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Katholische Kirche – Mystici Corporis
Wir müssen auch die Gebote halten
P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
Von den Geboten
Zweites Hauptstück: Warum wir auch die Gebote halten müssen
Im ersten Hauptstück haben wir die Lehren kennen gelernt, die wir glauben müssen, um unser letztes Ziel, die ewige Seligkeit, zu erreichen. Genügt nun der Glaube allein schon, um uns wirklich zur ewigen Seligkeit zu führen? Luther hat dies behauptet, und manche Protestanten behaupten es jetzt noch. Unter uns Katholiken findet sich zwar kaum jemand, der eine solche Ansicht ausdrücklich vertritt, aber leider gibt es auch unter uns nicht wenige, die so leben, als ob sie dieser Meinung huldigten. Es ist daher keineswegs überflüssig, uns die Frage zu beantworten:
Ist es zur Erlangung der Seligkeit genug, dass wir alles glauben, was Gott geoffenbart hat?
Nein, wir müssen auch die Gebote halten.
Der Glaube zeigt uns das Ziel und den Weg, der dazu führt. Genügt es nun, um zu einem bestimmten Ziele, z. B. nach Rom, zu gelangen, dass man weiß, wo Rom liegt, und den Weg kennt, der dahin führt? Gewiss nicht; wer nichts tut, um dem Ziele näher zu kommen, wird nie und nimmer dahin gelangen. Das gilt sowohl vom Ziel unseres ganzen Lebens, wie von dem einer gewöhnlichen Reise. Der Christ, welcher das Ziel seiner irdischen Pilgerschaft, das himmlische Vaterland, und den Weg dahin im Lichte des Glaubens erkennt, wird niemals dorthin gelangen, wofern er sich keine Mühe gibt, auf diesem Wege voran zu schreiten.
Der rechte Weg zum Himmel sind aber die Gebote, nämlich die Gebote Gottes und der Kirche; wer diese beobachtet, der schreitet auf dem Himmelswege voran; wer sie übertritt, der irrt von demselben ab. Deshalb sagt Christus: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote“ (Matth. 19,17); und an einer andern Stelle: „Nicht ein jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen.“ (Matth. 7, 21)
Wer durch den Glauben erkennt, dass Gott sein höchster Herr ist, und dieses wohl auch äußerlich bekennt, dessen Willen aber nicht tut, der ist sogar strafbarer, als wenn er diese Erkenntnis gar nicht hätte. Wie könnte ein solcher auch nur die mindeste Hoffnung hegen, dereinst den Himmel als Lohn aus der Hand desjenigen zu empfangen, dessen allheiligen Willen er jetzt seinen eigenen sündigen Gelüsten nachsetzt? Hieße das nicht erwarten, Gott werde im Jenseits auf seine Heiligkeit und Gerechtigkeit zu Gunsten eines aufrührerischen Geschöpfes zu verzichten? Wäre eine solche Hoffnung nicht unsinnig, ja gottlos?
Der Glaube allein macht nicht selig
Der Glaube allein macht also nicht selig; niemand täusche sich damit. Sonst könnten auch die Teufel auf die ewige Seligkeit Anspruch machen; denn „Auch die Teufel glauben und zittern“ (Jak. 2, 19); sie glauben, aber dieser Glaube vermehrt nur ihre Qual.
Sehr klar und und nachdrücklich spricht hierüber der hl. Jakobus (2, 14-17): „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe den Glauben, wenn er aber die Werke nicht hat? Wird etwa der Glaube vermögen, ihn zu retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester keine Kleider hat und Mangel leidet am täglichen Unterhalt, und es sagt jemand unter euch zu ihnen: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch! Gibt ihnen aber nicht, was zu des Leibes Notdurft gehört: was wird da nützen? So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, tot in sich selbst.“ (Siehe den Beitrag: Die Pflicht der Bruderliebe und ihre Frucht)
Der Apostel will sagen: ein solcher Glaube ist für uns ebenso nutzlos als ein untätiges Mitleid für den hilfsbedürftigen Menschen. – Wir müssen also, um selig zu werden, nicht nur glauben, sondern auch dem Glauben gemäß leben: unser Glaube muss lebendig sein, wie dieses schon im ersten Hauptstück bei der Lehre von den Eigenschaften des Glaubens (Bd. 1, S. 80ff) ausführlich dargetan wurde.
Können wir auch die Gebote Gottes halten?
Ja, wir können es, freilich nur mit Hilfe der göttlichen Gnade, die aber Gott keinem versagt, der ihn darum bittet.
Ein weiser König wird seinen Untertanen nie Gesetze geben, die sie nicht beobachten können, ein gerechter Richter niemals Übertretungen bestrafen, die unvermeidlich sind. Nun aber ist Gott der weiseste König und der gerechteste Richter. Es ist deshalb selbstverständlich, dass er uns keine Gebote gegeben und mit Androhung ewiger Strafen eingeschärft hat, die wir nicht beobachten können. Das Gegenteil annehmen, wie es manche tun, ist nicht bloß Unverstand, sondern geradezu Gotteslästerung.
Wenn ein Fürst dieser Erde einen von glühendem Durst gequälten Menschen an eine Quelle führte, ihm aber bei Todesstrafe untersagte, von dem Wasser zu trinken, das zu seinen Füßen sprudelte, würde man einen solchen Fürsten nicht mit Recht der Grausamkeit beschuldigen? Und doch wäre die Haltung des bezeichneten Gebotes nicht völlig unmöglich.
Was müssten wir aber erst von Gott denken, wenn er den Menschen wegen Übertretung von Geboten, deren Beobachtung schlechterdings unmöglich wäre, mit den Peinen der Hölle bedrohte! Wir können also die göttlichen Gebote halten, das verbürgt uns die unendliche Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes. Dasselbe ergibt sich gleichfalls aus dem Beispiel unzähliger Heiligen, die, wie es von Zacharias und Elisabeth geschrieben steht, „in allen Geboten und Satzungen des Herrn tadellos wandelten“. (Luk. 1, 6)
Wahr ist es allerdings, dass unsere eigene, durch die Erbsünde geschwächte Kraft nicht ausreicht, das göttliche Gesetz vollständig zu beobachten; allein was uns an eigener Kraft abgeht, das ersetzt Gott durch seine Gnade, und diese Gnade versagt er keinem, der ihn darum bittet. Deshalb lehrt das Konzil von Trient (Sess. 6, cap. 11):
Gott befiehlt nicht Unmögliches, sondern indem er befiehlt, mahnt er zu tun, was man kann, und um das zu bitten, was man nicht kann, und dann hilft er, daß man könne.“ Wenn wir aber das Mittel, welches Gott einem jeden an die Hand gibt, nicht gebrauchen, wenn wir nicht um die Gnade bitten wollen, so haben wir unsere vielfachen Übertretungen uns selbst zuzuschreiben. Heilig und gerecht ist demnach die Drohung des Heilandes: „Jener Knecht, welcher den Willen seines Herrn gekannt und und nicht getan hat, wird viele Schläge bekommen. (Luk. 12, 47)
Die Irrlehrer haben die unzweideutige Lehre geleugnet
Da die Irrlehrer des 16. Jahrhunderts diese so selbstverständliche und in der Hl. Schrift so unzweideutig enthaltene Lehre dennoch leugneten und die Behauptung aufstellten, auch mit Hilfe der Gnade sei es nicht möglich, die Gebote Gottes zu beobachten, so sah sich das Konzil von Trient veranlaßt, die besagte Behauptung durch ein feierliches Verdammungsurteil zu brandmarken. „Wenn jemand sagt“, heißt es daselbst (Sess. 6, can. 18), „die Beobachtung der Gebote Gottes sei auch dem gerechtfertigten und unter der Gnade stehenden Menschen unmöglich, der sei im Banne.“
Wenn uns trotz alledem die Beobachtung der Gebote allzu schwer vorkommt, so klagen wir nicht Gott, sondern unsere Trägheit, unsern Mangel an Liebe und Gebetseifer an. Dem, der Gott liebt, sind „seine Gebote nicht schwer“, wie der Lieblingsjünger, der hl. Johannes, bezeugt (1. Br. 5, 3); „der liebende empfindet keine Beschwerde“, bemerkt dazu der hl. Papst Leo der Große, „und wenn er Beschwerde empfindet, so hat er seine Freude daran.“ Und Christus selbst sagt bei Matthäus (11, 28-30): „Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmet mein Joch auf euch, … so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist süß, und meine Bürde ist leicht.“
Die Bürde des christlichen Gesetzes ist ein süßes Joch
Mag auch unsere zum Bösen hingeneigte Natur sich nur ungern unter das Joch des Herrn beugen, mag sie auch seufzen unter der Bürde des christlichen Gesetzes; es bleibt des ungeachtet wahr, daß der Dienst Gottes ein süßes Joch und eine leichte Bürde ist.
Er ist süß und leicht wegen des Reichtums der Gnaden, die Gott seinen Dienern mitteilt; süß und leicht wegen der Fülle des Trostes, womit er ihre Treue belohnt; süß und leicht wegen des Beispiels Christi und der Heiligen; süß und leicht wegen der überschwänglichen Herrlichkeit, die Gott denjenigen in Aussicht stellt, welche sein Joch beharrlich tragen; süß und leicht namentlich im Vergleich mit dem Joch, welches die ungestümen, niemals zufriedenen Leidenschaften und die launenhafte, tyrannische Welt ihren Sklaven auflegen.
Überaus sinnenreich vergleicht der hl. Augustin (Rede 24 „über die Worte des Apostels“) die Gebote Gottes mit den Schwingen der Vögel. „Die Bürde Christi“, sagt er, „“ist keine Last für den, der sie trägt, sondern eine Schwinge für den, der sich im Fluge erheben will. Auch die Vögel tragen eine Bürde, die Bürde ihrer Flügel, sie tragen dieselbe und werden von ihr zum Himmel empor getragen.“
Wir sind ja nicht geschaffen, um dem Wurme gleich im Staub der Erde herum zu kriechen; wir sollen uns durch heilige Gesinnung und ein Gott ähnliches Leben zum Himmel empor schwingen, zu unserer wahren, ewigen Heimat. Was uns zurück hält, ist die ungeregelte Anhänglichkeit an das Irdische. Die Gebote nun mahnen uns, diese Fessel zu zerreißen, und die damit verknüpfte Verheißung ewigen Lohnes und die Androhung ewiger Strafe treiben uns an, dieser Mahnung gewissenhaft zu folgen. So vertreten die göttlichen Gebote in Wahrheit die Stelle von Schwingen, die uns zu Gott empor tragen. –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 2, 1912, S. 1 – S. 4
Bildquellen
- 039.Moses_Comes_Down_from_Mount_Sinai: wikipedia | Public Domain Mark 1.0
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