Unterricht für den Passionssonntag

Der Osterkreis: Ein Band mit Ornamenten: In der Mitte das Lamm Gottes mit der Siegesfahne; rechts und links der Spruch: Weil ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist.

Unterricht für den Passionssonntag – Für den fünften Sonntag in der Fasten, „Judica“ genannt

Von diesem Sonntag an widmet sich die Kirche ganz der Betrachtung des Leidens Jesu, um durch dasselbe uns zu inniger Teilnahme und vollkommener Buße zu bewegen, da Jesus um unsertwillen die Leiden übernommen hat. Daher wird dieser Sonntag auch Passions- oder Leidens-Sonntag und die vierzehn Tage bis Ostern Passionszeit genannt. Dahin zielen auch alle Zeremonien der Kirche. Heute werden die Kruzifixbilder verhüllt zur Erinnerung, daß Christus sich um diese Zeit bis zu seinem Einzug in Jerusalem, vor den Juden verbarg und nicht mehr öffentlich sehen ließ. (Joh. 11, 54) Von heute an wird ferner in der heiligen Messe das „Ehre sei dem Vater etc.“ ausgelassen, weil in der Person Christi die ganze allerheiligste Dreifaltigkeit verunehrt worden war. Heute endlich stellt die Kirche uns in Jesus Christus den unschuldigen, unbefleckten Hohenpriester dar und ermuntert uns im Hinblick auf denselben zu ernster Buße; in den priesterlichen Tagzeiten ruft sie uns zu: „Heute, da ihr die Stimme Gottes höret, verhärtet eure Herzen nicht!“ und im Eingang der heiligen Messe spricht sie im Namen des leidenden Jesus die Worte des Psalmisten: „Schaffe mir Recht, o Gott! und entscheide meinen Handel wider das unheilige Volk; von dem ungerechten und arglistigen Mann rette mich; denn Du, o Gott, bist meine Stärke. Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie werden mich leiten und führen auf deinen heiligen Berg und in deine Hütten.“ (Ps. 42, 1-3)

Gebet der Kirche.
Wir bitten Dich, allmächtiger Gott! Sieh gnädig auf dein Volk herab, damit es durch deine Hilfe den Leib bezähme und unter deinem Schutz an der Seele bewahrt werde; durch Jesum Christum, deinen Sohn, unsern Herrn. Amen.

Lesung aus dem Brief des hl. Apostels Paulus an die Hebräer. Kap. 9, Vers 11-15

siehe Hebr. 9, 11-15

Erklärung.
Der hl. Paulus lehrt hier, daß Jesus als der ewige Hohepriester des neuen Bundes für die Sünden der Menschen vollkommen genug getan und allen den Eintritt ins Heiligtum eröffnet habe. Es kommt nun alles darauf an, daß sie dieser ewigen Erlösung teilhaftig werden, und dies geschieht, wenn sie mit der Gnade Christi mitwirken, kämpfen, sich verleugnen und Ihm nachfolgen. – Die Kirche läßt diese Lehre deswegen vorlesen, damit wir das Leiden und Sterben Jesu betrachten, für die große Wohltat der Erlösung Gott danken, Ihn lieben, loben und ermuntert werden, durch Fasten, Beten und andere Bußwerke, durch Anhörung der heiligen Messe, würdige Beichte und Kommunion seines Leidens uns teilhaftig zu machen.

Übung.
Wohne so oft als möglich der heiligen Messe andächtig bei und vergiß besonders nicht, jedesmal deinen lieben Heiland, der auf dem Altar sich opfert, alles, was du hast und bist, in Vereinigung mit ihm, dem himmlischen Vater als Sühnopfer für deine und der ganze Welt Sünden aufzuopfern. Bete öfters:

Gib uns deine Gnade, o mildreichster Jesus! Damit wir uns durch wahre Reue über unsere Sünden und durch Ausübung guter Werke deines bitteren Leidens teilhaftig machen und das verheißene Erbe des ewigen Lebens erlangen. Amen.

Evangelium nach dem hl. Johannes. Kap. 8, Vers 46-59.

Warum hat Jesus die Juden und Priester gefragt: „Wer aus euch kann Mich einer Sünde beschuldigen!“

1) Um ihnen zu zeigen, wie ungerecht und boshaft sie gegen Ihn verfuhren, wenn sie Ihm nicht glaubten, und daß sie daher für ihren Unglauben keine Entschuldigung hätten; 2) um zu zeigen, daß Er, weil von aller Sünde frei, auch mehr als ein bloßer Mensch, nämlich der Messias und der Sohn Gottes sei, wie Er es den Juden oft und besonders in diesem Evangelium gesagt und durchs eine Wunder augenscheinlich bewiesen hat. Daraus sollen wir lernen, daß wir, wenn wir andere ermahnen und strafen wollen, uns, soviel an uns ist, bestreben müssen, selbst unsträflich zu sein, und daß wir stets demütig unsere Schuld bekennen und anerkennen müssen.

Warum setzt Christus bei: „Wer aus Gott ist, hört Gottes Wort?“

Um die Juden auf die eigentliche Ursache ihres hartnäckigen Unglaubens und auf dessen Folgen aufmerksam zu machen. Denn wären sie wirklich aus Gott gewesen, d. h. hätten sie Gott und seine Offenbarung erkannt und derselben gemäß Ihn eifrig verehrt, so hätten sie auch Jesu lehre als göttliches Wort anhören und annehmen müssen, da alles für deren göttlichen Ursprung zeugte. – Damit hat Er auch uns den Prüfstein unserer Gesinnungen gegeben: Wer aus Gott ist, hört und liebt das Göttliche; wer nicht aus Gott, sondern fleischlich, irdisch, stolz usw. ist, wird dasselbe verachten. Wenn wir also Gottes Wort gern hören, gute Bücher mit Freuden lesen, die Kirche gerne besuchen, das Gehörte oder Gelesene mit Eifer zu erfüllen suchen, so legen wir das Zeugnis ab, daß wir Gottes Kinder seien. – Umgekehrt, wenn wir Gottes Wort und Kirche fliehen, schlechte Gesellschaften und Bücher lieben, in der Erwägung und Übung des Guten träge sind, dürfen wir uns dann wohl schmeicheln, Gott anzugehören, und müssen wir nicht die gleiche Strafe wie die Juden befürchten?

Wie nahmen die Juden diese Worte auf?

Mit Unwillen. Statt darüber nachzudenken, ergossen sie ihren beleidigten Stolz in Schmähreden und nannten Jesus einen Samaritan und Besessenen. – So geht es noch immer. Statt der Wahrheit Gehör zu geben, wird der Stolze, der fleischlich Gesinnte usw. mit Beschimpfung und Verachtung antworten.

Wie und warum hat sich Jesus gegen die Schimpfreden der Juden verteidigt?

Jesus verteidigte sich damit, daß Er die Beschimpfung einfach von sich ablehnte und aus seinen Taten den Beweis führte, daß Er ihnen die Wahrheit sage und Gott, seinen Vater, in Wahrheit ehre, indem Er nicht seine, sondern die Ehre seines Vaters suche. Den Vorwurf, daß Er ein Samaritan sei, übergeht Jesus, zum Zeichen, daß Er kein Volk verachte und vom Heil ausschließe. – Den Einwurf wegen seiner Jugend widerlegte er Durch die Behauptung, daß Er vor Abraham gewesen, daß Er der erwartete Erlöser und Abrahams Herr und Gott sei. Daß Christus diese Beschimpfung abgewiesen, daß er so viele schon mit Stillschweigen getragen, ist deswegen geschehen, weil bei fortgesetztem Stillschweigen Zweifel in seine göttliche Sendung, also auch in die Wahrheit seiner Lehre hätte gesetzt werden können. – Durch dieses Verhalten lehrt uns Jesus, daß man sich nur dann, und zwar mit Ruhe und Bescheidenheit gegen Verleumdungen und Beschimpfungen verteidigen soll, wenn sie der Ehre Gottes zuwider und dem Heil des Nebenmenschen nachteilig sind; daß man aber, wenn sie nur die eigene Ehre verletzen, die Rettung dieser nach dem Beispiel Christi Gott zu überlassen habe, der sie auch besser als wir zu retten und uns Recht zu verschaffen weiß.

Wie sind die Worte Christi zu verstehen: „Wer mein Wort halten wird, der wird den Tod nicht kosten ewiglich“?

Sie sind von dem ewigen Tod der Seelen zu verstehen. Also: Wer die Gebote Gottes hält, wird nicht den Tod der Seele sterben.

Wie hat Abraham den Tag Jesu Christi gesehen?

Im Geiste, d. h. 1) er hat während seines Lebens durch göttliche Offenbarung die Ankunft Jesu so bestimmt voraus erkannt, als wäre sie ihm gegenwärtig gewesen; und 2) in der Vorhölle ist ihm die wirkliche Ankunft ebenfalls durch besondere Offenbarung kund geworden. – Auch uns ist vor tausend andern das Glück zu teil geworden, Jesus zu erkennen. Freuen wir uns darüber und wandern wir in seinen Fußstapfen.

Warum wollten die Juden Jesum steinigen?

Weil er sich den Sohn Gottes genannt und durch die Worte: „Ehe Abraham ward, bis Ich“, diese Aussage bestätigt hatte. In ihrer Verblendung hielten sie dies für eine Gotteslästerung und wollten Ihn nach dem Gesetz steinigen. (3. Mos. 24, 15 u. 16) Sind diese Juden nicht das Vorbild der Ungläubigen, die alles verwerfen, was sie nicht begreifen?

Warum hat sich Christus vor den Juden verborgen und nicht vielmehr sich an ihnen gerächt?

Christus verbarg sich 1) weil die Stunde seines Leidens und Todes noch nicht gekommen war; 2) ums eine Geduld und Sanftmut zu zeigen und uns zu lehren, daß man seinen Feinden vielmehr nachgeben und weichen, als sich ihnen widersetzen und an ihnen Rache nehmen solle; 3) um den Juden anzudeuten, daß Er sie wegen ihrer Hartnäckigkeit verlassen und sich zu den Heiden wenden werde, wie dies nach seinem Beispiel auch die Apostel getan haben; 4) um uns eine doppelte Warnung und Belehrung zu geben, daß wir uns nämlich vor Unglauben und Blindheit des Geistes hüten sollen, damit es uns nicht ergehe, wie den Juden; und dann, daß wir zornige und zanksüchtige Menschen meiden sollen; denn: „Ehre ist es dem menschen, vom Zank sich abzusondern; Toren aber mischen sich in schmähliche Händel.“ (Sprichw. 20, 3)

Übung.
Wenn du schuldlos beschimpft wirst, so denke an dieses heilige Evangelium. Es enthält einen reichen Schatz des Trostes für alle, welche unschuldig geschmäht werden. Denn dadurch wird der Jünger wieder um einen Zug ähnlicher seinem Herrn und Meister. Darum spricht der hl.Augustinus: O Freund! Was kann dir doch schmähliches begegnen, das dein Erlöser nicht zuerst gelitten hätte? Ist es ein Schmähwort? Er hat es zuerst gehört, indemEr bald ein Fresser und Säufer, bald ein Aufrührer, bald ein Freund und Genosse der Sünder, bald ein Besessener genannt wurde, ja sogar hören musste, daß Er die Teufel durch Beelzebub, den obersten der Teufel austreibe? (Matth. 9, 34) Darum tröstet Er auch seine Jünger mit den Worten (Matth. 10, 25): „Haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen, wie vielmehr werden sie seine Hausgenossen also nennen!“ Kommen dir die schmerzen bitter vor? Es ist kein Schmerz so bitter, den Christus nicht auch gelitten hat; denn was war schmerzlicher und zugleich schmählicher, als der Tod am Kreuz? Deswegen sagt der hl. Paulus: „Ihr Christen! Gedenket an den, der solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet und (bei aller Verachtung und Beschimpfung) euren Mut nicht sinken lasset.“ (Hebr. 12, 3)

Gebet.
Sanftmütigster Jesus! Der Du, als Dich deine Todfeinde so sehr beschimpften, ihnen gelassen antwortetest, und da sie Dich steinigen wollten, ihnen ausgewichen bist; verzeihe uns, die wir kein rauhes Wort anhören, unsern Nächsten in nichts nachgeben, keine Beleidigungen geduldig hinnehmen, sondern uns allzeit aufs hitzigste verteidigen und rächen wollen; verzeihe uns doch unsere Ungeduld und unsern Zorn, und verleihe uns die Gnade, die uns zugefügten Unbilden mit Geduld zu ertragen und nur dann, wenn es deine Ehre oder des Nächsten Heilerfordert, mit Bescheidenheit zu antworten. Amen.

Betrachtung.
Jesus wird am Kreuz von den Juden verspottet. – Tröste dich, wenn man dich in deinen Leiden verspottet. Man hat dies auch deinem Meister angetan. –
in: Leonhard Goffine, Ord. Praem.; Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 209 – S. 213

Bildquellen

  • goffine-der-osterkreis: Bildrechte beim Autor

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