Betrachtung über das Sterben und den Tod

Ein Kirchhof mit Gräbern und vielen Kreuzen aus Eisen; in der Mitte im Hintergrund ein hölzernes großes Kruzifix; dies erinnert uns an Tod und Gericht

Über das Sterben und den Tod

Gras sind die Menschen alle, und alle ihre Schönheit ist wie eine Blume auf der Flur (Isaias der Prophet)

Wem der Tod unversehens neben dir einen am Schopf nimmt, wie der Engel den Habakuk, und ihn hinweg reißt vom Erdboden, d. h. wenn ein schneller Sterbefall geschieht im Haus oder in der Nachbarschaft; oder wenn du neben der Bettlade eines Sterbenden stehst und siehst zu, wie er es macht, nämlich das Sterben; oder wenn dich der Tod selber anblickt, du bekommst eine Brustentzündung, oder es fröstelt dich und ein Nervenfieber setzt an: da wandelt es die Seele gerne an wie ein Schauder, wie Moderluft aus einem alten Totengewölb, das man nach langen Jahren wieder öffnet. Gibt es nichts gegen solche Todesschrecken? Freilich gibt es Abführmittel dagegen, aber – sie sind schädlich. So fürchtet z. B. mancher den Tod nicht, weil er leichtsinnig ist und dumm, oder weil er nichts glaubt, und ihm dabei übel geht. Wie viele Heiden und wie viele Christenheiden haben schon selbst den Tod mit Gewalt zitiert, und haben mit einem Strick, oder Wasser, oder einer Bleikugel, oder einem Gifttrank die eigene Seele unzeitig abgetrieben! Auf derlei Manier sollst du nicht frech gegen den Tod werden. Denn wenn du selber, bevor dich Gott von deinem Posten auf Erden rechtmäßig ablösen läßt, durchgehst, und dem Tod mit Gewalt entgegen rennst, so fällst du nicht nur dem Tod in die spitzigen Finger, sondern der Tod macht Halbpart mit seinem Gevattersmann, dem Teufel. Der Tod nimmt deinen Leib, deine Seele aber kann er nicht verdauen, die gibt er dem Teufel. Der Tod nimmt deinen Leib, deine Seele aber kann er nicht verdauen, die gibt er dem Teufel. Darum sagt auch der Franzos von einem solchen Selbstmörder im Sprichwort: „Er springt von der Pfanne in die Kohlen.“ Der Tod wird ihm hintennach schwerlich Tanzmusik und viel Pläsir und ein leichtes Herz machen.

Ferner: der Leichenschauer und Totengräber hantiert mit einem toten Menschen, wie wenn er nur ein Bund Stroh wäre, kann noch dabei Spaß machen und lachen, weil ihm eben die Toten so oft unter die Augen kommen, daß ihr Anblick keinen Eindruck mehr auf ihn macht. Auch darum geb` ich nichts; im Gegenteil, es is nicht gut, wenn die Seele eine dicke, rindige Haut bekommt wie ein Wildschwein und gefühllos wird. Wer wird an toten Menschen sein Brot verdient als Totengräber oder derart etwas, wird in und nach dem Tod eben doch inne werden, daß der Tod ein scharfes Gebiss hat, und mit seinem Stilett einem ärger zusetzt, als man bei gesunden Gliedern meint. Ich möchte dich etwas Besseres lehren als nur die Toten und den Tod nicht fürchten: ich möchte dir eine Anweisung geben, daß du den Tod gar nicht mehr zu fürchten habest. Wir wollen dem Tod das Gift und den Stachel nehmen, daß er nicht mehr stechen und schaden kann; dann wird auch sein Angesicht nicht mehr so gräulich aussehen. Wer weiß, vielleicht finden wir auch etwas Verborgenes darin, das einen tröstlich ansieht, wie das stille Glitzern der Sterne in dunkler Nacht. Du musst aber ja nicht meinen, ich wollte dir den Tod hellgrün anstreichen, und sein mageres Gebein mit einem geblümelten Vorhang zudecken, und wie es in vielen Andachtsbüchern mit Goldschnitt für Gebildete des männlichen oder weiblichen oder meinetwegen auch des ungewissen Geschlechtes zu lesen ist, allda reden ganz süßiglich und voll Duft „von der Friedenspalme, die der Engel des Todes einem zuwinkt; von der Ruhe, die über den Gräbern weht; von dem Wiedersehen all der Teuren, die voraus gegangen und nachkommen; von dem Vater der ewigen Liebe, der alle Schwachheiten des Erdentales mit dem Schleier der Liebe bedeckt und jeden Anflug von edlen Gedanken mit ewiger Wonne vergilt“. Dergleichen Redensarten riechen stark nach Pomade und Saffianleder; und manches schwache Gehirn bekommt davon Schwindel. Wenn ich dich in die Kur nehmen soll, so ziehen wir den Tod ganz nackt ans Tageslicht, und du musst ihm ganz fest in die hohlen Augenlöcher und zwischen die Rippen hinein schauen; grauset`s dir auch ein wenig, so schadet das nichts. Besser jetzt, als später erst. Darum merk jetzt auf, wie es mit dem Sterben zugeht, und wie man dazu kommt.

… Der Leib ist nur eine gar dünne Wand zwischen Leben und Tod, zwischen zeit und Ewigkeit, wie von schlecht geleimtem Postpapier. Überhaupt aber, was brauchst du, um eine Mücke, die du zwischen den Fingern hast, abzutun? Du drückst ein klein bißchen, und alles Fliegen, Regen und Leben der kleinen Kreatur hat für immer ein End. So hat dich Gott auch zwischen den Fingern. Er braucht nur ein wenig zu drücken; ist nicht wahr – er braucht nur zu hauchen; auch das ist überflüssig – er braucht nur zu wollen; das nicht einmal – er braucht nur aufzuhören, dir zu helfen und dich zu halten, so löscht dein Leben aus elendiglich, wie ein Lichtlein, das nichts mehr zu zehren, kein Öl mehr hat; und deine Seele stürzt hinab in den Abgrund der Ewigkeit; und zwei Tage darauf tragen sie den Leib in das Grab und räuchern die Kammer aus mit Wacholder oder Essig, wo dein Leichnam gelegen ist, damit auch der hinterlassene Geruch von dannen zieht, und deine sonstigen Habseligkeiten werden verteilt oder versteigert.

… Du Mensch, von Erd und Wasser zusammen geleimt, zähle darum nicht auf ein langes Leben und setz dich nicht da unten fest, wie wenn du in Ewigkeit da sitzen bleiben dürftest. Du hast eine verborgene Zahl, die der Herrgott schon vor der Geburt dir festgesetzt hat, und dein Herz zählt Tag und nacht an dieser Zahl mit seinem Klopfen, und es pressiert ihm ordentlich, daß es bald fertig werde. Und es zählt sehr schnell, gar sehr schnell; nur wenn es den letzten paar Herzschlägen zugeht, da geht es noch ganz langsam, wie der Eisenhammer, wenn dem Rad das Wasser abgespannt wird – und noch einmal – und jetzt noch einmal – und jetzt nimmer – – -!

Jeder Mensch soll täglich 24mal an den Tod denken. (Franz von Borgia)

Das könnte nichts schaden, lieber Leser; ich will dir`s aber gerade nicht zumuten. Aber viel wäre es wert, wenn du jeden Tag wenigstens einmal an den Tod dächtest. Das ist kein so schweres Stück, und es ist dafür gesorgt, daß man leicht oft an den Tod denken kann. Denn er hat überall, wie ein Handwerksbursch oder Büblein, das erst schreiben gelernt hat, seinen Namen hingeschrieben. Es kommt darauf an, daß einer seine Handschrift lesen kann. –

… Ja die ganze Welt ist ein großes Totenbuch, habe nur die Augen offen, und wolle auch sehen, was darin steht. Gehst du an einem Bach vorbei, dem es pressiert, s denk an die Zeit, die noch schneller dich und dein Leben fortreißt, dem Tod und der Ewigkeit entgegen, und nimmer wiederkehrt. – Brennt ein Licht vor dir, so bedenk`s: so ruhig auch das Licht brennt, so verzehrt es sich doch mehr und mehr und brennt seinem Erlöschen entgegen. Auf gleiche Weise verzehrt sich dein Leben täglich und stündlich, so wenig du es auch merken magst. –

Schlägt die Uhr, so versteh ihren Ruf, der Glocke tiefer Ton ruft dir ernst zu: Die Zeit geht schnell und mit der Zeit dein Leben. – Fällt dein Blick auf den Boden, und geht Erdgeruch dir in die Nase, so denk, wie du in der Erde liegen wirst; Erde über die, Erde um dich, und zu Erde verzehrt und verdaut sie dich in ihrem Bauch. – Wenn es Scheidzeichen läutet, wenn du in der Nähe Weihrauch riechst und singen hörst: „Herr, erbarme ich!“ oder wenn eines an dir vorüber geht mit Flor und schwarzem Kleid, o so bedenk es wohl: Bald vielleicht läuten und singen sie auch dir, und tragen auch um dich das schwarze Kleid und den Flor. – Und wenn dir die Glieder anfangen ungelenk zu werden, wenn du nicht mehr dein Lieblingsessen recht vertragen kannst, wenn die Nebel dir auf die Brust sitzen, wenn dich zuweilen Schwindel befällt und Ohrenbrausen: so braust und raunt es dir zu: „Memento mori“, bedenk, du musst sterben. Das ist aber sehr gesund; die Engbrüstigkeit und das Ohrensausen nicht, aber wohl das Erinnern.

Schlage dir solche Gedanken ja nicht aus dem Sinn, sondern wenn sie sich wieder verziehen wollen, so ruf sie zurück und sag, sie sollen sich setzen und Platz nehmen; und laß dir noch mehr von ihnen erzählen. Denn das Andenken an den Tod vertreibt unartige Manieren und Gewohnheiten; hilft ungerecht Gut zurück tragen, und zieht einem die Hand zurück, wenn man sie danach ausstreckt; es kühlt unkeusche Begierden ab; schneidet der Rachsucht die Flechsen entzwei, daß sie lahm wird; verderbt dem Geiz seine Freude und dreht der Habsucht den Hals um; führt einen wieder in die Kirche und zum Sakrament; und macht, daß man weniger ins Wirtshaus hinein- und früher hinaus geht. Die rechten Todesgedanken machen den Leichtsinnigen ernsthaft und den Bekümmerten getröstet.

… Wenn du auch gerade keinen Totenkopf kriegen kannst und ein Geld hast zu einem vorläufigen Sarg, so kannst du doch zuweilen einem Menschen, an den die Reihe früher kommt, zusehen, wie er stirbt; oder kommst du nicht gerade dazu, wo er daran ist am Sterben, so besieh ihn noch im Tod. So ein Sterbender oder Toter kann gar schön und eindringlich predigen, daß es einem durch Mark und Bein geht, ohne Worte und ohne Gestus; mancher Pfarrer könnt` es nicht so zuweg bringen. Und wenn die stille Predigt in deiner Seele schwere Gedanken aufrührt, so kannst du dir es gleich ein wenig leichter machen. Geh, bevor du nach Hause gehst, zuerst am Haus des Feindes vorbei, ob du ihn nicht antriffst, und versöhne dich mit ihm; bring dem Herrn Pfarrer das ungerechte Gut, das noch auf deinem Gewissen liegt, er soll es dem Eigentümer zurück geben; verschwör für immer die Karten, wenn sie dich schon vielmal zum Sündigen verführt haben, und auf jeden Fall verschwör den Schnaps; gib die Person oder das Haus auf, wo es nicht recht zugeht; gib auch mehr Almosen, und bet auch mehr. Wenn du aber noch mehr wissen willst, um es inwendig leichter zu machen, so frag vorderhand nur dein Gewissen, d. h. besinn dich, in welchen Punkten du dich noch ändern müssest. Um trostreich zu sterben. Es gibt gern Antwort, wenn man bei ihm um Rat fragt. Das kannst du aber auch jetzt gleich tun, ohne daß gerade einer stirbt und du ihm zusiehst.

Aber über diesen Artikel bekommst du bald noch mehr zu lesen. Nur sei so gut und tue jetzt schon, bevor du weiter liest, etwas, was deiner armen Seele im Sterben wohl bekommt; oder mach wenigstens Anstalt dazu durch einen guten Vorsatz; ich kann`s nicht leiden, wenn man viel liest, und es kommt nichts dabei heraus. Es ist nur die Zeit verdorben. Folg daher und bring vorerst etwas in Ordnung, was dir an deinem Sterbetag das Herzklopfen und den Odem erleichtert. – Behüt dich Gott unterdessen, und sei nicht halsstarrig in alten Gewohnheiten, die nicht nutz sind und das Sterben schwer machen, und betrachte jetzt noch ein wenig das Bild da drüben in stillen Gedanken. –
aus: Alban Stolz, Kompass für Leben und Sterben, 1898, S. 8 – S. 21

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Category: Stolz, Tod

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