Unser Erlöser der Gottmensch Jesus Christus

Unser Erlöser ist der Gottmensch Jesus Christus

„Ich glaube an Jesum Christum, den eingebornen Sohn Gottes, unsern Herrn.“ (Grund- und Schlußstein)

Das ist der große Ratschluss Gottes, auf welchen hinauf jetzt ein neuer Plan der Weltgeschichte entworfen wird. Der Sohn Gottes wird in Menschengestalt auf der Erde erscheinen und Alles neu gestalten.

Die Sünde hat den Menschen blind gemacht, nicht am Leibe, sondern an der Seele; er hat nicht mehr zu unterscheiden vermocht, welches der wahre und welches der falsche Gott ist, und hat so Tiere und Gestirne und Metall und Holzklötze angebetet und von ihnen Hilfe erwartet. Der Sohn Gottes in Menschengestalt soll den Menschen wieder sehend machen, daß er weiß und sieht, wo der wahre Gott, wo der Vater unser wohnt und thront, und wie lieb er`s mit dem Menschen meint, und wie der arme Mensch soll Vertrauen haben auf ihn. Der Gottmensch soll den Menschen sein: das wahre Licht, das die Welt erleuchtet.

Die Sünde hat den Menschen von Gott los gerissen und in schauerlich tiefe Abgründe von Schuld und Strafe geworfen. Der Himmel ist nicht so weit von deinem Haus weg, als du von Gott abstehst, wenn du in Sünde steckst. Und daraus kommst du nie – nie mehr durch eigenes Bemühen; das kann nur Gott allein. Und darum sollte der Gottmensch herab steigen zu uns in die Tiefe der Sünde und uns aus derselben wieder hinaus führen in die freie Weite, in frische Luft und in schöne Aussicht und auf die Straße, die wieder zu Gott heim führt. Er soll sein der wahre Weg und der sichere Führer; wer ihm nachgeht, wandelt nicht mehr im Finstern, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Die Sünde hat im Menschen die Gnade und die Kindschaft Gottes umgebracht und kein Mensch hätte jemals die Erbschaft seines himmlischen Vaters antreten können, weil kein Toter erben kann. Dafür aber ist er als Toter der Fäulnis übergeben; es fault am Sünder der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Keuschheit, die Demut, kurz Alles, was die gnadenvolle Seele Schönes und Gutes an sich hat. Der Gottmensch aber sollte der Seele wieder die Gnade anerschaffen, sollte sie wieder lebendig machen, und ihr Kraft, Gesundheit, Wachstum zu allem Guten geben, damit sie im Stande ist, sich auf der Welt Gott gefällig auszuzeitigen, und dann wieder für alle Ewigkeit in der himmlischen Erbschaft Gottes selig und glücklich zu leben, ohne je sterben zu können. Der Gottmensch soll uns Allen sein: „das wahre Leben“.

Und das Alles sollten die Menschenleute umsonst und um nichts haben, als daß sie den Sohn Gottes, diese unaussprechliche Gottesgabe, wenn er auf der Welt sich in Menschengestalt zeigt, gläubig und dankbar aufnehmen und sich von ihm erleuchten, führen und mit Gnade beleben lassen.

Jetzt aber höre ein kurioses Wunder; du wirst kaum wissen, was du dazu sagen sollst.

Es ist ein armer Mensch gewesen, der in seiner Kindheit gesunde Augen gehabt und die schöne Welt gesehen hat. Dann ist er unglücklich erblindet, und jetzt ist er in lebenslänglicher Finsternis; ihm nützt kein Lampenlicht, der Mond scheint für ihn umsonst und die Sonne zeigt ihm keine schöne Gegend, nicht einmal den Stein, der vor ihm liegt, und den Abgrund, in den er mit dem nächsten Schritt stürzen muss; und er hat Niemand, der ihn bei der Hand nehmen und ein wenig sicher herum führen könnte, und so sitzt er jämmerlich und traurig Jahr für Jahr hin auf seinem Strohbett. Da kommt eines Tages ein berühmter Augendoktor des Weges daher. Er hat schon in der Gegend herum viele geheilt und ist dem Blinden davon erzählt worden. Nun kommt er von freien Stücken auch zu unserm Blinden und sagt: „Ich will dich heilen. Da nimm diese Medizin; morgen wirst du an beiden Augen wieder sehen.“ Natürlich greift der arme Blind mit beiden Händen und mit heißem Dank nach der Arznei; – o nein! im Gegenteil. Er stoßt und schlagt aus gegen den guten Doktor; er sei ein Lumpenkerl und Schwindler und soll seine Wege gehen; er wolle lieber ewig blind sein, als von ihm sich helfen lassen. Ist das nicht kurios?

Und ich weiß ferner von einem andern, der war ein grausamer Verbrecher, hat Schandtaten aller Art verbracht und ist eingefangen worden. Man hat ihm den Prozeß gemacht, er solle lebendig verbrannt werden. Der arme Sünder weiß es bereits und heult vor Verzweiflung und Todesangst. Da tut sich plötzlich die Kerkertür auf und es steht ein Herr vor ihm, nimmt ihm die Ketten ab und sagt: „Jetzt komm und folge mir Schritt für Schritt nach, ich befreie dich von Kerker und Banden und Tod; brauchst dich nicht zu fürchten.“ Der Leser mag sich denken, wie der Verbrecher wird nieder gekniet sein vor dem Herrn, wie er wird vor Freuden geweint haben für solche Liebe, wie er sorgsam ihm wird auf dem Fuße nachgegangen sein? – Aber keine Spur von allem dem! Er brauche ihn nicht, sagt er; lästert ihn einen Teufel und Betrüger und Volksaufwiegler, der den Galgen verdiene. Ist das nicht kurios?

Ja freilich ist`s kurios, aber noch kurioser ist, was ich jetzt erzählen will.

Gott der Herr hat den sündhaften, blinden, Schuld beladenen und zum ewigen Feuer verurteilten Menschen durch volle 4000 Jahr ankündigen lassen, was er für sie zu tun beschlossen habe, daß er seinen Sohn auf die fluchschwere Welt schicken wolle, und daß dieser die ganze Welt reformieren und restaurieren, ausheilen werde. Er hat es ihnen deutlich sagen lassen, wann der Sohn kommen werde und woran sie ihn erkennen würden als den Sohn Gottes, als das Heil und den Heiland der Welt. Jeder Vernünftige wird nun denken, wenn der Sohn Gottes als Menschensohn werde erschienen sein, würden alle Menschen schon mit heißester Sehnsucht nach ihm ausgeschaut, würden keinen Weg gescheut haben, ihn aufzusuchen, würden seine Füße mit Tränen des Dankes und seine heilende Hand mit Küssen der Liebe überhäuft haben, würden ihn mit allen Ehren aufgenommen, mit lebendigem Glauben angebetet, mit innigsten Bitten bestürmt haben, den allmächtigen, den aller liebreichsten, den allerbesten Menschenfreund und Retter, den Gottmenschen Jesus Christus! – So möchte man erwarten.
Aber statt dessen, daß Gott erbarm, was ist geschehen, und was geschieht noch? – Es gibt ein Geschichtenbuch, das Gott selber hat aufschreiben lassen, es ist die heilige Schrift. Jetzt höre, was darin geschrieben steht von dem Empfang, den die Welt dem Sohne Gottes bereitet hat:

„Er kam in sein Eigentum und die Seinigen – nahmen ihn nicht auf!“ –

Weiter steht in demselben Geschichtenbuch zu lesen, wie die Seinigen gar nicht einmal an ihn geglaubt haben als an den Gott verheißenen Menschen-Heiland. Er hat seinerseits so wundervoll göttlich gepredigt, daß sie ihm das Zeugnis geben mussten, so schön und wahr und ergreifend habe nie ein Mensch geredet. Er hat zur Bezeugung dafür, daß seine Lehre Gotteslehre, daß er Gottessohn sei, Wunder auf Wunder gewirkt vor aller Augen, die kein Mensch zu tun im Stande ist und nur Gott allein wirken konnte. Er hat zukünftige Dinge bestimmt voraus gesagt, die auch Niemand wissen konnte, mit dem nicht Gott gewesen wäre; und sie sind alle genau eingetroffen; er hat sich endlich selber zum Zeugnis für seine Behauptung, daß er Gottessohn sei, martern lassen und ist als der erste Blutzeuge für seine Gottheit gestorben. Und dennoch – die Seinigen haben ihm nicht geglaubt, haben ihn verspottet, verlacht, gelästert, einen Teufel und Betrüger gescholten und grausam mißhandelt und ermordet. Nur ganz Wenige sind es gewesen, die ihn aufgenommen haben, die geglaubt haben an Jesus Christus, den eingebornen Sohn Gottes, unsern Herrn.

Seitdem sind allbereits 1800 Jahre verstrichen und der Sohn Gottes hat fortgefahren in Wundern und Zeichen durch seine gläubigen Heiligen und durch starke Fürsorge für seine von ihm gestiftete Kirche sich zu bezeugen, und so ist es noch immer glaubwürdiger worden, daß er der wahre eingeborne Sohn Gottes, unser Herr und einziger Heiland sei. Und doch – statt zu, nimmt der Glaube an ihn immer mehr ab, und gerade wir leben jetzt in einer Zeit, in welcher der Unglaube in haarsträubender Weise regiert. Man leugnet ganz offen in Büchern die Gottheit Jesu Christi; und die solches tun, werden noch für gescheite, für gelehrte Leute angesehen und ausposaunt. In den hohen und niederen Schulen wird Christus kaum mehr genannt, sein Kreuzbild haben sie aus den Schulen gewiesen, Spottbilder in Druck und Farben machen ihn der schaulustigen Menge lächerlich und seine Kirche und seine Gebote und Festtage werden malträtiert, als wäre er ein depossedierter (= entthronter, abgesetzter) Fürst und nicht unser Herr und Gott.

Und so ist auch der zweite Plan der Liebe Gottes für die Weltgeschichte bei weitem nicht an allen Menschen ausgeführt worden. Nur diejenigen, die an den Gottmenschen glauben und ihm folgen, werden umgestaltet, neu gemacht, erhöht und verherrlicht; aber die große Mehrzahl, die nicht glaubt an ihn, bleibt im Tode der Sünde für Zeit und Ewigkeit. Was jetzt auf der Welt geschieht, ist demnach nicht die Weltgeschichte, wie sie Gott in seiner Erbarmung gewollt hat; sondern es ist viel, ja leider gar sehr viel darin, was nur der verkehrte Mensch gegen Gott will und tut, weil eben nur der kleinere Teil an Christus glaubt, der größere nicht. Und so ist es ein wahres Wort, was einer geschrieben hat, der selber doch nicht an Christus geglaubt hat: „Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschen-Geschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Kampf des Unglaubens und Glaubens.“ (Goethe) –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Wanderbuch für die Reise in die Ewigkeit, I. Band, Erster Teil. Wo gehst du hin?, 1883, S. 61 – S. 71

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