Erste christliche Königin im Abendland

Die erste christliche Königin im Abendland – Hl. Chlotilde

Die erste unter diesen großen Königinnen ist die hl. Chlotilde, die größte und wunderbarste Erscheinung ihrer Zeit, welche sich um Frankreich, um Europa und die Kirche die meisten Verdienste erworben: sie bekehrte im Verein mit dem hl. Remigius, dem größten unter den Bischöfen Galliens, ihren wilden Gemahl zum Christentum, und wurde dadurch die wahre Gründerin der christlichen Monarchie und Nation dieses großen und mächtigen Reiches.

Gegen das Jahr 480 brach eine jener Schrecken erregenden Barbaren-Horden, welche damals über Europa hereinstürzten und, von Gottes strafender Hand geführt, die unreinen Überreste des Römerreiches vernichten sollten, aus den Ardennen hervor und stürzte sich auf die römische Provinz. Es war dies eine Horde Franken, ebenso stark an Zahl als fürchterlich an Kraft, unter einem jungen zwanzig-jährigen Anführer, Namens Chlodwig. Nichts vermochte ihm Widerstand zu leisten. Im römischen Gallien erscheinen und es erobern, war für ihn fast eines. Vielleicht ahnten diese Völker schon damals, daß Chlodwig nicht war, wie die anderen Barbaren-Häuptlinge; daß er zu ihnen gekommen sei, um aufzubauen, nicht um zu zerstören; und vielleicht unterwarfen sie sich ihm aus diesem Grunde fast ohne Schwertstreich. Die von Chlodwig unterworfenen Gallier waren fast lauter Christen, und er nicht. Sollte er daher den Besiegten volles Vertrauen einflößen und seine neue Eroberung fest gründen, so fehlte ihm etwas, nämlich das Bekenntnis des Christentums. Daran dachte er jedoch nicht, und noch weniger seine Franken, welche mit einem wahren Fanatismus an der Religion ihrer Väter hingen. Allein die Vorsehung hatte den großen und herrlichen Plan gefaßt, daß aus dieser Eroberung das erste christliche Königtum und die erste Missionars-Nation des Christentums hervorgehen sollte. Daher gewährte Gott dem Chlodwig und seiner Horde die Gnade des Glaubens, als sie am wenigsten daran dachten; und zur Ausführung dieses großen Ereignisses, durch welches das Angesicht des schönsten Teiles der Welt erneuert werden sollte, bediente er sich einer Frau, nämlich der hl. Chlotilde. Sie war eine Tochter Chilperihs und wurde von dessen Bruder Gundobald, dem König von Burgund, in Gefangenschaft gehalten. Ausgezeichnet durch großen Verstand und seltene Schönheit, hatte Chlotilde, was die Religion betrifft, sich schon in glänzender Weise bewährt. Ehe sie zum Apostel Frankreichs wurde, hatte sie Gott im Schoße ihrer eigenen Familie zur Märtyrerin des wahren Glaubens gemacht. Diese Familie war nämlich durch und durch arianisch, und gleichwohl gelang es ihr nicht, die junge Chlotilde für den Arianismus zu gewinnen. Sie siegte über alle Kunstgriffe der Verführung, womit man sie zu fangen suchte, und über alle Misshandlungen, welche die leidenschaftliche Wut über ſse verhängte. Die Hinterlage des nicänischen Glaubens, die sie von ihrer heiligen Mutter erhalten hatte, wußte sie unversehrt zu bewahren und blieb stets eine eifrige Katholikin; das Volk erwies ihr die größte Verehrung; die Bischöfe schenkten ihr unbedingtes Vertrauen und volle Zuneigung.

Chlotilde heiratet den heidnischen Chlodwig

Als sie daher Chlodwig in Soissons heiratete, schöpften die Gallier aus dieser ehelichen Verbindung große Hoffnungen, und sie täuschten sich nicht. Wirklich zeigte sie, nach dem Zeugnis Gregors von Tours, der diese wichtigen Ereignisse erzählt, am Hofe dieses heidnischen und von Heiden und Irrlehrern umgebenen Königs, in Betreff des Christentums und der in Nicäa entschiedenen Fragen ebenso ausgedehnte als tiefe Kenntnisse und bekämpfte die falschen Götter der einen und den Arianismus der andern mit der Festigkeit eines großen Apologeten und mit der theologischen Wissenschaft eines Kirchenvaters. Es ist dies nichts Auffallendes in einer Zeit, wo in Folge des damals herrschenden guten Geistes auch die Frauen zum ernstlichen Studium der Religion angehalten wurden und zwar mit solchem Erfolg, daß es mehrere Frauen gab, welche eine tiefe Kenntnis in der katholischen Theologie beſaßen, bisweilen sogar eine tiefere als die Männer. „Ja, ja,“ sprach sie oft zu ihrem königlichen Gemahl, „ich werde es dir immer und immer wieder sagen: die Götter, welche du anbetest, sind nichts; sie können weder sich selber noch anderen helfen: denn sie sind aus Holz oder Stein oder Metall. Diejenigen, deren Namen man ihnen gegeben, waren nur Menschen, und zwar verbrecherische Menschen. Den Schöpfer der Welt, der mit seiner Hand den Menschen gebildet und ihm alle Geschöpfe unterworfen hat, ihn müssen wir anbeten.“

Die christlichen Tugenden der hl. Chlotilde

Chlodwig hatte Chlotilde wegen der Schönheit ihrer Seele, wodurch ihre körperliche Schönheit noch erhöht wurde, in hohem Grade lieb gewonnen. Allein er liebte sie nicht nur als seine Gattin, er achtete sie auch, als wäre sie seine Gebieterin; er verehrte sie sogar, weil er etwas Himmlisches, etwas Übernatürliches und Göttliches an ihr erblickte, das er noch an keiner Frauensperson bemerkt hatte. Es war dies jener äußere Anstand von Ruhe, Adel, Größe, Unabhängigkeit, welchen die Frau aus der Wahrheit des Glaubens, aus den Reichtümern ihrer unsterblichen Hoffnungen und aus dem vom wahren Christentum eingeflößten Gefühl ihrer Würde schöpft. Es war dies der durch den Leib hindurch scheinende Reflex der heiligenden Gnade, des wahren Lichtes der Seele, welches auf der Stirne der katholischen Frau leuchtet, und allen ihren Zügen und all ihrer äußeren Anmut eine Herrschergewalt verleiht, deren Wirkungen selbst dann empfunden werden, wenn man die Ursache davon nicht kennt; die selbst der Barbarei Ehrfurcht einflößt und nicht selten sogar die Grausamkeit entwaffnet. Trotz seiner wilden Natur, trotz seines unbeugsamen Charakters, trotz seiner starren Anhänglichkeit an das Heidentum, fing Chlodwig gleichwohl an, die Wahrheit des Christentums zu fühlen, das ihm Chlotilde predigte; er achtete es, er bewunderte es an ihr, wenn er auch noch nicht den Mut hatte, es selber anzunehmen.

Die heilige Königin kniet vor einem großen Kruzifix, hält ein Baby im Arm und reicht es dem gekreuzigten Jesus hin; auf dem Tisch steht eine Vase mit einer Lilie.

Als nun Chlotilde einst ein Kind gebar und verlangte, daß es getauft werden sollte, so widersetzte sich Chlodwig ihrem Wunsche nicht. Einige Tage nach der Taufe starb das Kind. Dieser Schlag machte den abergläubischen Heiden in seiner Hinneigung zum Christentum wankend, und er sagte zur Königin: „Hätte man das Kind dem Namen der Götter geweiht, so wäre es nicht gestorben; weil es aber auf den Namen deines Gottes getauft wurde, konnte es nicht leben.“ Und die Königin antwortete: „Ich sage dem allmächtigen Gott und Schöpfer aller Dinge Dank, daß er mich für würdig gehalten, die Frucht meines Leibes seinem himmlischen Reiche einzuverleiben; und da ich weiß, daß die im Taufgewande Abberufenen zur Anschauung Gottes gelangen, so ist mein Herz über den Tod Ingomers (so hieß das Kind) auch nicht betrübt.“ Bald darauf bekam sie einen andern Sohn, den sie ebenfalls taufen ließ und Chlodomir nannte; er wurde krank, und der König sprach voll Unruhe zu seiner Frau: „Ach! er wird sterben, wie sein Bruder, weil er auf den Namen deines Christus getauft ist.“ Allein das Gebet seiner Mutter machte ihn wieder gesund; und der König schämte sich wegen der Vorwürfe, die er seiner heiligen Gattin gemacht hatte.

Die Bekehrung von Chlodwig zum christlichen Glauben

Gleichwohl gab er den dringenden Bitten Chlotildens, er solle den Götzen entsagen und an den wahren Gott glauben, noch nicht nach. Seine Bekehrung sollte die Wirkung eines jener Wunder werden, durch welche, wie der hl. Paulus sagt, Gott in seiner Güte die Ungläubigen zu sich ruft; und dieses Wunder geschah wirklich. Seine Armee zog gegen die Alemannen, und bei Zülpich kam es zur Schlacht. Allein der Feind war an Zahl dreifach überlegen, Chlodwig konnte nicht Stand halten; schon drohte seine Armee sich aufzulösen. Während jedoch Chlodwig, ein zweiter Josua, mit den Waffen gegen die Feinde des Volkes Gottes kämpfte, erhob Chlotilde, wie ein neuer Moses, ihre reinen Hände zum Himmel empor und kämpfte für dieselbe Sache durch die Wirksamkeit ihres Gebetes. Chlodwig war verloren, als ein Strahl himmlischen Lichtes ihn an den Gott Chlotildens erinnerte, und er mit der ganzen Glut seiner Seele zu ihm betete: „Jesus Christus, den Chlotilde als Sohn des lebendigen Gottes verkündigt, und von dem gesagt wird, daß er den Bedrängten helfe und den auf ihn Hoffenden den Sieg verleihe: ich rufe flehentlich deinen Beistand an und verspreche, an dich zu glauben und mich taufen zu lassen, wenn du mir den Sieg verleihest, und ich deine Macht erfahre; denn ob ich auch meine Götter angerufen habe, sie helfen mir nicht.“ Ein schönes und erhabenes Gebet! Wir sehen daraus, welche Vorstellungen von Jesus Christus Chlotilde ihrem Manne beigebracht, und wie sie bereits seine Seele bearbeitet hatte.

Der Gott, den sie ihm geoffenbart hatte, war nicht der Gott des Arius, der unter Gott stand und nicht einmal dem Worte nach Gott war; es war der Sohn des lebendigen Gottes, der Gott, dem ein anderes großes Weib, die hl. Martha, diesen Namen gegeben hatte. (Joh. 22.) Der Gott, welchen Chlotilde dem Chlodwig gepredigt hatte, war ferner der mildreiche Gott, der den Bedrängten hilft; der allmächtige Gott, der den auf ihn Hoffenden eine Stütze ist. O welch ein herrliches Schauspiel musste damals in den Augen der Engel diese Frau sein, welche auf solche Weise den Sohn Gottes verkündigte, den so viele Männer, sogar Bischöfe, mit aller Hartnäckigkeit nicht erkennen wollten! eine Frau, welche einem Barbarenkönig den wahren Gott und ſeine Religion verkündigte, und der es gelang, ihn zur Erkenntnis und Anbetung und Liebe dieses Gottes zu bewegen!

Kaum hatte Chlodwig sein Gebet beendigt, als die Alemannen, wie von einer unsichtbaren Macht getroffen, zurück weichen, flohen und sich ergaben. Der Glaube an den Gekreuzigten verschaffte dem Chlodwig den Sieg, wie einst Konstantin der Große mit seiner Kreuzesfahne die Feinde in die Flucht schlug. Chlodwig machte dem Krieg ein Ende, er vereinigte beide Völker und kehrte als glorreicher Sieger über seine Feinde und als noch glorreicherer über sich selber zurück. Denn seinem Versprechen getreu, sprach er zu seiner heiligen Gattin:
„Ich bin nun besiegt; ich bin jetzt bereit, die christliche Religion anzunehmen.“ Als Chlotilde dies vernahm, fiel sie, ganz außer sich vor Freude, auf die Knie nieder und dankte dem unsterblichen König der Ewigkeit für diesen Sieg, um welchen sie so viel gebetet und so viele Tränen vergossen, den die Gnade Gottes eben über Chlodwigs Geist davon getragen hatte. Dann stand sie auf und ordnete sogleich alles an, was zu seinem Unterricht und zu seiner Taufe notwendig war.

Der hl. Bischof Remigius bekehrt die Franken

Sie schrieb an den hl. Remigius, den großen Bischof von Reims, den berühmten Lehrer der Gallier, benachrichtigte ihn von dem Vorfall und bat ihn dringend, er möchte doch unverweilt an den Hof kommen. Bis zur Ankunft des heiligen Prälaten musste ein einfacher Priester, der hl. Vetastus, den Unterricht des Königs übernehmen; denn sie konnte es kaum erwarten, bis sie in dem innig geliebten Gatten einen Glaubensbruder umarmen durfte. Als Chlodwig während dieses Unterrichts die Leidensgeschichte Jesu Christi vernahm, rief er voll heiliger Entrüstung aus: „Ha! wäre ich mit meinen Franken dabei gewesen, ich würde ihn gerettet haben.“ Dieser kindliche Ausspruch war, ohne daß er es ahnte, eine glückliche Vorbedeutung, eine schöne Prophezeiung; denn von nun an wurde das Schwert der Franken und ihres Oberhauptes zur Verteidigung nicht des sinnlichen Leibes sondern des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi, der Kirche, gezogen.

Der hl. Remigius war dem Könige nicht ganz unbekannt. Zwar hatte ihn Chlodwig noch nicht persönlich gesehen, aber er achtete und ehrte ihn schon wegen des ausgebreiteten Rufes von Heiligkeit und Gelehrsamkeit, in welchem er stand. Remigius galt nämlich als der heiligste und gelehrteste Mann seiner Zeit. Beim ersten Einfall, welchen Chlodwig in Gallien machte, hatten die Franken aus einer Kirche ein heiliges Gefäß geraubt; der hl. Remigius schickte eine Gesandtschaft an ihn, um es zurück zu fordern; die Gesandtschaft wurde sehr gut aufgenommen, und das Gefäß zurück gegeben. Von dieser Zeit an hatte sich zwischen dem Barbaren und dem Mann der Kirche, der ihn einst taufen und in der Kirche wiedergebären sollte, eine geheime Sympathie gebildet, Chlodwig war daher hocherfreut, als der Mann, von welchem er schon so große Dinge gehört, an seinen Hof kam. Er ging ihm entgegen, umarmte ihn und sprach: „Heiligster Vater, rede! Ich werde auf dich hören; ich bin jetzt entschlossen, Christ zu werden. Aber eines erübrigt noch: mein Volk geduldet nicht, seine Götter zu verlassen; ich will mich daher vorher noch mit ihm besprechen. —

Der hl. Remigius antwortete ihm: „Das will ich auf mich nehmen; der Macht des göttlichen Wortes vermag nichts zu widerstehen.“
Wirklich trat der hl. Remigius in der Armee der Franken auf und richtete in ihrer Sprache, die ihm so geläufig war, wie die lateinische und griechische, eine herrliche Anrede an sie, indes die hl. Chlotilde auf den Knien lag und auf die Arbeit des Apostels durch ihre Gebete den Segen des Himmels herab flehte. Der Augenblick war von größter Wichtigkeit, er war entscheidend. Eine große katholische Macht sollte das Resultat dieser Predigt sein. Der hl. Remigius, mit einer wunderbaren Beredtsamkeit begabt, war groß, so oft er öffentlich auftrat; aber diesmal verlieh Gott seinem Worte ganz besondere Gewalt, ganz besondern Reiz: er war mehr als groß. Seine Rede war von einem langen rauschenden Beifall und von einmütigem Zuruf von Seite der Soldaten Chlodwigs begleitet. Von der göttlichen Gnade durchdrungen und von einer plötzlichen Begeisterung ergriffen, riefen sie dem König zu: „Die sterblichen Götter werfen wir von uns, o König! und dem unsterblichen Gott, welchen Remigius predigt, sind wir bereit zu folgen.“ So bekehrte sich ein großes Volk samt seinem Oberhaupt an einem Tag zum Christentum, und die Gnade des Priestertums eines Mannes vollendete, was die Frömmigkeit, der Eifer und die Gebete eines Weibes angefangen hatten. –
aus: Joachim Ventura, Die katholische Frau, Zweiter Band, 1863, S. 3- S. 11

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Category: Mittelalter, Ventura
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