Heiliger Vianney, Pfarrer von Ars

Eine Porträtzeichnung des heiligen Pfarrers von Ars, Johannes Baptist Vianney.

Heiliger Vianney, Pfarrer von Ars (1)

(1786 bis 4. August 1859)

Es ist eine alte Erfahrung, dass für das Seelenheil weit mehr ausgerichtet wird durch Tugend und Heiligkeit, als durch natürliche Gaben. Große materielle Mittel standen einem Heinrich VIII. von England zu Gebote, eine natürliche Gabe volkstümlicher Beredsamkeit einem Dr. Luther, viele historische Kenntnisse einem Professor Döllinger. Aber was haben sie mit denselben ausgerichtet? Sie haben weit mehr zerstört, als aufgebaut. Und selbst, wo diese natürlichen Gaben nicht zum Zerstören missbraucht werden, da werden sie doch in demselben Maße unfruchtbar bleiben, in welchem es ihren Inhabern an Tugend und Heiligkeit gebricht.

Umgekehrt treffen wir oft das segensreichste Wirken, wo große Tugend vorhanden ist, auch dann, wenn natürliche Gaben nur in geringerem Maße zu Gebote stehen. Das Leben zahlreicher Heiligen, z. B. das des hl. Franz von Assisi, beweist es. Auch das neunzehnte Jahrhundert bietet ein Beispiel dieser Art im Leben des Pfarrers von Ars, Johann Baptist Maria Vianney.

Vianney wurde geboren am 8. Mai 1786 im Dorf Dardilly unweit Lyon. Seine Eltern waren einfache fromme Landleute. Ihr Haus galt seit unvordenklichen Zeiten als „das Haus der Armen“, in welchem Hilfsbedürftige stets Zuflucht fanden. So hatten sie einst auch das Glück, den seligen Bettler Joseph Benedikt Labre auf seiner Pilgerreise nach Rom zu beherbergen. Johannes war der Liebling seiner frommen Mutter. Einst sprach sie zu ihm: „Siehe, mein kleiner Johann, wenn ich sähe, dass Du Gott beleidigst, so würde mich das mehr schmerzen, als täte dies ein anderes meiner Kinder.“

1) Vergl. Monnin, Leben des Pfarrers von Ars, J. B. M. Vianney, deutsch, 2. Aufl. (Köln u. Neuß, Schwann 1865).

Bereits im Alter von drei Jahren zeigte Johannes eine große Liebe zum Gebet; er hatte im elterlichen Haus mehrere Verstecke, wo er in der Einsamkeit betete. Als er acht Jahre alt war, schloss die Revolution im Namen der Freiheit die Kirchen und verbot den Gottesdienst. Am Beten aber konnten die Revolutionsmänner den kleinen Johannes nicht hindern; er übte das Gebet, während er die kleine Herde seiner Eltern hütete. Eine Muttergottes-Statue, die er innigst liebte, nahm er mit sich auf die Weide, machte für sie einen kleinen Altar von Rasen und sammelte seine Gefährten vor derselben zur Verehrung der allerseligsten Jungfrau.

Wie zur Zeit der Katakomben hielten auch jetzt die frommen Christen ganz im Verborgenen ihre gottesdienstlichen Versammlungen, und so konnte der kleine Johannes, der republikanischen Verbote unerachtet, seine erste heilige Beichte und Kommunion feiern.

Später ward die Religion wieder freigegeben. So wurde im Februar 1803 zu Ecully unweit Dardilly ein Pfarrer eingesetzt, Karl Balley, ein ungemein würdiger Mann. Johannes fand an ihm einen warmen väterlichen Freund, und mehr und mehr entwickelte sich bei dem Knaben der Beruf zum Priestertum. „Wenn ich einmal Priester würde“, sagte er, „so wollte ich dem lieben Gott recht viele Seelen gewinnen.“ Pfarrer Balley übernahm es, den Knaben in seinem Priesterberuf zu fördern, und dieser siedelte über nach Ecully zu einer verwandten Familie. Johannes hatte sich schon eine solche Liebe und Achtung gewonnen, dass manche ihm hilfreiche Hand leisteten in Ausführung seines Priesterberufes.

Doch mit den Studien ging es nur langsam voran wegen der sehr mäßigen Fähigkeiten des Jünglings. Fast schon verlor er den Mut. Da machte er eine Wallfahrt zum Grab des hl. Franz Regis, und nun ging’s besser.

Es kam die Zeit der Militärpflicht. Die Aspiranten des Priesterstandes waren damals von derselben befreit, wenn sie sich in die betreffenden Listen eintragen ließen. Pfarrer Balley drang daher auf die Eintragung Vianney’s. Doch er wurde in der Liste vergessen. So kam es, dass er im Oktober 1809 plötzlich zum Militär einberufen ward. Er musste gehen. Unterwegs erkrankte er; wiederhergestellt, ward er nach Spanien dirigiert. Traurig schritt er seines Weges dahin; er, der sich längst dem Dienst Gottes geweiht, wurde jetzt gezwungen, diesen heiligen Beruf mit dem blutigen Dienst Napoleons zu vertauschen. Sollte er desertieren?

Davon schreckte ihn schon der Anblick so vieler Deserteure zurück, die mit einer Kette um den Hals von Gendarmen abgeführt wurden. In dieser trostlosen Lage nahm er seine Zuflucht zur Muttergottes und betete den Rosenkranz. Da stieß ein Unbekannter zu ihm und fragte, warum er so traurig sei. Vianney gestand ihm offenherzig seine Lage.

Der Unbekannte erklärte, es sei nichts zu fürchten; dann nahm er ihm den schweren Reisesack ab, verließ die Landstraße und schlug einen Seitenweg ein. Instinktmäßig folgte Johann seinem Führer. Es ging über Berge und durch Wälder; abends 10 Uhr endlich machten sie Halt vor einem ganz einsamen Haus. Der Unbekannte klopfte; nachdem man geöffnet, sprach derselbe mit veränderter Stimme einige Worte und verschwand. Vianney hat nie erfahren, wer es gewesen.

Vianney als Lehrer

Die Bewohner des Hauses, ein armer Holzschuhmacher und seine Frau, sorgten aufs Liebevollste für ihren Gast. Sie waren indes zu arm, um ihn dauernd zu beherbergen. Der Mann führte ihn daher am andern Morgen in das benachbarte Dorf Lesnoës. Dort nahm sich der Bürgermeister seiner an und übergab ihn der Pflege einer frommen Witwe, Claudine Fayot.

Frau Fayot sorgte für ihn, als wäre er eines ihrer Kinder. Vianney aber wollte sich den guten Leuten des Dorfes dankbar erzeigen. Daher übernahm er das Amt eines Lehrers und unterrichtete mit großer Aufopferung und Geduld die Dorfjugend.

Nach einiger Zeit konnte Vianney frei in seine Heimat zurückkehren. Sein jüngerer Bruder Franz hatte sich statt seiner freiwillig gestellt und ihn dadurch befreit. Im Dorfe Lesnoë war man betrübt über das Scheiden Vianneys. Er hatte derart die Herzen gewonnen, dass man ihn möglichst gut ausstatten wollte. Geld, Leinen und andere Kleidungsstücke wurden überreichlich zusammengebracht; sogar einen Priesterrock ließ man ihm machen; denn man wollte ihn vor seiner Abreise noch in geistlicher Kleidung sehen.

Pfarrer Balley hielt es für gut, seinen Schützling jetzt einige Zeit dem Studium der Philosophie im kleinen Seminar zu Verrières widmen zu lassen. Im Juli 1813 aber nahm er ihn nach Ecully zurück, um selbst für das theologische Seminar ihn vorzubereiten. Nach zwei Jahren eifriger Arbeit präsentierte er ihn für das Examen zum Eintritt in das theologische Seminar zu Lyon. Angesichts der Examens Kommission aber ward der junge Mann so verwirrt, dass er die Prüfung nicht bestand. Der gute Pfarrer Balley bat jedoch den Superior des Seminars und den General-Vikar, sie möchten zu ihm nach Ecully kommen und Vianney nochmals
einer Prüfung unterziehen.

Bei dieser Prüfung ging es besser, und Vianney ward in das Seminar zum hl. Irenäus aufgenommen. Am 9. August 1815, im Alter von 29 Jahren, erhielt er die Priesterweihe. Alsbald erbat der Pfarrer von Ecully ihn zu seinem Vikar. Es war ein Festtag für die ganze Gemeinde, als man den jungen Mann, an dessen Frömmigkeit man sich schon seit Jahren erbaut hatte, nunmehr als Priester einziehen sah.

Pfarrer und Vikar führten nun in herzlicher Eintracht ein fast klösterliches Leben. Zu festgesetzter Zeit beteten sie gemeinsam das Brevier; jeden Monat widmeten sie einen Tag besonderer Geistessammlung, und alljährlich machten sie die geistlichen Übungen. Vianney führte ein Leben der Buße und des Gebetes; gegen andere aber war er voll Liebe, Milde und Demut. So gewann er sich bald das allgemeine Vertrauen. Sein Beichtstuhl war von Beichtkindern umlagert.

Vianney als Pfarrer

Im Jahre 1817 starb Balley, gebrochen von seinen übermäßigen Arbeiten und Bußübungen. Vianney spendete ihm die letzten Sakramente. Kurz vor dem Tode überreichte der Pfarrer dem Vikar seine Bußinstrumente und sprach: „Nimm das, mein armer Vianney, und verbirg es. Fände man es nach meinem Tode, so würde man glauben, ich hätte etwas für die Abbüßung meiner Sünden getan, und man würde mich bis zum Ende der Welt im Fegfeuer lassen.“

Nach dem Tod des Pfarrers wünschte die Gemeinde, Vianney als dessen Nachfolger zu erhalten. Dieser aber wollte nichts davon wissen, da er sich dieser Stelle nicht gewachsen glaubte. Zwei Monate später ernannte ihn der General-Vikar zum Pfarrer des Dorfes Ars. Er sprach zu ihm: „Gehen Sie hin, mein Freund! Es ist nicht viel Gottesliebe in dieser Pfarrei zu finden. Teilen Sie ihr dieselbe mit.“

Am 9. Februar 1818 begab sich Vianney in seinen neuen Wirkungskreis. Die französische Revolution hatte auch hier ihre verderblichen Folgen zurückgelassen. Eine Augenzeugin, Katharina Lassagne, erzählt u. a.: „Die jungen Leute hatten nichts im Kopf, als Unterhaltung und Vergnügen. Fast jeden Sonntag versammelte man sich auf dem Platz, einige Schritte von der Kirche oder in den Wirtshäusern des Dorfes, je nach der Jahreszeit, um sich mit Tanz oder anderem Zeitvertrieb zu belustigen.“

Vianney betete viel für das Wohl seiner Pfarrei; fast immer fand man ihn vor dem Tabernakel der Kirche, wenn er nicht anderweit durch seine Geschäfte beansprucht war. Er besuchte seine Pfarrkinder in den Häusern und hatte durch sein liebevolles, demütiges Wesen bald allgemein die Herzen gewonnen. Jetzt durfte er an die Abstellung von Missbräuchen denken. Aber er tat es nicht mit Poltern und Schelten, sondern mit ruhiger vernünftiger Ermahnung.

Besonders lag dem neuen Pfarrer daran, die Tanzereien, namentlich die am Fest des Kirchenpatrons, zu beseitigen; denn er wusste, dass sie vielen ein Anlass zur Sünde waren. Er entwickelte also der Gemeinde seine Anschauung von der Sache. Doch die junge Welt wollte ihr Vergnügen nicht opfern. Vianney bat nun den Bürgermeister, er möge seine Erlaubnis zur Tanzbelustigung versagen. Der brave alte Mann tat es. Doch die jungen Burschen wandten sich an den Unterpräfekten, und dieser gestattete den Ball. Der Ball am Kirchweihfest wurde also in gewohnter Weise veranstaltet.

Allein — es fehlten die Tänzerinnen! Bei den Mädchen nämlich und deren Müttern hatten die Ermahnungen des Pfarrers durchgeschlagen. Sie blieben in der Kirche, statt auf den Tanzboden zu gehen. Seitdem fügten sich auch die jungen Burschen den Wünschen des Pfarrers. Seine Güte und aufrichtige Frömmigkeit hatten allmählich auch ihre Herzen gewonnen.

Ein anderer Unfug, welchen er abstellen wollte, war die so allgemeine Entheiligung des Sonntags. „Ihr arbeitet und arbeitet“, sprach er zu seinen Pfarrkindern, „aber was ihr gewinnt, gereicht euch zum Verderben für Seele und Leib. Wenn man die Sonntagsarbeiter fragte: Was macht ihr doch? so könnten sie antworten: Ich verkaufe meine Seele dem Teufel, kreuzige, so viel an mir liegt, meinen Heiland aufs neue und schwöre meine Taufe ab. Ich bin ein Kind der Hölle; weinen muss ich eine Ewigkeit lang für nichts. — Wenn ich an einem Sonntag jemanden schieben sehe, so kommt es mir gerade so vor, als schiebe er seine Seele zur Hölle.“

Dieselben Worte von einem anderen Pfarrer gesprochen, wären vielleicht wirkungslos verhallt. Aber Vianney hatte durch sein heiliges, überaus strenges Leben in hohem Grad die Achtung der Leute und durch seine Liebe und Demut deren Herzen gewonnen. Darum fanden seine Worte Eingang. Die Pfarrei Ars ward allmählich eine Musterpfarrei, auch hinsichtlich der Sonntagsheiligung. Später sah man niemals mehr an den Sonntagen einen Arbeiter auf dem Feld, nicht einmal zur Zeit der Ernte.

Ein anderer Priester, Abbé Renard, entwirft uns folgendes Bild von der Pfarrei Ars: „Es war eine Wonne, in dieser bevorzugten Pfarrei einen Sonn- oder Feiertag zuzubringen. Die Kommunionen waren zahlreich, und das Gebet dauerte ohne Unterbrechung; die Kirche wurde nicht leer. Zu den verschiedenen kirchlichen Feierlichkeiten, die sich in kurzen Zwischenräumen folgten, war der Zudrang so groß, dass man in der engen Umgrenzung der kleinen Kirche fast erstickte. Den katechetischen Unterricht hielt Vianney in der Regel um ein Uhr nachmittags, und man wohnte demselben fast ebenso zahlreich bei, als der heiligen Messe. Auf die Vesper folgte die Komplet. Nach der Absingung der Marianischen Antiphon betete der Pfarrer den Rosenkranz vor, woran dann alle teilnahmen.

Beim Schluss des Tages rief die Glocke die Gläubigen zum dritten Mal zur Kirche, und zum dritten Mal entsprach die Gemeinde diesem Ruf. Vianney kam aus dem Beichtstuhl und bestieg die Kanzel, um von dort aus vorzubeten. Daran schloss sich dann eine jener ergreifenden Homilien.“

Über die Andacht Vianney’s zur Eucharistie berichtet eine Augenzeugin:

„Die Andacht unseres heiligen Pfarrers gegen das hochheilige Altarssakrament ist wunderbar. Bevor noch so viele Fremde nach Ars kamen, betete er stets sein Brevier in der Kirche, ohne alle Stütze auf dem Fußboden vor dem Tabernakel kniend. Von Zeit zu Zeit pauste er dazwischen und blickte zum Tabernakel hinauf. Dabei zeigten seine Augen eine so lebendige Freude, dass man hätte meinen sollen, er sehe den Heiland. War das heilige Sakrament ausgesetzt, so setzte er sich nie, es sei denn, dass irgendein anderer Priester anwesend war, der das tat, um nicht anders zu tun als dieser. Sehr oft heftete er dann seinen Blick mit ekstatischem Lächeln daran.

Eines Tages fand ihn ein Priester in dieser Stellung und richtete unwillkürlich auch seinen Blick zum Altar, in der Meinung, dort sei etwas Auffallendes zu sehen. Er sah nichts; aber der Ausdruck in den Zügen Vianney’s hatte ihn so getroffen, dass er sagte: «Ich glaube, es wird ein Tag kommen, wo der Pfarrer von Ars nur noch von der heiligen Eucharistie lebt.» “

Für den Schmuck seiner Kirche war Vianney in hohem Grad besorgt; seine eigene Wohnung dagegen war aufs ärmlichste, oder man möchte sagen, gar nicht ausgestattet; seine Nahrung war vielleicht schlimmer als die manches Bettlers. Wie sehr er die Liebe seiner Gemeinde erobert hatte, konnte man sehen, als er einst krank ward. Eine Dame schreibt hierüber in einem Brief vom 10. Mai 1843:

„Du kannst Dir keine Vorstellung von dem rührenden und religiösen Schauspiel machen, wie es sich jetzt vor unseren Augen seit der Krankheit dieses heiligen Mannes ohne Aufhören vollzieht: die Tränen, das Schluchzen, die Gebete, diese Kirche, die ohne ihn verlassen zu sein scheint, und die jetzt ohne Unterlass von einer weinenden Menge gefüllt ist, die mit dem Herzen, mit Gedanken und endlich durch Akte kindlicher und rührender Frömmigkeit zum Himmel fleht. —

Kerzen brennen auf allen Altären, in allen Händen ist der Rosenkranz. In den ersten Tagen musste man an der Türe des Pfarrhauses Wachen aufstellen, um die zu kühne Menge zurückzuhalten, die ihn noch einmal zu sehen und seinen letzten Segen empfangen wollte. Man konnte diese Menge nicht beruhigen, bis man bemerkte, dass der Heilige, sobald er sich von seinem Schmerzenslager erheben könnte, allen den Segen spenden würde.“

Priesterliches Leben

Vianney hatte in der Tat die Liebe und das Vertrauen seiner Gemeinde in hohem Grad verdient. Wie sehr ihm das Seelenheil der ihm anvertrauten Herde am Herzen lag, lässt sich schließen aus einer Äußerung, die er einem anderen Pfarrer gegenüber tat. Dieser hatte geklagt, dass es ihm gar nicht gelingen wolle, die Herzen seiner Pfarrkinder zum Guten zu wenden. Vianney entgegnete: „Sie haben geweint, Sie haben geseufzt, Sie haben geklagt; aber haben Sie auch schon gefastet, haben Sie gewacht, haben Sie ein hartes Nachtlager genommen, haben Sie sich gegeißelt? Solange Sie das noch nicht durchgemacht, dürfen Sie noch nicht glauben, alles versucht zu haben.“

Wie Vianney über das Leben eines Priesters dachte, zeigen seine folgenden Äußerungen: „Was uns Priester hindert, Heilige zu werden, das ist der Mangel an Betrachtung. Man kehrt nicht in sich ein, man weiß nicht, was man tut. Betrachtung, Gebet, Vereinigung mit Gott, das ist’s, was uns fehlt, — O, wie unglücklich ist ein Priester, der kein innerliches Leben führt! Aber, dazu bedarf es der Ruhe, des Stillschweigens, der Exerzitien, mein Freund, der Exerzitien! Gott spricht nur in der Einsamkeit. — Ich habe wohl oft zu Monseigneur Devie gesagt: Wollen Sie Ihre Diözese bekehren, so müssen Sie aus Ihren Pfarrern Heilige machen. Ach, mein Freund! es ist schrecklich, Priester zu sein. Die Beichte, die Sakramente, welche Verantwortung!“

Über sich selbst dachte Vianney außerordentlich gering. Als er den Zudrang zu seinem Beichtstuhl bemerkte, hielt er sich nicht etwa für einen Heiligen, sondern für einen Heuchler, in welchem die Leute sich täuschten. Gelegentlich auch erklärte er die Sache, wie folgt: „Der liebe Gott hat mich zum Werkzeug erwählt, durch welches er den Sündern seine Gnaden austeilt, eben weil ich der unwissendste und der erbärmlichste von allen Priestern bin. Hätte der liebe Gott in unserer Diözese einen unwissenderen Priester gefunden, als mich, so würde er diesem den Vorzug gegeben haben.“

Vermehrung von Brot und Mehl

Wo gediegene Tugend, wo insbesondere Demut und Gottvertrauen herrscht, da erfüllen sich nicht selten die Verheißungen des Heilandes, dass er in ganz außerordentlicher Weise die Bitten erhören will. Das zeigte sich auch im Leben des Pfarrers von Ars. Er hatte ein Kinder-Asyl, die „Providence“, gegründet. Da gingen denn natürlich mitunter die Vorräte aus.

„Eines Tages hatten die Leiterinnen der Providence fast kein Mehl mehr, und das Brot war erschöpft. Ein Bäcker war im ganzen Dorf nicht. Und dennoch mussten etwa achtzig Personen gespeist werden. Was war nun zu tun? Die Oberin, Benedikta Lardet, wusste keinen Rat mehr. Eine der Lehrerinnen, Johanna Filliat, sagte zu ihrer Genossin, Johanna Maria Chaney, die schon das Brot zu backen hatte: «Wenn man nur das Mehl, welches noch vorhanden ist, zu Brot backte und dann zuwartete!» Diese antwortete: «Ich habe daran gedacht; aber zuvor bedarf es der Verordnung des Herrn Pfarrers. Was der sagen wird, werden wir tun.»

Johanna Maria ging hin, unserem Heiligen ihre Not zu klagen: «Herr Pfarrer», sagte sie ihm, «der Müller hat unser Mehl nicht geschickt, und von dem Rest können wir zum höchsten zwei Brote backen.» «Setzt das wenige mit Eurem Sauerteige an», erwiderte der Heilige, «schließt Euren Backtrog und tut morgen, als wenn alles in Ordnung wäre.» Nach dieser Vorschrift richtete man sich pünktlich.

„Ich weiß nicht, wie es zuging», sagt J. M. Chaney, des andern Tages ging es, wie gewöhnlich. Je mehr ich knetete, desto mehr stieg der Teig unter meinen Händen. Ich mochte Wasser zugießen, so viel ich wollte, je mehr ich hinzu goss, desto mehr schwoll und verdickte er sich, so, dass der Backtrog im Augenblick bis zum Rand voll war. … Man backte aus einer Handvoll Mehl ein Gebäck von zehn großen Broten, jedes von zwanzig bis zweiundzwanzig Pfund. Es war, als hätten wir statt dieser Handvoll, einen ganzen Sack Mehl gehabt.»

„Ein anderes Mal fehlte wieder Brot. Man hatte weder Getreide, noch Mehl, noch Geld im Haus. Für den Augenblick glaubte unser Pfarrer, Gott habe ihn seiner Sünden wegen verlassen. Er ließ die Oberin zu sich kommen und sagte zu ihr mit sehr schwerem Herzen: «Uns wird nichts übrig bleiben, als unsere armen Kinder zurückzuschicken, da wir nicht mehr wissen, womit wir sie ernähren sollen.» Bevor er aber zu diesem äußersten Mittel griff, wollte er doch noch einmal den Speicher besuchen. Langsam stieg er hinauf. Furcht und Hoffnung durchwühlten ihn mächtig. Er fürchtete den Augenblick, wo er klar einsehen würde, dass er es mit einem unabweislichen Unglück zu tun habe. Zitternd öffnet er die Tür.

Aber, o Wunder! Der Speicher war gefüllt, gleich als hätte man das Getreide mit vollen Säcken hingetragen. Johanna Maria Chaney hatte ihren Pfarrer begleitet. Er eilte sogleich zu den Waisenkindern, um ihnen dieses Wunder zu erzählen: «Ich hatte an der göttlichen Vorsehung gezweifelt, meine Kinder!» sagte er, «ich wollte euch zurückschicken. Der liebe Gott hat mich schön bestraft.» Das war gewöhnlich sein Wort, wenn die göttliche Güte ihm so ganz besondere Beweise ihres Schutzes gab. Er betrachtete diese als eine liebevolle Züchtigung für sein Misstrauen.“ (1)

(1) Monnin a. a. O., Bd. I. S. 177, 178.

Vianneys Beichtstuhl

Wunderbar war auch, wie Gott dem frommen Pfarrer die Geheimnisse der Herzen offenbarte. Wenn jemand nicht aufrichtig beichtete, so sagte er ihm wohl: „Sie haben die und die Sünde ausgelassen, die Sie dort und dort begangen haben. Häufig auch holte er aus der langen Reihe derer, die vor seinem Beichtstuhl warteten, den einen oder anderen heraus, welchem die Beichte besonders nötig war.

Immer größer ward der Zudrang zu Vianneys Beichtstuhl. Es war, als wenn er bis in weite Entfernungen die Gnaden in die Herzen hinein betete, so dass die Leute gedrängt wurden, ihre Sünden zu bereuen und sie dem frommen Pfarrer zu beichten. Man hat berechnet, dass bloß durch die Omnibusfahrten, welche Ars mit der Saône und mit Villefranche verbanden, jährlich mehr als 80.000 Pilger nach Ars kamen. Sogar von England und Deutschland eilten sie herbei, um in Ars Heilung zu finden für ihre Krankheiten des Leibes oder der Seele.

Auf Reiche und Vornehme nahm Vianney keine besondere Rücksicht. Einst wollte eine hochstehende Dame sich vordrängen. Sie erklärte dem Pfarrer: „Ich liebe das Antichambrieren nicht. Warten kann ich nirgends, weder beim König von Bayern, noch beim Papst.“ Vianney erwiderte gelassen: „Es tut mir leid, meine Dame! Aber ich kann in Wahrheit nichts daran tun. Hier in Ars werden Sie immerhin warten müssen.“ Sie musste warten. Den Armen und Kranken jedoch gewährte Vianney wohl eine
Bevorzugung.

Ein Bild aus Ars

Doch wir müssen uns das Wirken des Pfarrers von Ars noch greifbarer vor Augen führen. Louis Lacroix, ein Geschichtsprofessor aus Nancy, war von einem Freund beredet, Ars zu besuchen. Unter strömendem Regen bestieg er im Sommer 1857 zu Villefranche den Omnibus nach Ars. Er glaubte, bei solchem Wetter werde der Zudrang daselbst wohl nicht groß sein. Wie es ihm erging, erzählt er in folgendem Bericht:

„Unter diesen Reflexionen war ich bereits in Ars angekommen. Der Wagen hielt an einem netten Gasthaus des Dorfes, wo man gut bedient und doch nicht geprellt wird. Man sagte, das verbiete der Pfarrer, und darin gehorche man ihm. Ich weiß gar wohl, wie schwierig es ist, die übertriebenen Forderungen von Wirten zu mäßigen, besonders an Wallfahrtsorten, und dieser Umstand war mir daher ein Beweis, und zwar der erste von allen, von dem Einfluss, den dieser heilige Mann auf die Herzen ausübte. Kaum hatten wir es uns etwas bequem gemacht, als wir alle zur Kirche eilten, wo wir, wie man uns sagte, den Pfarrer finden würden.

Unterwegs legte ich mir so in etwa die Situation nach meiner Weise zurecht. Ich glaubte eben, der Omnibus bringe nach Ars, was überhaupt dahin komme, und anders könne niemand dort sein; wir würden also die einzigen Pilger sein. Ich hatte sogar die Naivität, mir einzubilden, der gute Pfarrer werde da stehen und uns erwarten. So meinte ich nun, recht gut disponiert zu sein, um mich rühren und erbauen zu lassen; aber da merkte ich endlich die Täuschung, und ich war in keiner Weise auf das, was ich sehen sollte, vorbereitet. …

„Ich trat also ein mit einer Neugierde, der es vielleicht an etwas Ernst mangelte. Aber welche Überraschung!

Statt der leeren Kirche, die ich mir geträumt hatte, sah ich dort Kopf an Kopf, die Frauen dicht gruppiert in dem Schiff der Kirche, die Männer auf und am Chor, alle schweigsam und still, in der Stellung der Betrachtung oder des Gebetes. Kein Vorzimmer eines Ministers oder eines Souveräns hatte je diesen Eindruck von Größe und Majestät auf mich gemacht, und ich begriff und fühlte sogleich die ganze Würde dieses demütigen Ministers des souveränen Königs Himmels und der Erde, dem die Heiligkeit eine solche Gewalt verlieh und eine solche Anzahl von Bittstellern zuzog. Ich suchte unterdes mit meinen Augen unablässig nach ihm selbst, und ich sah ihn nicht.

Man zeigte mir mit dem Finger die Türe der Sakristei, wo er die Männer der Reihe nach Beichte hörte. Er ließ dort die zu, welche Tags vorher gekommen waren. Nun aber war’s schon fünf Uhr nachmittags geworden.

Offenbar hatte ich keine Hoffnung mehr, an diesem Tag den Pfarrer von Ars noch zu sehen, da ich mich am Ende einer langen Kette befand, die an der Sakristeitür anfing, und deren letzten Ring ich erst bildete. Aber ich beklagte mich nicht darüber. Ich fühlte mich gefesselt von der Schönheit eines Schauspiels, wie es dort meiner Betrachtung dargeboten war, und ich war glücklich, beobachten zu können, wie der Pfarrer von Ars seinen Tag beschließe, indem ich mir vornahm, am anderen Tag zuzusehen, wie er ihn beginne.

„Vianney blieb indes unsichtbar. Die Türe der Sakristei ging auf und zu; denn fort und fort gingen Menschen hinein zum Richterstuhl des heiligen Priesters, um zu beichten oder sich Rat zu holen. Ich sah sie gesammelt, zerknirscht oder sorgenvoll eintreten, und beim Heraustreten erschien ihr Antlitz ruhig, freudig und glücklich.

Einer von ihnen, ein junger Mann aus der arbeitenden Klasse, der von der Sakristei herkam, blieb, als er an mir vorüberging, plötzlich stehen, schlug sich an die Stirn und sagte zu sich selbst: «Ach, mein Gott! ich muss ihn noch einmal sprechen, ich muss ihn notwendig noch einmal sprechen!» und stellte sich ruhig an das Ende der langen Reihe, um in einem oder zwei Tagen zum zweiten Male zu ihm zu gelangen.

„Mit der größten Schnelligkeit waren mehr als zwei Stunden verflossen. Ich hatte vergessen, die Augenblicke zu zählen; denn die Szenen vor meinen Augen erfüllten meine Seele derartig mit göttlichen und ewigen Dingen, dass ich der Zeit ganz vergaß, die ja nur in der Aufeinanderfolge der Dinge besteht. Die Nacht war gekommen; es war beinahe acht Uhr. Die Kirche, weit entfernt, leer zu werden, hatte noch neue Fremdlinge zum Besuch erhalten, und war noch ganz gefüllt. Man sagte mir, jetzt sei die Stunde des Abendgebets, zu dem sich die Leute des Ortes ebenso zahlreich einfänden, als des Morgens zur heiligen Messe; denn die Heiligkeit ihres Pfarrers hat sie alle zur schönsten Erfüllung christlicher Pflichten
und Übungen gebracht.

In diesem Augenblick trat Vianney aus der Sakristei, um die Kanzel zu besteigen. Sein Anblick ließ mich alles Weitere vergessen. Ich hatte nicht Augen genug, um ihn zu betrachten. Er war mit seinem Rochette bekleidet, das er nie ablegt. Sein ganzes Äußere zeigte seine außerordentlichen Tugenden und seine große Heiligkeit. Sein Gesicht und sein ganzer Körper waren ungemein hager und bezeugten die erhabene und erstaunliche Höhe seiner Abtötung und Buße. … Dieser Körper, so abgemagert und schon gebeugt, erschien groß und majestätisch.

Er ging mit geneigtem Haupt und niedergeschlagenen Augen einher; sein langes und dichtes Haar wallte über den Nacken hinunter und rahmte sein Gesicht mit einer Art weißen Heiligenscheines ein. Mir war ganz eigentümlich zu Mute, als er an mir vorüberging und ich den Rand seines Kleides berührte. Sobald er auf der Kanzel angekommen war, kniete er hin und sprach das Abendgebet, aber mit einer so schwachen Stimme, dass nur verworrene Töne an mein Ohr stießen. Man überzeugte sich, als man ihn hörte, wie sehr er ganz erschöpft war, und das stellte seine unerschöpfliche Tätigkeit in der Kirche und im Beichtstuhl, wo er ganze Tage und Nächte verbrachte, nur noch wunderbarer dar.

Als er das Gebet gesprochen hatte, stieg er herab, ging durch die Kirche, trat, immer mit bloßem Kopf und im Rochette, durch eine Seitentür und kehrte zwischen einem Spalier von knienden Gläubigen, denen er im Vorbeigehen den Segen gab, in seine Wohnung zurück. Ich war jetzt von der Herrschaft des Pfarrers von Ars über seinesgleichen überzeugt; ich hatte sie innerlich an mir selbst erfahren, und der Hauptzweck meines Aufenthaltes in Ars war erreicht. Offenbar war Vianney kein gewöhnlicher Mensch; denn um ihn hier, in dem verborgenen Dorf der Bresse, scharte sich eine Volksmasse, wie sie an den berühmtesten Wallfahrtsorten nur zu finden war.

Das hatte ich gesehen; ich hätte nun abreisen und über eine wichtige Sache Zeugnis ablegen können. Aber ich konnte nicht abreisen, ohne den heiligen Priester gesprochen und seinen Segen empfangen zu haben. Ich hatte mich erkundigt, was man tun müsse, um zum Pfarrer von Ars zu kommen. Ein Mann, der die Menge in der Kirche ordnete, und den ich für den Sakristan hielt, sagte mir, wenn ich um vier Uhr käme, so könnte ich ihn im Laufe des Vormittags sehen und dann noch denselben Tag abreisen. Ich nahm mir fest vor, pünktlich auf diese Zeit zu achten.

„Unterdes begab sich jeder nach Hause. Die Bewohner der Umgegend gingen in ihre Gemeinden zurück. Alle Häuser in Ars nahmen ihre Gäste wieder auf, die länger bleiben wollten. Ich kam wieder zu meinem Gasthaus und fand dort meine ganze Omnibusgesellschaft versammelt: eine Dame aus Besançon mit ihrer Tochter, einen Priester aus Grenoble, zwei Seminaristen aus Lyon, einen Aumonier von Marseille, eine Marseiller Dame mit zwei Töchtern, von denen die eine stumm, die andere hinkend war, und eine Familie aus Marseille von drei Personen.

Dieser große Andrang von Marseille her erklärte sich durch ein Wunder, das der Pfarrer von Ars sechs Wochen früher an einer Person aus dieser Stadt getan hatte. Beim Abendessen drehte sich die ganze Unterhaltung um diesen außerordentlichen Mann, den zu betrachten wir gekommen waren.

Ein jeder drückte seine Verwunderung aus und legte auf diese Weise seine Empfindungen dar. «O, wie bin ich glücklich», sagte das Haupt der Marseiller Familie, dessen Akzent ihn als einen Bewohner der Canabière kennzeichnete, «dass ich mitgekommen bin. Ich würde mich wohl nicht darum gekümmert haben. Es geschah das bloß meiner Frau und meiner Tochter zu Gefallen, die es durchaus wollten. Aber ich bin überaus froh, mitgegangen zu sein. Ich weiß jetzt, was es mit der Religion auf sich hat». Und man fühlte so recht, dass der gute Mann noch mehr dachte, als er sagte, und dass er sich fest vorgenommen hatte, daraus auch für sein Leben jene Schlüsse zu ziehen, die sich so ganz natürlich daraus ergeben.

„Am andern Morgen — es war am Freitag, den 11. September 1857 — war ich um vier Uhr Morgens schon auf den Beinen und eilte noch vor Tagesanbruch zur Kirche. Ich glaubte zur rechten Zeit und sogar vor allen anderen anzukommen, aber ich sollte ebenso, und gar in noch höherem Grade, überrascht werden, als gestern. Es war schon eine große Menge versammelt, und zu meiner großen Bestürzung konnte ich nur einen Platz erhalten, der von der verhängnisvollen Tür, die den Zutritt zu dem Pfarrer gewährt, sehr entfernt war. Ich hatte, wie Moses, das Hinüberschauen, konnte sie aber nicht erreichen.

„Seit wann sind Sie hier?» fragte ich einen meiner Nachbarn, wie das Schicksal sie mir gegeben hatte.

«Seit zwei Uhr diesen Morgen.» «Und wann ist der Herr Pfarrer gekommen?» «Der ist um Mitternacht gekommen.» «Wo ist er und was tut er jetzt?» «Da hinter dem Chor im Beichtstuhl, und er hört jetzt die Frauen gerade Beichte, Es ist das des Freitags Morgens gewöhnlich seine Beschäftigung. Die Männer wird er erst nach der heiligen Messe vorlassen.» «Aber was tun denn alle hier, die ich da sehe?» «Die sind da, um ihren Platz innezuhalten.» «Wann sind die gekommen?» «Als der Pfarrer selbst eintrat. Sie warteten an der Türe, und der erste hielt den Türknopf fest; um zwölf Uhr wurde die Kirche geöffnet, und jeder nahm seinen Platz ein.»

„Das überstieg noch alles, was ich gestern gesehen und gehört hatte. Ich stand wie versteinert. Ich wusste wohl, dass der Mensch großartiger Ausdauer fähig ist, wenn es sich um Vergnügen und Interesse handelt; dass er Stunden lang sich hinopfert, um im Theater nur einen guten Platz zu bekommen.

Aber was ich nicht wusste, was ich nie gesehen hatte, das war, dass der Mensch in Wirklichkeit sich entschließen könnte, auch für rein geistige Dinge dasselbe Opfer an Zeit und Ruhe zu bringen, und diese Szene, ganz neu für mich, die mir einem Aufzug aus dem Evangelium glich, ergriff mich bis in die tiefsten Tiefen und rührte mich bis zu Tränen. Ich ergab mich also, wie Tags zuvor, der Wonne, zuzusehen, der Zeit zu vergessen, und in dieser Atmosphäre des geistigen und religiösen Lebens, wie sie dieser große Diener Gottes um sich her verbreitete, zu beten und zu betrachten. …

„Um sechs Uhr las der Vikar die heilige Messe, während welcher der Pfarrer die Beichten der Frauen fortsetzte. Endlich um sieben Uhr, nach einem Aufenthalt im Beichtstuhl von Mitternacht an, der jeden anderen hätte ganz erschöpfen müssen, erschien Vianney mit einer Ruhe, wie sie ihm stets eigen war, um sich in der Sakristei auf die heilige Messe vorzubereiten. Da ich ein sehnliches Verlangen hatte, bevor ich heute noch abreiste, den heiligen Mann auf einen Augenblick zu sprechen und seinen Segen zu empfangen, hatte ich mich bemüht und mit Erfolg bemüht, im Augenblick, wo der Vikar in die Sakristei zurückging, auch hineinzuschlüpfen.

«Warten Sie nur hier», sagte der zu mir, «vielleicht hört er Sie noch, bevor er zum Altar geht.» Ich folgte diesem Rat, aber ohne Erfolg. Der Pfarrer von Ars, der nur an das Bedürfnis der Seelen dachte, glaubte keine Unterbrechungen eintreten lassen zu dürfen, um meine Ungeduld zu befriedigen. Er grüßte mich und legte die heiligen Gewänder an.

Alles, was ich durch diese kühne List gewonnen hatte, bestand darin, ihn einmal in der Nähe zu sehen, den milden und doch durchdringenden Strahl seines Blickes auf mich zu fühlen und Zeuge seiner Vorbereitung auf die heilige Messe zu sein. Ich sah da, während er die Kleider wechselte, so recht die Zartheit seines abgetöteten Körpers, der fast einem Schatten glich, was ihn aber keineswegs an der eigentümlich lebhaften Bewegung seiner gebrechlichen Glieder und an der entschiedenen Energie aller seiner Bewegungen hinderte. Ich folgte ihm zum Altar der hl. Philomena, die er ganz besonders verehrte. Da las er die heilige Messe; das ist der Altar, an dem er so viele Wunder erlangte.

Die Votivtafeln aller Art und Gestalt, die hier die Wände bedeckten, sagten es genugsam, wie viele Kranke und Elende hier Rettung gefunden hatten. Hier war es, wo er eines Tages einen Gichtbrüchigen heilte, so dass dieser sofort sich aufrichten und gehen konnte, wie auf das Wort des Heilandes selbst, und als nun die betroffene Menge laut ihre Verwunderung und Dankbarkeit ausdrückte, da beklagte sich der heilige Priester, ganz verwirrt über diese öffentliche Bezeugung der Kraft seines Gebetes, bei der Heiligen, die er angerufen hatte, indem er mit einer Demut, die das Geheimnis seiner Macht verriet, zu ihr hinauf rief:

«O, hl. Philomena, wenn ich solche Gnaden von Dir erlange, so geschehe das doch im Geheimen. Heile sie zu Hause und erspare meiner Unwürdigkeit eine solche Bestürzung.»

„Nach Beendigung der hl. Messe glaubte ich, nun endlich könne man doch wohl zu ihm kommen. Es war dies die Zeit, die er mir bestimmt hatte. Aber ich täuschte mich noch. Die Kirche strotzte von Menschen, und auf dem Rückweg zur Sakristei wurde ich ganz von ihm abgeschnitten.

Von Neuem also ward ich stiller Zuschauer und konnte seine weitere Tätigkeit des Morgens beobachten. In seinem einfachen Rochette erschien er wieder auf dem Chor. Jetzt stürzte alles auf ihn los. Man ließ ihn eine Menge Medaillen und Rosenkränze segnen; man brachte Kinder zu ihm, denen er die Hände auflegte. Als er so alle zufrieden gestellt hatte, ging er in eine kleine Sakristei an der rechten Seite der Kirche, wo er mehrere Damen nach einander empfing, die ihn um Rat zu fragen hatten.

Nach einer Stunde ungefähr kam er zurück aufs Chor, und nun begannen unverzüglich die Beichten der Männer. Jedes Mal, wenn ich ihn wieder erblickte, war er zu weit von mir entfernt, als dass ich ihn hätte erreichen können, und immer entwischte er mir wieder. Ich war auf dem Punkt, ärgerlich zu werden, aber ein wenig Nachdenken ließ mir ein solches Gefühl doch schmählich erscheinen; denn wie ich diesen heiligen Mann also seine Zeit mit einer solchen Hingebung zum Besten anderer aufopfern sah, so fühlte ich doch, wie kleinlich es sei, nicht einmal ein wenig von meiner Zeit hingeben zu wollen, um zu ihm zu gelangen. –

So gewann ich meine Geduld und die Bewunderung, die mich gleich beim Erscheinen an diesem Ort so mächtig ergriffen hatte, doch leicht wieder.

„Es war ungefähr neun Uhr, und dieselbe Bewegung zu jener Sakristeitüre begann wieder, wie ich diese Tags vorher gesehen hatte. Für mich war sie noch immer unerreichbar. Jeder hatte wieder seine Stelle eingenommen und ging nur, wie die Reihe an ihn kam. Freilich kamen auch wohl Ausnahmen von der Regel vor. Mehrere Damen waren verwegen und verschlagen genug, bis zur Türe durchzuschlüpfen und hineinzugehen, trotz aller Hindernisse. Freilich nahm man das mit allem Recht sehr übel.

Einige Mal bezeichnete der Pfarrer selbst die Person, welche zu ihm kommen sollte, und über diese Bevorzugung fiel es keinem ein, sich zu beklagen. Leute endlich, die körperlich sehr elend waren, gingen sofort zu ihm, und jeder sah das nur als recht und billig an. Als die Marseiller Dame mit ihren zwei kranken Töchtern ankam, warteten sie nur den Augenblick ab, wo der Pfarrer frei wurde.

Von Zeit zu Zeit sah man Gruppen von solchen, die die Beichte mit Gott ausgesöhnt hatte, am Fuße des Altars knien. Der Vikar erschien, öffnete das Tabernakel und teilte ihnen die heilige Kommunion aus. Alles das brachte einige Male eine Unordnung hervor, die wohl einer kleinen Überwachung bedurfte. Aber dann trat wieder der Mann auf, den ich nicht mehr für den Sakristan hielt, und welcher mir auch Achtung einflößte, und ging von Bank zu Bank, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

„Zehn Stunden lang hatte dieses erhabene Schauspiel der Liebe schon gedauert. Der Held dieses Dramas hatte in all’ dieser Zeit seine Tätigkeit noch nicht unterbrochen oder auch nur gemäßigt. Er stand immer in Szene und war unermüdlich. Ich war vier Stunden nach ihm gekommen, war nur Zeuge seines Wirkens gewesen, und doch spürte ich ein Bedürfnis nach Ruhe und dachte daran, mich zurückzuziehen. Zuvor aber wollte ich doch noch einen Versuch gegen die unzugängliche Türe machen.

Mit Hilfe des gefälligen Ordners erhielt ich einen Platz in der Türöffnung, und als der Pfarrer nun die Türe öffnete, um einen andern zum Beichten vorzulassen, sah er mich gerade vor sich, schien mich wieder zu erkennen und ließ mich eintreten. Da standen wir uns gegenüber.

Da ich einem solchen Mann keinen Augenblick umsonst entreißen wollte, so legte ich ihm kurz und rasch zwei Fragen vor, die ich mir zuvor zurecht gelegt hatte. Der heilige Pfarrer antwortete sofort, ganz entschieden, bevor er noch schien überlegt und erwogen zu haben, ohne die geringste Zögerung, aber auch ohne jegliche Überstürzung, und seine Antworten waren in jeder Beziehung vernünftig und weise und ebenso leicht, als offenbar nützlich ins Werk zu setzen. In der Regel muss der Mensch doch bei einer Entscheidung überlegen und reiflich die Umstände prüfen, um das Richtige zu treffen. Der Pfarrer von Ars aber improvisierte die Weisheit. Es war zum Erstaunen, diese Ruhe, diese Aufmerksamkeit, diese Geistesgegenwart dabei zu sehen.

Seit Mitternacht schon war er ganz in Anspruch genommen, und das dauerte noch fort; er hatte sich keine Abspannung vergönnt; Hunderten von Personen hatte er schon Zweifel und verwickelte Verhältnisse gelöst; an unserer Seite kniete auf dem Betschemel des Beichtstuhls wieder ein Mann, an den jetzt die Reihe zu beichten gekommen war, die anderen Volksmassen häuften sich vor der Türe, wie die Wogen des steigenden Meeres, -— und bei allem dem war der heilige Priester immer anwesend, sich allen hingebend, ohne Ungeduld, ohne sichtliche Ermüdung, immer das Herz geöffnet und den Geist geweckt, immer in ununterbrochener Tätigkeit.

Sicherlich war das nichts Menschliches, nichts Natürliches, und wer nur einen Augenblick über alles dieses nachdenken wollte, der musste es anerkennen, dass hier die Gnade wirke, die diesem heiligen, allen ihren Einsprechungen getreuen Priester in seiner Wirksamkeit eine wunderbare Macht verleihe.

„Er hatte mir in der kurzen Zeit auf alles geantwortet, was ich ihn gefragt, und als er nun geendet hatte, sagte ich: «Nun noch eine Bitte, mein Vater! ich gehe nach Rom, um dort am Grab der Apostel zu knien und zu beten. Geben Sie mir doch Ihren Segen, damit er mich während der Reise begleite.» —

Bei dem Wort «Rom» lächelte Vianney vor Freude, seine niedergeschlagenen Augen erhoben sich, sein Blick und sein ganzes Äußere belebte sich, und indem mich ein feuriger Lichtstrahl seines Auges traf, sagt er: «Ha! Sie gehen nach Rom! Sie werden dort den Heiligen Vater sehen!? Und dabei sagte sein Gesicht alles, was sein Herz fühlte. «Ich empfehle mich», sagte er nach einer kleinen Pause, «in Ihr Gebet an der Confessio der heiligen Apostel.» “ (2)

(2) Monnin a. a. O., Bd. 2, S. 26 – S. 33.

Letzte Tage und Tod

Einige Jahre noch setzte Vianney dieses aufreibende Leben fort. Doch mehr und mehr stellte die Schwäche des Alters sich ein. Der heilige Priester stand im vierundsiebenzigsten Jahr seines Lebens voll Arbeit, Entbehrung und außerordentlicher Bußstrenge.

Am Freitag, dem 29. Juli 1859 verrichtete er noch seine gewöhnlichen Arbeiten und saß sechzehn bis siebzehn Stunden im Beichtstuhl. Nach Hause gekommen, sank er auf einen Stuhl und seufzte: „Ich kann nicht mehr! Ach, die Sünder töten den Sünder noch.“ Dann fügte er bei: „ich denke oft, wenn es auch kein Leben jenseits gäbe, so wäre es schon ein großes Glück, Gott in diesem Leben lieben, ihm dienen und etwas zu seiner Ehre tun zu können.“ Tags darauf, am Samstag, konnte er nicht mehr die hl. Messe lesen.

Am Dienstag Abend bat er um die heiligen Sterbesakramente. Die ganze Pfarrei versammelte sich vor dem Haus ihres treuen Seelsorgers. Es kamen auch viele Geistliche, und der Bischof selbst wollte seinen guten Priester noch einmal sehen. Vianney weinte Tränen der Freude über diesen Besuch. Allmählich ging es zu Ende; man betete die Sterbegebete; man kam zu den Worten: „Mögen ihm entgegenkommen die heiligen Engel Gottes und ihn geleiten in die himmlische Stadt Jerusalem!“ In diesem Augenblick verschied Vianney. Es war am 4. August 1859, zwei Uhr Morgens.

aus: Ludwig von Hammerstein SJ, Charakterbilder aus dem Leben der Kirche, Bd. I, 1903, S. 405 – S. 423

Siehe die Katechesen von Pfarrer Vianney:

Bildquellen

  • janssen-johannes-baptist-vianney: © https://katholischglauben.info
Tags: Heilige

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