Die Seinen nahmen ihn nicht auf

Maria und Joseph suchen Herberge in Bethlehem: Während Maria müde auf der Stufe sitzt, den Kopf auf den Arm gestützt, fragt der hl. Jospeh an der Türe nach einer Herberge

Heiliger Abend: Er kam in das Seinige, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf

Es war die Zeit gekommen, wo sie ihren göttlichen Sohn gebären sollte. Natürlicher Weise wäre es ihr wohl am liebsten gewesen, wenn sie in diesen Umständen daheim in Nazareth hätte sein können. So arm es auch in ihrem Häuschen sein mochte, so hätte sie doch dem Sohne Gottes ein anständiges Plätzchen und Bettchen geben können; auch hätte ihr die freudige Teilnahme ihrer Verwandten an der gebenedeiten Geburt wohl getan, so wie es ihr erwünscht sein musste, bei dieser Gelegenheit nicht viel unter fremden Leuten zu sein. Aber es sollte unerwartet Alles ganz anders kommen. Gerade jetzt zur ungelegensten Zeit für sie kommt von der heidnischen Obrigkeit ein Gesetz heraus wegen der Steuerregulierung. Dadurch wird die jungfräuliche Mutter gezwungen, sich von Nazareth weg in ihre alte Heimat, an den ursprünglichen Sitz ihrer Familie zu begeben, um dort sich aufschreiben zu lassen. Dieser Familiensitz war Bethlehem, wo David, ihr königlicher Ahnherr, geboren war. Für die Reise dahin brauchte es ungefähr vier Tage. Eine so weite Reise zu kalter Winterzeit musste für sie notwendig mit allerlei Unbequemlichkeiten verbunden sein. Als sie in Bethlehem angekommen war, fand sich die züchtige Jungfrau mitten im Gedränge und im unvermeidlichen Lärm vieler Leute, die auch zur Schätzung gekommen waren. Das brachte ihr neue Unannehmlichkeiten. Nun musste sie mit Joseph ein Unterkommen für die Nacht suchen; denn es war bereits Abend geworden, als sie in Bethlehem ankamen. Aber sie fanden nirgends eine Herberge, weil Alles schon besetzt war. Überall wurden sie abgewiesen. Schon diese Härte ihrer Landsleute musste der Gottesmutter schwer zu Herzen gehen. Aber noch viel mehr schmerzte sie etwas Anderes.

Das Volk Israel erwartete mit Sehnsucht den verheißenen Messias, den „Sohn Davids“, das Heil der Welt. Maria trägt ihn, den Gottessohn und Menschensohn, in ihrem reinsten Schoß; wenige Stunden noch, und er sollte das Licht der Welt erblicken. Für ihn sucht sie, mehr noch als für sich selbst, einen würdigen Ort. Aber sie muss sehen, wie das Volk davon gar keine Ahnung hat und dem Gottmenschen für seine Ankunft keinen Platz gönnt. Daß die Leute von dem hohen freudigen Geheimnis der nahen Ankunft des Messias nichts wußten, wäre noch verzeihlich gewesen; aber unverzeihlich war ihre Lieblosigkeit und die Härte, mit welcher sie die beiden armen Eltern in die kalte Nacht hinaus gestoßen. Wie den guten Hirten in der Nähe der Stadt, würde auch gewiß jenen Leuten die „Freude für das ganze Volk“ verkündet worden sein, die aus natürlichem Mitleid und in Menschen-Freundlichkeit sie in ihr Haus aufgenommen hätten. Aber es fand sich Niemand. „Er kam in das Seinige, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ Diese Abweisung von allen Türen musste daher dem Mutterherzen Mariens sehr weh getan haben, und wie weh erst, als sie genötigt war, für ihr göttliches Kind als Geburtsort mit einem Stall vorlieb zu nehmen, wo das Vieh Unterstand und Fütterung fand, und statt einer Wiege eine Futterkrippe zu brauchen, in welche sie den König des Himmels und der Erde legen sollte. Denke jetzt an ihren lebendigen Glauben und an ihre glühende, zarte Liebe zu ihrem göttlichen Kind, und du wirst dir einigermaßen vorstellen können, wie bitter und traurig jener „heilige Abend“ für die Gottesmutter sein musste.

Aber sie, die weiseste Jungfrau, hat es verstanden, diese Stunden der Armut und Not zu Stunden großer Reichtümer zu machen. Sie betrachtet sie als fettes Erdreich, in das sie nur guten Samen auszusäen brauchte, um segenvolle Ernte zu bekommen; und tut es.

Sie glaubt und weiß, daß Alles, was ihr an jenem Abend begegnet, nach Gottes weisester Absicht und heiligstem Willen oder Zulassung geschieht, und zwar nur zu ihrem eigenen Besten. In Folge dessen nimmt sie Alles als von Gottes väterlicher Hand geschickt an, erträgt es in Liebe und kindlichem Vertrauen zu ihm ohne Klage, ohne Murren, in demütiger Hingebung an seine Anordnung, opfert es ihm mit dem Opfer ihres göttlichen Sohnes auf zum Heil der Welt, und macht so jene Schmerzens-Stunden zum schönsten Gottesdienst, den sie nur immer in dieser Lage verrichten konnte. Ihr heiligstes Herz veredelt Alles in der Feuerglut seiner Liebe, wie die untergehende Sonne die rauhen, steilen Felsspitzen vergoldet zum herrlichsten Alpenglühen. So gereicht ihr der Befehl der Obrigkeit, die Beschwerlichkeit der Reise, die harte Abweisung von allen Türen, das Ungemach der Jahreszeit, die Armseligkeit ihrer Unterkunft in dem Stall, kurz Alles gereicht ihr zum Besten, weil sie Gott liebt und für ihn alles still und ergeben duldet. So wird jeder Augenblick reich an Verdienst, und jedes Verdienst reich an Gnade und Lohn. Sie erntet reichlich, was sie ausgesät. Ein Teil jener unaussprechlichen Seligkeit, welche sie im Himmel genießt, schreibt sich von jenen bitteren Stunden in Bethlehem her. – Auf diese Weise feierte damals unsere Königin den ersten „heiligen Abend“. –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Christkatholisches Hausbrod für Jedermann, der gut leben und fröhlich sterben will., II. Band, VI. Teil, 1892, S. 81 – S. 83

Bildquellen

  • Hattler Maria Und Josef Suchen Herberge: Bildrechte beim Autor

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