Schilderung des Lebens der ersten Christen

Schilderung des Lebens der ersten Christen (Apg. 2, 42-47)

Sie beharrten aber in der Lehre der Apostel (1), in der Gemeinschaft des Brotbrechens (2) und im Gebet. Es überkam aber jegliche Seele Furcht; und viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel in Jerusalem, und es war eine große Furcht unter allen. (3) Es waren aber alle Gläubigen beisammen und hatten alles gemeinschaftlich. Ihr Hab und Gut verkauften sie und teilten davon allen mit, je nachdem ein jeder bedürftig war. Täglich auch kamen sie einmütig im Tempel zusammen (4), und in den Häusern Brot brechend, nahmen sie Speise mit Freude und in Einfalt des Herzens. Sie priesen Gott und waren bei dem ganzen Volk beliebt. Der Herr aber vermehrte täglich die Zahl derer, die das Heil gewannen.

Die Agapen oder Liebesmahle

Daß hier nicht gesagt werden soll, die Christen hätten überhaupt Mahlzeiten gehalten, liegt auf der Hand; auch die Feier der heiligen Geheimnisse kann nach dem Zusammenhang mit dem Vorausgehenden, wo hiervon schon die Rede war, und dem Folgenden, was deutlich auf Mahlzeiten zur Erquickung des Körpers hinweist, nicht gemeint sein. Es handelt sich um die Agapen oder Liebesmahle der ersten Christen, die uns auch durch 1. Kor. 11, 18-34 und durch Tertullian (Apolog. 39) hinreichend bezeugt sind. Sie gingen ursprünglich der Feier der heiligen Eucharistie voraus, wurden aber bald davon getrennt und am Ort des Gottesdienstes oder sonst in Privathäusern gehalten. Dieselbe Liebe Gottes, die die Christen lehrte, mit so großem Eifer einmütig im Tempel Gott zu preisen, führte sie auch ohne Unterschied des Standes zu gemeinschaftlichen Mahlzeiten zusammen, um der Liebe, die sie untereinander hatten, Ausdruck zu geben. Wegen verschiedener Ausartungen wurde später die Abhaltung der Agapen in den Kirchen untersagt, besonders von dem hl. Ambrosius und dem hl. Augustinus. Vom 5. Jahrhundert an wird die Speisung der Armen bei besonderen Festlichkeiten Agape genannt.

Die Liebestätigkeit der ersten Christen zu Jerusalem

Nur wenn man aus dem Gesamtbild, das uns die Apostelgeschichte vom Leben der ersten Christen zeichnet, die Stelle: „sie hatten alles gemeinschaftlich und verkauften Hab und Gut und teilten davon allen mit“ (5), heraus nimmt und ohne Rücksicht auf das Ganze erklärt, kann man behaupten, daß der christlichen Urgemeinde in Jerusalem Aufhebung des Privateigentums und Gemeinsamkeit des Besitzes im Sinne des modernen Kommunismus wesentlich eigen gewesen sei. Beachtet man aber den Zusammenhang, so stellt sich solche Auslegung obiger Worte als völlig verkehrt dar.

Denn 1. auf die Frage der Juden „Was sollen wir tun?“ nach der Pfingstpredigt des hl. Petrus antwortet der Apostelfürst mit den klaren Worten: Buße und Taufe; aber nicht verlangt er Verzicht auf das Privateigentum; mithin kann dies nicht wesentlich gewesen sein.

2. Es wird ausdrücklich bezeugt, daß der Privatbesitz noch fortbestand. Petrus sagte zu Ananias: „Blieb er (der Acker) nicht unverkauft dein eigen? Und als er verkauft war, hattest du nicht Macht, mit dem Geld zu tun, was du wolltest?“ (6)

3. Wir sehen auch deutlich, daß nicht aller Besitz gemeinsam etwa durch das Apostelkollegium verwaltet wurde, sondern daß viele Gläubige, die nach dem Rat und Beispiel Christi besondere Vollkommenheit üben wollten, ihr Hab und Gut verkauften und freiwillig den Erlös den Aposteln brachten zur Verteilung an die Armen und Dürftigen.

4. Es fand auch nicht, wie der Kommunismus will, eine gleiche Teilnahme aller an Gemeinbesitz statt, sondern eine Verteilung der eingegangenen Gaben, und zwar „je nachdem einer bedürftig war“ (7). Die fraglichen Worte „sie hatten alles gemeinschaftlich“ sind also nicht einseitig zu pressen und buchstäblich zu verstehen, sondern sie sind aufzufassen als Ausdruck der Gesinnung, welche die ersten Christen zu Jerusalem beherrschte. Sie finden ihre nähere Erklärung durch die andern Worte: „Keiner sagte, daß etwas von dem, was er besaß, sein eigen sei“, d. h. jeder betrachtete sich als Glied einer großen Familie und war bereit, in ausgiebigster Weise dem dürftigen Bruder zu helfen; jeder Besitzende fühlte sich so gestimmt, daß er die Kluft zwischen reich und arm, soviel an ihm lag, zu überbrücken gern bereit war. Während der Kommunismus eine Forderung des Egoismus ist, die man in die einfache Formel gekleidet hat: „Bruder, was dein ist, ist mein“, ist hier die Rede von einer Übung der hochherzigsten und edelsten Liebe, die ihren Ausdruck findet in dem Satz: „Bruder, was mein ist, ist dein.“ (8) (Vergleiche dazu auch den Beitrag: E. Cahill SJ, Der idealistische Kommunismus sowie den Beitrag vom selben Autor: Kritik des idealistischen Kommunismus)

Anmerkungen:

(1) Im eifrigen Anhören und Befolgen des durch sie gepredigten Wortes Gottes.
(2) In der Feier des heiligen Opfermahles Jesu Christi, d. h. der heiligen Messe und Kommunion, wie es der Heiland befohlen. „Brotbrechen“ ist überhaupt im christlichen Altertum der besondere Ausdruck für die ganze eucharistische Feier. Vgl. auch Apg. 20, 7 u. 11; 1. Kor. 10, 16; Didache 9, 3; Ignatius Antioch. Ad Eph. 20. Vgl. auch KHL I 750f.
(3) Dadurch war einstweilen feindliches Entgegentreten verhindert.
(4) Obwohl die Christen ihren eigenen Gottesdienst hatten, blieb ihnen doch der Tempel, solange er stand, eine von Gott selbst geheiligte Stätte, und die religiösen und gottesdienstlichen Gebräuche der Juden blieben ihnen heilig und ehrwürdig als die von Gott angeordneten Vorbilder und Vorbereitungen des Neuen Bundes, und zwar so lange, bis Gott selbst durch Zerstörung Jerusalems und des Tempels sie beseitigte.
(5) Apg. 2, 44; vgl. 4, 32.
(6) Apg. 5, 4.
(7) Apg. 2, 45.
(8) Sehr schön und ausführlich handelt hierüber A, Winterstein, Die christliche Lehre vom Erdengut nach den Evangelien und apostolischen Schriften, Mainz 1898, 110ff; neuestens E. Baumngartner, Der Kommunismus im Urchristentum, in ZKTH 1909, 625ff. – Auch Weizsäcker (Apostol. Zeitalter 46) sagt kurz und treffen: „Nicht Gütergemeinschaft, sondern Armenhilfe wurde gepflegt.“ –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der biblischen Geschichte Bd. 2, 1910, S. 631 – S. 633

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