Am Aschermittwoch beginnt die Bußzeit und Fastenzeit
Es ist ein rascher, scharfer, fast herber Szenenwechsel, der Fastnachtsdienstag und der Aschermittwoch. Wie der Eingang zu einem Trauerhaus oder zu einem Friedhof empfängt uns der Aschermittwoch, und an seiner Schwelle steht die Kirche im Bußgewand, aus dem Aschenbecken streut sie der Welt, dem nimmersatten Freudenkind, mit strenger Hand Asche auf die frischen Rosen der eben genossenen Erdenlust und spricht die rauhen Worte: „Gedenke, o Mensch, Staub bist du, und zum Staub wirst du wieder werden.“
Was bedeutet diese Aschenzeremonie?
Sie ist eine ernste und eindringliche Erinnerung und Ermahnung zur Buße. Wie seinerzeit ganz Israel hinaus an den Jordan zog zu dem rauhen Mann im kamelhärenen Gewand, um von ihm getauft zu werden zum Zeichen der Buße, so lässt sich am Aschermittwoch die Christenheit mit Kreuz und Asche einweihen auf die Buße, der sie sich unterziehen will und muss in der Fastenzeit. Von urgrauen Zeiten her nämlich gilt das Bestreuen des Hauptes mit Asche als Zeichen und Sinnbild der Trauer, der Demütigung, der Bußgesinnung und Zerknirschung des Herzens (2. Mos. 32, 20; Judith 7, 4; Job 2, 12; PS. 101, 10; Matth. 11, 21).
Dieselbe Bedeutung hatte die Asche in der ehemaligen christlichen Bußdisziplin, und in demselben Sinne ist deren Austeilung nun ein eigentümlicher Gebrauch des Aschermittwochs, übergegangen in die kirchliche Liturgie als Sakrament, d. h. als Sinnbild und Erweckung der christlichen Bußgesinnung, die uns während der Fastenzeit beseelen muss. Diese Bedeutung wird schön ausgedrückt in den Gebeten der Aschenweihe. Alle also, welche die heilige Asche empfangen, bekennen öffentlich, dass sie sich zur Buße verstehen und sich auf sie einweihen lassen.
1. Was Buße tun heißt
Die Sünde ist eine Art Schuld, die wir bei Gott stehen haben, da sie Gott den schuldigen Gehorsam entzogen und Unbill zugefügt hat. Die Schuld wird gutgemacht durch die Buße, indem wir zum Gehorsam zurückkehren, für die Unbill Ersatz leisten und so die Sünde an uns abstrafen und tilgen. Die Buße ist also eine Art höherer Gerechtigkeit gegen Gott.
Die Sünde nun hat eine doppelte Seite, eine innere und eine äußere. Beiden muss der Büßer gerecht werden, und deshalb muss die Buße eine innere und eine äußere sein.
Die innere Buße besteht in der Reue, gesündigt zu haben, und in dem Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, mit einem Wort in der Abkehr unseres Willens von der Sünde und in der Hinordnung zu Gott.
Die äußere Buße aber wird geübt durch jedes Werk, das die Sünde an unseren Sinnen abstraft, durch Gebet, Fasten, Almosen, kurz durch alles, was unserer Sinnlichkeit Mühe und Ungemach antut.
Daraus geht hervor, dass jeder Buße üben kann, wenn er will. Wenn wir nicht imstande sind, uns dem Fasten und anderen äußeren Bußwerken zu unterziehen, so üben wir uns in der inneren Bußgesinnung, denken wir in Schmerz an unsere und aller Welt Sünden, beten wir mehr als sonst und lassen wenigstens unsere ungeordneten Leidenschaften und sündlichen Triebe fasten. Für sie wenigstens soll es jetzt „geschlossene Zeit“ sein.
2. Warum wir Buße tun müssen
Der erste Beweggrund ist die Billigkeit. Wir folgen der Kirche durch alle Zeiten des Kirchenjahres.ö Sie bringen in großem Wechsel bald Freude, bald Trauer. Wir haben unlängst die süßen Freuden der Weihnachtszeit gekostet, und soeben haben wir wohl in harmlosem Frohsinn die Fastnacht genossen, folgen wir nun auch der Kirche in das Buß- und Trauerhaus der Fastenzeit.
Die Fasten sind auch die Vorbereitung auf das Osterfest, so wie der Advent die Vorbereitung auf Weihnachten ist; ja viel ernster und strenger als der Advent ist diese Vorbereitung. Der Heiland, dessen Lebensgeschichte der goldene Faden des ganzen Kirchenjahres ist und in dessen Geheimnisse liebend zu blicken es die christliche Seele immer und immer wieder gelüstet, erscheint vor uns nicht mehr als liebreizendes Kind, das sanft und huldreich lächelnd uns die Sündenfesseln von der Hand streift und unser Herz mehr zu Dank, zu Vertrauen und Liebe als zum Reueschmerz bewegt.
Er steht jetzt vor uns in der Hoheit und im Ernst des Mannesalters. Das rauhe Leben, das er, uns in allem ähnlich, gewählt, hat auch an ihm schon seine Wirkung getan. Die Sonne der dreißig Jahre hat seine schönen Wangen bebräunt, die harte Arbeit hat seine Hand schwielig, fast derb gemacht, sein Haupt beugt sich unter der Last und den Mühen des Erdenlebens.
Der Heiland zieht von dem grünen, baumbeschatteten Jordan, wo er von Johannes getauft wurde, hin in die Wüste zu dem öden, unheimlichen Berg Quarantania, um dort einsam zu beten, zu fasten und vom bösen Feind versucht zu werden – ein Bild, das uns der erste Fastensonntag vorhält und das den Grundton dieses Zeitabschnittes in dem Kirchenjahr anschlägt.
Der Sonntag von Quinquagesima wirft noch ernstere Schatten und lässt uns den Herrn auf seinem letzten Gang nach Jerusalem zu seiner Vollendung sehen. Die Palme, die am Weg steht, blüht bereits; sie wird, wenn er im Triumph in die Stadt einzieht, ihre Zweige unter seine Schritte streuen und dann ihre Balken zum Kreuz hergeben, in dessen schrecklicher Umarmung er sterben wird.
Deshalb hält der Heiland auf seinem Zug an und spricht zu den begleitenden Jüngern: Seht, wir ziehen hinauf gen Jerusalem, und es wird alles am Menschensohn erfüllt werden, was von ihm geschrieben ist. Er wird den Heiden überliefert werden, und nachdem sie ihn gegeißelt haben, werden sie ihn töten (Luk. 18, 31ff.)
Wer mir folgen will, nehme sein Kreuz auf sich, und wer nicht alles, selbst sein Leben hasst, kann mein Jünger nicht sein (Luk. 14, 26f.). Also die einsamen Bergeshöhe Quarantania und der vom bittersten Schmerz und von der tiefsten Verlassenheit umdunkelte Kalvarienfels sind die Aussichten, die uns die Fastenzeit eröffnet. Die unblutige und blutige Buße des Heilandes weist unseren Gedanken jetzt die Richtung und gibt unserem Leben den Ton an, und wenn wir dem Geist des Kirchenjahres entsprechen wollen, müssen wir uns nach unserem Vermögen zur Buße entschließen.
Der Heiland ließ sein und unser aller Leben aus dem Kreuz, dem Zeichen und Werkzeug des Todes, hervorgehen, und so bereitet die Kirche in ihrer Fastenzeit Ostern, Auferstehung und Leben, wie auch draußen die Natur mit ihrem stillen Wirken aus dem Tod und Untergang den Frühling, den Segen des Jahres, erweckt.
Die Asche, die heute unsere Stirn bestreut und uns auf den mystischen Tod der Buße weist, ist bereitet aus den Zweigen und Blättern, die am Palmentag des vergangenen Jahres den Triumphzug des Heilandes verherrlichen. Tod aus dem Leben, Leben aus dem Tod, das ist der Werde- und Lebensgang des christlichen Heiles.
Der zweite Beweggrund, Buße zu tun, ist die Gerechtigkeit, kraft deren wir bereit sein müssen, jedem zu leisten, was wir ihm schulden. Die Kirche nun hat die Vollmacht, an Gottes Statt uns die zeitweiligen Heilsmittel anzuweisen. Nach ehrwürdiger Überlieferung und mit weisem Ermessen hat sie die Fastenzeit zur Bußzeit des Jahres bestimmt. Die Worte: Man muss jede Gerechtigkeit erfüllen (Matth. 3, 15), mit denen sich der Heiland der Johannestaufe unterzog, gelten hier in weit ernsterem Sinne. Er wollte damit sagen, dass wir uns bereitwillig der Heilsmittel, die Gott verordnet, bedienen müssen.
Die Johannestaufe aber war nicht eine strenge Vorschrift, sondern bloß ein Rat an das gesamte Volk. Wir müssen nun also durch die Tat zeigen, ob wir wirklich Christen und gute Untertanen und Kinder der Kirche sind.
Der dritte Beweggrund ist unser eigener Vorteil, und zwar in mannigfacher Beziehung. Vor allem verhilft die Buße dem Geist zur Oberherrschaft über die Sinnlichkeit und Begierlichkeit; sie bricht den Stolz des Fleisches, den Bann der Leidenschaften und ihrer Anwandlungen; sie stimmt vernünftig, nüchtern und ruhig. In der Fastenzeit erntet der Geist und gewinnt an Freiheit und Kraft. –
Ferner leistet die Buße Genugtuung für die Sünden und ihre Strafen. Die Sünden sind wahre Schulen bei Gott. Wie die menschlichen Gläubiger hat nun auch Gott seine bestimmten Zahltage und Zahlzeiten. Wir müssen sie ehrlich einhalten. Ein solcher Zahltag ist die Fastenzeit. Wie einst Ninive, so büßt jetzt die ganze Christenheit. Da können wir hoffen, dass auch unser Bußscherflein, so gering es ist, unter den großen Bußsummen der ganzen gläubigen Menschheit mit überreichem Zahlwert gnädige Aufnahme finde. –
Wir bauen ferner mit der Buße künftigem Sündenunglück vor, weil sie das böse Gelüste der Leidenschaften, diesen fortwährenden Sündenzunder in uns, schwächt und uns mächtige Gnaden dagegen bei Gott verdient. –
Endlich gewinnen wir durch die Buße an Tugend und Verdienst, jetzt verhältnismäßig mehr als im übrigen Jahr, weil größere Anforderungen an unser Tugendvermögen gestellt werden, nämlich an unseren Gehorsam, an unsere Gerechtigkeit, an unsere Mäßigkeit und an unseren Starkmut. Im Ackerfeld des Kirchenjahres weisen die Furchen der Fastenzeit unvergleichlich üppigeren Segen als andere an Tugend und guten Werken auf. –
Ja selbst die lieblichen Blumen des Trostes und der Freude fehlen nicht. In der Fastenzeit wetterleuchtet es in unserem Geist von tröstenden Gedanken, an heiligen Aufflügen und Erhebungen des Herzens zu Gott. Gott segnet eben die Enthaltung von dem irdischen Trost mit himmlischen Genüssen. Alle diese Vorteile der heiligen Fastenzeit fasst die Kirche in den schönen Worten der Fastenpräfation zusammen: Durch das leibliche Fasten unterdrückst du, o Gott, die Sünden, erhebst du den Geist, verleihst du Tugend und Belohnungen.
3. Wie wir Buße tun müssen
Wir müssen die Buße der Fastenzeit aufnehmen und vollführen erstens im Geiste des Gehorsams. Wenn die Kirche und Christus rufen, müssten wir bereit sein, mit ihnen und für sie in den Tod zu gehen. Nun ruft die Kirche nicht zum Tode, sondern bloß zum „Lager des christlichen Kriegsdienstes“, wie sie so treffend die Fastenzeit nennt. Die Fastenzeit ist in der Tat im besonderen Sinn ein christlicher Kriegsdienst, gleichsam eine große und außerordentliche Feld- und Waffenübung, wo das Heer der christlichen Streiter auf die Handgriffe des geistlichen Lebens wieder eingeübt wird.
Alle Übungen dieser heiligen Zeit: das vermehrte Gebet, die öftere Anhörung des Wortes Gottes, das vorgeschriebene Fasten und der pflichtmäßige Empfang der heiligen Sakramente, zielen ihrer Natur nach dahin, christliches Leben, Fertigkeit und Lust daran zu erwecken. Wir müssen also unserem Kriegsherrn und seinem Aufgebot folgen, und unser Name darf beim Aufruf nicht fehlen. Dem Herrn gefällt der Geist der Bereitwilligkeit und des Gehorsams.
Wir müssen uns der Buße unterziehen zweitens mit Ausdauer und Beständigkeit. Die Buße der Fasten ist nicht im Handumdrehen und mit einem Male abgetan. Sie dauert an bis zum Ostermorgen. Es besteht also die Gefahr, zu ermüden und mutlos zu werden. Wenn dies eintritt, müssen wir uns sagen, dass die Fastenzeit eine Gesundheitskur für unsere Seele ist. Kuren verlangen aber eine gewisse Dauer.
Wir lassen sie uns für unsere leibliche Gesundheit gefallen mit allen Entbehrungen und Unbequemlichkeiten, die sie mit sich bringen. Warum soll denn das Heil unserer Seele uns nicht so viel wert sein? Die Kirche betet in der Messe des Aschermittwochs eigens, er möge uns die Gnade verleihen, die ehrwürdige Feier der Fastenzeit mit entsprechender Frömmigkeit zu beginnen und mit ausdauernder Bereitwilligkeit zu begehen.
Drittens müssen wir die Buße üben mit Zufriedenheit und Freude. Schon nach der Mahnung des göttlichen Heilandes sollen wir nicht büßen wie die Pharisäer, die durch Umhergehen und Umherstehen zur Essenszeit und durch ihre verfasteten und kläglichen Mienen ihre Bußarbeit zur Schau trugen; noch viel weniger dürfen wir der inneren Unzufriedenheit Raum geben. Im Gegenteil will der Heiland, dass wir unser Antlitz erheitern und unser Haupt salben (Matth. 6, 17). Diese Salbe ist nichts anderes als das Öl der Freude (Ps. 44, 8), wenn nicht der äußeren und sinnlichen, wenigstens der inneren und geistigen.
Die heilige Fastenzeit mit ihrer Zurückgezogenheit und Buße hat, wie wir gesehen haben, auch Vorteile und Freuden, wie sie keine andere Zeit des Kirchenjahres bringt. Auf diese Vorteile müssen wir unsere Aufmerksamkeit richten, müssen uns waffnen gegen die bösen Geister der Unzufriedenheit und des Überdrusses, die durch die Enthaltung und Bußstrenge erweckt werden, die mit uns die heilige Einöde der Fastenzeit beziehen und uns den Aufenthalt ungemütlich werden lassen.
Sie begleiteten einst auch den Heiland in die Wüste und suchten ihn des Bußlebens überdrüssig zu machen. Er widerstand ihnen aber tapfer und ausdauernd in dem Heiligen Geist, der mit den heiligen Engeln ebenfalls in die Wüste gekommen war. Die Buße hatte bald ein Ende, und der Kampf ging vorüber. Und nun nahten die heiligen Engel und bereiteten dem Sieger in der einsamen Höhle des Berges der Versuchung ein himmlisches Festmahl mit hohen Freudenklängen.
Das Festmahl wartet auch unser, wenn wir mannhaft kämpfen, und zwar schon in der Fastenzeit durch den himmlischen Trost des Herzens, der ein leiser Vorgenuss der baldigen Osterfreuden ist. Wer hat sodann freudigere Ostern, als wer dem betenden, fastenden und kämpfenden Heiland ehrlich, mutig und ausdauernd Gesellschaft geleistet hat? Alles irdische Leid geht so schnell vorüber, und endlich bleibt die Freude ewig.
Mögen diese Gedanken uns ermuntern und kräftigen zur Gebet-, Buß- und Kampfarbeit, in welcher die Kirche nach dem Beispiel des göttlichen Heilandes sich in der heiligen Fastenzeit wieder erneuert und auf welche uns die Zeremonie der heiligen Asche einweiht. Wer aber nicht Buße tun will, der soll die heilige Asche auch nicht empfangen. –
aus: Moritz Meschler SJ, Aus dem katholischen Kirchenjahr, Erster Band, 1919, S. 169 – S.175
