nur deiner Liebe gefällt.

Es scheint, mehr lasse sich nicht sagen, als in diesen Worten liegt, ja auch noch nicht einmal dies: Maria soll mit Gott machen, was ihr gefällt! Allein ich behaupte: daß sie mit Gott macht, was ihr gefällt, ist nicht bloß von dem zu verstehen, was Gottes Wille ist, sondern es bleibt auch für den Fall wahr, wenn Gott sich weigerte oder nicht wollte. Es ist Tatsache, daß der hl. Dominicus einmal in der Bretagne vor einem Bild Unserer Lieben Frau mit dem Jesukind Messe las, als die jungfräuliche Mutter mit lauter, allgemein vernommener Stimme ihr Kind bat, dem Volk den Segen zu erteilen. Da sahen Alle, wie das Jesukind den Arm zurückzog und nein winkte; allein Unsere Liebe Frau führte ihm die Hand und ließ ihn den Segen erteilen. Eadem domina pietatis manu filii accepta etiam renitentis populum signo crucis consignavit. So schreibt der selige Alanus, der den Vorfall berichtet, und bemerkenswert sind die Worte etiam renitentis, auch wider seinen Willen, der Sohn wollte nicht; allein Unsere Liebe Frau, seine teure Mutter, nötigte ihn gleichsam mit Gewalt zu wollen, indem sie ihm den Arm führte. Betrachtet nun die Hand des göttlichen Sohnes in der Hand seiner lieben Mutter; die des Sohnes widerstrebt, die Unserer Lieben Frau gibt nicht nach, bis sie den Widerstand überwunden. Und wenn ihr euch wundert über die Macht der einen und die Fügsamkeit der andern Hand, so hört, was David sagt: Ps. 118, 173. Fiat manus tua, ut salvet me. Es werde deine Hand, mir zu helfen.

Was will es heißen: deine Hand werde? Die Hand Gottes, durch die das Weltall geworden, wie kann sie werden? Doch, sagt des hl. Gregorius hom. 2, in Ezech. Manus quippe Dei, quae per divinitatem non est facta, genita per humanitatem facta est. Denn die Hand des Herrn, die seiner Gottheit nach nie geworden, ward dann, als sie der Menschheit nach gebildet wurde. Die Hand Gottes konnte, was seine Gottheit betrifft, nie geschaffen werden, denn sie ist ungeschaffen; allein die Hand Gottes, insofern er Mensch ist, ward geschaffen und gebildet, und niemand anders bildete sie, als die heilige Jungfrau in ihrem allerreinsten Schoß: und da Maria es ist, die selbe gebildet, hat sie so starke Hand über diese, daß sie die Oberhand über ihren Sohn gewinnt, und so große Macht, daß sie damals gegen seinen Willen ihn die Leute segnen ließ, von denen er nichts wissen wollte. –

Wollen wir nun noch sehen, daß diese Hingabe des eigenen Armes von Seite des göttlichen Sohnes eine freiwillige war, so müssen wir, damit dem Gesagten die Krone aufgesetzt werde, zu erkennen suchen, ob Gott als Mensch die Wirkungen seines Armes für glorreicher hält, wenn sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern durch Veranlassung seiner heiligen Mutter stattfinden. Als Thamar ihre beiden Söhne Zaram und Phares gebar, streckte Zaram zuerst einen Arm hervor; man band ihm einen roten Faden daran, und das Kind zog geheimnisvoller Weise den Arm wieder zurück. Bei dieser kurzen, aber wunderbaren Erzählung zeichnete die Vorsehung ein großes Geheimnis in dem Namen Zaram auf, der Oriens, Aufgang, bedeutet und prophetisch auf Gottes und der Jungfrau Sohn hinwies. Von diesem sagt Zacharias 6, 12: vir, oriens nomen eius, ein Mann, Aufgang sein Name. Der rote Faden am Arm, wie der hl. Bernhard sagt, bedeutete die Erlösung, von der die hl. Jungfrau sang: fecit potentiam in brachio suo, er hat Macht geübt mit seinem Arm. Und da der Sohn Gottes erschien, um seinen Arm dem größten Unternehmen zu leihen, das es in der Welt gab oder noch geben wird, zog er den Arm zu dem Mutterschoß zurück, aus dem er entsprungen, um alle zu lehren, er wolle für die Handlungen seines Armes die größte Ehre und den höchsten Ruhm darin setzen, daß sie nicht bloß aus eigenem Antrieb, sondern auch durch den Einfluss seiner heiligen Mutter hervorgerufen würden. Was Wunder also, daß bei den ersten natürlichen Bewegungen Gott das Eine will und die allerseligste Jungfrau ihn das Andere wollen lässt, gleich als hätte er sich von neuem in das mütterliche Heiligtum geborgen, in dem er getragen und geleitet worden? qui te portavit. –
aus: Antonio Vieira SJ, Ausgewählte Reden auf die Festtage Unserer Lieben Frau, Predigt über den Rosenkranz, 1856, S. 215 – S. 224

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