Wie wichtig die christliche Versöhnlichkeit ist

Wie streng die Pflicht zur Versöhnlichkeit ist

Das Gefühl, welches dich während dieser Lesung angewandelt hat, war der Ausdruck heiliger Ehrfurcht vor dem schlichten Nicephorus, welcher mit so beharrlicher Demut die Aussöhnung mit seinem Widersacher angestrebt hat, und der Ausdruck schmerzlicher Entrüstung wider den geistlichen Sapricius, welcher mit so stolzem Eigensinn den Bittenden die Verzeihung abschlug; das eigene Gefühl sagt dir somit klar und deutlich, wie schön und ehrenvoll vor Gott und den Menschen die Versöhnlichkeit, wie häßlich und fluchwürdig vor Gott und den Menschen die Unversöhnlichkeit ist. Doch du sollst in dieser so oft vorkommenden und so wichtigen Sache nicht bloß fühlen, sondern wissen:

Wie streng deine Pflicht zur Versöhnlichkeit ist.

Dein ganzes Wesen, deine einzige Würde besteht darin, daß du ein Kind Gottes bist. Dein himmlischer Vater aber ist vorzüglich reich an Schonung und Barmherzigkeit; Er will nicht den Tod des Sünders, nicht sich rächen an seinem Feind und Beleidiger, sondern daß dieser sich bekehre und lebe, daß er die ihm angebotene Versöhnung annehme und in fröhlicher Liebe Ihm wieder diene. Somit ist es deine erste Pflicht, wie dein Vater im Himmel, darin vollkommen zu sein, daß auch du reich seiest an Schonen und Erbarmen, daß auch du nicht den Tod deines Beleidigers wollest, der ja wegen seines Hasses wider dich ein Mörder und des Gerichtes schuldig ist, sondern daß er sich bekehre, indem du ihm die Aussöhnung in kluger Weise, wie Nicephorus getan, erleichterst. Ferner befiehlt dir Jesus Christus durch seine Lehre und sein Beispiel zu beten: „Vater im Himmel, vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Matth. 6) Es ist für dich eine unaussprechlich kostbare Erlaubnis, daß du, so oft du den gütigen Gott und Vater beleidigst – und ach wie oft ist es schon geschehen und wird es noch geschehen! – mit vollkommener Zuversicht bitten darfst: „Vergib uns unsere Schulden!“, aber diese Bitte verwandelst du dir in Fluch und Selbstverdammung, wenn du dich nicht vorher mit deinen Schuldnern aussöhnst, wenn du mit einem unversöhnten Herzen zu beten wagst. Und der heilige Geist spricht das unabänderliche Gesetz aus: „Ein Gericht ohne Barmherzigkeit wird über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit übt.“ (Jak. 2) Wahrlich von dieser so heiligen Pflicht gibt es keine Ausnahme, keine Dispens! Beherzige auch:

Wie weit der Inhalt dieser Pflicht reicht.

Schön und deutlich lehrt dich dies der hl. Nicephorus: a) er war herzlich gerne bereit, sich mit Sapricius auszusöhnen, sobald derselbe nur einen Schritt des Entgegenkommens getan hätte, was doch geziemend gewesen wäre für den Priester Jesu Christi, der für seine Feinde gestorben ist: b) er tat selbst den ersten Schritt, er wartete nicht lange, ob etwa Sapricius zu ihm kommen werde, sondern er leitete auf zarte und kluge Weise die Versöhnung ein: c) er machte verschiedene und wiederholte Versuche, er sagte nicht nach der ersten und zweiten Bitte: „Jetzt habe ich meine Pflicht getan, jetzt tue ich keinen Schritt weiter, zwingen kann ich ihn nicht…“, sondern er setzte sein Gebet und seine Versuche mit desto größerem Eifer fort, weil es sich nicht mehr um die Rettung seiner eigenen Seele, sondern um die seines verstockten und verhärteten Mitbruders handelte; denn er wußte ja, daß Sapricius, wenn er in diesem Haß – in dieser Todsünde – enthauptet würde, gewiß von der göttlichen Gerechtigkeit verworfen würde: d) er liebte den unversöhnlichen Priester, eilte ihm in der schauerlichen Gefahr der Verleugnung des Glaubens zu Hilfe, warnte ihn vor dem gänzlichen Abfall, ermunterte ihn durch sein eigenes Beispiel zur Treue im Glauben. Siehe da, wie weit die aufrichtige, christliche Versöhnlichkeit geht und auf diesen vier Stufen zur Vollendung empor steigt. Ach wie Viele bleiben schon auf der ersten Stufe stehen und rühmen sich in gefährlicher Selbsttäuschung, ihre Pflicht der Versöhnlichkeit vollständig erfüllt zu haben!

Prüfe dich, bevor du zum ewigen Gericht gerufen wirst! –
aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 130 – S. 131

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