Predigt von den unzüchtigen Reden

Der heilige Alfons steht im Ordensgewand in seiner Stube, die Hände an der Brust gekreuzt und das Kruzifix haltend.

Vierzigste Predigt

Für den elften Sonntag nach Pfingsten – Von den unzüchtigen Reden

„Und er berührte seine Zunge, und das Band seiner Zunge ward gelöst.“ Mark. 7, 33 u. 35

Im heutigen Evangelium erzählt uns der heilige Markus das Wunder, welches unser Heiland wirkte, da Er einen Stummen bloß durch die Berührung seiner Zunge heilte: Er berührte seine Zunge und das Band seiner Zunge ward gelöst. Aus diesen letzten Worten kann man schließen, dass dieser Mensch nicht durchaus stumm gewesen, sondern dass seine Zunge gehindert war, so dass er nur mit der größten Mühe reden könnte, weshalb denn auch der heilige Markus hinzufügt, dass er nach dem Wunder geläufig sprach: Und er redete recht!

Machen wir indes jetzt die Anwendung dieser Worte auf uns selbst. Es bedurfte für diesen Menschen eines Wunders, um seine Zunge zu lösen und das Hindernis im Reden hinweg zu räumen: aber ach, wie vielen Menschen würde Gott eine größere Gnade erweisen, wenn er ihnen die Zunge fesselte, damit sie endlich einmal aufhörten, unkeusche Reden vorzubringen. Denn derjenige, welcher diesem Laster ergeben ist, gereicht zum Verderben:

erstens: Seinem Nebenmenschen;
zweitens: Sich selbst.

In diese beiden Punkte wird meine heutige Predigt zerfallen.

Erster Punkt.

Wer unzüchtige Reden führt, gereicht seinem Nächsten zum größten Verderben.

1. Der heilige Augustin (in Ps. 160) nennt Menschen, welche dies Laster an sich haben, die Gehilfen des Teufels; denn, was dieser durch seine Eingebungen nicht bewirken kann, das erlangen jene durch ihre unzüchtigen Reden. Von solchen gottlosen Zungen sagt der heilige Jakobus: Sie sind ein Feuer, entzündet von der Hölle. Jak. 3, 6. Er nennt sie ein Feuer, das von der Hölle selbst geschürt ist, denn der, welcher unzüchtige Reden führt, stürzt sich selbst – und jene, die sie anhören, in die Flammen der Hölle. Man kann sie jene dritte Zunge nennen, von welcher die heilige Schrift redet: Die dritte Zunge hat schon viele aufgehetzt, und von einem Volk zum anderen getrieben. Eccl. 28, 16.

Die erste ist die himmlische Zunge, die von Gott redet; die zweite die irdische, die von den Dingen dieser Welt redet; dann gibt es aber auch noch eine dritte Zunge, nämlich die höllische Zunge, die von fleischlichen Freuden redet, und das ist jene, die der Seele schadet und viele ins Verderben stürzt.

2. Da der königliche Prophet von dem Leben der Menschen auf Erden redet, so sagt er: Ihr Weg soll finster und schlüpfrig werden. Ps. 34, 6. Solange der Mensch auf Erden lebt, wandelt er durch Finsternisse und auf schlüpfrigen Wegen, so dass er bei jedem Schritt in Gefahr ist, zu fallen, wenn er nicht alle mögliche Sorgfalt anwendet, sicher zu treten und die gefährlichen Stellen, nämlich die Gelegenheit zu sündigen, zu vermeiden. Befände sich aber auf diesem schlüpfrigen Weg auch noch jemand, der ihn stoßen würde, damit er falle, so wäre es gewiss ein Wunder, wenn er sich nicht in den Abgrund hinabstürzte.

Aber gerade das tun diese Gehilfen des Teufels, welche unzüchtige Reden führen. Sie reizen ihre Mitmenschen, welche sich hier auf Erden in der Finsternis befinden, zur Sünde an, und da dieselben ebenfalls von Fleisch und Blut sind, so fallen sie leicht in dasselbe Laster. Mit Recht heißt es von solch unzüchtigen Menschen: Ein offenes Grab ist ihr Rachen. Ps. 5, 11.

Der Mund eines Menschen, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, welcher eine unzüchtige Rede ausstößt, gleicht einem offenen Grab, das verfaulte Leichname in sich schließt. (Hom. 2. de prol. Obs.) Der Gestank aber, der aus einem Grab voll Leichnamen emporsteigt, verursacht bei denen, die ihm ausgesetzt sind, Krankheit und Verderben.

3. In der heiligen Schrift heißt es: Geißelstreiche machen Striemen, aber der Schlag der Zunge zermalmt die Gebeine. Eccl. 28, 21. Die Geißelschläge zerfleischen nur den Leib, aber die Wunden, welche die Unzüchtigen verursachen, dringen bis auf die Gebeine. Der heilige Bernardin von Siena erzählt, dass eine Jungfrau, die früher ein sehr frommes Leben geführt, als sie ein unanständiges Wort von einem Jüngling vernahm, in böse Gedanken wider die heilige Reinigkeit einwilligte und sich hierauf so sehr der Unzucht hingab, dass, wenn selbst der Teufel Fleisch angenommen, er nicht mehr Sünden dieser Art hätte begehen können.

4. Das Schlimmste aber ist, dass solche teuflischen Zungen, die häufig unzüchtige Reden ausstoßen, dies für ein Geringes halten und sich nur wenig daraus machen, so dass, wenn der Beichtvater sie deshalb zurechtweist, sie ihm antworten: Ich sage es nur aus Scherz und nicht aus Bosheit. Wie, aus Scherz?

Ach Unglückseliger, was sagst du! Dieser Scherz macht der Hölle die größte Freude und wird dich dereinst ewige Tränen kosten. Es wird dich nicht entschuldigen, wenn du sagst, du denkst nichts Arges dabei, weil es sehr unglaublich ist, dass, wenn du solche Reden vorbringst, du dich nicht auch in Werken versündigen werdest, denn, sagt der heilige Hieronymus, der ist von der Tat nicht weit entfernt, der an den Worten seine Lust findet.

Wenn man aber solche Reden in Gegenwart von Personen des anderen Geschlechtes führt, so ist immer das sündhafte Wohlgefallen an denselben damit verbunden. Und ist das Ärgernis etwa keine Sünde, das man anderen dadurch gibt? Der heilige Bernhard sagt: Wenn du auch nur ein einziges unzüchtiges Wort vorbringst, so bist du doch Ursache, dass vielleicht alle, die gegenwärtig sind und dich anhören, in demselben Augenblick in die Sünde fallen. (Serm. 24 in Cant.)

Das ist eine größere Sünde, als wenn du mit einem Pfeil mehrere Menschen auf einmal ermorden würdest, denn alsdann würdest du doch nur ihre Leiber töten, indes du durch deine schändlichen Reden die Seelen mordest.

5. Solche unzüchtigen Menschen richten das größte Verderben in der Welt an; denn ein einziger schadet mehr als hundert Teufel, da er das Verderben so vieler Seelen bewirkt. Nicht ich, der heilige Geist selbst sagt euch das, meine Christen: Ein glatter Mund richtet viel Verderben an. Sprichw. 26, 28. Und zu welcher Zeit richtet man solch ein Verderben an, verursacht man so große Beleidigungen Gottes? Gerade dann, wenn Gott uns die größten Wohltaten erweist. Wann erweist uns Gott aber die größten Wohltaten? (Ich rede hier von zeitlichen Wohltaten.)

Im Sommer, wenn Er uns fürs ganze Jahr mit Getreide, mit Wein, mit Öl, Gemüse und anderen Früchten bereichert. Wann werden aber wohl die meisten Sünden begangen? Gerade zur Erntezeit, bei der Weinlese, wenn Kastanien, Oliven etc. eingesammelt werden. Ach, alsdann werden durch solche unzüchtige Reden oft mehr Sünden begangen als Früchte an den Bäumen und Beeren an den Trauben hängen.

Ach welch ein Undank! Wie ist es nur möglich, dass Gott uns noch länger ertrage? Wer anders hat aber die Schuld hiervon, als jener Sünder, der unzüchtige Reden führt, weshalb er denn auch eines Tages Gott Rechenschaft abzulegen hat und für alle Sünden bestraft werden wird, wozu er andere verleitet hat: Aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. Ezech. 3, 18. Gehen wir indes jetzt zum zweiten Punkt über.

Zweiter Punkt.

Wer unzüchtige Reden führt, gereicht sich selbst zum Verderben.

6. Mancher Jüngling macht vielleicht die Einwendung: Aber ich denke nichts Böses dabei, wenn ich so rede. Auf diese Entschuldigung habe ich schon geantwortet, da ich bemerkte, dass es sehr schwer sei, unkeusche Reden zu führen, ohne Wohlgefallen daran zu haben, und wenn dies vor Mädchen oder verheirateten jungen Frauen geschieht, so fehlt dies innerliche Wohlgefallen niemals. Wer aber solche Worte ausstößt, der begibt sich, nach dem heiligen Hieronymus, wie ich schon bemerkt habe, in die nächste Gefahr, sich im Werk zu versündigen. Jeder Mensch ist zum Bösen geneigt: Der Sinn und die Gedanken des menschlichen Herzens sind zum Bösen geneigt. Gen. 8, 21.

Vor allem fühlt der Mensch aber einen mächtigen Hang zum Laster der Unzucht, weshalb der heilige Augustin sagt, dass in diesem Streit ( er redet indes nur von solchen, welche nicht alle Vorsicht anwenden) der Kampf häufig, der Sieg indes sehr selten sei. Wer aber mit Überlegung unzüchtige Reden führt, der hat jedes Mal den unzüchtigen Gegenstand, den er nennt, vor Augen, wodurch er notwendig ein Wohlgefallen daran in sich weckt, worauf er zuerst böse Begierden und langes andauerndes Wohlgefallen in sich erregt, und alsdann gar leicht zur Tat selbst übergeht. So geschieht es mit dem, der unkeusche Reden führt; und des ungeachtet sagt ein solcher, er denke nichts Böses, wenn er auf diese Weise rede.

7. Der heilige Geist ermahnt uns: Mögest du nicht gefangen werden mit deiner Zunge. Eccl. 5, 16. Trage Sorge, dass deine Zunge dir nicht etwa eine Kette bereite, mit welcher du alsdann in die Hölle geschleppt wirst: Die Zunge befleckt den ganzen Leib und entzündet den Lebenslauf von unserer Geburt an. Jak. 3, 5.

Freilich ist die Zunge nur ein kleines Glied unseres Leibes, wenn sie aber schlechte Reden führt, so steckt sie den ganzen Körper an und entzündet den Lebenslauf von unserer Geburt an, das heißt, sie entflammt und befleckt unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum hohen Alter. Daher sehen wir denn auch, dass Menschen, die sich an unzüchtige Reden gewöhnt, selbst, wenn sie alt werden, sich davon nicht zu enthalten wissen.

Surius erzählt im Leben des heiligen Valerius, dass, als derselbe eines Tages auf der Reise war, er, um sich zu wärmen, in ein Haus eingekehrt sei. Da er nun dem Gespräch zuhörte, das der Herr des Hauses mit dem Richter jener Gegend hielt, so bemerkte er, dass diese beiden alten Leute unkeusche Reden führten. Der Heilige gab ihnen darüber heftige Verweise, worauf sie keine Rücksicht nahmen; deshalb strafte indes Gott alle beide, denn der eine ward blind, und der andere hatte an einer Wunde zu leiden, welche ihm die furchtbarsten Schmerzen verursachte.

Heinrich Gragermanus (in magno spec. Dist. 9. 9. ex 58.) erzählt auch noch, dass der eine von ihnen eines schnellen unbußfertigen Todes starb, und dass er von anderen in der Hölle erblickt wurde, wo er sich seine Zunge zerriss, die indes immer wieder erneuert worden, worauf er sie dann von neuem zerfleischte.

8. Wie könnte Gott auch nur Mitleiden mit denen haben, welche mit den Seelen ihres Nächsten so wenig Mitleid haben? Denn ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit übt. Jak. 2, 13. Ach wie betrübt ist es, wenn man zuweilen zusehen muss, wie solch ein unkeuscher Mensch vor jungen Leuten, vor Verheirateten und sogar vor jungen Mädchen sich nur um so mehr in derlei Reden ereifert, je größer die Zahl derer ist, die ihm zuhören. Manchmal finden sich sogar unschuldige kleine Kinder dabei ein, und er spürt keinen Abscheu, auch diese zu ärgern.

Ein gewisser Schriftsteller erzählt, dass der Sohn eines Edelmannes in Burgund, welcher von einem Mönch zu Cluny auferzogen war, als ein Engel von Reinheit lebte. Da geschah es, dass der arme Knabe eines Tages in die Werkstätte eines Handwerkers kam, wo selbst er von der Frau desselben ein unzüchtiges Wort vernahm, welches Ursache war, dass er in die Sünde einwilligte und die Gnade Gottes verlor.

Sabatinus erzählt auch noch in seinem Buch: Das evangelische Licht, dass ein anderer fünfzehnjähriger Jüngling, nachdem er ein unkeusches Wort gehört, da er in der folgenden Nacht daran dachte, einwilligte, worauf er augenblicklich starb. Als nun der Beichtvater des Knaben seinen Tod vernahm und eine heilige Messe für ihn lesen wollte, so erschien ihm die Seele des unglücklichen Jünglings und bat ihn, das heilige Opfer doch nicht für ihn darzubringen, da er um der Sünde willen, die er aus Anlass jener bösen Rede begangen, verdammt worden sei. Er setzte noch hinzu, seine Peinen würden nur noch vermehrt werden, wenn er das heilige Opfer für ihn darbringe.

Ach, wie bitterlich würden die heiligen Schutzengel dieser armen Kinder weinen, wenn sie es vermöchten, und welche strenge Rache werden sie dereinst von Gott dafür fordern. Das gibt uns der Herr zu erkennen, da Er spricht: Seht zu, dass ihr keinen aus diesen Kleinen verachtet! Denn ich sage euch, ihre Engel im Himmel schauen immerfort das Angesicht meines Vaters, der im Himmel ist. Matth. 18, 10.

9. Sei also darauf bedacht, mein Christ, dich vor den unkeuschen Reden mehr als vor dem Tod selbst zu hüten. Vernimm, was dir der heilige Geist zuruft: Mache eine Waage für deine Worte und einen Zaum an deinen Mund. Hüte dich, dass du mit deiner Zunge nicht strauchelst, – so dass dein Fall unheilbar bis in den Tod wäre. Eccl. 28, 29 u. 30.

Wir sollen also, ehe wir etwas sagen, unsere Worte wohl abwägen, und wenn unzüchtige Reden uns auf der Zunge schweben, so müssen wir ihnen also gleich den Ausgang verschließen, denn sonst würden wir nicht nur unsere eigene Seele, sondern auch die Seele unseres Nebenmenschen verwunden, und diese Wunde würde tödlich und unheilbar sein. Gott hat uns die Zunge nicht gegeben, damit wir Ihn damit beleidigen, sondern damit wir Ihn loben und preisen.

Der heilige Paulus sagt: Hurerei aber und jede Unreinigkeit werde unter euch nicht einmal genannt, wie es Heilige geziemt. Eph. 5, 3. Merken wir uns die Worte: und jede Unreinigkeit. Wir sollen uns also nicht nur vor groben zweideutigen Worten, die man oft zum Scherz sagt, hüten, da solche zweideutigen Worte häufig noch weit gefährlicher sind. Denn da sie geistreicher sind, so prägen sie sich auch tiefer ins Gedächtnis ein; ja das geringste unschickliche Wort, welches Heiligen, nämlich Christen, nicht geziemt, müssen wir nach der Ermahnung des heiligen Paulus vermeiden.

10. Bedenke, sagt der heilige Augustin (Serm. 15. de temp.) dass dein Mund der Mund eines Christen sei, in welchen so oft Jesus Christus in der heiligen Kommunion einkehrt, weshalb du es verabscheuen musst, das geringste unkeusche Wort auszusprechen, welches ein teuflisches Gift ist. Der heilige Paulus sagt, dass die Rede eines Christen immer mit Salz gewürzt sein müsse: Eure Rede sei allzeit lieblich, mit Salz gewürzt. Kol. 4, 6. Darunter versteht man, dass wir bei all unseren Unterhaltungen etwas von Gott einfließen lassen sollen, welches die anderen von der Sünde ableite und zur Liebe Gottes antreibe.

Glückselig ist jene Zunge, sagt der heilige Bernhard, die nur von göttlichen Dingen zu reden versteht. Hütet euch aber nicht nur, meine Christen, vor jedem unsittlichen Wort, sondern flieht auch jene, gleichwie die Pest, die derlei Reden führen, und wenn ihr merkt, dass jemand solche Gespräche anfängt: So verzäune deine Ohren mit Dornen und höre nicht auf die gottlose Zunge. Eccl. 28, 28. Zeige dich mit Dornen umzäunt; weise denjenigen zurecht, der solche Reden führt; zeige wenigstens ein finsteres Angesicht und gib zu erkennen, dass eine solche Sprache dir missfällt.

Schämen wir uns nicht, als Jünger Jesu Christi zu erscheinen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, dass Jesus Christus am Tage des Gerichts Sich ebenfalls schämen werde, uns in den Himmel aufzunehmen. –
aus: Alphons Maria von Liguori, Predigt-Skizzen über die sonntäglichen Evangelien, 1842, S. 369 – S. 377

Bildquellen

  • Bitschnau Hl Alfons Von Liguori: © https://katholischglauben.info
Tags: Sünde

Verwandte Beiträge

Was wir Christus zu verdanken haben
Consent Management Platform von Real Cookie Banner