Unterricht über die Besessenheit

Goffine: Unterricht über die Besessenheit

Was versteht man unter Besessenheit?

Nicht etwa eine leibliche Krankheit mit außerordentlichen, besonders schrecklichen Krankheits-Erscheinungen, wie etwa Melancholie, Mondsucht, Epilepsie (Fallsucht), Tobsucht und dgl., obwohl dergleichen körperliche Erscheinungen die Einwirkung des bösen Geistes erleichtern können. Die Besessenheit besteht auch nicht in der Einwirkung des Satans auf den menschlichen Willen, wie dies in so vielen Versuchungen geschieht, durch Trugbilder, Erregung der PhantasieEinflüsterung böser Gedanken, Bereitung böser Gelegenheiten. Die Besessenheit besteht vielmehr in einer Einwirkung des Satans auf den niederen Menschen, in einer Art Besitzergreifung seiner leiblichen Organe und niederen Seelenkräfte derart, daß der Satan hierin dem Menschen förmlich Gewalt antut, diese Organe und Kräfte mißbraucht, so daß im Besessenen zwei Persönlichkeiten sind, die menschliche und die teuflische, welche der menschlichen Gewalt antut und sie mißhandelt.

Kommen solche Zustände wirklich vor?

Ja, die heilige Schrift läßt uns hierüber nicht den mindesten Zweifel. An den verschiedensten Stellen derselben ist von Besessenen die Rede (1). Die ältesten Väter, zahlreiche Vorkommnisse in der Kirchengeschichte, selbst das Zeugnis heidnischer Schriftsteller beweisen, daß der böse Feind solche Macht öfters über die Leiber der Menschen ausgeübt hat.

(1) Vgl. Matth. 12, 43; Mark. 1, 25; 3, 11; 3, 15; 5, 2; 5, 6-9; 9, 24; 16, 17; Luk. 4, 35; 13, 32; Apg. 19, 13; 16, 16; etc.

Warum läßt Gott dem Satan solche Gewalt über den Menschen?

Es geschieht 1, zur Bestrafung oder Prüfung des Betreffenden, 2) zur Offenbarung des Bosheit des Satans und zur Warnung vor ihm, 3) zur Bestärkung des Glaubens und zur Verherrlichung der Kirche, welche durch Anwendung von Beschwörungen den bösen Feind aus dem Besessenen vertreiben kann.

Anmerkung: Man glaube ja nicht, daß ein Besessener etwa notwendiger ein schlechter Mensch sei; nein, die Besessenheit ist unabhängig von der sittlichen Beschaffenheit des Menschen; hat dieselbe ja schon bei ganz frommen und heiligen Personen stattgefunden.

Woran läßt sich die Besessenheit erkennen?

Man glaube nicht leicht an Besessenheit, sondern prüfe und erkenne wohl die Zeichen derselben. Diese sind: In einer fremden Sprache, die der Kranke nie gelernt hat, reden oder einen in solcher Sprache Redenden verstehen: Entferntes und Verborgenes offenbaren: Kräfte zeigen, die dem Alter und der natürlichen Beschaffenheit nicht entsprechen. Wenn diese und ähnliche Zeichen zugleich vorhanden sind, so sind sie von um so größerem Gewicht. (Rituale romanum) –
in: Leonhard Goffine, Ord. Praem.; Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 178 – S. 179

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