Das Gewissen ist der Thron Christi

Das Gewissen eine Schöpfung des dreieinigen Gottes

Keinem Kenner der alten und der neuen Literatur wird es noch entgangen sein, wie sehr sich der Unterschied zwischen dem christlichen und dem modernen Geist gerade in der Lehre vom Gewissen schön äußerlich kund gibt. Heute schreibt man Werke über Ethik, in denen man vergeblich nach einem wenn auch noch so kurzen Abschnitt über das Gewissen sucht, und wenn zufällig und vorübergehend das Wort berührt wird, so erklärt man es so nichtssagend, so oberflächlich, so wertlos als möglich, bald als das „eigenste, innerste Ich“, bald als das Selbstbewusstsein oder als die Pflicht und den Nutzen der Selbstbeobachtung. Ehemals nahm die Lehre vom Gewissen in den Werken über Moral einen unbestreitbar oft unangemessenen Raum ein. Zwar sind die Anklagen und Verhöhnungen, womit die katholische Moraltheologie wegen der Frage von der Probabilität überhäuft wird, unberechtigt und beweisen meistens ebenso viel Unbilligkeit im Urteil als Unkenntnis der Sachlage. Dennoch leugnet niemand, daß diese Untersuchungen bei vielen Schriftstellern an Ausdehnung und Spitzfindigkeit alles Maß überstiegen haben. Gleichwohl ist selbst diese Überwänglichkeit ein günstiges Zeugnis für die Gewissenhaftigkeit, aus der sie hervor gegangen ist.

Diese Schriftsteller waren so tief überzeugt, daß der Mensch nie und nimmer und unter keinen Umständen, ich sage nicht, gegen sein Gewissen, sondern auch nicht einmal ohne klaren Ausspruch des Gewissens handeln dürfe, daß sie sich nicht genug tun konnten in der Ausforschung jeder denkbaren Schwierigkeit, die sich aus diesem Grundsatz ergibt. Nun bringen aber die Einzelfälle des praktischen Lebens tausend und tausend Gelegenheiten mit sich, in denen volle Klarheit und unbedingte Sicherheit schlechterdings unmöglich ist. Man muss sich also auf diesem Gebiet mit einem größeren oder geringeren Grad von Annäherung an die Wahrheit, oder wie man das nennt, von Wahrscheinlichkeit begnügen, da zweifellose Gewissheit nicht zu erreichen ist. Selbstverständlich nehmen diese Fragen an Zahl und an Schwierigkeit zu, je mehr man ins Kleine eingeht und zum Besonderen herab steigt. Begreiflich, daß hier kein Ende zu finden ist, und daß die Kasuistik in diesem Punkt nur die Wahl hat, entweder bloß einzelne Beispiele zur Schärfung der Gewissenhaftigkeit zu geben oder sich ins Unendliche zu verlieren. Sie hat sich, wir nehmen keinen Anstand zu sagen: leider, oft auf den Abweg ins Ungemessene begeben. Trotzdem finden wir auch in dieser Verirrung einen verehrungswürdigen Zug. Wer darüber spotten kann, mag es mit seinem Gewissen ausmachen. Edel und zart ist dieses Benehmen kaum zu nennen. Wir empfinden immer Achtung vor einem gewissenhaften Menschen, und wenn er uns auch durch seine Ängstlichkeit und Übertreibung zur Qual wird. Jeder Seelenführer weiß, wie einen der Skrupulant martern kann. Dennoch hat er Mitleid mit ihm und kann ihm nie seine Hilfe versagen, denn er sieht auch im verwirrten und irre geleiteten Gewissen die heilige und ehrwürdige Grundlage, die Gottes Schöpferhand in das Herz des armen gequälten Quälgeistes gepflanzt hat. (siehe den Beitrag: Verpflichtende Kraft des Gewissens)

Aus dieser Anschauungsweise geht jene Hochschätzung für das Gewissen hervor, die sich in der ganzen christlichen Heilslehre und in der katholischen Aszetik kund gibt. Die Schriftsteller der Kirche, angefangen von den heiligen Vätern bis zu dem jüngsten Lehrer des geistlichen Lebens, aus dessen Anweisungen unser Volk die Richtschnur für sein Verhalten schöpft, sie alle können sich nicht genug tun im Hinweis auf die Bedeutung und auf die Verpflichtung des Gewissens. Die oberste Regel für den Christen lautet nach ihrer Darstellung: In allen Stücken müssen wir zu unserem Innern unsere Zuflucht nehmen, zum inneren Zeugen und Richter; denn was nützt es uns, wenn uns alle loben, unser Gewissen uns aber tadelt? Und was kann es uns schaden, wenn uns alle herunter reißen, das Gewissen jedoch uns rechtfertigt? (Gregor. Magn., Ezech. 1, 9, 15) Alles kannst du fliehen, o Mensch, nur eines nicht, dein Gewissen. (Augustin., Psalm. 30, en. 2, 8) Denn nicht der Mensch hat sich sein Gewissen selbst geschaffen, sondern es ist eine Schöpfung des dreieinigen Gottes. (Petr. Cellens., De conscientia (Migne, P. lat. 202, 1094, a) Deshalb ist es der Tempel, das Haus (Gregor Magn., Evangel. 2, 39, 7), der Sitz Gottes (Augustin. Psalm. 45, n. 9), der Thron Christi, von dem aus er uns beobachtet, mit uns spricht, uns belohnt oder bestraft (ebd. 44, n. 29), das Sprachrohr, das Werkzeug des Heiligen Geistes (Libellus de conscientia (Migne, P. lat. 213, 905 d)), der Altar, auf dem wir Gott unsere Opfer bringen (Augustin. Psalm. 49, n. 21), unsere Festung (Bernard., De considerat. 3, 4, 14; De officio Episcop. 4, 13), unsere Schatzkammer, unser unzertrennlicher Begleiter (Bernard., De officio Episcop. 6, 21), von größerem Wert als die Weisheit, die ja nur durch das Gewissen zu uns kommt (Petrus Cellens., De conscientia (Migne, P. lat. 202, 1087, c)). Unser gutes christliches Volk faßt, wie bereits gesagt, das alles zusammen in der kurzen Formel: Man muss dem gewissen folgen, denn das Gewissen ist die Stimme Gottes.

Dieses einfache Wort klingt in den Ohren der Welt so einfältig, daß sie darüber nicht geringschätzig genug urteilen kann. Lieber alles, das Sonderbarste, das unmögliche, das Sinnlose, nur nicht das Zugeständnis, daß wir in unserem eigenen Innern einen von uns unabhängigen, einen von Gott bestellten Verkündiger und Ausleger des göttlichen Gesetzes, zugleich den Zeugen, den Ankläger und den Richter für unseren Lebenswandel mit uns herum tragen. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. 1, 1905, S. 137 – S. 140

Category: Moraltheologie, Weiß
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