Die Äthiopier sind Söhne Mariens

Kirche von Bahia

A. Vieira SJ: Der Rosenkranz – und die Betrachtung seiner Geheimnisse, besonders der schmerzreichen – das größte Linderungsmittel (*)

Auch die Äthiopier sind Söhne Mariens

Maria, de qua natur est Jesus, qui vocatur Christus.
Maria, von welcher geboren Jesus, der genannt wird, Christus. (Matth. 1, 16)

Ich will Rahab`s gedenken und Babylon`s, daß sie mich erkennen. Sieh, der Fremdling und der Tyrier und das Volk der Äthiopier, die sind daselbst. (Ps. 86, 3. 4)

… in der Aufschrift des Psalms werden die Äthiopier, die im Psalm selbst Söhne der heiligsten Jungfrau genannt werden, Söhne Core`s genannt. Wohl ist hierin ein großes Geheimnis enthalten. Doch was für ein Geheimnis liegt hierin, daß diese Söhne Mariä Söhne Core`s genannt werden?

Das Wort Core, sagt der heilige Augustinus, hat die Bedeutung: „Kalvarienberg“, und es werden eben dieselben, die da Söhne der Jungfrau Maria heißen, Söhne des Kalvarienberges, Söhne des Leidens Christi, Söhne des Kreuzes genannt, – weil wann ihr gebenedeiter Sohn, als Erlöser der Welt, – auf Kalvaria und unter dem Kreuz – mittels einer zweiten Geburt von Maria geboren wurde, alsdann auch alle übrigen Söhne der andern Völker, die der Prophet nennt, und unter ihnen ausdrücklich die Äthiopier, – von Maria mittels einer zweiten Geburt geboren worden sind…

Die neue Geburt der N…, als Söhne der Mutter Gottes, – zeigt ihnen ihre Obliegenheit, mit dem Rosenkranz-Gebet Mariä zu dienen, sie zu verehren und anzurufen. Die neue Geburt Christi bewegt sie, ungeachtet der steten und schweren Arbeit, womit sie beschäftigt sind, darum ihre erhabene Mutter nicht zu vergessen, und ihr zu Ehren den Rosenkranz zu beten, wenigstens einenTeil desselben, wenn sie ihn nicht vollständig beten können…

Um denn mit den Obliegenheiten zu beginnen, die aus eurer neuen und so hohen Geburt hervor gehen, – so besteht die allererste und allergrößte darin: ihr müsst Gott unendlichen Dank darbringen, daß er euch die Gnade verlieh, ihn zu erkennen, und euch aus den Ländern führte, wie eure Eltern und ihr als Heiden lebtet,, und daß er euch in dieses Land geleitete, um da, im katholischen Glauben unterrichtet, als katholische Christen zu leben und selig zu werden. Gott war so sehr um euch besorgt, und es lag ihm das, was ich da euch sage, so am Herzen, daß er – es tausend Jahre vor seiner Ankunft in dieser Welt – in seine Bücher, – die heiligen Schriften, einzeichnen ließ.

Es wird eine Zeit kommen, (sagt der königliche Prophet) wo die Äthiopier (und das seid ihr) den Götzendienst verlassen und vor dem wahren Gott die Knie beugen werden: Vor ihm werden sich nieder werfen die Äthiopier. (Ps. 71, 9) Doch was werden sie, so auf den Knien liegend – tun? Sie werden nicht wie gewöhnlich die Hände zusammen schlagen, nein, werden betend sie zu Gott empor heben: Äthiopien soll zuerst aufheben seine Hände zu Gott. (Ps. 67, 32) Und wann sind diese zwei Weissagungen in Erfüllung gegangen, als die Portugiesen das östliche Afrika eroberten, und sie gehen jetzt mehr und besser – als in jedem andern Weltteil – hier in Amerika in Erfüllung, – wohin die Äthiopier in so unzähliger Menge gebracht werden, und da Alle zur Erde nieder gesunken, und die Hände zum Himmel erheben, – im Rosenkranz – an alle Geheimnisse glauben: an die Geheimnisse der Menschwerdung, des Todes und der Auferstehung des Schöpfers und Erlösers der Welt, – als des wahren Sohnes Gottes und der Jungfrau Maria, und sie bekennen und anbeten.

Wie Gott im natürlichen Gesetz den Abraham auserwählte und im geschriebenen Gesetz den Moses und im Gesetz der Gnade den Saulus, – nicht deswegen, daß sie ihm gedient hatten, sondern deswegen, daß sie ihm dienen würden; so hat die Mutter Gottes, welche diesen euren Glauben voraus sah, und diese eure kindliche Ergebenheit, und diese eure Andacht, – euch unter so vielen und verschiedenen Nationen auserwählt und euch in den Schoß der Kirche geführt, damit ihr nicht dort – wie eure Eltern verloren gehen, sondern hier – als ihre Söhne selig werden möchtet. Dieses ist das größte und allgemeinste Wunder von allen Wundern, die Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz um ihrer Verehrer willen täglich tut und getan hat. Während Core unterging, sagt die Schriftstelle von den Söhnen Core`s (die, wie ich schon sagte, die Söhne der heiligsten Jungfrau sind, und auf Kalvaria geboren worden) gingen diese nicht unter, und das war ein großes Wunder. (Num. 26, 10)
Daß die Kinder nicht sterben, wenn die Eltern sterben, das ist etwas recht Natürliches, ja ist ein Naturgesetz; denn würden mit den Eltern zugleich die Kinder sterben, dann würde die Welt ein Ende nehmen.Warum nennt also die Schriftstelle dieses, daß die Söhne Core`s nicht starben, als ihr Vater starb, – nicht bloß ein Wunder, sondern ein großes Wunder? Und es geschah ein großes Wunder? –

Hört den ganzen Vorfall, – und ihr werdet alsbald sehen, worin das Wunder und seine Größe bestanden. Als die Söhne Israel`s durch die Wüste zogen, das Land der Verheißung aufzusuchen, da empörten sich drei Familienhäupter: Dathan, Abiron und Core; und weil die göttliche Gerechtigkeit dieses gräuliche Vergehen auf eine zur Warnung dienende Art bestrafen wollte, so öffnete sich plötzlich die Erde und verschlang die drei Vermessenen; und alle drei erhielten – durch ein noch niemals geschehenes Wunder – ihr Grab – in der Hölle.

Doch bei diesem Vorfall – waltete ein Unterschied oder eine merkwürdige Ausnahme ob, daß nämlich mit Dathan und Abiron zugleich ihre Kinder von der Erde verschlungen und in der Hölle begraben wurden; und nicht so die Kinder Core`s; und dieses ist es, was die heilige Schrift ein großes Wunder nennt. Wie? War denn dieses, daß sich die Erde öffnete, kein Wunder? Allerdings. War dieses, daß sie drei Verworfenen lebendig von der Erde verschlungen wurden, nicht ein zweites Wunder? In der Tat; und daß Alle – mit Leib und Seele noch vor dem Tag des Gerichtes in die Hölle kamen, war dieses nicht ein drittes Wunder? Ja, und ein noch erstaunlicheres. Und gleichwohl war das Wunder, das uns die heilige Schrift vorstellt, ein großes Wunder nennt, keines von diesen Wundern, nein, war dieses, daß Core seinen Untergang gefunden, und seine Kinder nicht; ist es doch das größte Wunder und die außerordentlichste Gnade, die Gott den Kindern von Eltern, die sich gegen ihn empören, verleihen kann, daß, während die Eltern verdammt werden und in die Hölle kommen, sie dem Untergang entgehen und selig werden.

O würden doch die N…, die aus den Wäldern ihres Äthiopien heraus geführt und nach Brasilien gebracht worden sind, – o würden sie doch recht einsehen, welch großen Dank sie Gott und seiner heiligsten Mutter dafür schuldig sind, – was als Verbannung, Sklaverei und Elend erscheinen kann, aber – nur ein Wunder, ein großes Wunder ist!

Sagt mir, eure Eltern, die in der Nacht des Heidentums geboren wurden, und darin leben, – ohne das Licht des Glaubens, ohne die Erkenntnis Gottes, – sagt mir, wohin kommen sie nach dem Tode? Alle kommen, wie ihr es bereits glaubt und bekennt, Alle kommen in die Hölle, und leiden und werden dort in den Flammen leiden – in alle Ewigkeit. Doch wie? Während sie alle wie Core ihren Untergang und ihr Grab in der Hölle finden, da sollt ihr selig werden und in den Himmel kommen? Erwägt, ob dieses nicht ein großes, großes Wunder der göttlichen Vorsehung und Barmherzigkeit ist! Und es geschah ein großes Wunder, daß Core unterging, und seine Söhne nicht untergingen.

Die Söhne Dathan`s und Abiron`s gingen mit ihren Vätern unter, weil sie sich ihrer Empörung und Verblendung anschlossen; und das Nämliche hätte auch euch widerfahren können. Die Söhne Core`s dagegen fanden ihre Rettung und ihr Heil; denn sie erkannten Gott, und gehorchten ihm und verehrten ihn. Und darin besteht das besondere, – wahrhaft wundervolle Glück eures Standes.

So mögt ihr denn einsehen, daß ihr diese ganze Gnade des Himmel auf zwei Dinge zurück führen müsst; erstens: auf die Liebe und Barmherzigkeit der heiligsten Jungfrau, eurer Mutter, zweitens auf die Verehrung ihres Rosenkranzes; denn das ist der Rosen- und Blumenduft, der Gott so sehr erfreut und wohl gefällt…

Und da die Rosenkranz-Andacht das Andenken an eben diese Geheimnisse und deren Betrachtung in sich schließt, so ist dieses der Wohlgeruch und süße Duft, woran Gott ein so großes Wohlgefallen hat. Diesen Wohlgeruch von den Blüten des Rosenkranzes, der etwas Gegenwärtiges ist, er fand sich, – bevor ihr Christen geworden, an euch bloß als etwas Zukünftiges, wie denn zu jener Zeit (Anm.: im Alten Bund) auch die Geheimnisse Christi nur etwas Zukünftiges gewesen; doch gleichwie das Verdienst dieser Geheimnisse, bevor sie es waren, – jenen Opfern nur deshalb Wirksamkeit verlieh, weil sie es einst werden sollten; so hat eure künftige kindlich fromme Verehrung des Rosenkranzes (ob sie auch noch nicht bestand,) – bloß weil sie Gott und seine Mutter mit dem Wohlgefallen, das sie daran haben, – voraussahen, – euch allen Übrigen aus eurem Volk vorgezogen. Und so hielten sie euch würdig – des Segens, dessen ihr euch jetzt erfreut, und der himmelweit größer ist und besser, als der Segen Jakob`s.

So mögt ihr denn Alle den Hauptgrund eines Glücks erkennen und die Pflicht, die es euch auferlegt, Gott und seiner heiligsten Mutter diese tägliche Gabe eurer Andacht darzubringen.

(*) In Bahia gehalten vor einer Rosenkranz-Bruderschaft von Negern (Portugiesisch: negro, preto) in einer Zuckermühle am Fest des heiligen Johannes, des Evangelisten. –
aus: Antonio Vieira SJ, Marienpredigten, Dritter Teil. Der Rosenkranzpredigten Zweiter Teil, 1863, S. 222 – S. 234

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