Vom Nutzen der Widerwärtigkeiten

Alphons Maria von Liguori: Vom Nutzen der Widerwärtigkeiten

Für den zweiten Sonntag im Advent

Da aber Johannes die Werke Christi im Gefängnis hörte. Matth. 11, 2.

Gott bereichert in den Widerwärtigkeiten seine geliebten Seelen mit den größten Gnaden: Sehen wir, wie ein heiliger Johannes in Ketten und im Elend des Kerkers die großen Taten Christi kennen lernt. Da aber Johannes die Werke Christi im Gefängnis hörte. – Sehr groß ist der Nutzen, den die Widerwärtigkeiten uns bringen; Gott schickt uns dieselben deshalb zu, weil Er unser Bestes, und nicht etwa, weiL er unsern Schaden will. Nehmen wir sie also mit Dank an, wenn sie über uns kommen, und ergeben wir uns, nicht nur in Seinen göttlichen Willen, sondern erfreuen wir uns auch darüber, daß Gott uns behandelt gleichwie Seinen göttlichen Sohn Jesus, der hier auf Erden stets ein Leben voll Widerwärtigkeiten führte. – Heute will ich also zeigen:

Im ersten Punkt: wie nützlich uns die Widerwärtigkeiten sind, und
im zweiten Punkt: wie wir uns bei den Widerwärtigkeiten benehmen müssen.

Erster Punkt.

Wie nützlich die Widerwärtigkeiten sind

1. Wer nicht geprüft ward, was weiß der? Ein Mann, der viel erfahren hat, denkt auch viel, und wer viel gelernt hat, weiß mit Verstand zu reden. Eccl. 34, 9. Wer im Glück dahin lebt, und noch keine widrige Erfahrung gemacht hat, der kennt seine eigene Seele noch nicht. –

Die Widerwärtigkeiten öffnen uns die Augen des Geistes, welche sonst durch das Glück geschlossen bleiben. Der heilige Paulus, der so lange in der Blindheit hingelebt, erkannte seine Verirrungen erst, als Jesus Christus ihm erschien. –

Erst als der König Manasses im Kerker zu Babylon schmachtete, nahm er zu Gott seine Zuflucht, erkannte er seine Sünden und tat Buße: Da er nun gedrängt war, betete er zu dem Herrn seinem Gott und tat große Buße. (2. Paral. 33, 12) Als es mit dem verlorenen Sohn so weit gekommen war, daß er die Schweine hütete und Hunger litt, sprach er: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen. Luk. 15.

2. Die Widerwärtigkeit schält uns los von der Anhänglichkeit an irdische Dinge. Will eine Mutter ihr Kind von der Milch entwöhnen, so bestreicht sie ihre Brust mit Galle, damit das Kind davon abstehe und sich entschließe, nahrhaftere Speise zu nehmen. So macht Gott es auch mit uns; um uns von den Gütern dieser Welt los zu schälen, verbittert er uns alles mit Galle, damit, indem wir die Bitterkeit derselben verkosten, wir sie verabscheuen, und all unsere Neigungen den himmlischen Gütern zuwenden.

3. Die, welche im Wohlergehen dahin leben, werden von vielen Versuchungen der Hoffart, der eitlen Ehre von der Begierde gequält, immer mehr Reichtümer und Freuden zu erlangen. Von solchen Versuchungen befreien uns aber die Widerwärtigkeiten, welche uns Demut und Liebe zu dem Stand verleihen, in welchen uns der Herr versetzt hat.

4. Dann sind aber die Widerwärtigkeiten auch noch ein Mittel, um für unsere Sünden genug zu tun, eine Weise der Genugtuung, die weit besser ist, als die freiwilligen Bußen, die wir uns selbst auferlegen. Wisse, sagt der heilige Augustin, daß Gott ein Arzt ist und daß die Widerwärtigkeiten Mittel zur Heilung sind. –

O welch ein kräftiges Mittel sind doch die Widerwärtigkeiten, um die Wunden zu heilen, welche die Sünden uns zugefügt. Der fromme Job nennt denjenigen selig, der von Gott durch Widerwärtigkeiten gebessert worden ist, denn mit derselben Hand, mit welcher der Herr schlägt und verwundet, heilt er auch: Selig der Mensch, den Gott züchtigt, denn Er verwundet und heilt; Er schlägt, und seine Hände machen gesund. Job5, 18. Deshalb pries sich der heilige Paulus glücklich in den Widerwärtigkeiten: Wir rühmen uns der Trübsale. Röm. 5, 3.

5. Die Widerwärtigkeiten erinnern uns an Gott, und nötigen uns, Seine Barmherzigkeit anzuflehen, da wir erkennen, daß Er allein die Macht und den Willen hat, uns in unserem Elend zu helfen. –

Der Herr selbst macht uns Mut, indem er uns zuruft: Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. Matth. 11, 28. Deshalb nennt Gott sich selbst, einen Helfer in Trübsalen, und der Prophet ruft uns zu: Wenn Er den Tod unter sie schickte, so suchten sie ihn. Ps. 77, 34. Denn wenn die Israeliten sich in der Trübsal erblickten, und sahen, daß die Feinde den Sieg davon trugen, so gedachten sie an Gott, und kehrten zu Ihm zurück.

6. Endlich bewirken die Widerwärtigkeiten auch noch, daß wir große Verdienste bei Gott erlangen, indem sie uns Gelegenheit geben, jene Tugenden zu üben, welche Ihm die liebsten sind, nämlich: die heilige Demut, die Geduld und die Gleichförmigkeit mit Seinem göttlichen Willen. Der ehrwürdige P. Avila pflegte zu sagen, ein in Widerwärtigkeiten gesprochenes: Gott sei gepriesen! sei mehr wert, als tausend Danksagungen, wenn es uns wohl ergeht. –
Ach welche Schätze von Verdiensten sammelt derjenige, welcher geduldig Verachtung, Armut und Krankheit erträgt! –
Verachtung von Seite der Menschen, das sind die Wünsche der Heiligen, die darnach seufzen, aus Liebe zu Jesus verachtet zu werden, um hierdurch ihrem göttlichen Heiland ähnlich zu sein.

7. Wie viel gewinnt man überdies auch dabei, wenn man die Mühseligkeit der Armut erträgt? –
Mein Gott und mein Alles! Rief der heilige Franz von Assisi aus; und dadurch war er reicher als alle Großen der Erde. Die heilige Theresia schrieb mit Recht: Je weniger wir hienieden genießen, desto mehr werden wir dort oben erlangen. – Selig ist also der, welcher von Herzen sagen kann:Mein Jesus! Du allein genügst mir. –
Wenn du dich für unglücklich hältst, weil du arm bist, sagt der heilige Chrysostomus (Serm. 2. Epist. Ad Phil.), so bist du freilich unglücklich und beweinenswert, nicht aber weil du arm bist, sondern weil du, da du arm bist, deine Armut nicht freudig umfängst.

8. Übrigens erlangen wir, wenn wir geduldig die Leiden der Krankheit ertragen, einen größeren, ja vielleicht den größten Teil der Krone, die uns im Himmel bereitet ist. Man beklagt sich, daß man wegen seiner Kränklichkeit nichts tun könne; man irrt sich aber, denn in solchem Zustand kann man Alles tun, wenn man im Frieden und Gott ergeben das annimmt, was man zu leiden hat.

9. Immer geduldig für Jesus leiden, sagt der heilige Franz von Sales, ist die Wissenschaft der Heiligen; tun wir das, so werden wir bald heilig sein. Der Apostel schreibt: Wen der Herr lieb hat, den züchtigt Er; Er schlägt jedes Kind, das er aufnimmt. Hebr. 12, 6. Darum sprach Jesus eines Tages zu der heiligen Theresia: Wisse, daß die Seelen, welche meinem Vater am liebsten sind, jene seien, die mit den größten Leiden zu kämpfen haben. Darum rief der fromme Job aus: Haben wir das Gute empfangen von der Hand Gottes, warum sollten wir das Böse nicht annehmen? Job 2, 10. Wenn wir das Gute, sagt er, nämlich das Wohlergehen hier auf Erden, von Gott angenommen, warum sollten wir nicht auch noch freudiger das Böse annehmen, nämlich die Widerwärtigkeiten, da sie uns doch weit nützlicher sind, als das Wohlergehen. –

10. Die peinlichsten Widerwärtigkeiten für fromme Seelen sind die Versuchungen, wodurch der Teufel uns antreibt, Gott zu beleidigen; allein derjenige, der sie vertreibt und geduldig erträgt, indem er zu Gott seine Zuflucht nimmt, wird gerade dadurch große Verdienste erlangen: Gott aber ist getreu, er wird euch nicht über eure Kräfte versuchen lassen, sondern bei der Versuchung auch den Ausgang geben, daß ihr ausharren könnt. 1. Kor. 10, 13. Deshalb lässt Gott es auch zu, daß Versuchungen uns quälen, damit wir durch die Überwindung derselben desto mehr Verdienste erlangen. Selig die da weinen, denn sie werden getröstet werden. Matth. 5, 5. Sie sind selig, sagt der Apostel, denn unsere Leiden sind gering und von kurzer Dauer im Vergleich mit der erhabenen Herrlichkeit, die sie uns für die ganze Ewigkeit im Himmel erlangen: Denn unsere gegenwärtige Trübsal, die augenblicklich und leicht ist, bewirkt eine überschwängliche, ewige, alles überwiegende Herrlichkeit in uns. 2. Kor. 4, 17.

Es ist also notwendig, sagt der heilige Chrysostomus, daß wir die Widerwärtigkeiten im Frieden erdulden, denn wenn wir sie mit Ergebung annehmen, so werden sie uns große Dinge erlangen; leiden wir sie dagegen mit Unwillen, so werden wir nie unser Elend mildern, sondern es nur vergrößern. (Hom. 64) Es gibt kein andres Mittel, um selig zu werden, muss man leiden: denn durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes. Apostelg. 14, 21. Ein großer Diener Gottes behauptete, das Paradies sei ein Aufenthaltsort der Armen, der Verfolgten, der Verdemütigten und der Betrübten, wie dies alle Heiligen und namentlich die heiligen Märtyrer sind. Deshalb schließt der heilige Paulus: Geduld ist euch nötig, damit ihr durch Vollziehung des Willens Gottes die Verheißung erlangt. Hebr. 10, 36. Aber, sagt der heilige Cyprian (Epist. ad Demetr.), was ist das alles für die Diener Gottes, derer der Himmel wartet? Wie leicht muss es für den werden, die kurzen Trübsale dieses Lebens zu erdulden, dem die ewigen Güter im Himmel verheißen sind.

11. Kurz, die Drangsale, welche Gott uns zuschickt, schickt Er uns zu unserm eignen Besten zu. –
Diese Geißeln des Herrn, mit denen wir Knechte gezüchtigt werden, gereichen uns zur Besserung, und nicht zu unserm Verderben. Jud. 8. Der heilige Augustin (in Ps. 89) sagt: Gott ist erzürnt, wenn er den Sünder nicht züchtigt. –
Wenn man einen Sünder hier auf Erden leiden sieht, so ist dies ein Zeichen, daß Gott Sich seiner in der andern Welt erbarmen wolle, da Er die ewige Strafe in eine zeitliche von unendlich geringerer Dauer umwandelt. Wehe dagegen jenem Sünder, der hier auf Erden nicht von Gott gestraft wird, denn dies ist ein Zeichen, daß Gott Seinen Zorn gegen ihn zurückhält, und ihn für die Ewigkeit aufbewahrt.

12. Der Prophet Jeremias fragte den Herrn: Warum geht es den Gottlosen wohl? Der Prophet selbst antwortet hierauf im Namen Gottes und sagt: Ich führe sie zusammen wie eine Herde zur Schlachtbank, und weihe sie zum Tag der Schlachtung. Jer. 12, 13. Wie man am Opfertag die zum Tode bestimmten Schafe sammelt, so sind auch die Gottlosen zum ewigen Tod vorherbestimmt, als Schlachtopfer des göttlichen Zornes.

13. Wenn wir also von Gott mit Trübsal heimgesucht werden, so sagen wir mit dem frommen Job: Ich habe gesündigt, und wahrhaftig gefehlt, und nicht empfangen, wie ich‘ s wert war. Job 33, 29. Herr! meine Sünden verdienen weit größere Strafe, als diese, welche du über mich verhängt hast. Bitten wir auch Gott mit dem heiligen Augustin: Hier brenne, hier schneide, o mein Gott! hier verschone nicht! wenn Du mich nur in der Ewigkeit verschonest. –

Allein schrecklich ist die Strafe jener Sünder, von denen der Herr sagt: Erbarmet man sich des Gottlosen, so lernet er nicht Gerechtigkeit. Isaias 26, 10. Unterlassen wir es, den Gottlosen hier auf Erden zu bestrafen, er wird alsdann in den Sünden fortleben und schon seine Strafe durch ewige Pein in der Hölle erlangen. Als der heilige Bernhard diese Worte betrachtete, rief er aus: Ich will nicht solch ein Erbarmen, solch ein Erbarmen ist furchtbarer, als alle Strafen. (Serm. 42. in Cant.)

14. Wer also hier auf Erden von Gott mit Widerwärtigkeiten heimgesucht wird, findet darin eine sicheren Beweis, daß Er Gott wohlgefällig sei. Weil du angenehm vor Gott warst, sprach der Engel zu Tobias, so musste die Versuchung dich bewähren. Tob. 12, 13. Weshalb der heilige Jakobus jenen Mann selig preist, der die Anfechtung aushält, denn wann er – im Leiden- bewährt worden, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben. Jak. 1, 12.

15. Wer mit den Heiligen verherrlicht werden will, der muss in diesem Leben leiden, gleichwie die Heiligen, gelitten haben. Denn keiner von ihnen ist von der Welt gern gesehen und gut behandelt worden, nein, alle wurden von ihr verfolgt und verabscheut, da es nur allzu wahr ist, was der heilige Paulus schreibt: Alle, welche gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung leiden. 2. Tim. 3, 12.

Zweiter Punkt.

Wie wir uns bei den Widerwärtigkeiten benehmen müssen

16. Wer also in dieser Welt Widerwärtigkeiten zu erdulden hat, der muss vor Allem die Sünde verlassen, und sich in den Stand der Gnade Gottes versetzen, weil sonst alles, was er im Stande der Sünde leiden müsste, für ihn verloren ginge; denn, sagt der heilige Paulus: Wenn ich meinen Leib dem brennendsten Schmerz hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts. 1. Kor. 13, 3. Wenn auch jemand alle Peinen der Märtyrer erduldete, so daß er sogar den Tod des Feuers leiden würde, wäre aber der Gnade Gottes beraubt, so würde es ihm nichts nützen.

17. Wer dagegen mit Gott und für Gott, voll Ergebung leidet, all dessen Leiden werden sich für ihn in Freude und Trost verwandeln: Eure Traurigkeit wird in Freude verwandelt werden. Joh. 16, 20. Deshalb verließen die Apostel, nachdem sie von den Juden verhöhnt und geschlagen worden, voll Freude den hohen Rat, weil sie um ihrer Liebe zu Jesu willen so misshandelt waren. –

Sie aber gingen freudig vom Angesicht des hohen Rates hinweg, weil sie gewürdigt wurden, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Apostelg. 5, 41. Wenn uns also Gott mit irgend einer Widerwärtigkeit heimsucht, so müssen auch wir mit Jesus ausrufen: Soll ich den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, nicht trinken? – und wir müssen alsdann bedenken, daß all unsere Leiden, wenn sie auch mittelst der Menschen zukommen, dennoch immer zugleich von Gott kommen, der es selbst ist, welcher sie zusendet.

18. Wenn wir uns dann aber von allen Seiten bedrängt sehen und nicht wissen, was wir tun sollen, o dann müssen wir uns zu Gott wenden, der uns allein trösten kann; deshalb sprach der König Josaphat in seinen Leiden zum Herrn: weil wir nicht wissen, was wir tun sollen, so bleibt uns das allein übrig, daß wir unsere Augen zu dir richten. (Paral. I. 20. 12) So machte es der König David in seiner Trübsal; er nahm seine Zuflucht zu gott, und Gott tröstete ihn: Zu dem Herrn rufe ich, wenn ich in Trübsal bin, und Er erhört mich. Ps. 19, 1. Wir müssen also zu Gott uns flüchten, und Ihn bitten, und so lange bitten, bis Er uns erhört: Wie der Magd Augen auf ihrer Gebieterin Hände, also schauen unsere Augen auf den Herrn unsern Gott, bis Er sich unser erbarmt. Ps. 122, 2. Wir dürfen unsere Augen so lange nicht von Gott weg wenden, wir müssen so lange zu beten fortfahren, bis der Herr uns erhört hat. –

Setzen wir ein großes Vertrauen auf das Herz Jesu Christi, das voll Erbarmen ist, und machen wir es nicht wie einige, die, da sie kaum zu beten begonnen, sogleich denMut wieder sinken lassen, wenn sie nicht augenblicklich erhört werden. Für solche gilt, was der Heiland zum heiligen Petrus sagte: Du Kleingläubiger! warum hast du gezweifelt. Matth. 14, 21. Wenn aber die Gnaden, um welche wir bitten, unser Seelenheil betreffen, oder zu demselben mitwirken können, so müssen wir fest überzeugt sein, daß Gott uns erhören werde, wenn wir nur beharrlich im Gebet sind, und das Vertrauen nicht verlieren. Alsdann dürfen wir nicht verzagen, da Jesus selbst uns versichert: Was ihr immer im Gebet begehrt, glaubt nur, daß ihr es erhaltet, so wird es euch werden. Mark. 11, 24. Es ist also notwendig, in den Widerwärtigkeiten nie das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit zu verlieren, und deshalb müssen wir, wenn das Leiden lange fortdauert, mit dem frommen Job ausrufen: Auch wenn er mich tötet, will ich auf Ihn hoffen. Job 13, 15.

19. Wenn kleingläubige Seelen von Widerwärtigkeiten heimgesucht werden, so nehmen sie, statt sich an Gott zu wenden, zu menschlichen Mitteln ihre Zuflucht; dadurch erzürnen sie aber Gott und bleiben in ihrem Elend betrogen: Wenn der Herr die Stadt nicht behütet, so wacht der Hüter umsonst. Ps. 126, 1. Der heilige Augustin schreibt über diesen Text: Er erbaut, das heißt: Der Herrn erleuchtet unsern Verstand, er führt uns zum Glauben hin, und dennoch arbeiten wir, als ob wir selbst die Werkmeister seien. Alles Gute, alle Hilfe kommt von de Herrn, ohne Ihn vermögen die Geschöpfe nichts, durchaus gar nichts.

20. Deshalb beklagt sich denn auch Gott bei dem Propheten (Jer. 8, 19) und ruft aus: Ist denn der Herr nicht mehr in Sion? – Warum haben sie mich denn zum Zorn gereizt mit ihren geschnitzten Bildern? Warum wollen mich die Menschen denn zum Zorn reizen, indem sie zu den Geschöpfen ihre Zuflucht nehmen, welche ihre Götzen werden, da sie auf dieselben all ihre Hoffnung setzen. Ist kein Balsam mehr zu Galaad, oder ist kein Arzt mehr da? Sie suchen Heilsmittel gegen ihre Übel? Warum suchen sie dieselben denn nicht in Galaad, einem Berg Arabiens voll heilsamer Kräuter, wodurch Gottes Barmherzigkeit angedeutet wird, in der wir den Arzt und zugleich die Heilsmittel gegen unsere Übel finden. Warum heilt denn die Wunde der Tochter meines Volkes nicht zu? – Weil ihr zu den Geschöpfen eure Zuflucht nehmt, und euer Vertrauen auf dieselben setzet, statt auf mich.

21. An einer andern Stelle beklagt sich der Herr und spricht: Bin ich denn für Israel zu einer Wüste geworden, oder zu einem Land, das späte Frucht trägt. Warum spricht denn mein Volk: wir sind abgewichen, wir wollen nicht mehr zu Dir kommen? Mein Volk hat mein vergessen, unzählige Tage. Jer. 2, 31. Warum, meine Kinder, ruft uns der Herr zu, wollt ihr nicht mehr zu mir eure Zuflucht nehmen? Bin ich etwa ein ödes Land für euch geworden, das keine Frucht mehr gibt, oder das nur spät Frucht bringt. Warum habt ihr Mich denn so lange vergessen? Durch diese Worte will Gott uns zu erkennen geben, wie sehr Er wünscht, daß wir uns an Ihn um Hilfe wenden, damit Er uns mit Seinen Gnaden überhäufe. Auch lässt Er uns zugleich hierdruch wissen, daß, wenn wir Ihn nur bitten, Er nicht lange zögern werde, sondern daß Er dann also gleich anfange, uns zu helfen.

22. Nein, sagt David, der Herr schläft nicht, wenn wir zu seiner Güte unsere Zuflucht nehmen, und Ihn um die für unser Seelenheil nötigen Gnaden bitten. Nein, alsdann erhört er uns, da Er so große Sorge um unser Wohl trägt. Sieh, er schlummert und schläft nicht, der Israel behütet. Ps. 120, 4.

Wenn wir um zeitliche Gnaden bitten, sagt der heilige Bernhard, so gibt Er uns entweder, um was wir bitten, wenn dies für unsere Seele heilsam ist, oder er gibt uns eine noch weit nützlichere Gnade, nämlich die Gnade, uns in seinen Willen zu ergeben, und geduldig die Widerwärtigkeiten zu ertragen, wodurch wir große Verdienste für den Himmel erlangen werden.

(Hier folgen die Akte der Reue und des Vorsatzes, nebst einem Gebet zu Jesus und Maria.) –
aus: Alphons Maria von Liguori, Gesammelte Predigten, 1842, Erster Teil, S. 34 – S. 43

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