Jesus Christus die Türe der Seligkeit

Jesus Christus die Türe der Seligkeit im Himmel und auf Erden

19. April

Ego sum ostium; per me si quis introierit, salvabitur, et ingredietur et egredietur, et pascua inveniet.
„Ich bin die Türe; wenn Jemand durch mich eingeht, so wird er gerettet werden. Er wird ein- und ausgehen, und Weide finden.“ (Joh. 10,9)

1. Betrachte, daß die ganze Welt nie nach etwas Anderem begierig war, als das Land der Seligkeit zu finden. Um daher ihre Gunst zu gewinnen, haben sich vor Alters schon sehr Viele angeboten, ihr als Wegweiser in dies Land zu dienen. Die Stoiker, die Platoniker, die Peripatetiker, die Epikuräer, und andere dergleichen dreiste Menschen, haben ihr insgesamt versprochen, sie in das von ihr geliebte Land zu führen, und so sie selig zu machen.

Aber wie falsch und trügerisch! Nicht nur haben sie die Welt nicht in das Land der Seligkeit gebracht, sondern sie haben dieselbe mit sich hinab gezogen in den Abgrund, ins Verderben.

Und warum dies? Weil sie, so oft das selige Land sie suchten, niemals den Eingang in dasselbe zu finden wußten. Der wahre Eingang war Christus: „Ich bin die Türe“; sie aber haben dies entweder nicht erkannt, oder nicht geglaubt: und so „wurden sie eitel in ihren Gedanken, und da sie sich für Weise ausgaben, wurden sie Toren.“ (Röm. 1, 21-22)

Danke deinem Gott aus tiefsten Herzen, weil er dich in einer Zeit, wo ein so großes Licht uns leuchtet, geboren werden ließ; da nun jedes alte Mütterchen mit größter Leichtigkeit die Türe finden kann, welche einst so viele dünkelvolle Weltweise zu erkennen nicht vermochten.

Und wann hast du denn eine so große Gnade verdient? „Siehe, ich gab vor dir eine offen Tür“ (Apk. 3,8); nicht vor ihnen, sondern vor dir: deine Schuld ist es, wenn du nicht mutigen Sinnes hinein gehst.

Christus die Türe des Himmels

2. Betrachte, daß Christus die Türe der Seligkeit sein muss, weil Christus die Türe des Himmels ist. Nachdem er gesagt: „Ich bin die Türe“, fügt er deshalb gleichsam sich erklärend hinzu: „Wenn Jemand durch mich eingeht, so wird er gerettet werden“: das heißt, er wird sicher und heil sein.

Er wird gerettet werden aus den Händen der Unseligen, welche unter dem Vorwand, ihn selig machen zu wollen, ihn mit sich in die Hölle zu ziehen versuchten: er wird errettet werden aus den Händen der bösen Geister, seiner ärgsten Feinde: errettet aus den Feuerflammen: errettet aus dem Rachen der wilden Tiere: errettet aus allen Qualen, welche in der Hölle für ihn in Bereitschaft standen: „In Sion werde ich Heil geben.“ (Is. 46,13)

Aber nicht bloß dieses; denn die Seligkeit besteht nicht etwa nur in der Befreiung von dem Übel, worin eben die Rettung und das Heil zu setzen ist, sondern auch im Genuss des Guten. Und darum heißt es von dem, der da oben im Himmel ist, nicht bloß: „er wird gerettet sein“; sondern: „er wird ein- und ausgehen, und Weide finden.“

Er wird eingehen, indem er das innere Leben Gottes schauen wird; er wird ausgehen, weil sich die Werke Gottes nach Außen seiner Anschauung darbieten; aber stets durch Ihn, der die Türe ist, wird er ein- und ausgehen. Denn ob der Selige das Leben Gottes nach Innen beschaut, jene Tätigkeit der Gottheit nämlich, die keinen Bezug auf die Geschöpfe hat, oder ob er die Werke nach Außen betrachtet, welche eben das Geschaffene zum Gegenstand haben; so wird er doch alles stets im Wort schauen, und so seine Weide finden, eine Weide, welche hinreichen wird, um ihn für alle Ewigkeit zu sättigen: „Dort werden sie ruhen in grünendem Grase, und auf fetten Triften werden sie weiden.“ (Ezech. 34,14)

O selig du, wenn du solcher Weide gewürdigt wirst! Dann wird wahrhaftig „gesättigt werden mit Gütern dein Verlangen.“ (Ps. 102,5) Überdenke unterdessen unverwandten Geistes, was dies für eine Weide sein wird, die niemals ihr erstes Grün, ihre erste Frische niemals verliert!

Christus die vollkommene Seligkeit

3. Erwäge, daß die Seligkeit des Himmels die vollkommene Seligkeit ist. Es ist indessen nicht diese allein es, wonach die Welt verlangt; man strebt sehnend auch nach jener, wenn gleich unvollkommenen Seligkeit, welche man hier auf Erden schon genießen kann.

Und auch zu dieser ist Christus die Türe: „Ich bin die Türe.“ Denn keinen Prasser wirst du finden und keinen Epikur, welche auf dieser Welt ähnlicher Genüsse sich zu erfreuen gehabt hätten, wie sie allen wahren Gläubigen Jesu Christi stets zu Teil geworden sind und zu Teil werden. Was jene genossen, sind tierische Lüste; was diese erlangen, ist die Wonne der Engel. Denn die Genüsse der Fleischesdiener erfreuen jenen Teil des Menschen, den er mit dem unvernünftigen Tier gemein hat; die Genüsse der Kinder Gottes aber beseitigen jenen Teil ihres Selbst, der ihnen mit den Engeln gemein ist. Daraus allein schon schließe auf den unermeßlichen Unterschied.

Es gilt also auch von dem wahren Glück auf dieser Erde, was Christus spricht: „Ich bin die Türe“; und was er, sich selbst näher erklärend, weiter sagt: „Wer durch mich eingeht“, kraft eines lebendigen Glaubens, „wird gerettet werden“, gerettet zugleich von allen Übeln der Schuld, der Unwissenheit, des Wahnes, der Unruhen und Stürme, welchen Jene ausgesetzt sind, die dem Herrn nicht folgen: „Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet sein; denn in Jerusalem wird die Rettung werden.“ (Joel 2,32)

Und nicht bloß dies allein, sondern er wird überdies eingehen, indem er das innere Wesen Christi mit dem Auge des Geistes beschaut; und ausgehen, indem er die Taten und Werke des Herrn betrachtet, und wird Weide finden.
Denn darin besteht hier auf Erden die wahre Seligkeit, daß man niemals von dem nahen Umgang mit Jesus Christus sich entferne. Ist er nicht die Türe zum Himmel? „Ich bin die Türe.“ Selig wird daher auf Erden derjenige sein, der, wenn er noch nicht im Himmel weilen kann, doch wenigstens an dessen Türe steht: „Selig, wer da harrt an der Schwelle meiner Türe.“ (Prov. 8,34)

Fasse also hier den Entschluss, zu den Füßen deines gekreuzigten Erlösers dich nieder zu lassen: gehe ein und aus; ganz recht: aber stets durch ihn. Betrachte ihn nie als reinen Gott, und nie als reinen Menschen; denn so würdest du irren. Willst du aber wahrhaft des Einganges und Ausganges durch ihn dich erfreuen, so richte deinen Blick auf sein Wesen, hefte deine Augen auf sein Tun und auf seine Werke; und wirst dann einigermaßen das nachahmen, was die Seligen im Himmel zu tun pflegen.

Suchet und ihr werdet finden

4. Erwäge, daß diese Weide, von welcher hier Christus spricht, wundervoll ist, aber keineswegs zufälliger Weise sich dir darbietet: man muss sie suchen. Darum sagte auch Christus nicht: er wird Weide antreffen; sondern: er wird Weide finden.

Treffen sagt man eigentlich von jenen Dingen, auf welche man von selbst stößt, ohne sie zu suchen: „In seinen Engeln trifft er Unrechtes“ (Job 4,18); finden hingegen sagt man von dem, dessen man habhaft wird, weil man es sucht: „Ich habe die Drachme gefunden, welche ich suchte“ (Luk. 15,9).

Der Selige nun im Himmel wird seine Weide finden, nicht zufällig treffen; weil er eben jene Weide erlangen wird, welche er hier auf Erden suchte – durch Selbstverleugnung, durch Gehorsam, durch Demut, durch Bußwerke, und durch andere ähnliche Übungen der Abtötung seiner selbst, welche ihm von Christus gelehrt worden sind. Will daher Jemand auf der Erde schon selig sein, soweit dies eben hier möglich ist; so muss er zweifelsohne auch durch die nämlichen Übungen die rechte Weide finden, durch welche der Selige im Himmel seine Weide gefunden hat.

Aber dieses ist ein entferntes Suchen auf dem Wege des Verdienstes: „Suchet und ihr werdet finden.“ (Matth. 7,7) Es gibt jedoch auch noch ein anderes, näheres Suchen mittelst des Forschens, des Nachsinnens und des ernsten Denkens: „Er hält Umsicht über die Berge seiner Weide, und alle grünenden Triften erforscht er.“ (Job 39,8)

Dieses findet im Himmel nicht mehr statt, weil dort auf das sinnende Denken jene tiefe eingegossene Wissenschaft folgt, welche man mittelst des göttlichen Lichtes der Herrlichkeit empfängt; aber auf der Erde ist dasselbe nur allzu sehr notwendig.

Willst du die ersehnte vielfache Weide in deinem Christus finden, so befleiße dich eines ernsten Nachdenkens in heiliger Betrachtung über ihn; gehe ein und aus. Denn der Herr pflegt hier auf Erden nicht leicht seine Wissenschaft einzugießen, so daß er sie einem milden Regen gleich vom Himmel herab sendete, wann die Erde ihn eben am wenigsten erwartet; sondern er will, daß wir sie mit Anstrengung unserer Arme erringen, wie man das Wasser aus einem tiefen Brunnen mühsam herauf zieht.

5. … Wer könnte nun beschreiben, mit welchem Jubel du demnach deinen gekreuzigten Herrn und Heiland zu betrachten hast? Denn wenn du ihn auch äußerlich so zerschlagen, so wund, so von Blut triefend siehst; so weißt du doch, wenn du recht in sein inneres Wesen eindringst, daß er Gott ist, nicht bloß dem Namen nach, wie die Anderen, sondern der Natur und Wesenheit nach. Wirst du nicht einen unendlich süßen Genuss schon darin fühlen, wenn du zu ihm sprechen kannst (Ps. 85,8): „Es ist dir keiner gleich unter den Göttern, Herr! Es ist dir keiner gleich“? –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. II, S. 129 – S. 134

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