Wallfahrtskirche zu Sossau ein deutsches Loreto

Eine Prozession christgläubiger Katholiken zu einem Gnadenort der Muttergottes Maria: angeführt von einem Jungen, der das Kruzifix hält, gefolgt vom Priester mit den Messdienern und dem gläubigen Volk

Gnadenorte der hohen Himmelskönigin Maria

Unsere Liebe Frau, die Gottesmutter Maria, sitzt, umringt von vielen Heiligen, in der Mitte, ihren Sohn Jesus auf dem Schoß, eine Lilie in der linken Hand; unter ihr ist das Häuschen zu sehen, daß von Engeln zum Gnadenort Loreto getragen wird

Die Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau zu Sossau – ein deutsches Loreto

Teil 2 – Fortsetzung von „Unsere Liebe Frau zu Sossau“

Ein Werk späterer Zeit aber ist das von innen und außen um etwas erhöhte und viel stärker gebaute Presbyterium. Oder der schöne, gewölbte Chor. Dieser Anbau, nebst einer wiederholten Verschönerung der Kirche, wurde erst im Jahre 1350 unter Abt Friedrich von Windberg, wegen der immer mehr zunehmenden, und in der alten Kirche nimmer Platz findenden Anzahl der Wallfahrer begonnen, und zwei Jahre nachher, 1352, unter der Regierung des Diözesanbischofs Friedrich, von dessen Weihbischof Heinrich zu Ehren Mariä Verkündigung und der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Dorothea eingeweiht.

Auch die schöne Orgel in dieser Wallfahrtskirche ist ein frommes Vermächtnis eines weit späteren Jahrhunderts. Sie ist ein kostbares Danksagungs-Opfer des Abtes Franziskus und der Kapitularen von Windberg, im Jahre 1714 dargebracht, weil durch Mariens mächtige Fürbitte unter Kurfürst Max Emanuels Regierung ihr Kloster von der Pest und dem Kriegssturm gänzlich verschont blieb. Der gegenwärtige in Alabaster-Marmor gefaßte Chor- oder Hochaltar der Wallfahrtskirche Sossau gehört ganz der neueren Zeit an. Er wurde im Jahre 177 errichtet, als man das sechste hundertjährige Jubiläum der wunderbar übertragenen Gnadenkapelle feierte. Der alte Hochaltar ist den noch vorhandenen Seiten-Altären ganz ähnlich gewesen, und war dem heiligen Evangelisten Markus geweiht. Der gegenwärtige Hochaltar aber, sehr einfach und symmetrisch, stellt die wunderbare Übersetzung dieser Marianischen Kapelle durch die heiligen Engel dar; daher in dessen hellblauer Nische ein leeres Schiff, daneben ein Anhängspfahl mit den Buchstaben C. W. und der Jahreszahl 1777; und über dem Schiff die von den Engeln getragene Kirche samt dem Frauenglöckl, welches einer der dabei beschäftigten Engeln auf den Schultern trägt. Auf der Epistelseite ist die Statue des frommen Feldherrn und Märtyrers Acilius angebracht, welcher der ursprüngliche Erbauer der Kirche am Antenring war. Die Evangelienseite ziert ein Bildnis des heiligen Bischofs Lucius, der dieselbe den römischen Soldaten zur Verehrung Marines einweihte. Vor der wunderbaren Übertragung des Marine-Tempels soll in Sossau noch keine Kirche, nicht einmal eine Kapelle oder ein Oratorium bei dem dortselbst sich befindlichen Maierhof gewesen sein. Die Prämonstratenser von Windberg, welche diesen Maierhof 1146 von Albert I., Grafen von Bogen, als Geschenk erhielten, wollten nun von einem ihnen durch Papst Innozenz II. verliehenen Privilegium Gebrauch machen und sich ein Oratorium daselbst bauen. Doch zuvor baten sie den Bischof Heinrich von Regensburg um die Kirche St. Jakob des Größeren in Zeitldorn, eine halbe Stunde von Sossau, und erhielten sie samt der dazu gehörigen Pfarrei.

Von nun an wohnten sie auf dem sogenannten „Sklavenhügel“ zu Zeitldorn, welchen einst Sklaven künstlich zusammen getragen und in das frühere Rinnsal der Donau gesetzt hatten, und hießen, weil sie das bis jetzt noch stehende Kanonikathaus bewohnten, – „Kanoniker auf dem Sklavenhügel“.
Obige Pfarrverleihung bestätigte nachher auch Konrad II., Bischof von Regensburg, den Prämonstratensern; ja er tat noch mehr und verleibte sogar auch die Kirche zu Sossau samt der Pfarrei und ihren Zehnten dem Kloster Windberg ein.

Es kann wohl der Fall sein, daß schon von dieser Zeit an statt der kleinen Kirche in Zeitldorn, die viel grössere, schönere und des geschehenen Wunders wegen höchst ehrwürdige Kirche in Sossau zu pfarrlichen Gottesdiensten benützt wurde; aber eine Pfarrkirche wurde sie erst bei der Einweihung des neu gebauten Chores oder Presbyteriums im Jahre 1352.

Bei Aufhebung der Klöster in Bayern wurde auch des Klosters zu Sossau nicht geschont; doch war Sossau noch zwei Jahre später provisorisch eine Pfarrei; alsdann aber zersplitterte und säkularisierte sie man gänzlich. Die Filia-Kirche mit dem Dorf Zeitldorn und den Einöden Gallau, Büchel-, Ober- und Unterharthof wurden der Pfarrei Pfaffmünster einverleibt; die Kloster-, Pfarr- und Wallfahrtskirche Sossau aber kam mit den Kloster- und Ökonomie-Gebäuden und dem damals noch einzigen Meßnerhaus zur Stadtpfarrei St. Jakob in Straubing. Seither befindet sich die Wallfahrtskirche zu Sossau in einem sehr ärmlichen Zustand; denn außer einem kleinen Kapital, das ihr von der eingefallenen Wies-Kapelle am Gstütt übermacht wurde, muss sie ihr Dasein größtenteils von dem wenigen Opfergeld fristen. – Nachdem wir den Ursprung und die Geschichte der Wallfahrt Sossau kennen gelernt haben, wollen wir das Gnadenbild daselbst betrachten.

Es steht auf einem Seitenaltar der Kirche zur Linken des Einganges, ist samt dem Postament 4′ 11“ hoch und aus rohem Sandstein sehr fein und anmutig gebildet. Die Augen der Gnadenmutter sind etwas gegen den Himmel gewendet, zum Zeichen, daß sie als Mutter der Barmherzigkeit mit dem Amt einer Fürsprecherin vor dem göttlichen Thron beständig für uns armselige Menschen beschäftigt ist. Auf dem rechten Arm trägt sie das göttliche Kind, welches mit der rechten Hand das Volk segnet, und mit der linken ein zum Flug bereites, auf ihrem mütterlichen Herzen stehendes Vöglein hält; in der Linken hat die jungfräuliche Mutter eine Rose, als Sinnbild ihrer Keuschheit, Jungfräulichkeit und zarten Mutterliebe. Die natürliche Kleidung der hl. Jungfrau, die ihr des Bildhauers Meißel und des Malers Pinsel ursprünglich verschaffte, besteht aus einem lichtblauen Rock mit vergoldeter Einfassung, den ein weißer Gürtel um ihre Lenden festhält und aus einem weißen Mantel, dessen Unterzug rot ist. Auch die Kleidung des göttlichen Kindes ist weiß, mit einigen Röschen vermengt. Die jetzige Kleidung aus verschieden farbigem Zeug, womit die heiligste Mutter und ihr göttliches Kind festlich geschmückt wird, ist größtenteils frommes Vermächtnis. Ihre Häupter zieren Kronen zum Zeichen, daß Jesus ein König aller Könige, Maria eine Königin der Engel und Menschen ist. Übrigens ist sowohl der hl. Jungfrau als des göttlichen Kindes sanft lächelnder Blick so anmutig und hold, daß jedem frommen Pilger dadurch tiefe Hochachtung, reges Vertrauen und innige Andacht eingeflößt wird, und daher auch Jedermann gerne vor diesem Gnadenbild verweilt; auch fanden schon unzählige Menschen, die mit wahrem Vertrauen zu Mariens Gnadenthron kamen, in Zweifeln Rat, in Ängsten Ruhe, in Leiden Trost, in Gefahren Hilfe und in ihren Sünden Verzeihung von Gott; weshalb jährlich viele Pfarrgemeinden und andere fromme Genossenschaften nach Sossau kamen. Gegenwärtig ist zwar der Zudrang derselben nicht mehr so groß, wie früher, aber dennoch kann man ihn einen ansehnlichen nennen; besonders in den Tagen der Not wallfahrten sowohl ganze Pfarrgemeinden, als auch Bewohner einzelner Ortschaften mit dem Kreuz nach Sossau, um Gnade von Gott durch die Fürbitte U. L. Frau zu erlangen.
Die Wallfahrtskirche zu Sossau ist auch mit vielen Ablässen bedacht…

Das ist die Geschichte der Wallfahrt zu Sossau.
Wird sie den vorigen Glanz noch gewinnen? …

Traurige Tage unserer Zeit! Früher eilte der von den Ärzten Aufgegeben dorthin, wo Maria ihren Gnadenthron aufgeschlagen; der Landmann wie der Edle suchten jene heimischen, traulichen Plätze auf, wo Mariens Bildnis von den Reizen der Natur umgeben einlud, um Erholung und geistige Frische zu gewinnen. Und der Verbrecher – er fand ein Asyl zu den Füßen der hl. Jungfrau und Gottesmutter!

So war es auch zu Sossau.
Wer immer mit großer, ja mit der größten Schuld beladen war, wenn er auf seiner Flucht den heiligen Boden zu Sossau erreichte, durfte ihn keines Häschers Hand ergreifen, er stand unter Mariens Schutz. Wie viele Tränen des Dankes und der Reue – meine lieben Leser, mag ein solcher Unglücklicher in Mariens Tempel zu Sossau schon vergossen haben? –
Dieses Freiheitsrecht für Verbrecher erteilte Herzog Heinrich der III. von Bayern der Kirche zu Sossau, und Albert III. bestätigte den Freiheitsbrief 1445, sowie Friedrich IV. 1490; andere nachfolgende bayrische Herzöge taten dasselbe.
Dieses herrliche Vorrecht für Unglückliche ist jetzt aufgehoben; aber was sage ich? Es besteht ja noch! Ja es besteht noch für dich, der du mit großen Sünden beladen bist, Wie groß auch deine Schuld gegen Gottes Majestät ist, eile nach Sossau; falle Maria zu Füßen, benetze mit Tränen der Liebe und Reue den hl. Boden der wunderbar übertragenen Gnadenkirche; auch du findest ein Asyl dort, vor dem die Feinde deiner armen Seele zurück weichen werden. –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Zweiter Teil, 1869, Sp. 2615 – Sp. 2621

Bildquellen

  • ott-marianum-gnadenorte: Bildrechte beim Autor
  • ott-marianum-prozession: Bildrechte beim Autor
Category: Gnadenorte, Ott
Tags:

Verwandte Beiträge

Unsere Liebe Frau in Neukirchen
Der Heilige Geist liebt die Kirche
Menü