Über die zwei Fahnen Luzifers und Christi

Meschler: Betrachtung über zwei Fahnen, die eine Christi, des obersten Heerführers und unseres Herrn, die andere Luzifers, des Todfeindes unserer menschlichen Natur

Betrachtung über zwei Fahnen – Die Fahne Luzifers und die Fahne Christi

Wiederholung nach Art der Anwendung der Sinne

Über die zwei Fahnen

Vorbereitungsgebet und Vorübungen wie in der vorigen Betrachtung.

Wir führen uns die Geschichte des zwischen Christus und Belial tobenden Riesenkampfes in einer Reihe lebendiger Bilder vor Augen.

1. Das Heerlager Luzifers (Erstes Bild)

Schauen wir Luzifer und seine höllischen Gesellen, wie sie im Exerzitienbuch geschildert werden.

1) Luzifer selbst in der weit ausgedehnten Ebene um Babylon,

sitzend auf seinem Thron von Nebel, Feuer und Rauch; seine Gestalt furchtbar; sein Gesichtsausdruck schreckhaft; seine ganze äußere Erscheinung voll eitler Überhebung, Hochmut und Herrschsucht bis zur grausamsten Tyrannei; seine durch alles dies durchscheinende innere Zerrissenheit und Verzweiflung.

2) Luzifers höllische Gesellen, die Teufel.

Schauen wir auch sie, ihre große Zahl, ihre äußere Erscheinung, ähnlich derjenigen Luzifers, ihres Hauptes. Die einen um ihn geschart, horchend auf seine herrischen Reden; andere ausziehend, um nach Luzifers Rat mit Ingrimm und teuflischer Tücke Menschen zu ködern und sie dem zeitlichen und ewigen Verderben zu überantworten; noch andere zu Luzifer zurückkehrend mit höllischer Freude ob der reichen Menschenbeute, die sie gemacht und mit sich führen.

3) Schauen und mustern wir endlich die Reihen der von den Teufeln geköderten und für Luzifers Banner und Reich vollkommen gewonnenen Menschen.

Wie groß und buntscheckig diese Scharen! Was findet sich da nicht zusammen! Ungläubige, sittenlose Menschen aus allen Stände: Machthaber und gekrönte Häupter mit goldenen Diademen, Weltmenschen in fürstlicher Pracht, reiche Prasser, Geld- und Genussmenschen, Verführer aus Gelehrten- und Künstlerkreisen, sogenannte Volksbeglücker usw.; welch eine glänzende, imposante und imponierende Gesellschaft der äußeren Erscheinung nach; aber welche Unsumme von sittlichem Schmutz, Verkommenheit und Bosheit in diesen Sendlingen Satans!

Und nun erst welch ein Treiben und Gewoge, welch ein sinnberückendes, glanzvolles Leben in dieser Gesellschaft! Was immer die Welt zu bieten vermag an Reichtum und Luxus, an weltlichen Ehrenstellen und hohen Posten, an hochtrabender Wissenschaftlichkeit und herzbetörenden Kunsterzeugnissen, an sinnenberückendem Vergnügen, Wohlleben, Genuss und Üppigkeit, an Auszeichnung und Vergötterung – das alles findet sich hier in reichstem Maße.

Und das ist‘ s auch, worauf es in diesem Reich Luzifers ankommt, was geschätzt und gesucht wird. Blutigrot weht dort über dem Satansthron inmitten all des schwelenden Rauches eine Fahne. Auf dem flatternden Tuchfetzen stehen die Worte: »Lasst mit Rosen uns bekränzen, ehe sie welken«, so tönt es aus den Reihen (vgl. Weish. 2, 6ff.). »Ihr werdet sein wie Götter«, »Das alles will ich euch geben.«

Von Gott und Gottes Herrschaft, von seinem Gesetz und seiner Liebe – hier ist keine Rede davon; all das gilt nichts, ist hier wertlos, ja wird verachtet, verspottet. Auch von ewigem Glück im Jenseits hört man hier nichts; nichts auch von ewiger Qual … o davon schweigen Satan und seine Helfershelfer.

2. Das Heerlager Jesu Christi (Zweites Bild)

Schauen wir fernab von Babylons Trümmerstätte, auf Jerusalems grünen Gefilde, ein anderes Bild: Jesus Christus, unseren König, und seine Getreuen.

1) Jesus selbst, den Gottmenschen, ihn den Träger aller Gewalt und Herrlichkeit;

sanft und demütig von Herzen. Erwäge etwa folgende und ähnliche Worte des ersten Briefes des hl. Johannes:

»Das Leben ist ja erschienen, und wir haben es gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewige, das beim Vater war … und Gott ist das Licht, in ihm ist keine Finsternis. … Der Sohn Gottes ist dazu erschienen, die Werke des Teufels zu zerstören … denn Gott ist die Liebe. Die Liebe Gottes zu uns hat sich darin geoffenbart, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben« (1. Joh. 1, 2 u. 5; 2, 8; 4, 9).

Jesus das Licht und die Liebe der Welt! Mein Herr und mein Gott, mein Ein und mein Alles!

2) Schauen wir in Andacht die Umgebung Jesu, seine getreuen Anhänger und Nachfolger;

da sehen wir

  • die hehre Gottesmutter, die demütige Magd des Herrn; sie allein schon eine ganze Welt voll Heiligkeit und Reinheit;
  • die heiligen Apostel und ihre Nachfolger in allen Jahrhunderten. Welch herrliche Gestalten! »Herr, du weißt alles, du weißt, dass wir dich lieben«, mag der hl. Petrus in aller Namen sprechen;
  • die heiligen Kirchenväter und Kirchenlehrer, die Ordensstifter und ihre gottliebende Gefolgschaft, die heiligen Bekenner und Märtyrer, die Scharen heiliger Frauen und Jungfrauen, kurz alle Heiligen und wahrhaft frommen Seelen aus allen Ständen, Klassen, jeglichen Alters und Geschlechts. Welch hochsinnige Seelen! Und doch, wie klein ihre Zahl gegenüber dem ganzen Menschengeschlecht!

3) Betrachten wir die Gesinnungen, Lebensanschauungen, das Leben und Streben unter ihnen gemäß den acht Seligkeiten.

Die Anhängerschaft Jesu stellt eine lebendige Verkörperung der Bergpredigt des Herrn dar (vgl. oben Punkt 3 des zweiten Teils). Ein hl. Franziskus, der Arme von Assisi, ruft der Welt zu: Selig die Armen; ein hl. Aloysius: Selig, die reinen Herzens, ein hl. Vinzenz von Paul: Selig die Barmherzigen …

Wie verschieden ist doch dieses Leben und Streben von dem lauten, tollen Treiben drüben im Lager Luzifers! In der Nähe Jesu ist alles Friede, Liebe, Freude, Geduld, Milde, Güte, Vertrauen, Sanftmut, Keuschheit (vgl. Gal. 5, 22f.). Auch da ragt eine Standarte hoch empor; aber dieses Zeichen leuchtet ruhig und klar, weithin sichtbar, im frohen Sonnenlicht göttlicher Liebe.

Siehe da das heilige Kreuz! Das ist das Feldzeichen Jesu Christi, das Sinnbild seiner Liebe und seines Geistes. Und in den Herzen all seiner Anhänger glüht nur ein Verlangen: »Crux sacra sit mihi lux; non draco sit mihi dux! – O heilig Kreuz, sei du mir Licht! Der Drache sei mir Führer nicht!« (Benediktuskreuz)

3. Der Kampf auf der weiten Welt (Drittes Bild)

1) Der Kampfplatz

Bisher haben wir nur die beiden Heerlager, gleichsam die Generalquartiere, betrachtet. Von diesen beiden Zentralen aus wird nun nach der Vorstellung des Exerzitienbuches durch die Jahrhunderte und Jahrtausende ein gewaltiger Kampf auf der weiten Welt unternommen. Entspricht diesem großartigen Bild nicht eine noch viel großartigere Wirklichkeit?

In der Tat, die ganze, weite Welt der unsterblichen Seelen gleicht einem ungeheuren Kampfplatz. Wo immer eine solche Seele vor deinem Blick aufleuchtet, da denke daran, dass um sie gekämpft und gerungen wird. Sie gleicht einer Festung, und allenthalben ertönt der Schlachtruf: Hie Christus! Hie Belial!

Betrachte und erwäge daher immer die beiden wichtigen Glaubenswahrheiten, die die dogmatische Grundlage dieser Betrachtung bilden: einerseits das Gnadenwirken Gottes um und für jede Seele, anderseits die Gegenarbeit der niederen Natur und der Feinde unseres Heils. Christus ist der Weinstock, wir sind die Reben. »Ohne mich könnt ihr nichts tun« (Joh. 15, 5), sagt der Herr (vgl. ferner 2. Kor. 3, 5; Phil. 2, 12), und mit dem hl. Paulus kann jeder von uns sprechen: »Ich gewahre in meinen Gliedern ein anderes Gesetz, das dem Gesetz meines Geistes widerstreitet und mich gefangenhält unter dem Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern herrscht« (Röm. 7, 23).

Uns allen gilt auch die Mahnung des hl. Petrus: »Brüder, seid wachsam, euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge« (1. Petr. 5, 8). »Unser Kampf geht nicht nur gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Herrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister unter dem Himmel« (Eph. 6, 12)

2) Das Kampfziel

a) Was will der Feind?

Luzifer, der »Todfeind der menschlichen Natur«, will alle Seelen »unter seine Fahne sammeln«, d. h. sie dem Reich der Finsternis zuführen und ins ewige Verderben stürzen. Um dieses Endziel zu erreichen, sucht er sie hier unten »zu allen Lastern zu verführen« (vgl. Exerzitienbuch), und wenn ihm das nicht gleich möglich ist, will er ihnen wenigstens soviel schaden, als er kann, und sie hindern, heilig zu werden.

b) Was will Jesus?

Unser »oberster Heerführer und Herr«, er, unser »Haupt«, der da ist »das wahre Leben«, der »Herr der ganzen Welt«, will alle Menschen retten und vor den Fallstricken Satans bewahren. Er ist der einzige Mittler, durch den wir zum Vater gelangen. Er will uns zum Himmel führen, zu ewigem Glück, und daher zeigt er uns den rechten Weg dorthin, indem er uns »anleitet zu allen Tugenden« (vgl. Exerzitienbuch).

c) Betrachte die Kampfeslosung auf beiden Seiten

Satan verspricht ein Himmelreich auf Erden: »Dies alles will ich euch geben.« Sein Losungswort: »Ihr werdet sein wie die Götter.«

Christus, unser Heiland, verspricht den Seinen keinen Himmel auf Erden. »In der Welt werdet ihr Bedrängnis haben«(Joh. 16, 33)., aber ein »süßes Joch« und eine »leichte Bürde« (Matth. 11, 30) und das ewige Leben im Reich seines Vaters. Sein Losungswort lautet: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen.«

Auf Satans Seite: krasser Egoismus bis zum Gotteshass. Das eigene Ich soll der Mittelpunkt sein, um den sich alles dreht. Selbstvergötterung! – Der Weg dahin Befriedigung der Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens.

Auf Jesu Seite: glühende Gottesliebe bis zu Selbstentäußerung. Gott soll der Mittelpunkt aller Wünsche, aller Absichten, Handlungen und Betätigungen sein; alles soll der Gottesliebe dienen (vgl. Fundament und Vorbereitungsgebet). –

Der Weg dahin: Beseitigung der Hindernisse der Gottesliebe oder Losschälung von aller ungeordneten Eigensucht und Eigenliebe. Bekämpfung des Egoismus nach seiner körperlichen und geistigen Seite (Habsucht, Wohlleben, Ehrsucht usw.).

3) Die Kampfesart

Hiermit kommen wir zum wichtigsten Teil der Betrachtung. Es handelt sich darum, die »Trugwerke« der Feinde zu durchschauen und die »Scheingründe, Spitzfindigkeiten und unablässigen Täuschungen« der niederen Natur und des Satans aufzudecken und anderseits das »wahre Leben« zu erkennen und den einzig richtigen Weg zur Höhe christlicher Heiligkeit.

Betrachte darum:

a) Das Wirken der Natur in den Seelen

Thomas von Kempen beschreibt dies meisterhaft im 54. Kapitel des dritten Buches der Nachfolge Christi. Die dort gegebenen Winke können viel Licht geben. Desgleichen die Regeln zur Unterscheidung der Geister, die zum vollen Verständnis unserer Betrachtung unerlässlich sind.

Die Regungen der Natur sind »denen der Gnade entgegengesetzt, aber oft so fein, dass sie kaum unterschieden werden außer von einem geistigen, innerlich erleuchteten Menschen« (Thomas von Kempen 3, 54; vgl. auch 9. u. 10. Vorbemerkung M. I 31 u. 32)

Die Taktik des Feindes richtet sich nach der Beschaffenheit der Seele, der er schaden will (UR. I, 1 u. 2; II, I, Scrup. 4) (1)

(1) UR. bedeutet stets Regeln zur Unterscheidung der Geister I, I = I. Woche, I. Regel usw. – Scrup. = Bemerkungen über die Skrupeln.

Solchen, die in Todsünden leichtsinnig dahinleben, pflegt er scheinbare Freuden vor Augen zu stellen, er sorgt für recht viele Gelegenheiten zur Sünde und sucht ihr Gewissen einzuschläfern (UR. I, I).

Bei denen aber, die eifrig Gott dienen und Fortschritte machen wollen (und nur an solche wendet sich zunächst unsere Betrachtung), geht er anders voran. Würde er da mit Vorspiegelung von Sünden kommen (und wären es auch nur lässliche), würde er nichts erreichen: sie würden ihn sofort abweisen. Deshalb schlägt er einen anderen Weg ein. Und wie der böse Feind es macht, so die eigene niedere Natur.

Jetzt lautet seine Losung: Entmutigung, Verlegung des Weges zur unbehinderten, freien Gottesliebe, Täuschung unter dem Schein des Guten!

Trotz der heiligsten Entschlüsse und des ehrlichsten Strebens nach innerem Fortschritt schlommert auch in diesen eifrigen Seelen noch der Zunder der Leidenschaftlichkeit, das Haben und Gelten-wollen. Daran heißt es anzuknüpfen. Diese Begehrlichkeit muss vorsichtig unter dem Schein des Guten (UR II, 4) geweckt und belebt werden, so zwar, dass die frommen Seelen gar nicht merken, wie im Grunde genommen doch ihre ungeordnete Eigenliebe, sei es die feinere Habsucht, sei es die versteckte Ehrsucht, gepflegt und gekräftigt wird.

Daher sollen die Sendlinge des Satans bei diesen Seelen nicht mit der Türe ins Haus fallen und nicht etwa zu Verletzung des siebten Gebotes oder, wenn sie es mit Ordensleuten zu tun haben, zu Übertretung des Gelübdes der Armut »versuchen«. Aber die Begierde, das (noch nicht sündhafte) Verlangen, die Anhänglichkeit an die Dinge der Welt, an bessere Nahrung, an feinere Kleidung, an die Gebrauchsgegenstände usw., all das sollen sie pflegen. Kurz, den »Geist« der Armut, die Herzensarmut, die Liebe zur Armut sollen sie zunächst einmal schwächen und lockern, so dass man trotz allem ein gemütliches, gesättigtes Leben führt und so das Hindernis der Gottesliebe, die Anhänglichkeit, bestehen bleibt.

Sodann sollen sie unter dem Schein des Guten die feine Ehrsucht nähren. Man kann sich ja selbst in allen Dingen suchen, auch im Gebet, und fühlbaren Trost, auch im Apostolat und geschäftigem Wirken nach außen. Wenn nur dem eigenen Ich geschmeichelt wird, wenn nur dieses liebe Ich in den Mittelpunkt gerückt wird, dann verdrängt es langsam die reine Gottesliebe. Und all das liegt in der Richtung auf das Endziel: Selbstvergötterung, krasse Ehrsucht, unbändiger Hochmut!

O wie versteht es der Feind, im Bunde mit der niederen Natur die Seelen zu täuschen! Er erreicht so wenigstens, dass sie nicht zu großer Heiligkeit gelangen und die Plattform der Mittelmäßigkeit nicht verlassen. Damit hat er dann viel gewonnen; solche Seelen werden ihm nicht gar viel schaden, es sind halbe, viertels Kräfte, fast verlorene Posten für das Reich Christi: sie suchen ja letztlich doch sich selbst, sie machen nicht Ernst mit der allseitigen Abtötung, sie behalten sich einen größeren oder geringeren Teil ihres eigenen Herzens vor und setzen nicht alles für Christus ein; sie lassen sich von einem Gemisch natürlicher und übernatürlicher Empfindungen leiten.

Sie haben den letzten Sinn des Fundaments und des Vorbereitungsgebetes der Exerzitien gar nicht verstanden. Sie dienen Gott nicht und lieben ihn nicht »tantum quantum«, nicht soviel als möglich, sondern begnügen sich mehr und mehr mit dem: soviel als nötig. Wahrlich, solche Seelen werden nie das Idealbild wahrer Heiligkeit und reiner Gottesliebe im Sinn der hochherzigen Bitte, mit der wir alle Betrachtungen einleiten sollen, erreichen. –

Darum seien wir auf der Hut. Der Feind will stets Wasser in den reinen Wein der Liebe gießen. Trauen wir nicht allen Gedanken, die uns so kommen, nicht allen Reden und Sprüchen lauer Menschen, besonders dann nicht, wenn sie unter dem Schein des Guten uns entmutigen, niederdrücken, hindern am entschlossenen, freudigen Gottesdienst und wahrem Fortschritt.

b) Das Wirken der Gnade in den Seelen

Dem Wirken der Natur gerade entgegengesetzt, ist das Wirken der Gnade. Da ist nichts von Unklarheit, Verschwommenheit, ungesundem Wesen. Wo der Geist Gottes weht und seine heiligen Engel wirken, da zieht Friede, Ruhe, Freude ins Herz.

Allerdings, die leichtsinnigen und hartnäckigen Sünder und recht lauen Seelen, die mit der Sünde spielen, sucht die Gnade Gottes zu schrecken und aufzurütteln, auf dass sie den Weg zur Hölle verlassen. Diese Gewissensvorwürfe sind berechtigt und gottgewollt.

Doch hier handelt es sich nicht um solche Todsünder, sondern um wahrhaft eifrige Seelen.

Wie wirkt die Gnade Gottes, und wie sprechen seine Engel zu ihnen?

Hören wir das Exerzitienbuch: »Bei denen, die eifrig bestrebt sind, sich von ihren Sünden zu reinigen und im Dienst Gottes unseres Herrn vom Guten zum Besseren aufzusteigen, ist es dem guten Geist eigen, der Seele Mut und Kraft, Tröstungen, Tränen, Anregungen und Herzensruhe zu spenden, indem er alles leicht macht und alle Hindernisse entfernt, damit sie im Gute tun immer weiter voranschreite« (UR I, I). Ein anderes Mal heißt es: »Es ist Gott und seinen Engeln bei ihren Anregungen eigen, wahre Fröhlichkeit und geistliche Freude mitzuteilen und alle Traurigkeit und Verwirrung, die der Feind der Seele einflößt, zu verbannen« (UR II, I).

Für das geistliche Leben und alles Höhenstreben ist es von der größten Wichtigkeit, diese Winke stets vor Augen zu haben und den wahren vom falschen Trost wohl zu unterscheiden.

Die guten Engel weisen allzeit beruhigend und friedvoll hin auf das herrliche Ziel; sie sind stets Künder der Frohbotschaft, des Evangeliums.

Dieses Evangelium, diese »heilige Lehre«, wie sie uns Jesus in seiner Bergpredigt und bei anderen Gelegenheiten so licht und schön vorgelegt hat, sollen die Boten des Herrn allüberall verkündigen. »Man betrachte, wie er sie über die ganze Welt entsendet, auf dass sie den Samen seiner heiligen Lehre unter den Menschen ausstreuen; … er empfiehlt ihnen, sie möchten allen zu helfen suchen, indem sie dieselben zuerst zur größten, geistlichen Armut bewegen …, zweitens zum Verlangen nach Verdemütigungen …, weil aus diesen beiden Dingen, der Armut und Verachtung, die Demut hervorgeht …, und von diesen drei Stufen aus sollen die Gesandten Christi zu allen übrigen Tugenden anleiten.«

So hat es Jesus selbst gemacht, er empfahl die Armut und Demut um des Reiches seiner Liebe willen. »Selig die Armen im Geiste, ihrer ist das Himmelreich.«

Beachten wir gar wohl das Vorgehen der guten Engel und Sendboten Christi. Trauen wir darum nicht jedem scheinbar guten Gedanken, der uns einfällt, nicht jedem Wort der Kritik, des Besser-wissen- und Besser-machen-Wollens. Alles, was uns die Schönheit, Vernünftigkeit, die Erhabenheit des Zieles verdunkelt, alles, was uns den Schwung der Seele, die Freude an unseren religiösen Idealen, die Begeisterung für ein Leben der Armut und Demut und Gottesliebe im Geiste Jesu Christi nehmen oder auch nur im Geringsten abschwächen will, kommt nicht von der Gnade.

Nein, die heiligen Engel flößen uns stets Mut ein, zeigen uns die Schönheit der Nachfolge Christi mit ihrer Armut, Demut Liebe, ihrem Gehorsam, ihrer Selbstentäußerung usw.

Gewiss ersparen sie uns nicht die Lehre vom Kreuz, gewiss fordern sie Opfer, gewiss betonen sie stets die Notwendigkeit, die Hindernisse der Gottesliebe zu beseitigen und das Herz freizumachen von aller erdhaften, niedrigen Liebe oder Anhänglichkeit, – offen und ehrlich weisen sie hin auf dieses Harte für die Natur – aber sie stellen das alles ins rechte Licht der herrlichen hohen Ziele und Ideale; sie wiederholen die Seligkeiten des Herrn, der um des Himmelreiches willen die Armut und Demut und Reinheit preist, und mit dem hl. Paulus rufen sie den eifrigen Seelen mit Nachdruck und Freude zu: Alles wie Straßenkot – um Christi zu gewinnen.

Und sie begeistern nicht nur für diese wahre und vollkommene Nachfolge Christi für die Lehre vom Kreuz, sie spenden auch innere Kraft und frohen Mut und führen hin zu den Quellen des Heiles. Kurz, sie pflegen die Liebe zu Gott und zu den Menschen; und wahre Liebe macht alles leicht (vgl. Nachf. Christi 3, 5).

4. Die Geschichte des Kampfes (Viertes Bild)

Betrachte in einem großen Überblick den geschichtlichen Ablauf des um uns tobenden Riesenkampfes, rückwärts und vorwärts schauend.

1) Die Mobilmachung im Paradies, die Kampfansage des Lichtes an die Finsternis, der Wahrheit an die Lüge, der Reinheit an die Bosheit. »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe. Er wird deinen Kopf zermalmen, wenn du ihn in die Ferse stechen willst.« (1. Mos. 3, 15) Dem unheilvollen Treiben der höllischen Mächte, die der Schlange gleich den Menschenseelen den tödlichen Biss versetzen wollen, steht das siegreiche: Er wird dir den Kopf zertreten, gegenüber. Dieses »conteret caput« und das »insidiaberis«, dieses Zermalmen des Kopfes der falschen Schlange und dieses hinterlistige Nachstellen der finsteren Mächte bildet die tiefste Formel der Weltgeschichte.

2) Unmöglichkeit des Sieges ohne göttliche Hilfe

»Niemand im Himmel und auf Erden und unter der Erde vermochte das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Da weinte ich laut, dass niemand würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Nun sprach einer der Ältesten zu mir:‘ Weine nicht!‘ Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross Davids; er wird das Buch und seine sieben Siegel öffnen« (Offb. 5, 3-5). Erwäge das viel tausendjährige Sehnen nach der Erlösung.

3) Die Entscheidungsschlacht auf Golgathas Höhen.

Da wurden die Sünde, die dreifache böse Lust und der Tod besiegt. Welche Armut! Welche Verdemütigung! Welche Demut! Welche Liebe!

4) Der Siegeszug Christi durch die Welt in allen Jahrhunderten. Jesus der König der Herzen! Denke an die äußere Entfaltung seines Reiches; besonders aber erwäge die Herrlichkeit des Sieges der Gottesliebe, den der Heiland durch sein Kreuz über die Seelen der Menschen, vor allem aller Heiligen errungen hat und noch stets erringt. Wie glorreich ist auch heute dieses Reich in den Seelen seiner Getreuen!

5) Das Ende des großen Kampfes, der Schlussakt dieses gewaltigen Schauspiels:

das Weltgericht, der große Triumphzug Christi! Das ist auch der Siegeszug der Armen, Demütigen, Friedfertigen, Barmherzigen; das ist der Tag der Rechtfertigung Christi und seiner Getreuen; das ist der Krönungstag der armen, demütigen Gottesliebe und gottliebenden Armut und Demut. O wie werden sich dann die echten Apostel des Herrn freuen, dass sie den geraden und richtigen Weg gegangen sind und gezeigt haben, den Weg des armen, demütigen, gekreuzigten Heilandes. Dann öffnet sich der weite Himmel und einziehen wird der König der Herrlichkeit mit seinen Getreuen in das Reich des Vaters auf ewig.

Und drunten öffnet sich die Erde und verschlingt Luzifer und seinen ganzen Anhang und begräbt sie in der Hölle. »Also haben wir uns doch geirrt«, werden sie ausrufen. Also waren die Güter, womit der Teufel uns zu beglücken schien, doch nur »Netze und Ketten, mit denen er uns gefangen hat!« – Zu spät!

Frage dich zum Schluss ernst: Welches war bisher meine Stellung zu den Täuschungskünsten Satans? Zur heiligen Lehre Christi? Wie will ich mich in Zukunft dazu stellen? –
aus: Moritz Meschler, Das Exerzitienbuch des hl. Ignatius von Loyola, erklärt und in Betrachtungen vorgelegt, Dritter Band, 1926, S. 65 – S. 79

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