Von der Notwendigkeit des Gebetes

Die Notwendigkeit des Gebetes

Die heilige Agnes war eine besondere Liebhaberin des Gebetes; sie fand ihre größte Wonne darin, ja das Gebet war war ihr zur andern Natur geworden; sie vergaß Essen und Trinken und Schlafen vor lauter Beten; sie glich hierin den Engeln, die beständig vor Gottes Thron nieder gebeugt, seine ewige Majestät preisen. Was Jesus sagte: „Ihr sollt allzeit beten und nicht nachlassen“, das erfüllte sie fast buchstäblich. – Dieser Gebetseifer der heiligen Agnes hatte seinen Grund in der lebendigen Erkenntnis ihrer Armseligkeit und in ihrer großen Liebe zu Gott; es wäre ihr die größte Pein gewesen, nicht beten zu dürfen. –

Wie nun sieht es bei dir aus, christliche Seele? Hast du auch Lust und Liebe zum Gebet, oder fühlst du gar Abneigung vor demselben? Ach wie unglücklich bist du, wenn du nicht betest! So wenig du ohne Nahrung und Luft leben kannst dem Leibe nach, ebenso wenig kann deine Seele das wahre Leben in Gott leben ohne Gebet. Ohne Gebet kannst du unmöglich fromm und tugendhaft leben. Dies ist leicht zu begreifen. Du wirst dich vielleicht selbst schon oft mit deiner Schwäche entschuldigt haben, wenn du irgend einen Fehler begingest. Es ist wahr, der Mensch ist schwach; seine bösen Leidenschaften und Neigungen sind gefährliche Schlingen für ihn und auch der Satan und die verdorbene Welt ruht nicht, um denMenschen ins Verderben zu stürzen. Wie wirst du nun bei deiner Schwäche der Schlinge dieser Feinde entgehen, wie wirst du siegen können? Ohne besondere Hilfe Gottes kannst du es nicht, und diese Hilfe, oder was dasselbe ist, die Gnade Gottes erhältst du nicht ohne Gebet. Nur wenn du bittest, wirst du empfangen; nur dem der betet, hat Gott seine Gnade versprochen. Du mußt also beten, wenn du anders fromm leben und selig werden willst. Übrigens hat es ja Jesus selbst gesagt: „Ihr sollt allzeit beten“, sprach er: ja er betete selbst immer und lehrte uns beten.

Glaube mir, christliche Seele, sobald du nicht betest, sobald dir das Gebet zuwider ist, so steht es nicht gut mit dir: du wirst bald in Sünden fallen oder du bist schon in der Sünde. Wahres, herzliches Gebet und die Sünde können gar nicht beisammen sein. Unterlasse also das Gebet nie, auch wenn es dir beschwerlich vorkommt; überwinde dich nur, du hast dadurch ein großes Verdienst. Die Entschuldigung, du könntest nicht beten, gilt nicht, denn Gott gibt allen Menschen die Gnade des Gebetes, wie der Apostel sagt: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, aber der Geist (Gottes) bittet in uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ Besonders unterlasse nie dein Morgen- und Abendgebet, dann begehst du nach dem Ausspruch eines frommen Geisteslehrer eine Art von Gottesraub; du raubst Gott die schuldige Ehre und den gebührenden Dank. Willst du an deinem Gott und Vater ein solches Verbrechen begehen? Gewiß nicht! Was willst du also tun? Nicht wahr, beten am Morgen, beten am Abend, beten so oft du kannst! Tue es, es wird dich nicht gereuen!

Anmutung.
O Jesus, flöße auch mir, wie deiner Dienerin Agnes Liebe zum Gebet ein und verleihe mir auch die wahre Andacht beim Gebet, damit ich dir wohl gefalle und die notwendige Gnade erlange, welche du versprochen hast Allen, die zu dir flehen. –
aus: Georg Ott, Legende von den lieben Heiligen Gottes, Bd. 1, 1904, S. 607 – S. 608

Verwandte Beiträge

Päpste der Katakomben Heiliger Cajus
Heiliger Anselm von Canterbury Erzbischof
Menü