Papst Johannes XXII und die Spiritualen

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Der Kampf Papst Johannes XXII. gegen die Erhebung der Spiritualen

Indessen war der kirchenpolitische Kampf nur dadurch so heftig geworden, daß innerkirchliche Kämpfe mit demselben zusammengefallen waren. Auf Ludwigs Seite schlugen sich die Minoriten, welche damals dem Papst im Streit über die Ausübung der Armut den Gehorsam verweigerten.

Der Minoritenorden

Dem Minoritenorden als solchem bewies Johannes XXII. stets ein großes Wohlwollen, Minoriten waren seine Boten in Frankreich und Italien, seine Glaubensboten in der Heidenwelt, und Ludwig der Bayer selbst warf ihm eine zu große Begünstigung der Minoriten vor (Nürnberger Appellation). Dies hielt ihn nicht ab, in die Streitigkeiten derselben als unparteiischer Richter einzugreifen. Er kannte die Streitpunkte genau, und ihm mißfiel die Zwietracht im Orden. Auf Ansuchen des Ordensgenerals Michael von Cesena untersagte der Papst den Spiritualen das Tragen der kurzen Kleider und gebot ihnen, sich in Allem nach dem Urteil des Generals zu richten und sich in die ihnen angewiesenen Convente zu begeben; ebenso verwarf er (Gloriosam ecclesiam, 23. Januar 1318; Befehl einer neuen Publikation vom 5. Dezember 1329) die Irrtümer einer Gruppe von 74 Spiritualen, welche gegen die Bulle Quorundam, als gegen die Regel gerichtet, protestierten. Von diesen blieben 25 hartnäckig und flohen nach Neapel und Sizilien, einige gingen sogar zu den Mohammedanern über, vier wurden durch Michael von Cesena im Auftrag des Papstes zu Marseille 1318 zum Feuertod verurteilt. Gegen die Spiritualen richtete sich auch die Bulle Sancta Rom. Et univ. ecclesia (vom 28. Dezember 1318), und endlich verurteilte der Papst noch die Hauptschrift des Petrus Johannes Olivi, die Postille zur Apokalypse (8. Februar 1326). Hiermit war die Kraft der Spiritualen, als der extremen Partei, gebrochen.

Neue Zwistigkeiten

Doch nun erhoben sich innerhalb der Kommunität selbst neue Zwistigkeiten. Nachdem Johannes durch die Bulle Quia nonumquam (26. März 1322) die Erörterung der Regel wieder freigegeben hatte, erklärte, entgegen der Auslegung des Generalkapitels von Perugia, die Bulle Cum inter nonnullus (12. November 1323) es für Häresie, zu behaupten, daß Christus und die Apostel weder im Einzelnen noch in der Gemeinschaft Eigentum besessen hätten. Danach lag also die Vollkommenheit nach dem Evangelium gar nicht in der äußeren Armut; der Orden bedurfte, auch wenn er diese Vollkommenheit erstrebte, Eigentum besitzen. (Da im Orden die Richtung überwog, welche die erlangten päpstlichen Indulte frei auslegte und stets neue Indulte anstrebte, so fügten sich auch die Meisten. Es gab aber auch eine kleine Zahl von solchen, welche auf dem Boden der früheren Indulte feststehen wollten, jetzt aber den Orden selbst bedroht glaubten und aus Haß gegen den Papst sich mit den Resten der Spiritualen verbanden.

Doch waren es gerade die gelehrtesten Männer des Ordens, Michael von Cesena, Ockham, Bonagratia, der Verfasser der Chronik De gestis Fraticellorum, die jetzt mit dem Spiritualen Uberto von Casale zusammen kämpften. Mächtige Beschützer fanden sie nun nicht bloß an den Königen von Neapel und Frankreich, sondern vor allem an Ludwig dem Bayern, der sie in seinem Kampf mit dem Papst als taugliche Werkzeuge benutzen wollte. Das Manifest, welches Ludwig am 22. Mai (?) 1324 zu Sachsenhausen erließ, und worin er den Papst als Ketzer bezeichnete, zeigte nicht bloß Ludwigs Bund mit den aufständischen Elementen in der Kirche, sondern auch die Verbrüderung der Spiritualen mit Bonagratia. Gegen sie richtete der Papst seine Bulle Quia quorundum (10. November 1324) und entbot Michael, Ockham und Bonagratia an seinen Hof. Ihre Flucht zu Ludwig (26. Mai 1328) und ihre wiederholten Appellationen machten ihre schon älteren Beziehungen zu Ludwig offenbar; so folgte ihnen die Exkommunikations-Bulle (6. Juni 1328), und auf ihre Appellationen an ein Konzil erging 16. November 1328 die Bulle Quia vir reprobus, eine der längsten, die je erlassen worden sind. Der Papst faßte in ihr den ganzen Verlauf des Streites und die Streitpunkte zusammen, und der Erfolg war durchschlagend. Es ward Michael von Cesena seines Amtes entsetzt, die Absetzung vom Generalkapitel zu Paris bestätigt und Gerhard Odonis zum General gewählt. Der Papst hatte durch seine Entscheidung die aufrührerische Bewegung im Orden gebrochen und das Ansehen der Kirche gegenüber den Anmaßungen eines Teiles des Ordens, das Ansehen des Evangeliums gegenüber der übertriebenen Hochschätzung der Regel, die Bedeutung der Armut im Geiste gegenüber einer bloß äußeren Armut wiederhergestellt. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 6, 1889, Sp. 1586 – Sp. 1588

Bildquellen

  • Hattler Das Leiden Der Kirche: Bildrechte beim Autor

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