Heilige Lioba Äbtissin von Tauberbischofsheim

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

28. September

Die heilige Lioba Äbtissin

(Teufelei)

Aus alten Zeiten wird berichtet, daß einmal in Tauberbischofsheim ein großer Lärm und Auflauf war. Ein Weib war nämlich in aller Frühe an die Tauber (großer Bach, der durch den Ort fließt) gegangen und fand am Wasser-Rechen den Leichnam eine neu geborenen Kindes in Leinwand eingewickelt. Es war aber noch nicht sehr lange, daß im Ort ein Frauenkloster errichtet worden, und zwar floß die Tauber neben demselben durch den Klosterhof. Ohne sich lange zu besinnen, lief das Weib alsbald in die Stadt und machte ein mörderisches Geschrei: „Das sind schöne Klosterfrauen, eine keusche Gesellschaft; die taufen selber ihre Sprösslinge. Ihr Bürger müsst untersuchen, ob keine im Kloster fehlt, die das Verbrechen begangen hat.“ – Als auch die Äbtissin von dem Tumult erfuhr und was für schlimme Reden gingen, so ließ sie selbst alle Klosterfrauen zusammen kommen und teilte ihnen die Sache mit. Es fehlte aber nur die Schwester Agatha, welche vor einigen tagen wegen einer Familien-Angelegenheit zu ihren Eltern gereist war. Die Äbtissin ließ sie sogleich zurück rufen, weil das Kloster die schändlichen Nachreden nicht ertragen konnte. Als Agatha bei ihrer Ankunft erfuhr, was man ihr zur Last lege, blickte sie mit Seufzen zum Himmel und sprach: „Allmächtiger Gott, der du Alles weißt und vor dem kein Geheimnis verborgen ist, der du die Susanna von der falschen Anschuldigung errettet hast: zeige deine Barmherzigkeit gegen unsere Gesellschaft, die in deinem Namen sich gebildet hat, und dulde nicht, daß sie durch schändliches Gerücht befleckt werde; mögest du zum Lob und zur Ehre deines großen Namens offenbaren, wer dieses Verbrechen getan hat.“

Die Äbtissin war wohl überzeugt, daß Agatha unschuldig sei, und befahl nun Allen in die Klosterkirche zu gehen und mit ausgespannten Armen den Psalter zu beten; sodann hielten sie dreimal im Tag Prozession um das Kloster herum, wobei das Kreuz vorgetragen und Litaneien gebetet wurden. Als sie nun nachmittags den dritten Gang machen wollten und auch viele Leute aus Neugierde zugelaufen waren, stand die Äbtissin vor dem Altar, hob die Hände zum Himmel und betete laut mit Seufzen und Weinen: „Herr Jesus Christus, König der Jungfrauen, Liebhaber der Unschuld, unüberwindlicher Gott! Zeige deine Macht und errette uns von dieser Schmach; denn die Beschimpfungen deiner Feinde sind auf uns gefallen.“ Da wurde auf einmal eine Person innerlich wie vom Feuer ergriffen, fing an zu schreien und legte öffentlich vor allem Volk das Geständnis ab, daß sie das verbrechen begangen habe. Die Klosterfrauen weinten vor Freude, daß ihre Unschuld zu Tag gekommen; das Volk aber pries voll Erstaunen laut die Macht des Heilandes und die Frömmigkeit der Äbtissin. Die Sünderin war aber ein verkrüppeltes Bettelmädchen, die jeden Tag sonst an der Klosterpforte Almosen und Speise bekommen, und auch mit Kleidern und sonstigen Bedürfnissen von den Klosterfrauen beschenkt worden war.

Wie es jene Frau gemacht hat, welche in der Nähe des Klosters das tote Kind gefunden, so machen es zu allen Zeiten viele tausend Menschen; nämlich daß sie bei verschiedenen Vorfällen stets bereit sind, die allerschlimmsten Vermutungen zu fassen, und ihren lieblosen Argwohn und Einbildungen ganz gewissenlos öffentlich als wirkliche Wahrheiten auszubreiten. Ganz besonders eifrig aber benützen Viele den unbedeutendsten Anschein um das Schlimmste zu glauben und auszuschreien, wenn es fromme Geistliche oder sonst sehr religiöse Personen betrifft. Da hat die Welt die größte Freude, wenn sie diesen einen schlimmen Ruf anhängen kann. Woher kommt dieses? Offenbar daher, weil die Weltmenschen und Sünder in jeder entschiedenen Religiosität einen Vorwurf finden, sie deshalb hassen und wegleugnen, d. h. für Heuchelei ausgeben. Es zeigt sich hierin, wie das Reich des Satans in ihrem Herzen herrscht; denn sie hassen und verfolgen, was der Satan haßt und verfolgt, eifriges Christentum, und freuen sich, wenn sie einen Anlass haben es zu lästern und zu vernichten.

So ist es zu allen Zeiten gewesen; was ich von Tauberbischofsheim erzählt habe, ereignete sich vor mehr als tausend Jahren. Die Äbtissin, welche mit ihren Klosterfrauen durch die schändliche Verleumdung so schwer gekränkt wurde, war die hl. Lioba, eine Verwandte des hl. Bonifatius. Diese wurde von früher Jugend in dem Kloster Winbrunn in England erzogen, und zeichnete sich daselbst aus durch ungewöhnliche Begabung des Geistes und Heiligkeit des Wandels. Einmal sah sie im Traum eine roten Faden aus ihrem Mund heraus gehen; als sie versuchte ihn hervor zu ziehen, so wurde er immer länger und schien gart kein Ende nehmen zu wollen; was sie aber in der Hand aufwickelte, machte sich zu einer Kugel oder Ballen. Indem sie sich so abmühte und immer mehr heraus zog, wachte sie auf. Sie fühlte deutlich, daß dieses kein gewöhnlicher Traum sei, sondern etwas zu bedeuten habe. Nun war aber im Kloster eine alte Nonne, welche, wie sich schon bewährt hatte, die Gabe der Weissagung hatte. Zu dieser schickte Lioba ein Lehrmädchen, welches den Traum erzählte, als habe es ihm selber so geträumt. Da sagte die alte Schwester: „Die Erscheinung ist wahr und hat eine gute Bedeutung; aber was lügst du, als wäre dir solches vorgekommen? Es gilt der Auserwählten Gottes Lioba; denn sie wird Vielen zum Heil gereichen teils durch das Wort der Belehrung, teils durch das Beispiel guter Werke. Der Faden bedeutet die Weisheit, welche aus ihrem Mund in Worten der Belehrung hervor gehen wird; der Knäuel Faden in der Hand aber bedeutet, daß sie auch im Werk Alles vollführen wird, was sie mit dem Munde lehrt.“

Um diese Zeit sandte der hl. Bonifatius Boten und Briefe nach England, um taugliche Männer und Frauen einzuladen, daß sie ihm helfen in Ausbreitung des Christentums in den deutschen Ländern. Insbesondere hatte der hl. Bonifatius erkannt, daß zur Erhaltung und Gedeihen des neu gegründeten Christentums hauptsächlich Klöster notwendig seien, um gleichsam als Festungen der Religion zu dienen. Da nun seine Verwandte Lioba wegen ihrer großen Weisheit und wegen ihres heiligen Wandels schon weit und breit berühmt wurde, so begehrte der hl. Bonifatius von der hl. Tetta, damals Äbtissin des Klosters Winbrunn, daß ihm Lioba zugesandt werde. Als sie angekommen war, gründete der hl. Bonifatius für sie ein Kloster in Bischofsheim, wo auch in Kurzem eine bedeutende Anzahl Jungfrauen sich sammelten, die ihr Leben Gott weihen wollten unter Leitung der hl. Lioba. Ihr Unterricht und ihre Zucht war aber so vortrefflich, daß man überall von ihren Schülerinnen als Lehrerinnen haben wollte, wo neue Klöster errichtet wurden. Lioba war nämlich eine Frau von großer Tugend und Geisteskraft; sie suchte über Alles untadelig vor Gott und ihren Untergebenen ein wahres Vorbild zu werden.Sie hütete sich Andere etwas zu lehren, was sie nicht auch selber tat. Ihr Benehmen war frei von allem Hochmut, ohne Ansehen der Person zeigte sie sich gegen Alle freundlich und wohlwollend. Ihr Anblick war engelgleich, ihr Reden anmutig, ihr Geist klar, ihr Rat umsichtig, ihr Glaube katholisch, ihre Hoffnung geduldig, ihre Liebe weit. Während sie aber immer ein heiteres Gesicht hatte, so ist sie doch niemals aus allzu großer Fröhlichkeit in das Lachen ausgebrochen. Ein Scheltwort hat man nie aus ihrem Munde gehört, über ihrem Zorn ging niemals die Sonne unter. Und während sie Andern Speis und Trank mit größter Güte zuteilte, nahm sie für sich selbst nur äußerst wenig.

Lioba war bei ihren großen Geistesgaben unermüdlich im Studieren der göttlichen Schriften, so daß so daß sie außerordentliche Kenntnisse in der geistlichen Wissenschaft besaß. Bei allen ihren Entschließungen und Anordnungen achtete sie immer auf den Ausgang, und um nichts bereuen zu müssen, ging sie nur mit reiflicher Überlegung zu Werk. Weil aber zu ausdauerndem Gebet und angestrengtem Studieren geistige Frische und Kräftigkeit notwendig ist, so wendete sie Mäßigung im Wachen und den übrigen Tugendübungen an. Sie ließ sich aber auch, wenn sie im Bett lag, von den jüngeren Mädchen abwechselnd aus der hl. Schrift vorlesen; und es war merkwürdig, wie sie selbst während des Schlafes jedesmal es bemerkte und korrigierte, wenn etwas unrichtig gelesen wurde; denn auch bei ihr galt das Wort im Hohenlied: „Ich schlafe, und es wacht mein Herz.“ – Obschon durch ihr Amt und ihre Heiligkeit die vornehmste im Kloster, glaubte sie in ihrer Demut dennoch, sie sei die geringste, sprach es aus und benahm sich auch darnach.

Dasselbe Volk, welches früher einmal so leichtfertig und lieblos die ärgste Verleumdung gegen das Kloster geglaubt hatte, nahm später in der Angst selbst seine Zuflucht dahin. Es entstand einmal ein unerhört furchtbares Gewitter, so daß der Himmel ganz schwarz wurde und der schrecklichste Donner und zahlloser Blitz glauben machten, das Ende der Welt sei gekommen. Da es immer ärger wurde, hielten es die Leute selbst in ihren Häusern vor Bangigkeit nicht mehr aus, sondern flüchteten sich in die Klosterkirche um bei der heiligen Äbtissin Rettung zu finden. Lioba warf sich betend vor dem Altar nieder, allein es wurde immer ärger und schreckhafter; in unendlicher Angst drang das Volk auf die hl. Lioba ein und rief ihr zu, sie solle helfen. Jetzt stand sie auf, legte den Schleier bei Seite, ließ das Kirchtor aufmachen, stellte sich auf die Schwelle, machte gegen das schreckliche Gewitter das Zeichen des heiligen Kreuzes und rief den Namen der dreieinigen göttlichen Majestät an; dann breitete sie die Hände aus und rief dreimal die Milde Jesu an durch die Fürbitte und die Verdienste der hl. Jungfrau Maria. Da war es auf einmal, wie wenn man einen großen schwarzen Vorhang am Himmel mitten entzwei risse und beide Stücke herab zöge; der Sturm und Donner hörten auf; die Wolken verschwanden, blauer Himmel und endlich die Sonne selber schauten tröstlich herab. –
In ähnlicher Weise nahmen die Einwohner von Bischofsheim auch einmal ihre Zuflucht zu Lioba, als eine gewaltige Feuersbrunst den ganzen Ort zu verzehren drohte. Auch damals wurde das Unglück durch ihre Vermittlung von der Stadt abgewendet. – So fügt es oft der gerechte Gott, daß solche, die einen gottseligen Menschen verdächtigt und herabgesetzt haben, noch in die Lage kommen, bei eben demselben Hilfe zu suchen.

Als der hl. Bonifatius seine letzte Missionsreise nach Friesland antreten wollte, wo er den Märtyrertod erlitt, ließ er die hl. Lioba noch zu sich kommen und ermahnte sie, das fremde Land hier nicht mehr zu verlassen, sondern treu in ihren Bemühungen wie bisher fortzufahren. So tat dieselbe auch; der Ruf ihrer Heiligkeit und Weisheit verbreitete sich immer weiter, selbst Kaiser Karl der Große hielt sie hoch in Ehren; er ließ sie mehrmals zu sich einladen und bezeugte seine Hochachtung durch wertvolle Geschenke, welche er ihr machte. Die Kaiserin Hildegarde hingegen faßte eine solche Liebe zu der Äbtissin, daß sie dieselbe immer bei sich behalten wollte, um sich an ihren Worten und Beispiel zu erbauen. AlleinLioba war nicht dazu zu bringen, das Hofleben mit dem Klosterleben zu vertauschen. Wohl aber wendete sie Zeit und Kraft an, um auch in andern Klöstern, welche gleichsam als Töchter von dem Kloster in Tauberbischofsheim abhängig waren, Visitationen zu halten und die Jungfrauen im geistlichen Leben zu stärken und zu vervollkommnen. Nachdem sie Alles bestmöglich geordnet und allmählich alt geworden war, zog sie sich in das Kloster zu Schonersheim oberhalb Mainz zurück, wo sie in Fasten und Beten mit einigen andern Dienerinnen Gottes sich zum Tod vorbereitete, der auch nach einiger Zeit daselbst erfolgte. Ihr Leichnam wurde nach Fulda gebracht und in derselben Kirche beerdigt, wo der Leib des hl. Bonifatius verehrt wird. –
aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel, Bd. 3 Juli bis September, 1872, S. 508 – S. 513

Category: Ordensleute, Stolz
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