Betrachtung Was der heilige Advent ist

Erste Adventsbetrachtung

Wir können die Betrachtung des Lebens unseres Heilandes und im besonderen seines Jugendlebens nicht besser einleiten als mit einer Adventsbetrachtung. Mit dem Advent beginnt ein neuer Kreislauf des Kirchenjahres, und das Kirchenjahr selbst hebt an mit den lieblichen Zeichen des Sternes aus Jakob, des Urhebers der goldenen glücklichen Zeit. Gar sinnig und fromm nannten unsere Väter die Zeit des Advents den Christmonat. Die geistige Sonne, die durch die dunklen Tage, die bereiften Baumwipfel und die beeisten Fenster des Winters so wonnig und hell in unser Herz scheint und die Seele zu freudigem Sommerwirken erweckt, ist das große und liebliche Geheimnis der Menschwerdung. Um diese Gnadensonne schweben und spielen in dieser Zeit die gläubigen Gedanken. Es kann also der Betrachtung des Lebens Jesu eine Anleitung für die Adventszeit nur entsprechend sein.

Was der heilige Advent ist.

Der Advent ist die Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn. (siehe auch: Die Schönheit der Kirche: Die Adventszeit) Es gibt aber eine dreifache Ankunft des Herrn: die ehemalige in der Schwäche des Menschen, die jetzige im Geist und im Herzen der Christenheit, und endlich die zukünftige in Macht und Herrlichkeit zum Weltgericht. Diese drei Arten von Ankunft hängen auf das innigste zusammen. Die eine ist der andern wegen da, die eine folgt aus der andern, und die eine bereitet die andere vor. Weihnachten erinnert an die einstige wahre Geburt des Herrn, bewirkt die geistige Geburt desselben im Herzen der Gläubigen und bereitet so auf die noch ausstehende Ankunft zum Gericht vor.

Der Advent ist nun vor allem die Vorbereitung auf Weihnachten nach der Weise, wie der Alte Bund sich auf die wahre Ankunft des Heilandes vorbereitet hat. Es erinnert uns aber diese Vorbereitung an zwei Dinge: erstens an ein großes Unglück und zweitens an ein noch größeres Glück.

Das Unglück war der Sündenfall der Stammeltern. Das ganze Menschengeschlecht fiel in ihnen, entfernte sich immer mehr von Gott ohne Gnade und Glauben und verfiel dem Zustand der entsetzlichsten Verschlechterung, der Sünde und des Unglücks. Die Sünde gestaltete sich aus der einzelnen Übeltat nach und nach zu einem wirklichen Weltreich in dem Heidentum, in welchem Satan die ganze Welt beherrschte durch Unglauben, Unzucht und Grausamkeit, und sie von Abgrund zu Abgrund des zeitlichen Unglückes bis zur Verzweiflung und ewigen Verdammnis wälzte. – Selbst beim Volk Gottes, dem das Erbe des Glaubens und der Gnade verblieb, war der Druck des Gesetzes schwer, das Licht spärlich, die Hilfe schwach, der Abfall häufig, die Entartung, die Unzufriedenheit allgemein und die Sehnsucht und das verlangen nach dem Erlöser glühend. Über allen Kreisen lag die Zwingerherrschaft der Sünde, der Leidenschaft und des Todes, alles war vom Himmel ausgeschlossen, es war nur eine große Völkerwanderung der Menschheit zur Hölle. Das Unglück war groß, allgemein und unheilbar, wenn Gott sich nicht erbarmte und kam.

Aber er erbarmte sich und kam. Und das ist das Glück, an welches uns der Advent erinnert. Je mehr sich das Menschengeschlecht von Gott entfernte, um so mehr näherte sich der versprochene Heiland und baute sich ein in die Menschheit, in ein Volk, in einen Stamm und in eine Familie, bis er endlich sichtbar erschien in der Fülle der Zeit und alles gut machte. Die Finsternis des Unglaubens besiegte er durch das Licht seiner Lehre, die Leidenschaften durch seine Gnade und sein Beispiel, die Sünde tilgte er durch sein genugtuendes Leiden und unser aller Tod durch seinen eigenen Tod und seine Auferstehung. Er hat sein Reich in den Seelen errichtet durch den Glauben, die Gnade und die Liebe, und dem großen Weltreich Satans gegenüber hat er das sichtbare Reich seiner Kirche gestiftet, ein Reich, das alle Weltteile und Völker, das Zeit und Ewigkeit umspannt, in dem alle, vom Bann der Sünde und der Leidenschaft befreit, durch sein Gesetz und seine Macht geschützt, durch die ordentliche Verwaltung seiner Gnadenmittel bereichert, durch seine sichtbare Regierung geleitet, in Gerechtigkeit, Heiligkeit, in Frieden und Freuden Gott dienen und zum himmlischen Reich ziehen sollen. Dieses Reich Christi ist unter uns, es arbeitet, betet, kämpft und streitet unter uns. Von diesem Reich geben Zeugnis die heiligen Adventsglocken, die jetzt ohne Unterlaß läuten. Sie verkünden dieses Reich in alle Welt und laden alle ein, ihm ihr Herz zu öffnen und es in sich aufzunehmen. Sie verkünden unser Unglück, aber auch unser Glück, unser ungleich größeres Glück in Christus und durch Christus. So ist der heilige Advent vor Weihnachten wie an unsern alten Münstern die majestätische Vorhalle, die wir Paradies nennen. Da stehen die Stammeltern mit dem unseligen Baum der Versuchung, da stehen die Patriarchen, die Propheten und verkünden uns von ihrem Unglück und weisen vertrauensvoll hinein in das Dunkelklar des Chores, wo der Heiland steht, nicht im Bilde, sondern wahrhaft und leiblich als das Lamm, das ihre und unsere Erlösung vollzogen und noch vollzieht. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 15 – S. 17

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