Der Tod des lauen Christen

Alfons von Liguori Gewissheit des Todes: Der Priester auf dem Weg, einen Sterbenden zu versehen

Der Tod des lauen Christen und seine Todesangst

„Trübsal und Angst haben mich heimgesucht.“ (Ps. 118, 143)

Wir haben in der letzten Stunde an den schrecklichen Anspruch der hl. Schrift gedacht: „Böse, überaus böse ist der Tod des Sünders.“ Danke Gott, Kind der Kirche, wenn dir dein Gewissen Zeugnis gibt, dass du dir keiner schweren Sünden bewusst bist und dass dir nicht die Gefahr droht, einst als unbußfertiger Sünder auf deinem Totenbett zu liegen.

Allein soll der Tod dir einst willkommen und du selbst bereit sein, denselben mit der Sehnsucht eines hl. Paulus zu begrüßen: „Mich verlangt, aufgelöst und mit Christus zu sein“, – dann heißt es auch, so leben, dass dein eifriges Leben als Kind der Kirche dich auch vor den Nöten schütze, die das Totenbett des lauen Christen angstvoll und gefährlich machen. Das Leben lauen Christen ist an und für sich schon kein tröstliches in geistiger Beziehung, denn der laue Christ empfindet nichts von jener Wonne der Vereinigung mit Gott durch Christus, von welchem Seelenfrieden der hl. Paulus bezeugt, „dass er alle Begriffe übertreffe.“

Der laue Christ ahnt es nicht, was es sagen wolle, auf Erden durch Christus in Gott den Vorgeschmack der himmlischen Wonne zu verkosten. Sein laues Leben raubt ihm umso mehr beim Nahen des Todes den Jubel, den Paulus gefühlt, als er ausrief: „Tod, wo ist dein Stachel?! Er ist untergegangen im Siege des Erstandenen!“ „Mich verlangt, aufgelöst und bei Christus zu sein!“ –

Im Gegenteil, sein Totenbett ist ein angstvolles und zugleich gefährliches, und wir haben alle Ursache, an nichts mit mehr Sorge zu denken, als an das Totenbett des Lauen. Denn was die Schrecknisse des bösen Todes betrifft, so drohen dieselben nur dem in Todsünden verhärteten Gewohnheitssünder.

Allein die Ängste und Todesnöten, die das Totenbett des lauen Christen umlagern, sind auch höchst betrübend. Möge Gott uns von denselben bewahren.

O Maria, erbitte uns den Eifer der Heiligen in der Erfüllung der Pflichten unseres Standes als Kinder der Kirche, damit ein solches Leben uns vor der Todesangst des lauen Christen schirme.

Ich rede im heiligsten Namen Jesu, zur größeren Ehre Gottes!

Die allzu große Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt

Der erste Grund, der das Totenbett des lauen Christen angstvoll und gefährlich macht, ist die übertriebene Sorge für und die allzu große Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt. Laue Seelen sind mehr oder weniger mit dieser Sorge und Anhänglichkeit erfüllt. Dieselbe ist ohnedies zumeist die erste Ursache, warum dieselben lau dahinleben. Die Sorge für Hab und Gut, für Geld und Besitz zieht ihren Geist an sich. Sie vergessen darüber das Geschäft des Heiles und die Sorge für die nahende Ewigkeit. Ihre Entschuldigung ist deshalb auch nur zu oft das törichte Wort: „Ich habe keine Zeit, mein Geschäft duldet es nicht.“

Die Sorge für und die Anhänglichkeit an die Güter und Dinge dieser Welt ist dann die Ursache, dass sie auch vor allem dafür besorgt sind, nicht sowohl Verdienste für den Himmel zu erwerben, sondern ihr Hab und Gut und ihren Besitz auf Erden so viel als möglich zu erhöhen und in Sicherheit zu stellen. Dahin zielen ihre Pläne, ihre Tätigkeit. In dieser Weise benützen sie alsdann auch nicht die Mittel, um in sich die Gnaden zu vermehren und um für das Geschäft des Heiles mit wahrem heldenmütigen Eifer und Erfolg zu sorgen.

Anstatt voll des Verlangens zu leben, ihre Glorie im Himmel so viel als möglich zu vermehren, wird ihnen die Zumutung, heilig zu leben, zum Ekel; sie lassen den Himmel Himmel sein, zufrieden mit der Hoffnung, in denselben einzugehen.

Ob nun eine mindere oder größere Verherrlichung ihrer dort warte, daran liegt ihnen so viel nicht. Die Folge dessen ist, dass sich ihr Herz immer fester und fester an die Dinge dieser Welt klebt und anklammert.

Wie empfindlich wird somit für dieselben die Trennung von allen Gütern der Erde durch den Tod. Amerika ist besonders das Land, das auf zahllose Beispiele zur Bestätigung des Gesagten hinweist. Der Mensch kommt in diesen Teil der Welt. Er kauft sich Land, arbeitet oder beginnt ein Geschäft in der Stadt, bringt es vorwärts, wird wohlhabend, – und nun, wenn er anfangen möchte, bequemer zu leben und das Leben sorgenfrei zu genießen, nun kommt der Tod und zieht sein Herz los von seinem Geld und Gut, – kein Wunder, dass ein solcher lauer Christ mit Agag ausruft: „Also scheidest du, bitterer Tod!“

Und wie beunruhigt fühlt sich sein Herz bei dem Gedanken: Was habe ich nun von all meiner Mühe und Arbeit, jetzt muss ich doch fort und nehme keinen Heller mit mir!

Da geschah es, dass ich einst im Staate Illinois an einem sehr schönen Landhaus vorbeifuhr. Da sagte mit der Fuhrmann: Der Mann, der dieses große Haus nebst vielen tausend Ackern besaß, kam arm von Deutschland und starb vor wenigen Wochen.

Als der Arzt ihm andeutete, er möge sein Testament machen, denn er müsse sterben, da seufzte er auf: O, schöne Farm, hab mich so viel um dich geplagt und jetzt muss ich fort! Weib, bring mir den Geldtopf! – Er hatte Tausende in Gold in diesen Topf gelegt und im Keller verwahrt. Als das Weib diesen Geldtopf brachte, da blickte er mit Gier auf das Geld, fährt mit seinen abgezehrten langen Fingern in den Topf und wühlt im Geld herum, dabei klagend und seufzend: O, schönes Geld, hab mich so hart um die geplagt, jetzt muss ich fort!

Soll dein Herz auf deinem Totenbett einst nicht auch diese Angst und Not empfinden, dann mache dich los von der übertriebenen Sorge für die Dinge dieser Welt. Verwende dein Geld durch Werke des Eifers und der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Das befreit dich von der Angst des lauen Christen.

Die große Anhänglichkeit an Fleisch und Blut

Der zweite Umstand, der das Totenbett des lauen Christen angstvoll und gefährlich macht, ist die zu große Anhänglichkeit an Fleisch und Blut, an Verwandte, Bekannte oder sonst an Personen, an die er sein Herz hängt. Jetzt heißt es sterben und sich von ihnen trennen. Welche Angst erfüllt dabei sein Herz! Er muss fort und niemand geht mit ihm. Er zieht allein, s ganz allein in die Ewigkeit, und Angst erfüllt sein Herz.

Er hat sich nicht daran gewöhnt, mit seinem Gott allein zu sein, den er über alles lieben sollte. Gott bewahre uns vor der Angst eines solchen Totenbettes. Darüber entscheidet unser Leben. Unser Leben und Streben nach christlicher Vollkommenheit in der Nachfolge der Heiligen.

Die Befürchtung, dass Beichte und Kommunion unwürdig waren

Der dritte Umstand, der das Totenbett des lauen Christen unheimlich und schauerlich macht, ist der Umstand, dass die Tröstungen der hl. Religion sein Sterbestündlein nicht erquicken. Laue Seelen leben dahin ohne Eifer im Gebet, ohne Eifer im Empfang der hl. Sakramente. Sie empfangen dieselben gleichsam nur aus Muss oder Gewohnheit.

Dazu kommt aber noch ein anderer Umstand, nämlich: Der laue Christ hat nur zu viele Ursache zu befürchten, dass vielleicht seine Beichten und Kommunionen unwürdig waren. Der laue Christ fällt nämlich zeitweise in schwere Sünden oder hat Ursache, zu vermuten, dass er schwer gesündigt und doch es nicht gebeichtet, weil er sich ein falsches Gewissen gemacht, als sei dies oder jenes gar keine schwere Sünde.

Der Gedanke an den nahenden Tod weckt sein Gewissen gewaltsam auf. Es erwacht die Angst: Vielleicht habe ich doch schwer gesündigt und habe aus Schamhaftigkeit oder Nachlässigkeit nicht alles, wie ich sollte, gebeichtet – ohne wahre Reue oder ernstlichen Vorsatz. Vielleicht sind es unverhoffte Fragen des Beichtvaters, die ein anderer, weniger eifriger Priester nicht an ihn gestellt und die ihn verwirren. Welche Angst erwacht dabei in seiner Seele. O Gott, wenn meine Beichten somit ungültig und meine Kommunionen unwürdig gewesen wären!

Wie wenig tröstet den lauen Christen überhaupt der Empfang der hl. Wegzehrung auf dem Totenbett. Er hat ja im Leben so wenig die Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament benützt, wie er konnte und sollte. Und dazu kommt noch die Abspannung der Kräfte, die Schmerzen der Krankheit. Gott bewahre dich, Kind der Kirche, vor solchen Todesängsten auf dem Totenbett! Darüber entscheidet dein Leben, ein Leben des Eifers im Streben nach christlicher Vollkommenheit.

„Sterben ist hart“, deshalb „Überwinde dich im Leben!“

Was viertens das Sterbebett des lauen Christen unheimlich, angstvoll und gefährlich macht, ist der Schrecken des Todes selbst, des Grabes und der Verwesung. Begreiflich! Der laue Christ denkt in seinem Leben wenig an Buße und Selbstüberwindung, sondern dachte nur daran, seinen Leib zu verzärteln, demselben jeden möglichen Genuss zu verschaffen, wo gerade keine Todsünde damit verbunden war.

Jetzt heißt es, den Leib verlassen und: „Sterben ist hart“, wie ich schon letztes Mal gemahnt. Das werden wir alle bald erfahren. Besonders aber hart für solche, die sich nicht zeitlebens, wie der hl. Paulus sich ausdrückt, selbst gekreuzigt und die Begierlichkeit des Fleisches in sich ertöten. „Überwinde dich im Leben!“ – das sei unser Losungswort im Leben, auf dass, wenn es zum Sterben kommt, wir uns auch bereit finden, muterfüllt diesen Leib zu verlassen und die Bitterkeit des Todes heldenmütig zu ertragen.

Wie beängstigend ist überdies für den lauen Christen noch sein Totenbett, wenn er an die Vergangenheit zurückdenkt, wie viele Verdienste er für die Ewigkeit verloren; wie nachlässig er seine Pflichten gegen Gott und die Menschen erfüllt; wie leichtsinnig er die kostbare Zeit, diese einzige Gelegenheit, Verdienste für die Ewigkeit zu sammeln, durch Müßiggang, eitles Geschwätz, Besuche und Unterhaltungen verloren, verschwendet.

Er denkt mit Schmerz daran, wie viele Gnaden er verloren, wie viele gute Werke er vernachlässigt. Jetzt ist es zu spät, dies alles durch ein neues, eifriges Leben zu ersetzen; das Leben selbst ist am Ende.

Namentlich aber heißt es, sich vorsehen gegen die Angst, welche der böse Feind durch Versuchungen, aus Zulassung Gottes zu erregen imstande ist.

Selbst Heilige haben es erfahren. Es war dies wohl ihr Fegefeuer, um nach dem Tode ohne Fegefeuer sogleich in den Himmel einzugehen.

Das Leben der Lauigkeit aufgeben und heilig leben

Da lesen wir im Leben des hl. Anselm, dass, als er einst als Bischof seine Diözese bereiste, er auf einmal, als er durch einen Wald zu reisen hatte, ein heftiges Hundegebell hörte.

Es war eine Jagd und mit einem Male sprang ein Häslein aus dem Busch an dem Weg, den Anselm passierte, und lief unter das Pferd, auf dem der Bischof saß. Da stürzten aber auch die Hunde, welche dem Häslein nachgejagt, hinzu und umgaben im Nu das Pferd des Bischofs, unter welchem das Häslein bebte und zitterte; die Hunde aber fletschten ihre Zähne gegen dasselbe und bellten fort und fort.

Da sprach der Bischof zu den Männern, die ihn begleiteten: „Sieh hier ein Abbild der Angst, die auf den lauen Christen wartet, wenn er auf seinem Sterbebett liegt und den dann die bösen Geister wie bellende Hunde umgeben, sein Gewissen aufschrecken und sein Herz mit Versuchungen umstürmen.“

Kind der Kirche, willst du dieser Angst entgehen und siegreich kämpfen, dann heißt es gültig im Leben kämpfen, den Versuchungen widerstehen, den ersten Augenblick und ganz. Mit einem Wort, es heißt das Leben der Lauigkeit aufgeben und heilig leben.

Bereiten wir uns auf unser Sterbebett vor, solange es noch Zeit ist

Ebenso beunruhigend für den sterbenden lauen Christen ist der Blick vorwärts, der Blick in die nahende Ewigkeit.

Wir haben bereits daran gedacht, was das eigentlich sagen wolle, „sterben“, nämlich diesen Leib verlassen und sich selbst als Seele im Spiegel der Ewigkeit schauen, eingehen in das Geisterleben; besonders aber was es für eine Überraschung für die vom Leib getrennte Seele sein müsse, je nachdem sie im Stande der Gnade oder Ungnade von dieser Welt scheidet.

Geht sie in die Ewigkeit im Stande der Todsünde ein, dann erblickt sie sich in der Abscheulichkeit des Teufels, dessen Sklave und Kind sie ist, infolge der Worte Christi: „Ihr aber seid aus dem Vater dem Teufel geboren, dessen Werke ihr übt.“

Doch sei es auch, dass der laue Christ nicht im Stande der Ungnade in die Ewigkeit eingeht; – genug, dass es lässliche Sünden und Unvollkommenheiten sind, die dessen Seele beflecken. Eine solche Seele hat doch Ursache genug, sich darüber zu entsetzen.

Denn, wenngleich ein Mensch nicht tödlich verwundet ist, so gibt es doch Krankheiten, die unaussprechlich ekelhaft sind. Dasselbe gilt von der Seele und ihrem Geistesleben. Sei es auch, dass die lässliche Sünde der Seele nicht das Leben der Gnade raubt und sie dem Teufel ähnlich macht, so gibt es doch keine Krankheit, die den Leib so verunstaltet, keine Art Geschwüre, Aussatz und Gestank, die den Leib so schrecklich machen, als die lässliche Sünde die Seele verunstaltet.

Nebstbei weiß es vielleicht die Seele nicht einmal, ob sie noch im Stande der Gnade sei oder nicht. O welch eine peinliche Ungewissheit!

Und welch eine Scham erfüllt sie nun, in diesem Zustand vor Christus zu erscheinen; und welch eine Angst befällt sie, indem sie auf den Ausspruch des Richters wartet, von dem es abhängt, ob sie für ewig gerettet ist oder nicht.

Sei es aber auch, dass sie im Stande der Gnade sich befindet, welch ein Fegefeuer steht ihr bevor, bis es ihr gestattet sein wird, in die Arme Christi im Himmel zu eilen. Dürfte sie noch einmal in das Leben zurück, wie würde sie dann heilig leben?

Wer immer ernstlich und täglich daran denkt, was wir soeben betrachtet, der denkt auch ernstlich daran, so zu leben, dass diese Angst des lauen Christen ihn nicht auf dem Totenbett befalle.

Darum bereiten wir uns auf unser Sterbebett vor, so lange es noch Zeit ist. Vertreiben wir aus unserem Herzen den bösen Geist der Lauigkeit, und ermuntern wir uns durch die tägliche Erinnerung an unser nahes Totenbett, damit wir mit Sehnsucht und Vertrauen einst denselben Jesum erwarten und mit dem Trost der Heiligen einst unseren Geist in seine Hände aufgeben. – Amen!

aus: F. X. Weninger, Originelle kurz gefasste praktische Fasten-Predigten, 1884, Der Tod, Fünfte Predigt, S. 38 – S. 45

Überschriften sind der besseren Lesbarkeit hinzugefügt.

Siehe auch den Beitrag:

Beiträge von P. F. X. Weninger auf dieser Website unter dem

und auf der Website katholischglauben.online:

Bildquellen

  • messbuch-versehgang-1: © https://katholischglauben.info

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