Unterricht über das christliche Gebet

Goffine: Unterricht über das Gebet

Was ist das Gebet?

Eine Erhebung des Geistes, des Willens und Gemütes zu Gott, entweder

1) um in lebendigem Glauben Gott, als dem höchsten, unendlich vollkommenen Wesen, dem Schöpfer und Herrn der Welt, die schuldige Anbetung und Anerkennung darzubringen oder

2) um in tätiger Liebe Gott für alle empfangenen Wohltaten zu danken, oder

3) um in zuversichtlicher Hoffnung Gott, den Allmächtigen für uns und andere zu bitten.

Das wichtigste und notwendigste Gebet ist die Anbetung, und diese wird um so vollkommener sein, je mehr Erkenntnis Gottes wir haben werden. Im Himmel wird dieses Gebet unsere stete beglückende Beschäftigung sein.

Warum sind wir verpflichtet zu beten?

1) Weil Gott selbst es von uns fordert; 2) weil wir ohne dasselbe die notwendigen Gnaden nicht erlangen, um im Guten bis zum Ende zu verharren.

Warum will Gott insbesondere, daß wir Ihn um seine Gaben bitten sollen?

Nicht darum, als kännte Er unsere Bedürfnisse nicht, sondern

1) damit wir erkennen und bekennen, daß alles Gute von Ihm komme und wir ohne Ihn nichts sind, als Armut und Schwäche, die stets seiner gnädigen Hilfe bedarf;

2) damit wir deshalb unser Vertrauen auf Ihn setzen, durch Ihm gefällige Gesinnungen uns seiner Gnaden würdig zu machen suchen und die erhaltenen Gaben desto höher schätzen und desto besser verwenden.

Wird Gott unser Gebet allezeit erhören?

Ja, wenn wir Ihn im Namen Jesu um etwas bitten, das Ihm zur Ehre, uns zum Heil gereicht. So hat Er es auf das bestimmteste verheißen.

Was heißt im Namen Jesu bitten?

Im Namen Jesu bitten heißt

1) um das bitten, und

2) so bitten, wie Jesus durch Wort und Tat gelehrt hat, und

3) bitten im vertrauen auf die Verdienste seines Leidens und Sterbens, und auf die Kraft seines Mittleramtes beim Vater.

Deswegen schließt die katholische Kirche alle ihre Gebete mit den Worten: Durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen.

Um was sollen wir nach dem Beispiel Jesu bitten?

Vor allem um Verherrlichung Gottes, um Ausbreitung seines Reiches, um die zum Heil nötigen Gnaden, überhaupt um die geistigen Güter, die Jesus uns erworben hat. Zeitliche Güter dürfen wir zwar von Gott auch verlangen, aber immer nur bedingungsweise, wie Jesus im Garten Gethsemane um Wegnahme des Leidenskelches gebetet hat.

Wie sollen wir nach dem Beispiel Jesu bitten?

1) Mit gehöriger Vorbereitung, welche darin besteht, daß man seine Gedanken von irdischen Dingen abwendet, sich in Gottes Gegenwart versetzt, Gott um die Gnade, recht beten zu können, bittet und alles vermeidet, was den Geist zerstreuen könnte;

2) mit Demut, die alles Gute Gott zuschreibt und von Ihm erwartet (Jak. 4, 6). Der demütige Zöllner fand Gnade vor dem Herrn;

3) innerlich, mit dem geist, nicht bloß äußerlich mit dem Mund und Körper. Denn Gott ist ein Geist und will, daß wir von Herzen Ihm dienen (Joh. 4, 24);

4) mit lebendigem Glauben und vollem Vertrauen auf Gottes unendliche Güte und Treue. So betete die zwölf Jahre lang kranke Frau und ward und ward erhört (Matth. 9, 20-22);

5) mit Ergebenheit in Gottes Willen, wie Jesus am Ölberg betete, Ihm überlassend, uns zu geben, was uns heilsam ist;

6) mit gebührender äußerer Ehrfurcht;

7) mit Beharrlichkeit (Luk. 11, 5-9); 18, 1-8). Monika betete achtzehn Jahre lang für die Bekehrung ihres Sohnes Augustinus.

8) Vor allem aber müssen wir uns bestreben, im Stande der Gnade zu sein, oder in denselben versetzt zu werden, weil Gott die Sünder nicht erhört; das Gebet des gerechten aber vermag viel bei Gott (Jak. 5, 16).

Warum wird unser Gebet oft nicht oder nicht gleich erhört?

1, Weil wir oft um etwas bitten, was uns mehr schaden als nützen würde. Alsdann macht Gott es mit uns, wie verständige Eltern, die ihren Kindern jene Dinge entziehen oder versagen, welche ihnen schaden könnten, obschon diese sich darüber grämen; 2) weil Er unsere Geduld und Standhaftigkeit prüfen will; 3) weil obige Eigenschaften unserem Gebet so häufig abgehen.

Wann sollen wir beten?

Allezeit (Luk. 18, 1); dies geschieht, wenn wir bei allen Verrichtungen eine gute Meinung machen, unser Herz immer mit Gott vereinigt erhalten und zu dem Ende öfters kurze Gebetlein und Liebesseufzer zu Gott schicken. Dann aber sollen wir zu gewissen Zeiten besonders dem gebet obliegen, als

1) morgens, mittags, abends (Ps. 54, 18), vor und nach dem Essen, beim Stundenschlag (Englischer Gruß). An Zeit fehlt es nicht, wenn man nur will; man mache nur den Versuch. Und ist es nicht billig, daß wir oft an Gott denken, da Er allezeit an uns denkt?

2) beim Gottesdienst oder im Verhinderungsfall in der nämlichen oder zu gelegener Zeit zu Hause;

3) bei schweren Versuchungen;

4) beim Empfang der heiligen Sakramente;

5) bei Unternehmung eines wichtigen Werkes (Luk. 6, 12); 6) in der Stunde des Todes.

Für wen sollen wir beten?

Wir sollen für alle Menschen beten, für Lebende und Abgestorbene, für Freunde und Feinde, besonders für Eltern, Geschwister, Wohltäter, für geistliche und weltliche Obrigkeit, auch für Irr- und Ungläubige. Der hl. Paulus sagt: „Ich ermahne vor allen Dingen, daß Bitten, Gebete, Fürbitte, Danksagungen geschehen für alle Menschen, für Könige und für Obrigkeiten, damit wir ein stilles und ruhiges Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.“ (1. Tim. 2, 1-2)

Wie kann man den ganzen Tag hindurch in sich den Geist des Gebetes erhalten?

Durch Verrichtung der sogenannten Stoßgebete. –
in: Leonhard Goffine, Ord. Praem.; Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 289 – S. 291

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