Leichtigkeit in der Unterrichtung im Glauben

Die heiligen drei Könige (Magier) mit ihren Begleitern sehen den Stern am Himmel, in dem sie das Jesuskind sehen; in dem Bild schaut man in die weite Landschaft

Die Leichtigkeit in der Unterrichtung im Glauben

Die Belehrung der Magier

Geschichte des Kämmerers der Königin Kandace

4. Die Leichtigkeit, womit die Magier in den Geheimnissen der Religion unterrichtet wurden, ein Vorbild der Leichtigkeit, womit die Christen in der Schule des Glaubens unterrichtet werden. Die weltliche Weisheit fordert lange Studien. Wenige Augenblicke genügen der demütigen Seele, um göttliche Weisheit sich zu erwerben. Geschichte des Kämmerers der Königin Kandace.

Erinnern wir uns wieder an das, worauf wir in diesem Buche schon so oft hingewiesen haben, daß nämlich Jesus Christus bei seiner Offenbarung an die Magier nicht allein diese vor Augen hatte, sondern auch uns Alle, die wir nach ihnen zum Glauben kommen würden. Sind uns auch die Magier der Zeit nach zuvorgekommen, so stehen sie doch, was die Fülle der wunderbaren Gnaden, die sie empfingen, betrifft, nicht über uns.

Diese wunderbare, in so kurzer Zeit vollendete Offenbarung an die Magier wurde also nicht bloß zum Ruhme ihres Glaubens, sondern auch zur Ehre unseres Glaubens, der dem ihrigen ganz ähnlich ist, ausgezeichnet. Dasselbe behauptet auch der gelehrte Haimon: Durch das Wunder des Sternes, welcher die Magier erleuchtet, wurde das Wunder der Glaubensgnade, die den Menschen zuvorkommt, sie ebenso leicht und ebenso schnell unterrichtet, und endlich zu den Füßen Jesu Christi führt, vorgebildet.

Vorzug der Lehrweise des wahren Glaubens

Wir sehen darin das erste charakteristische Merkmal, den ersten Vorzug der Lehrweise des wahren Glaubens vorgebildet: daß sie für Alle leicht und schnell faßbar ist. Gleichwie sie, ähnlich ihrem Urheber, dem göttlichen Erlöser, nicht in Beweisen, sondern in Autorität auftritt und lehrt: „wie einer, der Macht hat“; gleichwie sie nicht disputiert, sondern gebietet und, weil sie Menschen anvertraut ist, die sie nicht fälschen können, im Namen Gottes spricht: „So ist es; so müsst ihr glauben“: Fides ex auditu; so verlangt sie auch keine große Erhebung des Geistes, sondern nur große Gelehrigkeit des Herzens. Wenige Augenblicke genügen, um die gläubige Seele über jede Wahrheit zu unterrichten.

Es genügt, das apostolische Glaubensbekenntnis zu kennen und zu verstehen; die heiligen Sakramente zu kennen und sie empfangen zu wollen; die zehn Gebote zu kennen und sie erfüllen zu wollen, und man kann sogleich zur Taufe zugelassen werden und die reiche Erbschaft der Wahrheit und der Gnade Jesu Christi antreten. Und um diese Wahrheiten kennen zu lernen, dazu sind unter der Vermittlung des Lehramtes der Kirche, in der sie niedergelegt sind, nur wenige Tage, oft auch nur wenige Augenblicke nötig. Dies ist der Fall auch bei dem zartesten Alter, auch bei dem schwachen Geschlecht, auch bei den ärmlichsten Lebensverhältnissen, bei dem unwissendsten und ungebildetsten Verstand.

Deshalb wird, wie wir schon früher gezeigt haben (Dritte Lesung, Nr. 6.), mit Recht in der heiligen Schrift die Lehre des Glaubens unter dem Sinnbild des Lichtes dargestellt, um uns dadurch anzuzeigen, daß man die Wohltat des Glaubens, das Licht der Seelen gerade so mit der größten Leichtigkeit, ohne Studium, ohne Mühe und großen Zeitaufwand genießen könne, wie die Wohltat des materiellen Lichtes. Gleichwie der Naturforscher, der sich bemüht, das geheimnisvolle Wesen und die Erscheinungen des Lichtes zu verstehen, aus seinen langwierigen Studien keinen anderen Vorteil zieht, als den, daß er darüber reden und disputieren kann, aber deshalb nicht auch besser sieht; gleichwie er, wenn er in Folge seines vielen Lesens und Studierens das Sehorgan schwach, bei all seiner Wissenschaft vom Licht so noch weniger sieht, als der Ungelehrte, so zieht auch der Theologe, der sein ganzes Leben damit zubringt, die Geheimnisse der übernatürlichen Ordnung zu durchdringen, aus seinen tiefen Studien keinen andern Gewinn, als den, daß er von der wahren Religion besser reden, sie besser erklären und verteidigen kann; aber er glaubt nicht mehr und nicht besser, als der einfache Gläubige auch glaubt. Im Gegenteil, wenn er in Folge seines Denkens und Spekulierens sich selbst gefällt, sich aufbläst, das Laster des Stolzes in seinen Geist, der gleichsam das Organ des Glaubens ist, einschleichen läßt, so wird er weniger glauben, als der Ungelehrte, wie schon Laktantius bemerkt hat: Gar oft haben die gelehrten Männer, je größer die Ausbildung ihres Geistes ist, desto weniger Glauben im Herzen; glauben wenigstens mit weniger Einfalt, mit geringerer Vollkommenheit: Homines litterati minus credunt.

Der Geist unter dem Gehorsam des Glaubens

Vernehmen wir hierüber auch die wunderschönen Worte des heiligen Leo, welcher sagt: Um den höchsten Gipfel christlicher Weisheit zu erreichen, dazu gehört weder die Kunst im Reden, noch die Erfahrung im Disputieren, noch auch das Verlangen, sich Ruhm und großen Namen zu verschaffen, sondern dazu ist jene aufrichtige und freiwillige Demut des Geistes und des Herzens erforderlich, die uns Jesus Christus vom Schoße seiner Mutter an bis zum Holz seines Kreuzes fortwährend durch Wort und Beispiel empfohlen hat. Jesus Christus liebt die Einfalt der Kindheit; darum wurde er vor Allem als Kindlein an Körper und an Geist geboren. Er hat deshalb an der Kindheit seine Lust und Freude, weil sie das Muster der Unschuld, das Modell der Sanftmut, die Lehrerin der Demut ist. Darum ermahnt uns auch der heilige Paulus: Bemühet euch, Kinder zu werden, nicht durch Kleinheit der Glieder, sondern durch Einfalt des Geistes.

Darum wiederholen wir, was man nicht oft genug wiederholen kann: Die menschliche Wissenschaft ist nicht nur keine notwendige Vorbedingung, um an dem göttlichen Glaubenslicht Teil zu nehmen, sondern oft sogar ein Hindernis, das man wegräumen, ein Vorzug, dem man entsagen muss. Der Geist muss sich ganz unter den Gehorsam des Glaubens beugen. So haben es nach dem Beispiel der Magier, die zur Einfalt der Hirten herab stiegen, auch die Väter der Kirche gemacht: wie Dionysius, Cyprian, Irenäus, Hilarius, Basilius, Gregor, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Chrysostomus, Leo, Thomas von Aquin.

Sie waren ohne Zweifel die größten Geister, die je die Erde gesehen hat; und doch haben sie sich durch die Vollkommenheit ihres Glaubens bis zur Einfalt der Kinder gedemütigt. Sie waren groß und bewunderungswürdig durch ihr Wissen, aber noch größer waren sie durch das Wunder ihres Glaubens. Ja gewiß, in der Schule Jesu Christi macht die Seele um so größere Fortschritte, je besser sie ihre eigene Armseligkeit erkennt; sie kommt durch Beten zur Erkenntnis, durch Verdemütigung zur Hoheit, durch Selbstverkleinerung zur Größe; sie studiert, ohne zu lesen; lernt, ohne zu disputieren; lernt um so mehr, je demütiger sie ist; lernt um so schneller, je gehorsamer sie ist.

Beispiel Bekehrung des Äthiopiers

Das schönste und tröstlichste Beispiel für diese Behauptung bietet uns die Apostelgeschichte (Apg. 8) dar. Jahre lang schon zerbrach sich jener gute Äthiopier, der Diener des Hauses der Königin Kandace, den Kopf, um die Weissagungen und die Verheißungen, die in der heiligen Schrift enthalten sind, zu verstehen. Er war kein Jude, wohl aber Proselyt, das heißt, er gehörte zu jenen Heiden, welche an den Einen wahren Gott der Juden glaubten, und darum kam er alljährlich aus dem tiefen Äthiopien nach Jerusalem, um dort im Tempel Gott anzubeten. Er war kein armer Mensch, kein Müßiggänger, sondern ein hoher Beamter, der nebst Reichtum auch einen großen Wirkungskreis, Macht und Ansehen besaß: Vir Aethiops, Eunuchus potens Candacis reginae Aethiopum, qui erat super omnes gazas ejus: venerat adorare in Jerusalem. Und doch forschte er immer in den prophetischen Büchern der Juden und zwar mit solcher Beharrlichkeit und solchem Eifer, daß er selbst auf der Reise in seinem Wagen die heilige Schrift las und studierte: Revertebatur sedens super currum suum legensque lsaiam prophetam. Dieses aufrichtige und standhafte Verlangen, von dem dieser glückliche Heide beseelt war, die Wahrheit kennen zu lernen, vertrat vor den Augen des gütigen Gottes, der nur gesucht und verlangt sein will, um sich finden, erkennen, lieben, besitzen zu lassen, die Stelle demütigen und herzlichen Gebetes. Darum gab der heilige Geist, der Geist des Lichtes und der Liebe, dem heiligen Diakon Philippus, der zu Fuß dieselbe Straße ging, ein, er solle sich dem Wagen jenes vornehmen Mannes nähern und ihn begleiten, um ihn zu belehren und zu unterrichten. Dixit autem Spiritus Philippo: Accede, et adjunge te ad currum istum. Da sich nun Philippus dem Wagen des Kämmerers näherte, hörte er ihn mit lauter Stimme den Propheten Isaias lesen. Er unterbrach die Lesung und sprach:

„Guter Freund! Glaubst du wohl, daß du das, was du liesest, auch recht verstehest? Accurrens Philippus audivit eum legentem lsaiam prophetam; et dixit: Putasne intelligis quae legis? „Wie soll ich das können“, antwortete der Äthiopier, „da ich Niemanden habe, der mir dieses göttliche Buch erklärt? Darum bitte ich dich, steige auf, setze dich zu mir und unterweise mich“: Quomodo possum, si non aliquis ostenderit mihi? Rogavitque Pbilippum ut ascenderet et sederet secum. O guter Gott! Welch` ein brennendes Verlangen hat dieser Mann, die Wahrheit kennen zu lernen! Welche Demut des Geistes! Welche Reinheit des Herzens! Er schämt sich nicht, sich selbst unwissend zu bekennen und der Schüler eines Unbekannten zu werden. Er, die hohe, vornehme Person, nimmt keinen Anstand, einem Juden in ärmlichem Gewand, dem er zufällig begegnet, in seinem reichen Wagen Platz anzubieten und öffentlich in seiner Gesellschaft zu reisen. War es möglich, daß eine so edle Seele, die so wohl zubereitet war, von dem Gott der Barmherzigkeit nicht das Licht des wahren Glaubens Jesu Christi erhielt, wonach sie mit solcher Sehnsucht verlangte?

Die Stelle des Propheten Isaias, bei deren Lesung der Kämmerer stand, ohne ihren Sinn zu verstehen, war diese: „Wie ein Schaf wird er zur Schlachtbank geführt, und wie ein sanftmütiges Lamm, das unter der Schere des Hirten, der ihm die überflüssige Wolle abschneidet, keine Stimme hören läßt, so wird auch Er während seiner Opferung den Mund nicht öffnen“: Locus autem scripturae, quem legebat, erat hic: Tanquam ovis ad occisionem ductus, et sicut agnus coram tondente se non aperuit os suum. Zum heil. Philippus sich wendend, bat nun der Äthiopier: „Wohlan! erkläre mir diese Stelle und sage, wovon der Prophet hier spricht? von sich selbst oder von Jemand Andern?“ Respondens autem Eunuchus Philippo dixit: Obsecro te, de quo Propheta dicit hoc? de se an de alio aliquo? Hierauf erklärte ihm Philippus zuerst diese Stelle, und zeigte ihm dann, daß diese, wie alle anderen Weissagungen, die in der heiligen Schrift enthalten sind, sich auf Jesus Christus, den wahren Messias und Heiland der Welt, sich beziehen, und daß sie erst vor kurzer Zeit in Jerusalem in Erfüllung gegangen seien. Er sprach dann weiter vom Leben und vom Tod Jesu Christi, von seiner Auferstehung und Verherrlichung, von seiner Gottheit, von seinen Geboten und seinen Sakramenten; kurz, er unterrichtete ihn in der ganzen christlichen Religion: Aperiens autem Philippus os suum, et incipiens a scriptura ista evangelizavit illi Jesum.

Der gute Äthiopier hörte die Belehrung des Gesandten Gottes mit der größten Aufmerksamkeit, mit der tiefsten Sammlung, mit unaussprechlicher Freude an; und die Gnade des göttlichen Lehrmeisters Jesus Christus wirkte im Innern seines Herzens, während sein Schüler zum leiblichen Ohr sprach; und so fühlte denn der gute Mann allmählich die Erleuchtung seines Geistes und im Herzen ein brennendes Verlangen, Christ zu werden. Und weil die wahre Liebe Gottes und das wahre Verlangen nach dem ewigen Heil keine Zögerung, keinen Zeitverlust kennt, so sprach der Kämmerer, als sie in die Nähe eines Flusses gekommen waren, mit einer Stimme, die seine heilige Ungeduld, die volle Begeisterung seines Herzens und die Kraft seines Glaubens verriet, zu Philippus: Wenn Alles so ist, wie du sagst, siehe, da ist Wasser, warum taufest du mich nicht? was steht entgegen, mich zum Christen zu machen? Dum irent per viam, venerunt ad quandam aquam, et ait Eunuchus: Ecce aqua, quid prohibet me baptizari? Philippus antwortete: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, was ich dir gepredigt habe, dann steht kein Hindernis im Wege: Si credis ex toto corde, licet. Ja freilich, entgegnete der Eunuch mit einem Gefühl der lebendigsten Überzeugung und in heiliger Glaubensbegeisterung, ich glaube Alles, und insbesondere glaube ich, daß Jesus Christus der wahre Sohn Gottes ist: Et respondens ait: Credo filium Dei esse Jesum Christum. Indem er so sprach, ließ er den Wagen anhalten, stieg in das Wasser und empfing von Philippus die Taufe: Et jussit stare currum, et descenderunt uterque in aquam Philippus et Eunuchus, et baptizavit eum. Nachdem hieraus der heilige Philippus, vom Geiste Gottes entrückt, um anderswo das Evangelium zu predigen, verschwunden war, setzte der glückliche Kämmerer seine Reise fort, außer sich vor Freude, daß er die große Gnade empfangen hatte, Jesum Christum kennen zu lernen und ein Christ zu werden: Ibat autem per viam suam gaudens.

In der Schule der wahren Religion

Hier haben wir einen Menschen, der nach kurzer Unterredung mit einem Diener Gottes mehr gelernt hat, als er die ganze Zeit seines Lebens hindurch durch eigenes Studium erlernt hatte; der in der Schule der wahren Religion mit einem Male belehrt, erleuchtet, gläubig wurde. So gehören also jahrelange, mühsame Studien dazu, um einen Philosophen, einen Weltweisen zu bilden, während wenige Augenblicke hinreichen, um einen Christen, der vor Gott der wahrhaft Weise ist, zu bilden. –
aus: Joachim Ventura, Exgeneral der Theatiner, Die Schönheiten des Glaubens oder: Das Glück, an Jesum Christum zu glauben und der wahren Kirche anzugehören, Fünfter Band, Zweiter Teil, 1855, S. 28 – S. 34

Bildquellen

  • Hattler Heilige Drei Koenige: Bildrechte beim Autor

Weitere Beiträge zur Dogmatischen Theologie

Päpste der Katakomben Hl Telesphorus
Friede den Menschen die guten Willens sind
Menü