Warum Maria alle Ketzereien vernichtet hat

Maria als Himmelskönigin steht auf einer Wolke, eine Krone auf ihrem Haupt, eine Lilie in der Hand, die Hände über der Brust gekreuzt, hinter ihr eine helle Lichtkuppel wie im Petersdom

Warum allein Maria alle Ketzereien vernichtet hat

Dieses Wort und seine Anwendung auf unsere Zeit und unseren Gegenstand laßt mich noch in Kürze erläutern; es mag uns zum besseren Verständnis der Anforderungen und Pflichten verhelfen, welche dies Zeitalter der Scheidung der Geister uns auferlegt.

Vor allem ist es selbstverständlich, dies Wort, „Du allein, o Maria, hast alle Ketzereien vernichtet“, stellt Maria nicht über Christus; es setzt voraus, daß der göttliche Heiland Jesus Christus, wie er allein in eigener Machtvollkommenheit und mit göttlicher Kraft alle Irrtümer und Häresien, die der Wahrheit seiner Lehre entgegen sind, besiegt hat und immer von neuem besiegt.Wenn von Maria gesagt wird, daß sie allein alle Ketzereien besiegt habe, so ist das zuerst in voller Abhängigkeit vom göttlichen Erlöser und nur im Gegensatz zu allen anderen Heiligen gemeint. Mögen sich, das ist der Sinn dieser kirchlichen Antiphon, mögen sich einzelne hervorragende Heilige, Päpste, Lehrer oder Väter der Kirche noch so große Verdienste um die Ausrottung und Bekämpfung einzelner Irrlehren erworben haben, Du, o Maria, übertriffst sie alle; denn Du allein hast alle Häresien überwunden, Du hast, sozusagen, überall Deine Hand im Spiel gehabt, wo es galt, Irrlehren und was immer für schädliche Irrtümer zu vernichten. Und wie ist das nun durch Maria vollbracht worden? Darauf antwortet bereits gründlich und geistreich der hoch gelehrte Durandus (im XIII. Jahrhundert; gestorben 1296). Er sagt, Maria hat alle Häresien besiegt, indem sie den, der unsichtbar war, sichtbar gemacht hat. Dieser früher Unsichtbare ist Jesus Christus, der sich selber nennt den Weg und die Wahrheit und das Licht der Welt. Bevor Christus auf die Welt kam, da suchten die einen den Unsichtbaren, Gott, die Wahrheit, in fabelhaften Götterlehren, in Aberglauben und Zauberei, in den Werken der Weltweisen, in den dunklen Rätseln der Geheimlehren. Aber sie fanden ihn nicht, oder nur ganz unvollkommen und unsicher, so daß ihrer Weltweisen einer, Plato, seinem Meister Sokrates den denkwürdigen Ausspruch in den Mund legt: „Wir müssen erwarten, daß irgend jemand komme und uns unterrichte über die Art und Weise, wie wir rücksichtlich der Gottheit und der Menschen zu handeln haben. Nur ein Gott kann uns Aufklärung geben.“

Nun aber, da Jesus Christus, die ewige Wahrheit, der Unsichtbare von Ewigkeit, durch Maria sichtbar auf Erden erschien und mit hörbaren Worten und mit Wundern und Zeichen und vor allem mit dem Beispiel seines Lebens zur Menschheit sprach, da ist die Wahrheit gleichsam sichtbar geworden und mit der Wahrheit aber auch der ihr entgegen gesetzte Irrtum, die Häresie als solche, als Gegensatz zur Wahrheit aufgedeckt, erkannt worden, ist also der Irrtum für jeden, der guten Willens ist und die Wahrheit kennen lernen will, unmöglich gemacht, gleichsam vernichtet worden. In diesem Sinn ist auch das Wort der Heiligen Schrift bei Isaias zu verstehen: „Siehe, das ist die Bahn und die Straße, die man die heilige Straße nennt; sie ist auch die richtige Straße, auf welcher selbst Einfältige nicht irre gehen.“ (Isai. 35,8)

Die gleiche Folgerung ergibt sich auch aus dem Begriff der Religion. Die Religion ist nichts anderes, als die Beziehung des Unendlichen zum Endlichen, des Göttlichen zum Menschlichen. Diese Beziehung ist in Jesus Christus verkörpert, der in einer Person Gott und Mensch, unendlich und endlich ist. Jeder Irrtum auf diesem Gebiet, jede Häresie ist demnach Fälschung dieser in Christus verkörperten Beziehung des Göttlichen zum Menschlichen, ist also auch Fälschung des Begriffes Jesu Christi. Nun aber ist diese Verkörperung durch Maria geschehen, die ihrerseits als die Mutter Jesu mit ihrem göttlichen Sohn in ein ganz bestimmtes Verhältnis getreten ist, das genau der Eigenart des Gottmenschen entspricht. Somit erscheint mit jeder Häresie, das ist mit jeder Fälschung des Begriffes Christi auch das wahre Verhältnis zwischen Maria und ihrem göttlichen Sohn gefälscht und somit auch in Maria, nach dem wahren katholischen Begriff sofort als Fälschung, als Irrtum erkennbar, als Irrtum überwiesen und in den Augen der recht Denkenden überwunden, vernichtet.

Was uns da ein großer Gelehrter in tiefsinniger Rede erklärt hat, tritt uns in der Geschichte der christlichen Jahrhunderte in offenkundigen Tatsachen entgegen. Um nur eines Falles aus früherer Zeit zu gedenken, lange wogte in den christologischen Kämpfen der Streit um die rechte Auffassung der Person Jesu Christi und des Verhältnisses zwischen den beiden Naturen in Christo. Zuletzt spitzte sich der gewaltige Kampf in dem einen Begriff zu, der mit der rechten Auffassung von Christus auch die Würde der seligsten Jungfrau Maria zum bestimmten Ausdruck brachte. Mit der Erklärung des Konzils von Ephesus Maria ist wahrhaft Gottesgebärerin, war der Streit entschieden, der Begriff des Gottmenschen Jesus Christus geklärt, der Irrtum, die Häresie überwunden.

Ähnlich lassen sich aus dem rechten Begriff der Unbefleckten Empfängnis nicht nur die Irrlehren bezüglich der Gnade und Erbsünde etc. siegreich widerlegen, sondern was uns jetzt zunächst angeht, die gewaltigen Irrtümer unserer Zeit, auf dem Gebiet der Lehre wie des praktischen Lebens, sind durch das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis in großartiger Weise widerlegt. Als Irrtum unserer Zeit muss vor allem angesehen werden der Unglaube bis zur Leugnung Gottes, bis zur Leugnung alles Übernatürlichen und des ganzen Jenseits; muss angesehen werden der rohe Materialismus und eine religiöse Gleichgültigkeit ohne Gleichen; dazu noch die weitgehendste Verachtung jeder Autorität, der Kult der schrankenlosesten Freiheit.

Und nun blickt auf zum hehren Bild der Unbefleckten Empfängnis, erinnert euch an den erhabenen Inhalt dieses Geheimnisses, wo alles so erhaben, so himmlisch, gleichsam dem Erdhaften entrückt erscheint, welch ein vernichtendes Gericht der herrschenden Zeitirrtümer liegt in diesem wunderbaren Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis! Es liegt darin der kurze Inbegriff der großen Glaubenslehren, also der Grundlagen der ganzen übernatürlichen Ordnung. Die Gottheit Christi, die Erlösung durch Christus, die Gnadenlehre, die Erbsünde, die Heiligenverehrung, alle diese und noch andere Grundwahrheiten unserer heiligen Religion stehen mit diesem Geheimnis in näherem oder entfernterem Zusammenhang, es bildet, wie gesagt, eine wahre epitome, einen kurzen Inbegriff des Glaubens – der Unglaube der Zeit ist darin gerichtet.

Kaum ein Geheimnis, außer der heiligsten Dreifaltigkeit und Gottheit Jesu Christi, weist ferner einen so vollendeten Triumph über die materielle Weltanschauung, über die religiöse Gleichgültigkeit der heutigen Menschheit auf, als dieses Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis; da ist das gerade Gegenteil von Gleichgültigkeit gegen gut und böse, es ist der ausgesprochene Kampf, die ewige Feindschaft gegen das Böse; ferner ein vernichtendes Urteil über die Halbheit, Charakterlosigkeit und Menschenfurcht unserer Zeit, der entschiedenste Mahnruf zur Entschiedenheit im Guten.

Endlich erscheint im Bild der Unbefleckten das Vollendungsbild der erhabensten Freiheit des Geistes, die volle Freiheit von jeder Tyrannei der Sünde und Leidenschaft, verbunden mit der vollkommensten Anerkennung der göttlichen Autorität, der Quelle jeder jeder menschlichen Autorität; ganz in Abhängigkeit von Gott und seinem heiligsten Willen, ganz von seiner Gnade, seiner Weisheit, seiner Liebe beherrscht.

Doch genug, wir kämen an kein Ende, wollten wir das ganze Gericht schildern, das von diesem Geheimnis aus ergeht über die Verirrungen der heutigen Menschheit; glorreicher als je bewahrheitet sich hier der Lobspruch der Kirche: „Freu Dich, Maria, denn Du allein hast alle Irrlehren (ja auch die Irrtümer unserer Zeit) überwunden.“ Freilich auch noch auf andere Weise hat die makellose Jungfrau die Irrtümer unserer Zeit vernichtet, besonders durch ihre mächtige Fürbitte bei Gott, durch vielfache Gnaden-Spendung in Gottes Kraft und Auftrag. Das hervorragendste Zeugnis für diese Art von Siegen ist und bleibt Lourdes… –
aus: Alois Jos. Schweykart SJ, Die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis Mariä in der Geschichte der Kirche, 1905, S. 216 – S. 220

Bildquellen

  • Maria Himmelskoenigin: Bildrechte beim Autor

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