Das Urteil Christi über die Verdammten

Das schreckliche Urteil Christi über die Verdammten

Es naht der Schlussakt des schauerlichen Dramas. Der Richter auf dem Thron seiner Herrlichkeit wendet sein Antlitz zu denen auf der Linken. Sein Auge, das eben noch mit unbeschreiblicher Liebe und Wonne auf seinen Getreuen geruht, funkelt jetzt vor Zorn und sendet Feuerflammen hernieder, die Blitzstrahlen oder glühenden Pfeilen gleich die Verdammten treffen und sie bis in die innersten Eingeweide unsäglich brennen. Welch ein Entsetzen befällt sie bei diesem furchtbaren Blicke!
Und schon ganz verwirrt vor Schrecken und Schmerz, zitternd an allen Gliedern, müssen sie jetzt die Donnerstimme vernehmen, vor welcher die Erde in ihren Angeln erbebt: „Hinweg von mir, ihr Verfluchten!“ Und von allen vier Winden hallt es schauerlich wieder: Hinweg! hinweg!
„Ich kenne euch nicht,“ spricht der Richter im Tone heiliger Entrüstung, der die Unglückseligen völlig zermalmt; ich anerkenne euch nicht mehr als Kinder meines Vaters, nicht mehr als meine Brüder.

Nach meinem Bilde habe ich euch erschaffen, ihr habt es ganz verunstaltet. Ich habe unsägliche Peinen und zuletzt den schmachvollen Tod am Kreuz für euch erduldet, eure Seelen erkauft mit meinem Blut, ihr aber habt diesen kostbaren Preis mit Füßen getreten. Ich habe in der hl. Taufe durch meinen Geist das Gemälde der allerheiligsten Dreieinigkeit in eure Seelen gezeichnet, das Siegel der Gotteskindschaft, des Bürgerrechtes in meinem Reich und des Erbrechtes auf meine himmlischen Güter euch eingedrückt, habe euch eingepflanzt meinem geheimnisvollen Leib und euch zu lebendigen Rebzweigen an meinem Weinstock gemacht, der ich selber bin; fort und fort benetzte ich euch mit dem Tau meiner Gnade, um eure Herzen zu einem fruchtbaren Erdreich, zu einem Garten voll schöner Blumen zu machen: ihr habt alle meine Gaben und Gnaden verscherzt. Ich habe euch eingereiht unter die ehrenvolle Schar meiner Streiter, ihr aber habt meine glorreiche Fahne treulos verlassen und seid zu meinem und eurem Todfeind übergelaufen. Ich habe euch, wenn ihr in eurer Sündennot zu mir riefet, wieder aufgenommen und euch von neuem rein gewaschen in meinem Blut, ihr aber seid mir immer wieder untreu geworden. Ich habe euch an meinen Tisch geladen und mein Liebesmahl mit euch gehalten, und ihr habt mich wie Judas verraten. Ich habe euch, wie jener Vater den verlorenen Sohn, mit Sehnsucht zurück erwartet, um euch abermals an mein erbarmendes Herz zu schließen, bin euch nachgegangen, wie der gute Hirt dem verlorenen Schaf, in die Wüste eures schmachvollen Elendes, ihr aber habt mir trotzig den Rücken gewandt.

Als ihr schon am Rande des Abgrundes schwebtet, habe ich euch noch gerufen und gewarnt, ihr aber habt nicht gehört, sondern alle meine Ratschläge verachtet: ich habe euch liebevoll meine Hand entgegen gestreckt, ihr aber habt sie nicht ergreifen wollen. „Was hätte ich euch, meinem Weinberg, noch mehr tun sollen, das ich nicht getan; ich erwartete von ihm Trauben, er aber brachte nur saure Beeren.“ (Jesai. 5, 4) „Wie oft habe ich euch unter meine Flügel sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein sammelt, ihr aber habt nicht gewollt.“ (Matth. 23, 37) Ich wohnte unter euch, und ihr wolltet mich nicht kennen; ich wandelte unter euch in der Gestalt der Armen, hungernd, dürstend, nackt, obdachlos und fremd, elend und frank, und ihr habt euch meiner geschämt. Ich habe euch vorgelegt Feuer und Wasser, Segen und Fluch, Leben und Tod (5. Mos. 30; Jes. Sir. 15, 17); ihr habt den Fluch erwählt; seid verflucht in Ewigkeit! ihr habt den Tod erwählt, und er soll euer Anteil sein. Mein und euer Feind von Anbeginn, der an eurer Spitze steht, ist nicht für euch in Leiden und Tod gegangen, hat nichts für euch getan, und ihr habt ihm umsonst gedient: darum übergebe ich euch ihm unwiderruflich zum Eigentum; also fort mit euch in jenes Feuer, das für ihn und seinen Anhang bereitet worden! Geht denn hin, ihr Lästerer eures Gottes, ihr Verächter meines Kreuzes, ihr Sünder wider meinen heiligen Geist, an den Ort, wo es keine Freude gibt und keinen Trost, sondern nur Pein und Marter ohne Ende, wo „das Feuer nicht erlischt und der Wurm nicht stirbt“. (Mark. 9, 43) Alle Bande der Liebe zwischen mir und euch sind für immer gelöst, von jetzt an werdet ihr mein Angesicht nicht mehr schauen; hinweg von mir für immer!

Ach, die Unglücklichen! Sie haben keinen Gott mehr! Sie haben Gott verloren und mit ihm alles verloren, alle Hoffnung, alles Heil, allen Trost; ewige Verzweiflung ist ihr Los. Sie erheben ihren Blick nach oben auf die unermeßliche Schar der Seligen, die angetan mit bunt farbigen Lichtgewändern, Strahlenkronen auf den Häuptern und Siegespalmen in den Händen (Offenb. 7, 9), unter Jubel- und Triumph-Gesängen, wie sie nie die Erde vernommen, in die Lüfte entschweben und „dem Lamme folgen, wohin es geht“. Die Glücklichen bereiten sich zum Einzug in die Stadt Gottes, in das himmlische Jerusalem; an sie ist die über alle Maßen freundliche und huldvolle Einladung ergangen: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und nehmet in Besitz das Reich, das euch bereitet worden von Anbeginn!“ (Matth. 25, 34) Und aus den Chören antwortet der viel tausend stimmige Dank- und Jubelruf, in den auch die vernunftlose Kreatur einstimmt: „Heil unserem Gott, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamm!“ (Offenb. 7, 10)

Die Verdammten erblicken in jenen Reihen zahlreiche Bekannte und Verwandte, auch ehemalige Sündengenossen, die aber so klug gewesen sind, sich vor ihrem Ende in aufrichtiger Reue und Buße zu Gott zu bekehren, und darum Gnade gefunden haben. Welch ein unsäglich martervoller Anblick für die Verstoßenen, die desselben Glückes, sogar wie jener Schächer in der letzten Stunde noch, hätten teilhaftig werden können, aber in törichter Verblendung und Vermessenheit hartnäckig die dargebotenen Heilsmittel zurück gewiesen haben. Sie werden erfüllt mit bitterem Neid und geraten aufs neue in die grimmigste Wut gegen sich selbst. Das folternde Bewußtſein, daß sie um des traurigen Ruhmes willen, als „Starkgeister“ nicht bloß leben, sondern auch sterben zu können, die Bekehrung auf dem Todesbett verachtet und verlacht haben, treibt sie zur Raserei. Bejammernswerte Toren, die wir gewesen! Wie schön sind die Kronen, die uns zugedacht waren, die andere schmücken, welche auch gesündigt haben wie wir, aber nicht wie wir den Spott der Bekehrung gefürchtet haben. O Tod! erlöse uns von einem solchen Leben! „Sie werden den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden begehren zu sterben, der Tod aber wird vor ihnen fliehen. “ (ebenda, 9, 6)

Während die Erben der Verdammnis mit brennenden Augen die Schar der Seligen in den lichten Höhen entschwinden sehen und die letzten Klänge der für sie herzzerreißenden Jubelgesänge vernehmen, beginnt die Erde unter ihren Füßen zu beben, und die Schlünde der Hölle tun sich auf; weithin öffnen sich die schauerlichen Abgründe, um die armen Opfer zu verschlingen und dann für immer sich zu schließen.

Dante (Dante, Hölle III. 1ff) setzt als Aufschrift über den Eingang zur Hölle:

„Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer,
Der Eingang bin ich zu dem ewigen Schmerze,
Der Eingang bin ich zum verlornen Volke.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren !“

„Wohl ist es recht, daß der ohn‘ Ende leide,
Der einem Ding zuliebe, das in Bälde
Vergeht, die ewige Lieb` von sich gestoßen. “ (Dante, Parad. XV. 10))

Welch ein Grauen und Entsetzen, welch ein Heulen und Wehklagen! Die Verzweiflung wird grenzenlos. Der Augenblick des letzten Scheidens von Gott und seinen Heiligen versenkt die Verdammten in ein Meer von Schmerzgefühlen. Mit Gewalt zieht es sie hinab in die grauenhafte Tiefe: heiße Tränen vergießend, rufen sie das letzte Lebewohl, das der hl. Ephräm (Predigt über die zweite Ankunft Christi. Opp. Romae 1743. Tom. II. p. 201) und Mac Carthy (Mac Carthy, Sermons. Paris 1834. Tome I. p. 81. sqq.) so ergreifend ausmalen.

Lebe wohl, du Paradies der Wonne, du Vaterland des Friedens, du glorreiche Stadt Gottes, du Stätte des Lichtes und der Freude! Wir, die verstoßenen Paradieses-Kinder, wandern hinab an den Ort der Qual, in die Behausung der Teufel, in die ewige Finsternis: das ist unsere Schuld! Lebe wohl, du Vater der Güte und der Barmherzigkeit, für uns nur noch der Gott der Gerechtigkeit und der Rache; du nennst uns nicht mehr deine Kinder, sondern nur noch Sünder, die auf ewig verstoßen sind von deinem Angesicht: das ist unsere Schuld! Lebe wohl, du Sohn Gottes, unser Richter; du kennst uns nicht mehr als deine Brüder; auch für uns bist du gestorben, damit wir lebten, aber für immer ist dein Blut an uns verloren: das ist unsere Schuld! Lebe wohl, du Geist der Liebe und der Gnade; du liebst uns nicht mehr als deine Bräute und läßt uns ewig ohne Licht und Wärme: das ist unsere Schuld! Lebe wohl, du gebenedeite Jungfrau und Mutter Maria; für uns bist du nicht mehr die Mutter der Barmherzigkeit, für uns Sünder keine Zuflucht mehr: das ist unsere Schuld! Lebt wohl, ihr heiligen Engel und ihr Schutzengel besonders; ihr wollt nichts mehr wissen von euren verlorenen Schützlingen und seid für immer von unserer Seite gewichen: das ist unsere Schuld! Lebt wohl, ihr Heiligen alle, und ihr Schutzheiligen namentlich; ihr habt kein Wort der Fürbitte mehr für uns: das ist unsere Schuld! Lebe wohl, du Himmel: ich stürze in die Hölle! Lebe wohl, du ewiges Licht: ich schmachte in ewiger Finsternis: Lebe wohl, du ewige Ruhe: ich finde nirgend Rast! Lebe wohl, jeder Gesang des Lobes und jeder Laut der Freude: ich muß dorthin, wo Heulen und Zähneknirschen ist! Lebe wohl, Hoffnung, Trost, Erquickung; alles, was je einem Menschenherzen lieb und teuer war, was je eine Menschenseele erfreut und erleichtert hat, ist mir versagt. Mein Anteil ist ewige Pein und Verzweiflung: und das ist meine Schuld!

„Und keine Hoffnung kann sie jemals trösten
Auf Ruhe nicht, ja nicht auf minderes Leiden. “ (Dante, Hölle V. 44)

Krachend schließt sich der Abgrund über den Verdammten, und ihre Stätte wird nicht mehr gesehen. „Gerecht bist du, o Herr, und gerecht sind deine Gerichte!“ –
aus: Wilhelm Schneider, Das andere Leben, Ernst und Trost der christlichen Welt- und Lebensanschauung, 1896, S. 294 – S. 298

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