Liberale Katholiken und ihr Vorbild

In der Mitte steht der halb entblößte und schwer mißhandelte Jesus, mit Dornenkrone und einem Rohr in der Hand, die Hände gebunden, von einem Schergen am Seil geführt, links steht Pilatus und zeigt auf den Herrn, im Hintergrund sieht man römische Soldaten

Im ersten Stock eines Hauses steht Jesus mit der Dornenkrone auf dem Haupt und Rohr und dem Rohr in der Hand, die Arme als Gefangener über Kreuz gebunden, Pilatus zeigt auf ihn; unten stehen die Mitglieder des Hohen Rates der Juden und halten ihre Arme gegen Christus, den Kopf abgewendet von ihm, einer links zeigt auf ihn und scheint etwas zu Pilatus zu sagen

Liberale Katholiken und ihr reizendes Vorbild

Pilatus

Unter allen den hohen und niederen geistlichen Herren, welche ihr Geschäft bei der Kreuzigung Christi gehabt, ist der kaiserliche Statthalter, der Herr Pontius Pilatus fast noch die ehrlichste Seele gewesen. Er hat noch Courage gehabt, den jüdischen Schreiern entgegen zu treten; er hat noch so viel Ehrlichkeit von einem Richter im Leibe gehabt, daß er Christus nicht ohne Verhör abgeurteilt hat; er hat auch so viel Gewissen gehabt, aufrichtig nach dem Verhör zu gestehen, er finde keine Schuld an Christus; auch wollte er den unschuldigen Heiland mit einigem guten Willen den blutdürstigen Juden entreißen, wenn`s ohne große Mühe gegangen wäre; auch an einigem Mannesmut fehlte es ihm nicht; er versagte den Juden einen andern Teil auf das Kreuz, als er schon geschrieben hatte; kurz, es wäre mit Pilatus noch was zu machen gewesen.

Aber leider hat er einen unheilbaren Herzfehler gehabt. Aus allem nämlich, was von ihm in der Schrift erzählt wird, geht deutlich hervor, Pilatus habe nur ein halbes Herz gehabt und kein ganzes. Das hat ihm schließlich auch den Tod bringen müssen, weil niemand ein Recht hat, halbherzig zu leben. Ich will dir diese Halbherzigkeit ein wenig zeigen.

Pilatus hat zum Beispiel Freude gehabt an der Wahrheit, aber diese Freude seines Herzens war nur eine halbe. Mit dieser einen Halben fragt er den Herrn wißbegierig: „Was ist die Wahrheit?“ Aber auf die Antwort zu warten hat er nicht mehr Lust und Freude gehabt. Er hat gerade so viel Ehrlichkeit gehabt, den Herrn ins Verhör zu nehmen, bevor er ein Urteil über ihn fällen will; aber den Heiland auch nach dem, was er gehört hatte, mit und nach Recht zu richten, das wäre von ihm zu viel verlangt gewesen; seine richterliche Ehrlichkeit war eine halbe. Er war so weit unerschrocken genug, daß er den Hetzjuden sein Urteil über Christus keck und wahr ins Gesicht sagt; aber wie sie noch weiter schreien, da verliert er den Mut. So viel Menschlichkeit hat er gehabt, daß er sich geweigert hat, selber den Heiland unschuldig zu töten; aber ihn den Juden zu lieb geißeln zu lassen, dazu war er nicht zu menschlich. Er wollte einerseits nicht einmal den Schein der Ungerechtigkeit an sich haben und wascht sich säuberlich die Hände; und doch hat er schließlich den Ausschlag zum Tode Christi gegeben und trägt am Gottesmord die Hauptschuld. Darum steht er allein im Credo wie auf einem Pranger vor der ganzen Welt. So ist das Aussehen des Pilatus-Geistes; – Halbheit in jeder Beziehung, und nirgends was Ganzes, im Schlechten nicht und im Guten nicht, und dabei immer meinen, man fahre so ganz gut, und es ginge auch so.

Genauso machen es die liberalen Katholiken. Du tätest sie gröblich beleidigen, wolltest du ihnen vorwerfen, sie seien schlechte Katholiken. Sie halten den katholischen Glauben für den allein wahren, halten den Papst für Christi Stellvertreter, den Priester für den Ausspender der heil. Geheimnisse; es tut ihnen leid, wenn die Katholiken geschädigt werden in ihren Rechten; sie tun auch noch bei dem öffentlichen Gottesdienst mit. Alles aber nur so lange, als es ihnen keine Schwierigkeit macht; wo es ihnen eine gewisse Entschiedenheit kosten würde, ach nein, beileibe nicht; nur kein Aufsehen, nur keinen Lärm, und wie es im Liede heißt: „nur stille, nur stille, und kein Geräusch gemacht bei der Nacht!“ – Dabei kommen Zwittergestalten von sogenannten Auchkatholiken heraus, daß es zum Erbarmen ist. –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Wanderbuch für die Reise in die Ewigkeit, II. Band, Dritter Teil. Warnungstafeln, 1884, S. 75 – S. 77

Bildquellen

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  • Hattler Pilatus Ecce Homo: Bildrechte beim Autor

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